“Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgenröte” 97:5

Erlösung

Über Nächte, wie diese und was sie uns vielleicht bedeuten oder wie man Erlösung finden könnte…

Vor etwas über einem Jahr wurde ich spontan zu einem Sohbet eingeladen. Das ganze fand im privaten Rahmen in einer Wohnung eines Bekannten statt. Ich war ziemlich down und dachte, die Ablenkung könnte mir guttun.

Was ich nicht erwartet hatte, war auf einen Hodscha zu treffen, mit dem sich unsere Wege vor mehreren Jahrzehnten getrennt hatten. Er schaute mich an, und sah in mir einen Menschen, der ich bereits nicht mehr war. Er erinnerte sich an den alten Akif.

Das Thema des Abends war relativ frei, aber angesichts des sich nahenden Monats Ramadan, ging es natürlich auch um das Fasten und irgendwann kam das Thema „Laylat ul qadr“ auf. Eine Frage aus der Runde war, woran man diese Nacht erkennen könnte.

Der Hodscha sprach in seiner eigenen Art davon, dass es nur den Menschen vorbehalten sei, diese Nacht zu erkennen, die mit ihrem Herzen sehen. Er sprach von den „Freunden Allahs“, die in der Lage seien, diese Nacht einzuordnen und sie zu erkennen.


Wir rauchten am Balkon und einer der Brüder fragte, ob je eine Person unter uns, diese eine besondere Nacht erkannt habe. Ich schmunzelte, aber sagte nichts. Vor vielen, vielen Jahren hatte ich einmal eine solche Nacht erlebt. Wir waren in Rendsburg.

Wir hatten gemeinsam mit Jugendlichen aus ganz Norddeutschland unser Taraweeh-Gebet verrichtet und die Nacht im Dhikr, mit Gesprächen und Vorträgen verbracht. Nun saßen wir draußen und tranken unseren Tee, bis langsam die Morgendämmerung nahte.

Ich spürte, dass an dieser Nacht etwas Besonderes war. Mein Herz hatte sich der Ruhe der Nacht hingegeben und war erfüllt von Demut und Dankbarkeit. Ich schrieb einen Artikel über diese Nacht und dieser Artikel wurde auf einem großen Portal veröffentlicht.

Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgenröte. (97:5)


Mein bosnischer Kumpel und ich unterhalten uns und ich berichte ihm von dieser Besonderheit der türkischen Muslim:innen, die immer die Nacht vom 26. auf den 27. Ramadan feiern. Er sagt wie aus der Pistole geschossen: „Laylat ul qadr?!“ Auch in Bosnien, wird diese Nacht vom 26. auf den 27. Ramadan entsprechend in den Moscheen begangen.

Ich weise darauf hin, dass es hierzu verschiedene Überlieferungen gibt. Die eine verweist auf die letzten sieben Nächte im Ramadan, die andere auf die ungeraden Nächte in den letzten zehn Nächten von Ramadan und eine Überlieferung, die auf die Nacht zum 27. Ramadan hinweist. Es gibt auch eine Überlieferung, die diese Nacht zum 25., 27. und 29. Ramadan vermuten lässt. Und alle Überlieferungen (die meisten im Sahih al Bukhari zu finden) hierzu werden als sahih (wahr/wahrheitsgemäß) angesehen.

Was soll man in dieser Nacht tun? Nun, der Prophet (saw) gibt hierzu selbst Auskunft: „Wer das freiwillige Nachtgebet (Taraweeh) im Ramadan aus Glauben und in der Hoffnung auf Belohnung verrichtet, dem werden seine früheren Sünden vergeben. Und wer die Nacht des Laylat ul qadr aus Glauben und in der Hoffnung auf Belohnung im Gebet verbringt, dem werden seine früheren Sünden vergeben.“ (Nasa’i; Sunan; 5027)


Vor ein paar Tagen ging ein Video viral von einem bekannten Kommentator im türkischen Fernsehen. Er monierte, dass sich Muslim:innen heutzutage darum bemühen würden, moralisch verwerfliche Handlungen zu tätigen, um diese dann in einer einzigen Aktion oder Nacht auszulöschen.

Er nannte mehrere Beispiele dafür aus den Überlieferungen und nannte unter anderem auch die Laylat ul qadr. Dieser Mann hatte nichts verstanden. Erlösung findet man nicht, wenn man nicht die Vergangenheit hinter sich lässt. Wer für die Zukunft plant, seine Sünden aus der Vergangenheit zu wiederholen, wer keine Reue leistet und keinen Schritt nach vorn macht und in der Vergangenheit lebt, wird keine Erlösung in solchen Nächten finden.

Das ist dem Kommentator entfallen. Vermutlich auch deshalb, weil er nicht verstanden hat, dass Reue (tawba) ein Akt für die Zukunft ist. Deshalb gibt es so vorbildliche Muslim:innen, weil sie die Vergangenheit hinter sich gelassen und nach vorn geschaut haben. Würden sie in der Vergangenheit leben, sich weiter daran orientieren, könnten sie sich auch nicht ändern.

“Manchmal bringen Menschen mit der schlechtesten Vergangenheit, die beste Zukunft hervor.” — Umar ibn al Khattab (ra)


Ich hole mir um 0.30 Uhr einen Flat White im Café um die Ecke. Vor der Tür stehen eine Menge junger Menschen. Allesamt gehören sie zu einer bestimmten Gruppierung und haben in einer solchen Nacht nichts Besseres zu tun, als an Tischen zu sitzen und zu reden. Früher hätte ich diese jungen Menschen in die Moschee geschleppt und dort den Kaffee und Tee austeilen lassen, den sie trinken. Doch Zeiten ändern sich.

Ich nehme meinen Coffee to go in Empfang, zahle meine Rechnung. „Du musst wohl nach Hause?“, fragt mich mein Barista. „Natürlich, die Nacht ist noch jung“, sage ich und kehre nach Hause heim. Die Nacht ist gerade erst angebrochen. Vielleicht ist sie segensreich und vielleicht finde ich hier wieder Frieden.

Akif Şahin

Akif Şahin aus Hamburg. Arbeite als SEO-Manager für eine der größten Bildungs-Gruppen in Europa. Als Muslim interessiert mich die Geschichte und Kultur des vorderen Orients. Auf diesem Blog gibt es Einsichten, Aussichten und Islamisches.

weitere Beiträge

Post navigation

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Amsterdam

Kurz notiert: Kondolenz und Totengebet

Es tut mir leid.

Hast du Angst vorm Sterben?