Rassismus ist so eines der Themen, die ich versuche weitestgehend unkommentiert zu lassen. Es gibt Menschen da draußen, die können viel besser erzählen, wovon BIPoC und insbesondere Schwarze betroffen sind. Ich bin in vielerlei Hinsicht privilegiert. Ich bin auch ein Opfer von strukturellem Rassismus, aber es ist eben nicht so, dass ich mich wie andere Freunde darüber beklagen kann.

Das Leben meinte es gut mit mir. Es gab keinen Stress bei der Wohnungssuche, ich konnte – trotz vieler Schwierigkeiten – aufs Gymnasium, später auch studieren. Ich war aber auch privilegiert genug zu sagen: kein Bock auf einen Abschluss. Ich kann mir mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten einen guten Arbeitgeber suchen. Brüche haben meinem Lebenslauf nicht geschadet.

Ich, der Rassist

In vielerlei Hinsicht war ich selbst Täter. Als Kind, so erzählt es mir meine Cousine immer wieder, habe ich ein schwarzes Mädchen in unserem Dorf in der Türkei in einem Käfig eingesperrt. Wieso genau, weiß niemand mehr. Ich weiß nur, dass ich mit ihr später richtig gut befreundet war, wir immer wieder miteinander spielten und uns auch regelmäßig trafen. Vor allem wurden wir Freunde, nachdem meine Mutter mir ihre Pantoffeln an den Kopf geworfen und mich gefragt hat: Warum tust du ihr das an?!

Es sind Schlüsselmomente. Ich habe Schwarz-Sein bis zu diesem Moment als etwas Negatives empfunden. Es gibt eine Black Community in der Türkei. Diese ist selbst in Zentralanatolien weitgefächert. Sie sind Opfer von Diskriminierung, obwohl sie schon in mehrfacher Generation als Türken in der Türkei leben. Meine erste schwarze Freundin sorgte dafür, dass ich keine Berührungsängste mehr hatte und aus meiner Sicht meinen Rassismus und meine Vorurteile abschaltete.

Meine schwarzen Freund*innen als Alibi

Danach verlief mein Weg anders. Jamal war mein Freund in der Grundschule, dessen Eltern als Geflüchtete aus Pakistan nach Deutschland gekommen waren. Er war der erste Ahmadi-Muslim, den ich kennenlernen durfte. Ich hatte ihn sehr gern. Wir waren wie Brüder. Der Rassismus, der ihm begegnete, kam nicht von Deutschen, sondern von Türken und Muslimen. Schon in den 90ern hatten es Ahmadi-Muslime nicht leicht. Schon gar nicht in Wilhelmsburg.

AK war der erste Rapper, den ich auf einer Sitzung von jungen Muslimen in Mitteldeutschland kennenlernte. Er war schwarz und sein Rap war schmutzig. Wir amüsierten uns in der Raucherecke und rezipierten 2 Pac oder Snoop. Das erste schwarze Mädchen, dass ich interessant fand, war Saida, die mit einem Michael Air Jordan Shirt, einem roten Kopftuch, der Nummer 23 auf dem Rücken mit Hoodie und Baggie Pants auf einem muslimischen Meeting vor mir stand und einfach hip war. Sie verstand sich mit ihren Brüdern besser als mit ihren Schwestern.

Black Lives Matter - Schwarze Leben zählen
Demonstration von Schwarzen in den USA – Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen)

Der beste Fußballspieler meiner Generation war nicht im Fernsehen, sondern in meiner Klasse. Ein junge mit Wurzeln aus Ghana, dem sein Vater den Namen Prince gab. Während Ivan Klasnic ein paar Stufen über uns seine Tore für St. Pauli schoss, lieferte Prince die Vorlagen und Tore für unsere Schulmannschaft und die HSV-Auswahl. Er studierte später Sportmedizin und ist heute auf seinem Gebiet ein Experte.

Mein bester Bro aus der muslimischen Jugendarbeit war der Sohn eines Imams und hatte Wurzeln in Libyen. Mein Zweitbester Bro in Ägypten. Mein Drittbester Bro in Marokko. Wenn ich dieses Privileg hatte, mit ihnen allen zusammenzuarbeiten, zu leben und auch ihre Kultur und ihre Rassismus-Erfahrungen zu erleben, dann konnte man dafür nur dankbar sein. All das ist aber kein Vergleich zu den wahren Erfahrungen. Es sind Ausschnitte aus den Erfahrungen und nicht über alle Themen wurde gesprochen.

Die Sorgen nicht bemerkt

Saida erzählte nicht, wie sie von ihren Eltern geschlagen wurde, weil sie fanden, sie ziehe sich zu aufreizend an. Jamal erzählte nichts von seiner Homosexualität und das er sich zu Weißen angezogen fühlte. Prince erzählte nichts darüber, dass er als ein Sohn, der Linkshänder war, kein Anrecht auf seinen Thron in Ghana hatte. AK sprach nicht über sein Drogenproblem. Meine Bros aus Libyen, Marokko und Ägypten erzählten nichts über ihre Fluchterfahrungen, politische Verfolgung oder die Foltererfahrungen ihrer Eltern.

Wir lebten, trotz gemeinsamer Zeit, verschiedene Leben. Daran hat mich auch das Buch von Alice Hasters erinnert. In “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten” geht sie den Dingen auf den Grund und beschreibt – auch vielfach ehrlich aus eigener Sicht – wie Rassismus in Deutschland Schwarze betrifft. Sie zeigt Wege auf, wie man diesen Rassismus bekämpfen kann. Ihre Schilderungen sind aber erdrückend und regen zum Nachdenken darüber an. Und ich habe viele Dinge nicht wahrgenommen. Vielleicht wollte ich das auch gar nicht. Dieses Buch wirkte wie ein Spiegel.

Erst Alice Hasters lesen und dann den eigenen Rassismus verstehen

Als ich das Buch von meinem Buchdealer kaufte, sagte er mir: Nenne dich nicht Antirassist, bevor du dieses Buch gelesen hast. Vielfach glauben wir – auch weiße – BIPoC wir hätten es schwer. Doch wirklich schwer haben es Schwarze, die auch vielfach diskriminiert werden. Eine Schwarze mit Kopftuch wird nicht nur als Schwarze diskriminiert, sondern auch aufgrund ihrer Religion, ihres Geschlechts und teilweise auch in Kombination dieser Dinge (Intersektionalität).

Hasters zeigt die Bedeutung von Intersektionalität sehr gut auf, geht auf die Grundfragen des Umgangs, der Systemfrage und der Frage nach, wie und welche Verbünde (Allies) man sich suchen sollte. Das Buch bleibt dabei sehr persönlich und bietet einen Einblick in eine Welt, die uns aufgrund unserer Hautfarbe und trotz aller Diskriminierungen, die wir erleiden, verborgen bleibt.

Rassismus ist ein Problem von uns allen

Und es wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem des rechten Randes unserer Gesellschaft. Es ist Teil der gesamten Gesellschaft und selbst unter BIPoC, unter Linken und auch unter Schwarzen gibt es Rassismus. Sich mit seinem eigenen Rassismus zu konfrontieren bringt es vielleicht auf den Punkt, den dieses Buch anstrebt zu erreichen. Ich für meinen Teil musste zurückdenken an eine sehr schwierige Entscheidung.

Letztlich war es so, dass ich mich vom Rassismus meines Umfelds leiten ließ. Ich bin heute glücklich, aber ich frage mich dann doch: Was wäre wenn… In diesem Sinne sollte man dieses Buch jetzt lesen und nicht auf später verschieben. Man sollte jetzt anfangen sich zu ändern und nicht später. Und man sollte jetzt anfangen an den eigenen Zuweisungen zu arbeiten, die vielleicht gar nicht stimmen.

Ein erster Schritt

An vielen Stellen habe ich den Rassismus in mir selbst gesehen. Hasters hat mich aufgerüttelt. Und ich blicke auf meine früheren und heutigen schwarzen Freunde und auf das gemeinsam Erlebte ganz anders. Ich muss aber noch viel an mir selbst verbessern. Und das ist hoffentlich ein guter erster Schritt.

Titel: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten
Autorin: Alice Haster
Verlag: Hanserblau
ISBN: 978-3-446-26425-0
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