Akif Sahin inspiriert durch Vielfalt

Macht und Geschlecht – Die Alhambra Gesellschaft war in Hamburg

Erstmals überhaupt war das „Muslimische Quartett“ der Alhambra Gesellschaft am Dienstagabend (26.02.2019) im völlig überfüllten resonanzraum in Hamburg zu Gast. Die Veranstaltung wurde in einer dreier-Kooperation ausgerichtet. Das Julius-Leber-Forum der Friedrich Ebert Stiftung (FES) und das Dominikanerkonvent in Hamburg wurden als Mitveranstalter aufgeführt. Rund 250 Personen suchten die Veranstaltung auf, dabei war der Raum leider für das gegebene Interesse nicht ausreichend. Viele Menschen standen jedoch bis zum Ende und lauschten dem Gespräch und den Fragen.

Voller Saal im Resonanzraum im Bunker

Auch die Zusammensetzung des Publikums war für ähnliche Veranstaltungen aus dem bekannten Rahmen der FES ziemlich divers. Es gab junge und alte Menschen, aber eben auch viele Muslim*innen, People of Colour und auch Vertreterinnen und Vertreter verschiedenster politischer und religiöser Organisationen. Der bunte Mix des Publikums war durchaus ein interessanter Punkt, weil eben auch Menschen gekommen waren, die religiös aber auch nicht-religiös waren. Das Thema des Abends, „Macht und Geschlecht – eine religiöse Perspektive“, scheint, wenn man so resümieren darf, einen Nerv bei allen Zielgruppen getroffen zu haben.

Ein fulminanter Vortrag zu Beginn durch Dr. Nimet Şeker

Ich bin nicht dafür bekannt, mich sehr euphorisch über einen Vortrag zu äußern, geschweige denn sehr lobend zu sein. Das habe ich gestern auch persönlich Frau Dr. Şeker gesagt, bevor ich ihren Vortrag als einfach nur „sehr sehr sehr sehr gut.“ bezeichnet habe. Und ich habe unbedingt darauf gedrängt, dass man diesen Vortrag online stellen muss.

Dr. Nimet Şeker bei ihrem Inputbeitrag

Doch Warum? Weil Dr. Şeker in ihrem Input-Vortrag das Machtkonstrukt einer patriarchalen Welt dekonstruiert hat. Weil sie sich selbst nicht sprachlich (political correct) zensiert hat, weil sie den Finger offensiv in die Wunde gelegt hat und vor allem den Spiegel allen Moralisten vorgehalten hat, die den Körper einer Frau als Verfügungsmasse oder Besitz ansehen. Ihr Vortrag, der mehr eine Analyse und Zustandsbeschreibung war, obgleich auch sehr zugespitzt und verallgemeinernd, ist für mich eine Pflichtlektüre für Seminare und weitere Debatten um die Themen „Macht und Geschlecht.“

Doch was nützt der Worte viel, wenn man die Autorin auch aus ihrem mittlerweile online gestellten Text auch anteasern kann:

Es ist unheimlich anstrengend und kräftezehrend als muslimische Frau in unserer Öffentlichkeit zu sprechen. Denn wir sind unheimlich verletzlich; ich würde sogar sagen, wir sind sehr verletzt. Damit meine ich nicht, dass wir überaus sensible Menschen sind. Vielmehr werden wir Frauen – und damit meine ich nun alle Frauen – zur Verletzlichkeit, zur Schwäche, zur Nachgiebigkeit, zum Gefügigsein und zum Schweigen erzogen. Unsere Erziehung ist durchzogen von Demütigung und Herablassungen und dem innerlichen wie äußerlichen Zurechtstutzen, um irgendeinem Ideal zu entsprechen. Sei es ein Schönheitsideal, ein Mutterideal oder dem Ideal des Begehrtwerdens, Neudeutsch „fuckability“. Der kritische Blick von außen wird bereits von jungen Mädchen verinnerlicht und formt sich im Laufe des Heranwachsens zur inneren Selbstzensur. 

Inputvortrag von Dr. Nimet Şeker am 26. Februar 2019 in Hamburg – Gesamtvortrag kann hier gelesen werden

Ein interessantes Gespräch, aber keine echte Diskussion – Einblicke

Auf dem Podium saßen Dr. Ali Ghandour (muslimischer Theologe und Autor), Leyla Jagiella (Religionswissenschaftlerin und Transfrau), Pater Richard Nennstiel (Islambeauftragter des Erzbistums Hamburg) und als Moderator Engin Karahan (Consultant und Beiratsmitglied der Alhambra Gesellschaft). Die Runde arbeitete sich zunächst an den von Dr. Nimet Şeker gestellten Fragen durch. Unter anderem wurde von Şeker auch die Frage nach der Wirkmächtigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte auf die Probleme bei der Gleichstellung der Geschlechter aufgeworfen.

Pater Nennstiel wich der Frage letztlich aus, indem er aufzeigte, dass die Schöpfungsgeschichte zwar so gelesen werden könne, wie es eben geschah und geschieht, wonach die Frau minderwertiger als der Mann sei (sinngemäß), aber letztlich die Zuordnung bei der Gleichstellungsfrage immer auch ein Punkt der Machtposition sei. Für seine Ansicht lieferte Nennstiel auch verschiedenste Beispiele in denen Frauen beispielsweise überhaupt eine Intelligenz oder Hoheit über sich selbst abgesprochen wurde. Dies sei vor allem dort passiert, wo Frauen sichtbarer und öffentlicher wurden und natürlich auch dort, wo sie plötzlich auch das Machtgleichgewicht (z.B. an Universitäten) ins Wanken brachten.

Ali Ghandour machte im Bereich der Gleichstellung der Geschlechter vor allem das System Staat als einen deutlichen Faktor aus, der Entwicklungen gebremst bzw. auch ausgeschlossen hat. So führte er als Beispiel das Thema der muslimischen Ehe auf, die nach islamischem Recht eigentlich die Zweisamkeit legitimiert. Mit dem Institut der Ehe in einem Staatssystem sei das ganz anders geworden. Dies hätte auch zu einem anderen Verständnis von Ehe geführt, Ghandour sprach von einem katholischen Verständnis der Ehe, dass nur noch einseitig und ziemlich stark reglementiert wahrgenommen würde und letztlich auch von Muslimen übernommen worden sei. Dabei ging es in der Ehe und auch beim Sex letztlich nur noch um die Frage der Zeugung, nicht aber um den Akt, der als solcher auch Spaß bringen könnte. Der Theologe, der auch das Buch „Lust und Gunst, Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten“ geschrieben hat, machte auch darauf aufmerksam, dass heutzutage kein Staat der Welt die „Islamische Ehe“ in der Form, wie sie vor Jahrhunderten üblich war, akzeptiere.

Podium beim Muslimischen Quartett in Hamburg

Leyla Jagiella war mir komischerweise ziemlich unbekannt. Tatsächlich hat die Religionswissenschaftlerin sehr starke Akzente gesetzt und immer wieder auch die Anworten in der Runde ergänzt und manchmal auch in Frage gestellt. In die Diskussion brachte sie neben wissenschaftlichem Sachverstand vor allem aber auch eine persönliche Agenda mit, die letztlich zum Nachdenken verleitete. Als sie – auch als Betroffene religiöse Person – darüber berichtete, wie schwierig es ist, als Transfrau in einer muslimischen Gemeinde anerkannt und angenommen zu werden, wurde es durchaus emotional. Zurecht stellte Jagiella auch die Frage, ob es richtig sei, Menschen so auszugrenzen, weil man sie letztlich vor die Wahl lasse: Deine sexuelle Identität oder deine Religion. Und genau deshalb sei es auch falsch, Initiativen und Ideen, die eine Alternative für solche betroffenen Menschen darstellen als „Spalterei“ zu bezeichnen und anzugreifen. Sie seien letztlich eine Antwort auf die fehlende Bereitschaft einer muslimischen Community.

Insgesamt sprach die Runde knapp zwei Stunden und mir war es nur ein Bedürfnis einen kleinen Ausschnitt aus der gesamten Veranstaltung abzubilden. Dabei darf man aber auch kritisch sein. Das Podium war in seiner Mischung leider viel zu sehr aufeinander abgestimmt. Das wurde auch selbst erkannt und auch angesprochen. Ein Gast, der weniger angenehm und vielleicht mit konträren Positionen auf der Bühne gewesen wäre, hätte sicherlich auch mehr Spannung geschafft. Gleichzeitig zeigten die Fragen aus dem Publikum aber auch, dass eine gewisse Harmonie auf einem Podium durchaus produktiv und auch sinnvoll sein kann. Eine ältere Dame merkte beispielsweise an, dass sie mit vielen Vorurteilen zur Veranstaltung gekommen sei und auch mit vielen Fragen, sie aber hier eine sehr angenehme Erfahrung gemacht habe, mit Antworten und Gesprächen, die sie nicht für möglich gehalten habe.

Was noch erwähnt werden muss

Insgesamt blieb das Podium durch den Einstieg von Nimet Şeker etwas blass. Dazu hatte auch der Moderator der Runde beigetragen. An einigen Stellen hätte man sich die eine oder andere Nachfrage mehr gewünscht, an anderen wiederum vielleicht doch direktere Ansprachen und Fragen. Karahan hatte in einem Moment sogar die zweite Frage, die er gestellt hatte, kurz wieder vergessen. Mit einer anderen Besetzung wäre das vermutlich deutlich besser gelaufen. Auch Ali Ghandour wirkte eher einschläfernd als berauschend. Dabei waren die Worte von Ghandour durchaus Zündstoff für Islamdebatten. Der Theologe, der zu den ersten Doktoranden aus dem Graduiertenkolleg Islamische Theologie gehört, hat durchaus – aus einer konservativen Sicht – kontrovers zu bezeichnende Positionen vertreten. Es fehlte aber dann doch der Biss, der auch das Publikum mitnehmen hätte können.

Leyla Jagiella hat einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Ich glaube, ich habe noch nie eine Veranstaltung besucht, die von Muslimen veranstaltet wurde, bei der eine Transfrau auf der Bühne war. Dabei hat Jagiella vor allem durch ihre Art und ihre Fachkenntnis überzeugt. Eine Person, die ich von nun auch in mein Monitoring mit aufnehmen werde. Insgesamt muss man sagen, dass diese Runde vermutlich auch nicht gut geworden wäre, ohne diese Stimme einer Wissenschaftlerin, die auch als Betroffene dem Thema bereichernd einiges beitragen konnte. Vermutlich brauchen wir mehr Stimmen wie Jagiella, die eben aber auch auf Bühnen geholt werden, damit man sie überhaupt wahrnimmt.

Sonst bleibt es wie gehabt und wir haben keinen Grund unsere Positionen, unser Dasein und unsere Stellung überhaupt zu hinterfragen geschweige denn zu reflektieren. In diesem Sinne darf man dankbar sein, dass die Alhambra Gesellschaft auch endlich in Hamburg war. Sie darf gerne wieder kommen, aber bitte diesmal etwas mehr Streit und eine bessere Moderation.

Offenlegung: Der Autor ist kein Mitglied der Alhambra Gesellschaft. Er pflegt aber freundschaftliche Verhältnisse zu einzelnen Vorstandsmitgliedern. Nach der gestrigen Veranstaltung hat er sich jedoch zumindest überlegt, eventuell Fördermitglied zu werden. Man muss schließlich gute Arbeit auch unterstützen können.

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Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich mit seiner Arbeit und in seiner Freizeit für eine bessere Gesellschaft.

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