Auf vielfachen Wunsch hin gibt es auch in diesem Jahr einen kleinen Rückblick auf 2021. Wer gehörte 2021 zu den wichtigsten “Islam-Köpfen” im Social Web? Die unregelmäßig veröffentlichte Top-Liste ist nicht repräsentativ, listet aber eine (subjektive) Auswahl zu Akteur:innen und wichtigen Influencer:innen auf.

Die aktuelle Liste folgt den bisherigen Listen von 2013, 2017 und 2018. Damit ist es die bisher vierte Liste dieser Art, die veröffentlicht wird. Diese Liste wurde aus einer persönlichen Sicht erstellt. Es steht allen frei, diese Liste zu kritisieren, sie zu mögen, zu teilen oder aber sogar zu kommentieren. Ich nehme Kritik an der Liste gerne an. Los geht’s!

Platz 10: Ali Ghandour

In diesem Jahr hat sich Dr. Ali Ghandour über seine Memes auf Instagram viel Aufmerksamkeit verschafft. Eine ordentliche Auswahl findet man zwar in seinen Instagram-Beiträgen, die wahren Hammer haut der Theologe und Autor jedoch häufig in seinen Storys raus. Dabei wiederholt er auch gerne Klassiker. Besonders beliebt bei mir sind die Erklärungen von muslimischen Bewegungen und theologischen Schulen anhand von Eiern (erste Veröffentlichung 2019).

Durch seinen Kommunikationsstil erreicht Ghandour mittlerweile gute Reichweiten und tritt häufiger als Gast und Redner bei diversen Formaten auf — auch außerhalb der muslimischen Bubble. Über seine theologischen Ansichten kann man streiten (das gilt für alle Theologen), aber Ghandour bleibt authentisch und versucht mit seiner höflichen Art für seine Ansichten zu kämpfen. Und er wiederholt gerne, was viele nicht hören und verstehen wollen: „Ich bin kein Prediger. Ich bin kein Imam. Ich bin kein Gelehrter.“

Ali Ghandour auf Instagram: https://www.instagram.com/esoteeriker/

Platz 9: Ozan Zakariya Keskinkılıç

Er ist Politikwissenschaftler, Lyriker und Autor. 2021 hat sich Keskinkılıç insbesondere mit seinen pointierten und sehr analytischen Kommentaren zum Thema antimuslimischen Rassismus hervorgetan. Diesen folgte die Veröffentlichung von „Muslimaniac“ in denen der Autor, auch anhand seiner eigenen Biografie, den Wurzeln antimuslimischen Rassismus nachgeht.

Keskinkılıç ist ein neuer Typus „Muslim“ in der Öffentlichkeit (public muslim). Er ist pointiert, intellektuell aber auch witzig unterwegs. Er lässt seine Follower:innen nicht nur an seinem Leben und Gedanken teilhaben, er vermittelt auch viele Ansichten und Positionen aus einer gestaltenden und aktiv betroffenen Rolle heraus. Das macht seine Ansichten authentisch und greifbar. Man sollte Keskinkılıç nicht aus den Augen verlieren.

Keskinkılıç auf Twitter: https://twitter.com/ozkeskinkilic

Platz 8: Maryam Kamil Abdulsalam

Maryam Kamil Abdulsalam ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Bonn. Der Name wird jetzt nur wenigen in den Sinn kommen, hat aber 2021 einen enormen Einfluss auf die öffentliche Debatte über Muslim:innen genommen. Hintergrund ist, dass Abdulsalam in einem Eintrag im Verfassungsblog mögliche Konsequenzen aus dem Gesetz für Beamt:innen bezüglich ihrer Kleidung aufgelistet und darauf aufmerksam gemacht hat, dass es zu einem Kopftuchverbot darüber für Beamt:innen quasi über die Hintertür kommen könnte.

Damit bewies Abdulsalam nicht nur Weitsicht und den passenden Riecher für ein wichtiges Thema. Erst durch ihre Arbeit konnten andere Kampagnen und vor allem politischer Protest gegen mögliche Kopftuchverbote bei Beamt:innen organisiert werden. Obwohl ich in der Sache nie ein großes Problem gesehen habe (Kopftücher bleiben auch weiterhin erlaubt), muss man würdigen, dass hier eine Juristin (übrigens nicht zum ersten Mal) auf Sachverhalte verweist, die sonst häufig erst viel zu spät bemerkt werden. Die Beiträge und Arbeiten von Abdulsalam sollten daher mit deutlichem Interesse verfolgt werden.

Übrigens ist kurz vor Erscheinen dieses Beitrags auch ein Dossier im Rahmen der AIWG erschienen.

Links: https://verfassungsblog.de/author/maryam-kamil-abdulsalam/

https://aiwg.de/wp-content/uploads/2022/01/AIWG-Dossier_Gesetzliche-Neuregelung-Erscheinungsbild-Beamt_innen.pdf

Platz 7: Reinhard Schulze

Kurz vor Start des neuen Jahres hat der schweizerisch-deutsche Islamwissenschaftler Reinhard Schulze seinen Twitter-Account eingerichtet. Seitdem klärt der Experte zu verschiedenen Begriffen und Themen immer wieder die Öffentlichkeit auf. Viele Tweets und Beiträge werden durchaus über verschiedene Bubbles hinweg geteilt.

Schulze konnte sich als Experte und Fachmann bereits mehrere Tausend Follower:innen ohne viel Mühe aufbauen. Seine Tweets sind fachmännisch, kurz und prägnant. Damit trägt der Islamwissenschaftler, ohne selbst Muslim zu sein, zu einer grundlegenden Aufklärung der Öffentlichkeit bei und stärkt vor allem durch seine unvoreingenommene Art ein positives Bild vom Islam und Muslim:innen.

Darüber hinaus ist Schulze seit 2018 Direktor des beratenden Forums Islam und Naher Osten (FINO). Damit gehört er bereits jetzt zu den wichtigsten Personen in der deutschen Islam-Debatte. Schulze nimmt sich dabei auch gerne der Islam-Kritik an und entkräftet falsche oder tendenziöse Behauptungen.

Reinhard Schulze auf Twitter: https://twitter.com/SchulzeRein

Platz 6: Aladin El-Mafaalani

Der Soziologe und Autor Aladin El-Mafaalani war bereits in der Vergangenheit einem größeren Publikum durch sein 2018 erschienenes Werk „Das Integrationsparadox“ bekannt geworden. 2021 legte der Autor mit einem weiteren Werk, „Wozu Rassismus?“, nach. El-Mafaalani hat sich in diesem Jahr aber auch in öffentliche Debatten immer wieder eingeschaltet und mit seiner Expertise eingebracht. Dabei nahm El-Mafaalani auch häufig unpopuläre Meinungen ein, lag aber in der Sache oft richtig.

Mehrere wichtige Talkshow-Auftritte, darunter auch bei „hart aber fair“ folgten ebenso, wie ein wichtiges Engagement als Hochschullehrer in einem neuen Graduiertenkolleg zum Thema „Jüdische und muslimische Religionsgemeinschaften aus sozialwissenschaftlicher Perspektive“. El-Mafaalani mischt sich als Soziologe ein und klärt häufig über Missverständnisse oder falsche Wahrnehmungen auf. Das macht ihn besonders und wichtig für die gesamte muslimische Community.

El-Mafaalani auf Twitter: https://twitter.com/AladinMafaalani

Platz 5: Merve Kayikci

Die Primamuslima ist schon mal zu Gast in dieser Wertung gewesen. Zwar ist es um sie herum etwas stiller geworden, aber der maßgebliche Einfluss ist nicht zu verkennen. Merve Kayikci arbeitet aktuell beim SWRXLab und wurde 2021 vom Medium Magazin zu den wichtigsten Talenten bis 30 Jahre gewählt. Ihre Arbeit in verschiedenen Formaten des ÖRR und als Podcasterin begeistert ein diverses Publikum und erreicht gute bis hervorragende Reichweiten.

Für viel Aufmerksamkeit sorgten 2021 aber vor allem die emotionalen Beiträge, die Kayikci auf Instagram veröffentlicht hat. Darin ging es um Struggles mit der Familie, Tradition, mit dem Hijab, der öffentlichen Wahrnehmung von Muslimas und vor allem dem Dasein als Frau, die in der Öffentlichkeit steht. Mittlerweile findet man den Instagram Account nicht mehr.

Es ist unklar, ob es nur eine Auszeit ist oder ob sich Kayikci komplett von Instagram zurückzieht. Ein Grund könnte sein, dass sie mehr für ihre Arbeit wahrgenommen werden will und die Anfeindungen satthat. Dennoch bleibt Kayikci eine wichtige muslimische Stimme, die jetzt vor allem wieder auf Twitter unterwegs ist.

Merve Kayikci auf Twitter: https://twitter.com/primamuslima

Platz 4: Ahmad Milad Karimi

Der Afghanistan-Krieg und der Wiederaufstieg der Taliban hat Ahmad Milad Karimi einen Boost in der Aufmerksamkeit verschafft. Das lag auch daran, dass der Professor selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen war und mit seiner Vita viel zu den Erklärungen über den Konflikt beitragen konnte. Karimi ist Professor für Kalām, Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster und dort stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT).

Auf Instagram lässt Karimi häufiger in seine Welt blicken, macht mittlerweile verstärkt Werbung für Veranstaltungen, Lesungen oder auch Lehrveranstaltungen. Es macht Spaß Karimi zu folgen, der von sich aus eine Frohnatur ist und einen unverkennbaren Stil hat. Die Arbeiten des Professors reichen weit über seine Fakultät hinaus. Karimi stellt aktuell den wichtigsten Protagonisten des deutschen Islam aus der wissenschaftlichen Arbeit dar. Der Wissenschaftler macht sehr gute Werbung für das Fach und die Islamische Theologie in Deutschland — in allen crossmedialen Formaten, die es aktuell gibt.

Ahmad Milad Karimi auf Instagram: https://www.instagram.com/donmiladkarimi/

Platz 3: Büsra Caramella

Hijab Couture oder Modest Fashion ist nicht aus der Mode gekommen. Büsra Caramella ist das lebendige Beispiel dafür. Doch das allein würde nicht dafür reichen, um auf diese Liste zu kommen. Denn in der Hijab-Couture-Truppe gibt es Accounts und Personen mit mehreren Millionen und Hunderttausenden Follower:innen. Doch Büsra Caramella macht es anders als die vielfach verfolgten Fame-Stars. Sie setzt auf Humor und Tiefgründiges.

So hat sie mit ihren Videos auf TikTok ein Millionenpublikum nur durch ihre “Hijabi Struggles” Videos und “Gurbetci Kizi” Videos produziert. Damit gelingt Caramella das, was vielen Modest Fashion Leuten fehlt: Einfluss auf eine Community mit nachdenklichen und humorvollen Inhalten und dazu passend der richtige Hijab oder das richtige Outfit. Man kann von Modest Fashion halten, was man will: Büsra Caramella erreicht ein junges Publikum und wird stark wahrgenommen, weil sie witzig, intelligent und nicht auf den Mund gefallen ist.

Büsra Caramella auf TikTok: https://www.tiktok.com/@busraxcaramella?lang=de-DE

Platz 2: Nabard Faiz

Auch Nabard Faiz hatte seine Momente beim Thema Afghanistan. Was ihn als Mensch mit Fluchterfahrung allerdings von anderen Personen unterschied war, dass er als Mediziner auch zum Thema Corona einiges erzählen und berichten konnte. Entsprechend war der Aufruhr groß, als Faiz im August dann plötzlich noch größere Reichweite erreichte. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hatte ihm in einem sog. Takeover ihren Account zur Verfügung gestellt, damit Faiz über die Lage in Afghanistan mehr Menschen informieren konnte. Das verlief nicht ohne Komplikationen, tat aber der Beliebtheit von Faiz nicht Abbruch.

Auch während der Hochwasserkatastrophe stand Faiz im Blickfeld. Zu diesem Zeitpunkt war er Assistenzarzt in einem Spital im Ahrtal. Auch hier erreichte er mit seinen Posts und Einblicken ein Millionenpublikum. Mittlerweile ist Faiz zu einer gewissen Größe auf Twitter angewachsen. Er mischt sich ein, bezieht Stellung und äußert sich immer wieder zu aktuellen Geschehnissen. Faiz ist damit eine wichtige Stimme geworden, die auch Einfluss auf die Wahrnehmung von Muslim:innen in Deutschland hat. Als Kardiologe ist er außerdem Vorbild für viele junge Menschen mit einer Migrationsgeschichte.

Nabard Faiz auf Twitter: https://twitter.com/nbardEff

Platz 1: Alhambra Gesellschaft

Eigentlich ist diese Liste, wie oben ausgeführt, keine für eine Gemeinschaft oder Organisation. Doch Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. In diesem Fall liegt es daran, dass die Alhambra Gesellschaft mit ihren verschiedenen Akteuren zu viel Platz in dieser Liste eingenommen hätte.

Eren Güvercin ist als Journalist und Publizist weiterhin eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Stimme deutscher Muslim:innen. Dabei kritisiert er nach innen und nach außen, was das Zeug hält, nimmt kein Blatt vor den Mund und lässt sich auch von Drohungen nicht davon abhalten, weiterzumachen. Dazu hat Güvercin gemeinsam mit Serap Ermiş mit dem Format „Muslim Debate“ eine neue Instanz etabliert, in der sich Muslim:innen in einem sog. Safe Space austauschen und auch echte Diskussionen führen können. Davon erreicht aktuell nur ein Bruchteil die Öffentlichkeit, aber der innermuslimische Austausch scheint dennoch breit zu wirken, wenn man weiß, was in den letzten Terminen alles passiert ist und welche Akteur:innen teilgenommen haben.

Daneben spielt Murat Kayman ebenfalls eine wichtige Rolle. Seine fundamentale Kritik an Islamverbänden ist zuletzt in ein neues Buch geflossen. Darin geht Kayman den Hintergründen für Gewalt nach und analysiert tiefgründig die häufig unter der Oberfläche liegenden Probleme muslimischer Verbände und Gemeinschaften in Deutschland. Wie wichtig dieses Thema dem Autor sind, merkt man, wenn man sich auch das neu geschaffene Format des „Unbequemen Gesprächs“ anschaut. Hier werden Fragen behandelt — auf höchst intellektuellem Niveau — die man sich sonst in der Community nie so öffentlich stellt. Kayman trifft damit einen Nerv.

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Der jüdisch-muslimische Dialog liegt vor allem Aydın Süer sehr am Herzen. Dieser hat sich, mit verschiedenen Partnern, um den Dialog bemüht und die „Lebensmelodien“ erfreuen sich einer immer wichtigeren Präsenz. Auch andere Akteure in der Alhambra-Gesellschaft haben diesen Dialog weiter geführt. So gab es Teilnahmen an den Jüdisch-Muslimischen Kulturtagen, aber auch Teilnahmen an Projekten wie „Schalom Aleikum“ oder Einladungen zum Gemeindetag des Zentralrats der Juden.

Wenn man hier auch noch berücksichtigt, dass mit den Freitagsworten eine echte Alternative zu den gängigen und längst trostlosen Freitagspredigten der muslimischen Verbände existieren, so ist das Gesamtpaket der Alhambra Gesellschaft in seiner Wirkung sehr unterschiedlich ausgeprägt, aber immens und in einem diversen Portfolio aufgestellt. Bei aller Liebe darf man nicht vergessen, dass es hier mehr um politische Bildung von jungen Menschen geht, als um die Erfüllung einer primär religiösen Aufgabe. Dennoch ist die Alhambra Gesellschaft ein Zeichen für Beheimatung, Heimwerdung und Akzeptanz eines deutsch geprägten Islams, der eine Alternative zu identitär geprägten Verständnissen darstellt.

Alhambra Gesellschaft auf Twitter: https://twitter.com/Alhambra_eV

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