Erneut muss ich über den Saftladen DITIB schreiben. Ich wünschte, ich könnte diesen Unsinn übergehen, aber einiges muss man mal wieder gerade rücken. Andere haben mich ermuntert, meinen Senf dazuzugeben. Vermutlich haben sie nicht mit diesem Text gerechnet.

Wer sich in der Koran-Rezitation etwas auskennt, dem ist Adem Kemaneci ein Begriff. Der studierte Theologe und Koranexeget war bereits in den frühen 2000er-Jahren dem Fachpublikum bekannt. Spätestens jedoch, seit er 2004 die Koran-Rezitationsmeisterschaft unter allen Mitarbeitern der Religionsbehörde DIYANET gewann und schließlich im selben Jahr im Iran den fünften Platz im damaligen internationalen Wettbewerb erreichte.

Zu seinen Lehrern gehören auch solche Personen, wie der in der Türkei ebenfalls bekannte Fatih Çollak oder Mustafa Öztürk (nein nicht der, sondern der Koran-Experte). Kemaneci hat, neben seiner Tätigkeit als Dozent an der Çanakkale Onsekiz Mart Universität in Ankara, von 2012 an in der größten Moschee Ankaras „Kocatepe“ und später dann auch in der seit 2015 offenen „Volksmoschee“ am Präsidentenpalast in Ankara seinen Dienst getätigt. Jetzt ist er in Köln und er ist ein Politikum.

Imam in der Kölner DITIB-Zentrale

Denn Kemaneci ist als sog. „Hof-Imam“ des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan (AK Partei) immer wieder scharf angegriffen worden und auch als solcher gerade bekannt. Das Werk des Theologen und Rezitators, der übrigens auch eine sehr angenehme Sufi-Musik-Stimme hat, leidet eigentlich unter dieser Zuordnung. So hat sich Kemaneci vermutlich nichts bei seiner neuesten Aufgabe nach über 10 Jahren in Ankara gedacht.

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Eren Güvercin auf Twitter zur Personalie

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn die Kölner DITIB-Zentrale in Ehrenfeld ist ebenfalls ein Politikum. Von Anfang an ins Visier von Islamophoben und Rechtsextremisten gerückt, hat sich die Moschee zunächst einer Öffnung verschrieben, die später nicht eingehalten wurde. Immer weiter hat sich die DITIB und ihre Führung von der Mehrheitsgesellschaft abgekapselt und entfremdet. In Köln ist die Zentral-Moschee häufig eher ein Ärgernis als eine Bereicherung. Daran ändern auch die vielen PR-Termine nichts.

DITIB-Führung nicht in der Lage, eigenständig Entscheidungen zu treffen

Das wurde spätestens bei der Eröffnung der Kölner Zentralmoschee deutlich, als der türkische Präsident die Eröffnung ohne Gäste aus der deutschen Politik selbst vornahm. Damit war klar, die DITIB ist nur noch ein verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde, die direkt dem türkischen Präsidenten untersteht. Und dieser Vorwurf hält sich, weil auch die aktuelle DITIB-Führung nicht in der Lage ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen oder zumindest vernünftig ihre Entscheidungen zu kommunizieren.

Nehmen wir den Fall Kemaneci. Der neue Imam kommt aus der Türkei, ist Religionbediensteter der türkischen Religionsbehörde DIYANET und allseits bekannt. Wie kann man auf die Idee kommen, in einer Zeit, in der die DITIB immer wieder vorgibt, unabhängig von Ankara zu sein, eine Personalie dieser Größenordnung einfach abzusegnen und das in der größten Moschee der Organisation? Es verwundert doch sehr, wenn plötzlich beim Opferfest der neue Imam da ist und alle Gläubigen in der Moschee begrüßt.

DITIB lässt tief in die Verbands-Leere blicken

Jetzt gibt es auch nur drei Möglichkeiten, wie das passieren konnte. Die Erste ist ziemlich einfach. Niemand hat es gemerkt. Wäre bei diesem Saftladen wirklich nicht ungewöhnlich. Die Zweite wäre aber niederschmetternder. Man wusste, was man tat und fand, das würde sich schon legen mit dem Aufruhr. Und die dritte Möglichkeit ist die schlimmste, vermutlich aber auch anzunehmende: Die neue Personalie wurde der DITIB aufgedrängt. Wehren kann sich dieses Lumpenpack an „Unabhängigkeit“ ohnehin nicht gegenüber einer Order des türkischen Präsidenten oder der DIYANET.

Was mich noch mehr aufregt, als dieses Versagen, ist dann auch die Kommunikation gegenüber der Presse. Die Kommunikation der PR-Abteilung und des Generalsekretariats lässt sich mitunter nur als „naiv“ bezeichnen. Der Mann sei ein begnadeter Rezitator und ganz toller Sufi-Musik-Typ, wird da auf die Kritik geantwortet. Das (sic!) ist die Antwort der DITIB auf die Vorwürfe, dass es sich um eine politische Entscheidung handelt, die womöglich die kommenden Wahlen mit beeinflussen soll? Wo bleibt da eine Distanzierung oder Richtigstellung?

Wahrnehmungsprobleme im Saftladen

Man wird nicht das Gefühl los, dass es eine große Diskrepanz zwischen der öffentlichen und der internen Wahrnehmung bei der DITIB gibt. In solchen Fällen stinkt der Fisch vom Kopf her. Da der aktuelle Vorsitzende ohnehin seinem designierten Nachfolger Platz macht, kann man dem neuen türkischen Botschaftsrat nur anraten, sein Team in der Presseabteilung und im Dialog-Center vom Saftladen schnellstmöglich in die freie Wirtschaft zu entlassen.

Nicht mal der am Ende geschasste Ex-Generalsekretär Alboga hat solchen Mist verzapft. Und das will schon etwas heißen aus meinem Mund. Dieser Saftladen Hoch Zwei muss endlich seine Strukturen entweder professionalisieren oder anfangen, sich selbst als das zu offenbaren, was es in Wirklichkeit ist. Eine von Ankara abhängige Institution im Dienste der türkischen Religionsbehörde. Anderenfalls schadet man sich nicht nur weiter selbst, sondern allen Muslimen in Deutschland. Wir sind eben nicht alle DITIB! Schon gar nicht so ein Saftladen!

DITIB nicht allein – auch die IGMG ohne viel Fingerspitzengefühl

Wenn man berücksichtigt, dass andere Gemeinschaften ebenfalls von der türkischen Religionsbehörde DIYANET Imame beziehen (u. a. DITIB, ATIB) ist hier eine große Baustelle. Die Sachlage in Köln ist aber anders gelagert. Wer so dummdreist eine so wichtige Personalie, wie den Imam der Zentrale versemmelt, hat echt nichts drauf. Das muss man schon so hart sagen und kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen auch mal für ihre Fehler geradestehen müssen. Der Politik ist daher dringend anzuraten, das Thema nicht einfach nur auf sich beruhen zu lassen.

Wer jetzt aber denkt, nur die DITIB habe diesen Imam hochgejubelt und eingeladen, der irrt. Beispielsweise hat die IGMG bei ihrem letzten Koran-Rezitations-Wettbewerb auch Kemaneci eingeladen, damit dieser eine professionelle Lesung aus dem Koran verrichtet. Zu diesem Zeitpunkt war Kemaneci noch in Ankara in der Volksmoschee beschäftigt. Auch ein Zeichen an die eigene IGMG-Basis, wenn man mich fragt. Und andere Einladungen aus diesem Spektrum hat es ebenfalls gegeben. Es ist also kein pures DITIB-Problem, was die Wahrnehmung angeht. Es ist vielmehr ein Wahrnehmungsproblem der problematischen Seiten von vielen Verbänden und vor allem der unprofessionellen Seiten.

Ändern kann man an den verkrusteten Strukturen vermutlich ohnehin nichts. Aber öffentlicher und politischer Druck könnten dazu beitragen, dass sich die Organisationen endlich einen Ruck geben und sowohl personell als auch strategisch endlich klar Schiff machen. Oder zumindest statt Saftladen doch lieber eine Religionsgemeinschaft werden, die sich nicht als Wurmfortsatz einer Behörde versteht.

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