In diesem Beitrag geht es um die Gebetswaschung (wudū’, arabisch: وضوء ; türkisch: abdest; persisch: آبدست).

Um diesen Artikel über die Gebetswaschung zu verstehen, rate ich an dieser Stelle zur Lektüre des vorherigen Textes über „Islamisches Recht: Grundbegriffe zur Einordnung“. Der Text wird in diesem Beitrag vorausgesetzt, da es sich bei den hier behandelten Dingen mehr um Fragen des fiqh (islamisches Recht), als um Fragen des Glaubens, der Intention und der Hintergründe handelt. Die Darstellungen in diesem Text folgen, wenn nicht weiter erläutert, der Mehrheitsmeinung innerhalb der hanafitischen Rechtsschule.

Andere Rechtsschulen haben ähnliche, in manchen wenigen Dingen sehr verschiedene, Ansichten zu den geäußerten Sachverhalten. Dem geneigten Leser wird der „ilmihal“ von Ömer Nasuhi Bilmen empfohlen, der diese Unterschiede auch besser benennt und auch tiefer in die Materie eingeht. Der „ilmihal“ ist auch in einer ordentlichen Übersetzung auf Deutsch erhältlich. Die hier getätigten Aussagen sind eine Zusammenfassung und richten den Schwerpunkt ausschließlich auf wesentliche Punkte.

Der Großteil des Textes basiert auf Aufzeichnungen eigenen Unterrichts und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es dient der Einführung, Orientierung und als Anregung für weitere Vertiefung.

Sauberkeit als Ausgangspunkt

Es gibt einen bekannten Witz, der von einem Muslim handelt, welcher in einem WC am Flughafen die Gebetswaschung vornimmt und dabei von einem Fremden überrascht und darauf angesprochen wird. Der Mann fragt den mit seiner Gebetswaschung beschäftigten Muslim darauf deutend: „Ganz schön nass hier. Wozu dieser ganze Blödsinn? Wozu soll das gut sein?“

Der Muslim fragt den fremden Mann unbeeindruckt zurück: „Wie oft waschen Sie sich täglich das Gesicht?“ Er erhält als Antwort: „Ein Mal am Morgen.“ Der Muslim grinst und zeigt auf seine noch nassen Füße und sagt schließlich: „Allein meine Füße wasche ich täglich mindestens fünfmal. Sie sind also sauberer als Ihr Gesicht. Dafür ist es gut.“

Die Gebetswaschung hat verschiedene Vorzüge

Für manche mag das suspekt klingen, aber für viele praktizierende Muslime ist es immer wieder peinlich, wenn sie bei der Gebetswaschung an einem fremden Ort überrascht werden. Das kann an Tankstellen, Flughäfen oder auch an der Uni häufig passieren. Wer diese religiöse Praxis nicht kennt, für den erscheint diese auch befremdlich. Viele Menschen fragen sich, wozu das gut sein soll.

Die Gebetswaschung hat jedoch zahlreiche und verschiedene Vorzüge, die nicht nur hygienischer Natur sind. Die Gebetswaschung ist als ein ritueller Akt zu verstehen, der sowohl den Körper als auch den Geist reinigen soll. Es dient nicht nur zur Vorbereitung des Gebets oder gottesdienstlicher Handlungen, sondern auch als eine eigene Form der gottesdienstlichen Handlung und kann einer gläubigen Person auch die Tore des Paradieses öffnen.

Stellung der Sauberkeit im Islam

Sauberkeit hat im Islam einen hohen Stellenwert. Bekannte klassische Lehrbücher über religiöse Handlungen beginnen auch oft deshalb mit dem Themenkomplex der Reinlichkeit und Sauberkeit. In klassischen Lehrbüchern werden beispielsweise zuerst die Formen von Wasser und wie diese zu bewerten sind und welche zur Reinigung geeignet sind, durchexerziert.

Die Gebetswaschung ist notwendig und bildet eine Grundlage, um gottesdienstliche Handlungen, ʿIbādat, zu verrichten. Die hygienischen Vorteile sind allerdings nicht von der Hand zu weisen. Schließlich dient die Gebetswaschung zunächst dazu, sich von äußerlichem Schmutz zu reinigen.

Reinigung von äußerlichem Schmutz

Die Gebetswaschung wird vorgenommen, indem man zuerst Unreinheiten auf dem Körper oder der Kleidung entfernt. Dazu gehört auch die ordentliche Säuberung der körperliche Organe mit Wasser, wenn man seine Notdurft verrichtet. Denn nur dort, wo Wasser wirklich herankommt, ist auch eine echte Reinheit gewährleistet.

Klopapier allein reicht zur Reinigung nicht aus, um sich vom Schmutz der Notdurft zu säubern. Dies ist mitunter ein Grund dafür, warum man in islamischen Ländern auch immer eine zusätzliche Wasserversorgung bei den Toiletten vorfindet oder Behälter mit Wasser neben den Toiletten stehen. Danach wird die Gebetswaschung nach einer gewissen Wartezeit vollzogen.

Ein Muslim, der die Gebetswaschung vollzieht, ist mit seiner Umwelt in direktem Kontakt. Gleichzeitig schützt er sich vor Krankheiten, die auf mangelnde Hygiene zurückzuführen sind. Muslime blieben etwa im Mittelalter von größeren Ausbrüchen der Pest verschont. Die Bevölkerung legte Wert auf Sauberkeit und Katzen genossen einen anderen Stellenwert.

Vom mittelalterlichen Europa sind die Hexenverbrennungen, Jagden auf Katzen bekannt. Ebenso aber auch, dass der Gang zum Badehaus nur den Privilegierten ermöglicht wurde und in manchen Schlössern und Einrichtungen nicht einmal ein Ort für die Notdurft existierte (ein Grund übrigens dafür, warum die Franzosen das Parfum nutzten, war ein Gerücht, dass angeblich die Pest über Badehäuser verbreitet wurde, weshalb man mehr und mehr zum Parfum und Eau de Toilette griff).

Vorteile der Gebetswaschung aus religiöser und spiritueller Sicht

Um diese Vorteile zu verstehen, sollte man einen Blick in die Überlieferungen von Aussprüchen vom Propheten Muhammad (ﷺ) werfen.

Es wurde von ‘Abdullah As-Sunabihi (ra) überliefert, dass: Der Gesandte Allahs (ﷺ) sagte: „Wer auch immer die Waschung vollzieht und seinen Mund und seine Nase spült, dessen Sünden werden durch seinen Mund und seine Nase hinausgehen. Wenn er sein Gesicht wäscht, werden seine Sünden aus seinem Gesicht herauskommen, sogar unter seinen Augenlidern. Wenn er seine Hände wäscht, werden seine Sünden von seinen Händen ausgehen. Wenn er seinen Kopf abwischt, werden seine Sünden von seinem Kopf und sogar von seinen Ohren verschwinden. Wenn er seine Füße wäscht, werden seine Sünden von seinen Füßen ausgehen, sogar von den Zehennägeln. Dann wird sein Gebet und sein Gang zur Moschee ihm zusätzlichen Verdienst einbringen.“

Sunan ibn Madschah, 282, Buch 1, Hadith 16

und auch folgender Hadith weist auf die Wichtigkeit der Gebetswaschung hin:

Es wurde überliefert, dass ‘Umar bin Al-Khattab (ra) sagte: „Der Gesandte Allahs (ﷺ) sagte: ‘Wer auch immer die Gebetswaschung verrichtet und es gut macht und dann sagt: „Ashhadu an la ilaha ill-Allah wa ashhadu anna Muhammadan ‘abduhu wa rasuluh (Ich bezeuge, dass es niemanden gibt, der anbetungswürdig ist, außer Allah, und ich bezeuge, dass Muhammad sein Diener und Gesandter ist)“, dem werden acht Tore des Paradieses geöffnet, und er kann durch dasjenige eintreten, durch das er möchte.““

Sunan an-Nasai, 148, Buch 1, Hadith 149

Es gibt weitere und zahlreichere Überlieferungen, auch zur Form der Verrichtung der Gebetswaschung. Wir können jedoch schon jetzt entsprechend festhalten, dass die Gebetswaschung an sich, sowohl für die Reinheit des Körpers, als auch für die Reinheit der Seele, wichtig ist.

Die Gebetswaschung erlöst die Gläubigen von ihren Sünden, wenn sie diese wahrhaftig durchführen und dies auch mit der Absicht ausführen, um Vergebung für die (kleinen) Sünden zu erlangen und diese nicht zu wiederholen. Gleichzeitig ist die Gebetswaschung auch streng genommen der Schlüssel zum Paradies.

Für die meisten gottesdienstlichen Handlungen im Islam ist die Gebetswaschung eine obligatorische Handlung. Beispielsweise kann das Gebet ohne eine Gebetswaschung nicht durchgeführt werden. Die Gebetswaschung ist also nur der erste Schritt hin zu gottesdienstlichen Handlungen. Es ist gleichzeitig eine Vorbereitung auf gottesdienstliche Handlungen, aber auch ein Schutz und eine Stärkung des Glaubens.

Wann ist eine Gebetswaschung eigentlich islamrechtlich gesehen als gültig zu betrachten?

Es gibt insgesamt vier Punkte, die erfüllt sein müssen, damit zumindest die Grund- und Pflichtbedingungen (fardh) für eine Gebetswaschung erfüllt sind. Diese sind der Reihe nach:

  • Gesicht waschen,
  • Hände waschen, zusammen mit den Ellbogen,
  • ein Viertel des Kopfes salben,
  • Füße mit den Hacken zusammen waschen.

Wenn eine oder mehrere dieser vier Bedingungen nicht erfüllt sind, ist die Gebetswaschung aus hanafitischer Sicht ungültig.

Neben diesen Pflichten gibt es auch die Sunna, die vom Propheten Muhammad (ﷺ) übernommen worden ist. Auch diese Dinge sollte man, damit eine Gebetswaschung gültig ist, vornehmen. Der Reihe nach sind dies:

  • Niyya fassen, die Gebetswaschung vorzunehmen,
  • die Gebetswaschung mit der Basmala beginnen,
  • zuerst die Hände bis zum Handgelenk zu waschen,
  • den Mund mit einem Miswak oder einer Bürste zu putzen oder mit den Fingern zu reiben,
  • die Organe für die Gebetswaschung ohne Unterbrechung zu waschen, also so, dass ein Organ nicht trocken ist, während man die anderen wäscht,
  • alle gewaschenen Bereiche richtig zu säubern,
  • dreimal Wasser in den Mund nehmen und jedes Mal wieder ausspucken,
  • sofern man nicht fastet, mit dem Wasser im Mund richtig spülen,
  • dreimal Wasser in die Nase aufnehmen und jedes Mal mit der linken Hand den Schmutz ausspülen. Wenn man nicht fastet, darf man das Wasser auch richtig tief reinsaugen.
  • auf die Reihenfolge bei der Waschung und Salbung achten,
  • jedes Organ dreimal waschen,
  • immer mit dem Waschen beim rechten Organ beginnen,
  • bei der Gebetswaschung bei den Händen und Füßen immer mit den Fingern und Zehen beginnen,
  • wer einen festen Bartwuchs hat, der schafft mit seinen Fingern Zwischenräume dazwischen,
  • sollte man einen Ring tragen, so muss dieser am Finger bei der Gebetswaschung gelockert werden,
  • die Ohren salben,
  • den Hals salben,
  • den gesamten Kopf salben,
  • die Zwischenräume bei Fingern und Zehen säubern.

Nun haben wir die Pflicht und Sunna-Einheiten bei der Gebetswaschung aufgezählt. Daneben gibt es aber auch noch die Moral- bzw. Verhaltensnormen bei der Gebetswaschung. Diese kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Die Gebetswaschung sollte kurz vor dem Gebet stattfinden, sodass man für das Gebet in der Zeit bereit ist.
  • Die Gebetswaschung sollte so vorgenommen werden, dass man zur Qibla (Kaaba) ausgerichtet sie vollziehen kann.
  • Man sollte nach Möglichkeit an einer hohen Position stehen.
  • Bei der Gebetswaschung sollte man niemanden um Hilfe bitten.
  • Bei der Gebetswaschung sollte man nicht sprechen.
  • Bei der Gebetswaschung darf Wasser nicht verschwendet werden. Allerdings ist es auch nicht gut, zu wenig Wasser zu verwenden. Die Organe müssen nass sein.
  • Nach der Gebetswaschung sagt man die Schahada in Richtung Qibla auf.

Wie wird die Gebetswaschung vorgenommen?

Zunächst einmal sollte man sich mental darauf vorbereiten. Es ergibt Sinn, seine Ärmel und Hosenbeine hochzukrempeln. Schließlich sagt man: „Ich habe die Niyya (Absicht) gefasst, die Gebetswaschung vorzunehmen, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen.“ Danach sagt man die Basmala auf. „Bismillahirrahmanirrahim“, was „Im Namen Allahs des Gnädigen und Barmherzigen“ bedeutet.

Dann werden der Reihe nach zuerst die Hände bis zum Handgelenk dreimal gewaschen. Man fängt mit der rechten Hand an. Wenn ein Ring getragen wird, so wird dieser gelockert und die Zwischenräume zwischen den Fingern ebenfalls gründlich gewaschen und gesäubert.

Dann nimmt man mit der rechten Hand eine Handvoll Wasser auf und führt das Wasser in den Mund. Dabei wird der Mund gründlich ausgespült. Dies wird insgesamt dreimal vollzogen. Danach wird wieder mit der rechten Hand eine Handvoll Wasser aufgenommen und diesmal in die Nase geführt und eingesogen. Das Wasser wird mithilfe der linken Hand wieder ausgespült und so die Nase vom Schmutz befreit. Dies wird auch dreimal gemacht.

Danach wird dreimal jeder Bereich des Gesichts gewaschen. Schließlich wird dreimal der rechte Arm bis etwas über die Ellbogen und danach dreimal der linke Arm bis etwas über die Ellbogen gewaschen.

Die Hände werden befeuchtet und mit der rechten Handfläche und den Fingern wird der gesamte Kopf gesalbt. Danach werden die Hände wieder befeuchtet und diesmal wird mit dem kleinen Finger das Innenohr und mit dem Daumen der Ohrrücken auf beiden Seiten (zuerst rechts) durch reiben und drehen gesäubert. Mit den restlichen drei Fingern an jeder Hand wird von der Mitte des Halsrücken aus nach vorne hin der Hals gesalbt.

Danach werden die Füße (rechts zuerst) mit den Hacken zusammen dreimal gewaschen. Bei der Waschung sollte man beim rechten Fuß vom kleinen Zeh zum großen Zeh hin waschen. Beim linken Fuß vom großen Zeh zum kleinen Zeh. Die Zwischenräume sollten gründlich sauber gemacht werden.

Nach dem Ende der Waschung wird in Richtung der Qibla die Schahada gesprochen. Es gibt außerdem Bittgebete, die während einer Gebetswaschung aufgesagt werden können und nach Möglichkeit auch aufgesagt werden sollten. Doch auch ohne diese Bittgebete ist eine Gebetswaschung in dieser Form mit allen wichtigen Punkten gültig und hat alle Bedingungen von fardh und Sunna erfüllt.

Was ist bei der Gebetswaschung verpönt (makruh)?

Es gibt bestimmte Dinge, die islamrechtlich gesehen, verpönt sind. Diese machen zwar eine Gebetswaschung nicht immer sofort ungültig, sie können aber dazu führen. Deshalb sollte man sich davor in Acht nehmen. Aufzuzählen sind folgende Punkte, die alle Muslime bei der Gebetswaschung beachten und vermeiden sollten:

  • Mehr Wasser bei der Gebetswaschung zu benutzen als notwendig.
  • Weniger Wasser bei der Gebetswaschung zu benutzen, obwohl dies nicht notwendig ist.
  • Das Wasser schnell und in Eile auf die Organe zu klatschen.
  • Unnötigerweise bei der Gebetswaschung zu sprechen.
  • Die Gebetswaschung an einem dreckigen Ort vorzunehmen.

Was macht die Gebetswaschung ungültig?

Die Gebetswaschung ist nicht für unbestimmte Zeit gültig. Es gibt Dinge, die eine Gebetswaschung sofort ungültig werden lassen. Muslim*innen wird sowieso empfohlen, vor jeder gottesdienstlichen Handlung, die eine Gebetswaschung erfordert, diese auch vorzunehmen. Folgende Dinge machen eine Gebetswaschung ungültig:

  • Körperflüssigkeiten wie Blut, Eiter oder Wasser.
  • Sich den vollen Mund zu übergeben.
  • Blut in der Spucke, die mehr als die Hälfte der Spucke ausmacht.
  • Ob groß oder klein, die Notdurft macht die Gebetswaschung ungültig. Das Gleiche gilt für einen Wind fahren lassen (pupsen).
  • Ohnmächtig werden oder betrunken sein.
  • Lachen während des Gebets.
  • Schlafen.