tiefe Wunden

Tiefe Wunden

Tiefe Wunden prägen uns alle. Sie bestimmen, wie wir zu denen werden, die wir sind. Und sie bleiben als Narben erhalten, wenn sie denn irgendwann verheilen.

Als ich nach einem Zerwürfnis mit Vorgesetzten einen Job aufgegeben hatte, fiel ich in ein tiefes Loch. Die finanzielle Not machte sich nach einem finanziellen Dasein voller Möglichkeiten breit. Wenn man Geld hat und plötzlich nicht mehr so viel Geld, dann ist es oft so, dass die Menschen sich darin verirren. Kurz gesagt, ich musste in allem, was mir lieb war, kürzertreten. Keine Extra-Ausgaben, keine unnötigen Käufe und schon gar nicht unüberlegte Handelsgeschäfte.

In meinem Umfeld war es so, dass alle, die etwas auf sich hielten, angefangen hatten die Robert Langdon-Reihe von Dan Brown zu lesen. Ich hatte als Student schlichtweg nicht das Geld, um mir ein paar Bücher zu kaufen, die ich gerne gelesen hätte. In der Universitätsbibliothek waren solche Werke auch meistens ausgeliehen und die Wartelisten ziemlich lang. Ich kam nicht dazu, mir ein Exemplar von “Illuminati” zu kaufen.

Troisdorf

2007, im Oktober, wurde ich für ein Projekt nach Köln eingeladen. Ich war für zwei Tage dort, die Kosten meiner Reise und Übernachtung wurden übernommen. Es war zu dem Zeitpunkt noch etwas Ehrenamtliches. Ich kam einen Tag früher an als vorgesehen. Ich wurde vom Bahnhof von einem engen Freund abgeholt. Er fragte mich, ob ich Lust hätte zu einer Geburtstagsparty von einem Bekannten mitzugehen. Ich hatte ohnehin nichts vor und die Sitzung sollte sowieso erst am nächsten Morgen stattfinden. Also sagte ich zu.

Wir reisten mit dem Auto und fanden uns in einer wunderschönen Ecke des Rhein-Sieg-Kreises wieder. Falls jemand mal die Möglichkeit hat: Troisdorf ist immer einen Kurztrip wert. Wer sich für ein Naherholungsgebiet interessiert, dem sei die Siegniederung empfohlen. Auch der Rotter See lädt für Spaziergänge und Erholung ein. Eine kleine Idylle, die sich ihre wahre Schönheit, in dieser düsteren Welt hat erhalten können.

Entglitten

Wir waren zu Gast bei einem örtlichen Politiker. Die Gruppe für den Geburtstag war leider noch nicht da. So hatten wir einen kurzen Austausch und ich sah mich in der Wohnung um. Unser Gast hatte alle Bände der Langdon-Reihe in seiner Privatbibliothek. Ich nahm mir Illuminati und las ein paar Seiten im ersten Kapitel. Ich fand es ansprechend. Aber als jemand, der jeden Cent und jeden Euro umdrehen musste, konnte ich mir das Buch einfach nicht leisten.

Die Party fing an, es wurde gefeiert, die Gäste waren alle voll cool. Es war eine schöne Gruppe von Menschen, die sich modern, aber auch traditionell verpflichtet orientierten. Es war ein Umfeld, was mir in Hamburg sehr fehlte. Ich wurde mir an diesem Tag wieder der Tatsache bewusst, dass mein Leben entglitten war. Meine Freunde fehlten, mein Leben hatte sich verändert.

Lichtblick

Es war nicht so, dass ich unglücklich war. Ich habe vermutlich die beste Zeit meines Lebens in diesem Jahr gehabt, weil ich voller Armut und gleichzeitig viel Stress erkannt habe, was ich brauche, was ich habe und was mir fehlt. Die Prioritäten ändern sich, wenn die Dinge aus unserer Sicht falsch laufen. Man denkt mehr darüber nach, was hätte sein können, statt darüber was ist und was sein könnte. Man verheddert sich in der Vergangenheit und kommt nicht mehr davon los. Ich versuchte aus diesem Kreis auszubrechen.

Das Treffen in Troisdorf war für mich ein Lichtblick. Ein Umfeld, wie es mein Freund hatte, so ein Umfeld wollte ich auch. Eine Bibliothek, wie sie unser Gastgeber hatte, wollte ich auch. Und ich wollte den Brückenschlag zwischen Moderne und Tradition ebenfalls haben, ohne mich dafür zu rechtfertigen, wie mein Leben ist oder sein sollte. Es war eine tiefe Wunde, die sich aufgetan hatte. Und in diese wurde noch einmal Salz gestreut. Es brannte.

Alhamdulillah

14 Jahre später habe ich eine Bibliothek, um die mich viele beneiden würden, wenn sie deren echtes Ausmaß kennen würden. Es sind Bücher, die nicht einfach da rumstehen, sondern die gelesen wurden und immer wieder zum Nachschlagen da sind. Ich lebe nicht im Gestern, ich schaue nach vorne und versuche das Beste aus meinem Heute herauszuholen. Wer kann schon von sich behaupten, glücklicher Familienvater zu sein, einen Job zu haben, der Spaß macht und genug zu verdienen, dass er nicht mehr darüber nachdenken muss, wie er die Rechnungen am Monatsende bezahlen soll.

Ich bin dankbar für all die Dinge, die um mich herum passieren. Und manchmal gibt es auch überraschende Dinge, die mich dann zu solchen Texten verleiten. Mir wurde vor ein paar Tagen “Illuminati” in meiner Leseliste auf dem Kindle vorgeschlagen. Ich habe mir vor ein paar Tagen das Buch zusenden lassen und bin schon sehr weit vorangekommen. So habe ich zwar etwas nachgeholt, aber all die Jahre habe ich ernsthaft gedacht, meine elitären Bekannten hätten etwas Besonderes gelesen. Ich habe mich geirrt und eigentlich nichts verpasst.