Trigger-Warnung: Das Thema in diesem Text ist nicht für alle Menschen geeignet. Es kann zu falschen Gedanken und Assoziationen führen. Sollten Sie jemanden zum Sprechen benötigen, rufen Sie die kostenfreie Hotline der Telefonseelsorge an. Sprechen hilft und die Telefonseelsorge vermittelt auch auf Wunsch an Ärzt*innen, Seelsorge oder Kliniken weiter. Telefon: 0800 111 0 111

Ein guter Freund von mir hat, als er 18 Jahre alt war, alles verloren, was er besaß. Sein größter Verlust aber war die Liebe. Er hatte einen Menschen so sehr geliebt, dass er diese Person zum Zentrum seines eigenen Daseins gemacht hat. Wenn er bei dieser Person war, fühlte er sich glücklich. Er liebte es einfach mit dieser Person zu sein, auch wenn sonst weiter nichts geschah. Doch die andere Person hatte nur freundschaftliche Gefühle für ihn. Sie wies ihn immer wieder ab und er verlor letztlich seinen Verstand, als er hörte, dass diese Person mit seinem besten Freund zusammengekommen war.

Neben dem Verlust von Geld, Vermögen, Familie und letztlich seiner Liebe kam ihm auch etwas anderes abhanden. Sein Glaube an Gott war erschüttert. Er löste sich immer mehr von seinen religiösen Gefühlen und Gedanken. Er fühlte sich verloren, verfiel in eine tiefe Depression, aus der er nicht mehr herauskam. Immer wieder wurde ihm sein Leben zur Qual. Er hatte keinen Spaß mehr und an einem sehr späten Nachmittag an der Schule, stieg er aufs Dach, kletterte über das Geländer und blickte in den Abgrund. Schon vor ihm hatte an dieser Stelle eine Person sich das Leben genommen.

Erlösung?

Er atmete tief ein und fragte sich, ob es noch etwas geben würde, wofür es sich zu leben lohnt. Er setzte zum Sprung an, wurde aber im letzten Moment heruntergerissen. Weinend wie ein kleines Kind sagte er immer wieder, dass er sterben möchte. Ihm liefen die Tränen über die Wangen, seine Stimme versagte und er bettelte um Erlösung. Er bekam sie nicht. Seine Rettung war eine aufmerksame Freundin gewesen. Suizid war in seiner Community tabuisiert und als eine höchst verwerfliche Tat beurteilt. Seine erste und wichtigste Glaubenskrise erlebte dieser Mensch in diesen Jahren.

Nach diesem Vorfall wendete er sich von allem ab, was er bis dahin als richtig und wahrhaftig empfunden hatte. Er fing ein neues Leben an, lernte neue Menschen kennen, probierte neue Dinge aus und wurde das erste Mal in seinem Leben so geliebt, wie er war. Heute ist er zweifacher Vater, ein geliebter Ehemann und Sohn, ein erfolgreicher Experte in seinem Beruf und einfach nur glücklich. Diesen einen Moment in seiner Jugend, der hätte verhindern können, dass er all das vom Leben hätte genießen können, vergisst er nie wieder. Und es spendet ihm Trost, weil er diesen Moment überlebt hat. Aber sprechen darüber kann er heute weiterhin nicht.

Ferdinand von Schirach greift das Thema Suzid auf

Die Frage nach einem selbstbestimmten Leben beschäftigt uns alle. Die Frage nach einem selbstbestimmten Tod ist hingegen sehr schwierig. Es gibt moralische, religiöse und ethische Gründe für ein Ja und Nein. Das Bundesverfassungsgericht urteilte erst im Februar 2020, dass das “Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung” verfassungswidrig ist. Es bejahte in seinem Urteil nicht nur ein Recht auf Leben, sondern auch ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben als Persönlichkeitsrecht. Kein Arzt dürfe dazu gezwungen werden, beim Sterben zu assistieren, aber letztlich dürfe es auch nicht verboten werden.

Das Urteil wirft viele Fragen auf, um die es auch in dem jüngsten Theaterstück von Ferdinand von Schirach geht. Darin geht es um einen fiktiven Fall eines 78-jährigen Mannes, der sich das Leben mit Unterstützung durch einen Arzt und der Verschreibung eines tödlichen Mittels nehmen möchte. Der Mann ist gesund, hat keine Erkrankung und möchte einfach nur sterben. Der Fall wird vor einem Ethikrat beraten und verhandelt. Die Kommission soll entscheiden, ob der Mann friedlich durch ein todbringendes Medikament sterben soll.

Worum geht es in GOTT?

Von Schirach selbst erklärte in einem langen Interview im SPIEGEL, warum er auf dieses Stück gekommen ist. Er sieht die Bundesregierung sehr kritisch, was das Recht auf Sterben angeht. Gleichzeitig spricht er auch von seiner eigenen Erfahrung mit dem Thema, welche auch das erste Mal in seinem Buch “Kaffee und Zigaretten” behandelt wurde. Das Thema berührt und der Autor hat mit seinem Theaterstück ein berührendes Werk geschaffen, in dem er auch das Publikum am Ende einbindet und eine Entscheidung zu treffen verlangt. Das ist nicht neu, aber es versetzt am Ende die Leser*innen dazu, sich selbst Gedanken machen zu müssen.

Dabei wird der Wunsch des Menschen in den Vordergrund gestellt und über die grundsätzlichen Fragen anhand von Sachverständigen gesprochen. Im Anschluss dürfen Leser*innen die Rolle des Publikums einnehmen und selbst entscheiden, ob der Mann sterben darf, wie er möchte. Beim Lesen habe ich mich erschrocken, über die noch heute vorhandene Ignoranz bei diesem Thema. Suizid ist ein weiterhin tabuisiertes Thema. Dabei versuchen jährlich rund 100.000 Menschen sich das Leben zu nehmen, mit sehr fatalen Folgen, weil gerade auch das Umfeld durch den Verlust eines Menschen stark betroffen sein kann.

Bischof kommt schlecht weg, ansonsten ein gutes Buch zum Thema

Von Schirach behandelt das Thema eigentlich sehr trocken. Sein Stil ist diesmal die des Faktengebers. Überhaupt nicht gut kommt dabei vor allem das katholische Christentum weg. Ein Bischof, dessen Rolle ausdrücklich nur von einem Mann gespielt werden darf, wird zu einer eher unerhörten Karikatur in dem Werk von Schirach. Es gibt bereits Hinweise, das Werk werde es erneut im Fernsehen mit Abstimmung geben können. Ich glaube kaum, dass der Passus zum Kleriker wirklich so ins Fernsehen kommt. Denn die Schwächen bei der Argumentation werden hier sehr deutlich.

Ich frage mich, ob sich der Autor, bei der Recherche, wirklich mit einem Theologen unterhalten hat. Mir scheinen die Antworten des Bischofs jedenfalls zu plump und eher laien-theologisch zu sein. Vermutlich liegt die harte Diskussionsgrundlage für den schlecht wegkommenden Bischof auch an etwas anderem. Die katholische Kirche hatte bereits angekündigt Sakramente und Salbung bei Menschen auszulassen, die sich für ein selbstbestimmtes Sterben entscheiden. Das kommt teilweise auch im Buch vor. Tendenziell wird auch deutlich, dass von Schirach eher für ein Ja geschrieben hat als für ein Nein. Erst im zweiten Akt und damit zum Schluss wird eine Art Objektivität und Neutralität wieder deutlich.

Jedenfalls wirkte das Buch so auf mich. Das tut dem Werk keinen Abbruch. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema, in all seinen Facetten, tendenziös, aber letztlich für mündige Theaterbesucher*innen und Leser*innen. Es bringt dabei noch einmal die gravierende Lüge unserer Gesellschaft hervor, in der wir versuchen perfekte Menschen abzubilden und von ihnen verlangen nach den Idealen des perfekten Menschen zu leben. Dass man auch scheitern darf, und ein Recht auf einen eigenen selbstbestimmten Tod hat, will man den Menschen verneinen. Dabei braucht es mehr Versagen und einen Konsens darüber, dass die Entscheidung über unser aller Leben bei uns selbst liegen sollte.

Ist der Tod wirklich eine Erlösung?

Für meinen Freund war es wichtig, eine Therapie zu machen und gegen seine Depression, die viel zu spät diagnostiziert wurde, anzukämpfen und sich zu erlauben, sein Leben so zu leben, wie er es für richtig hält und nicht wie andere es für ihn vorbestimmt hatten. Das war seine Befreiung. Er hätte aber dieses Leben nie führen können und nie glücklich werden können, wäre er in seinem Entschluss zu sterben, erfolgreich gewesen. Ferdinand von Schirach hat ähnliches erlebt und nur so konnte er seinen Unmut über die Bundesregierung zu einem hochaktuellen Theaterstück verarbeiten.

Die Frage ist daher aus meiner Sicht nicht, ob Jemand einen selbstbestimmten Tod haben sollte, sondern ob der Tod wirklich die Erlösung für diese Person ist. Das muss, wie auch von Schirach weiß, jeder Mensch für sich selbst entscheiden. Deshalb funktioniert auch sein Werkt so gut. Der Mensch ist am Ende sein eigener GOTT. Und manchmal scheitert der Mensch auch beim Versuch sich selbstbestimmt aus dem Leben zu entziehen.

Titel: GOTT
Autor: Ferdinand von Schirach
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87629-0
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