Feuilleton

Max Czollek: Desintegriert euch!

Am Freitag (17. Januar 2020) war Max Czollek auf Einladung des Netzwerks Muslimischer Akademiker (NMA) und des Instituts für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation e.V. im Rahmen der Reihe „St. Georg Talks“ in der Hamburger Centrum-Moschee zu Gast. Czollek las im Gebetsraum der Moschee aus seinem Buch „Desintegriert euch!“ vor und stellte sich den Fragen der Zuhörerschaft. Es war ein besonderer Abend. (Ein paar Eindrücke gibt es auf Facebook) Der Termin selbst war mir Anlass genug die Polemik von 2018 endlich mal zu kaufen und durchzulesen.

„Desintegriert euch!“ ist keine normale Polemik. Selten zuvor habe ich ein Buch gelesen, dass zentral gesetzte Themen der deutschen Lebenswirklichkeit und Politik aus einer jüdischen Perspektive heraus so scharf analysiert und kritisiert. Czollek macht dabei vor vermeintlichen Fehlern der jüdischen Gemeinschaft keinen Halt. Er macht ein Heuchlertum im Umgang mit der deutschen Geschichte und der Schoa aus. Hier sieht er vor allem den Drang der Deutschen sich von der eigenen Schuld reinzuwaschen und die Schoa auch als eigene Erlösung zu betrachten.

Illustriert wird dieses Anliegen durch zahlreiche Beispiele, die demonstrieren, wie sich die deutsche Politik mit der „Jüdischen Gemeinschaft“ versucht, eine eigene Lesart der Vernichtung der Juden im zweiten Weltkrieg zu propagieren. Czollek prangert den Umgang Deutschlands mit „seinen“ Juden an. Er prangert die deutschen an, die sich echauffieren, irgendwann sei es auch mal genug mit der Schuld. Und Czollek prangert an, wie sich Juden und Gesellschaft eine eigene Wirklichkeit mit Leitkultur und christlich-jüdischer Geschichte zu erschaffen versuchen.

Antisemitismus in Deutschland war schon immer da

Juden in Deutschland wurden schon immer fremd gemacht, antisemitisch beschimpft und als nicht kompatibel mit der „deutschen“ Kultur angesehen. Ebenso thematisiert Czollek die Frage, ob es eine genuin deutsche jüdische Gemeinschaft überhaupt gibt. Mit Blick auf 90 % Juden in Deutschland, die keine deutschen Wurzeln haben, wird das von Czollek verneint. Er macht eher einen Bedarf der deutschen selbst nach einer Institution aus, die Juden als deutsch verankern und vertreten sollte.

Er prangert die Konstruktion des deutschen Juden an und stellt sich gegen die politischen Forderungen nach Integration. Dabei macht er dies auch als Kernelement einer Kritik an der Integrations- und Flüchtlingspolitik aus und klassifiziert die Bemühungen um eine deutsch-jüdische Kultur als Versuch „die Muslime“ auszugrenzen. Wobei auch die „Muslime“ nur als ein Ersatz-Konstrukt für frühere Gruppierungen genutzt wird.

Postmigrantische Gesellschaft als Idealbild und Lösung?

Mit „Desintegriert euch!“ haben wir einen Appell an die Gesellschaft, sich den als alternativlos gezeigten Narrativen zu entziehen und eine neue Form der gesellschaftlichen Teilhabe zu denken, die bereits jetzt an ihrem Anfang steht. Hierzu braucht es auch die Betrachtung der Modelle, die diesem Buch mit zugrunde liegen. Denn neben Aspekten der jüdischen Diaspora, der „critical whiteness“ Bewegung, die im Buch Erwähnung finden, gibt es auch die Arbeiten am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, die insbesondere unter dem Licht der Theorien der „postmigrantischen Gesellschaft“ von Shermin Langhoff und den jüngsten Forschungsarbeiten von Naika Foroutan stehen.

Insofern ist Czolleks Polemik höchst aktuell, schießt aber über sein Ziel hinaus. Denn sieht man sich die Beschreibungen im Buch an, stellt man fest, dass das Urteil über die „Deutschen“ sehr hart ausfällt. Es ist klar, dass der Autor sich nicht mit verschiedenen Facetten und Übergängen beschäftigt hat. Er wählte den klaren Schritt hin zu einer Anklage. Doch so einfach ist es nicht. Beispielsweise stellt sich die Frage, ob die Reflexion über die Vergangenheit wirklich so krass ausfällt, wie beschrieben und sicherlich darf man auch über die Frage der Schuld und Erbsünde streiten. Es bleibt auch die Frage, ob in dem kritisierten „Gedächtnistheater“, die Gedenkkultur an sich das Problem ist, oder die Art und Weise der Umsetzung.

Ein Thema für privilegierte Menschen?

An anderer Stelle stellt man auch fest, dass die ideale Lösung, wie von Czollek propagiert, gar nicht so einfach umzusetzen ist, wenn man nicht gerade vernetzt oder privilegiert ist. So gibt es bei der Suche nach neuen Bündnissen für eine neue Gesellschaftsordnung Hürden, die man nicht so einfach überbrücken kann. Beispielsweise, weil sich eben Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in beiden ethnischen wie religiösen Gruppen und Konstrukten der Muslime und Juden finden. Ein Bündnis zwischen Juden und Muslimen alleine wird aber nicht reichen. Viel wichtiger ist dabei die Frage, ob man sich Desintegration als Gemeinschaft oder gesellschaftliche Gruppe überhaupt leisten kann.

Es ist einfach, als privilegierter Mensch eine Kritik zu formulieren und eine einfach klingende Lösung zu propagieren. Doch wenn man als Minderheit in diesem Land sich gegen bestimmte Dinge stellt, so wird es schwierig, sich überhaupt akzeptiert und verstanden zu fühlen. Die Ausgrenzungserfahrung, die viele Menschen erfahren, weil sie sich nicht dem „Standard“ der Gesellschaft unterwerfen, sind sehr hart. Eine organisationelle Lösung scheint indes in weiter Ferne. Es wird Zeit brauchen, um hier eine adäquate Lösung zu sichern und selbst mit einer postmigrantischen Gesellschaft wird die hegemoniale Machtstruktur nicht unbedingt aufgebrochen sein, um sich besser zu positionieren.

Rechtes und völkisches Denken bestimmt unsere heutige Politik

In einem Aspekt in seinem Buch scheint sich Czollek aber eher zurückgehalten zu haben. Die Gesellschaft steht vor massiven Einschnitten und das Erstarken des Nationalismus und der Rechtsextremen scheint nicht nur eine Frage der Zeit zu sein, sondern bereits deutlich ausgeprägter, als man es 2018 erfassen und ahnen konnte. Wir sind mitten in der Krise unserer Gesellschaft und die Politik weiß noch nicht, wohin es hingehen soll. Die Übernahme völkischer und nationalistischer Themen und Positionen in allen Parteien scheint indes längst abgeschlossen. Es gibt keine politischen Alternativen. Auch nicht von links.

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Desintegriert euch! von Max Czollek
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Akif Sahin

Akif Sahin | Blogger, Muslim, Speaker und SEM-Experte aus Hamburg | Schreibt zu analogen und digitalen Themen wie Social Media, (Online-)Marketing, Feuilleton und WordPress.

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