Feuilleton

Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats

Gedanken und Besprechung zum Buch „Die letzten Tage des Patriarchats“ von Margarete Stokowski.

Ich habe es nicht so mit Feminismus. Ich halte es folgendermaßen: Mein Leben ist konservativ, meine Gedanken sind liberal. Als ein Mann der alten Schule lege ich Wert auf höfliche Gepflogenheiten und bin allem gegenüber aufgeschlossen. Für mich ist wichtig, dass ich in meinem Leben einer vernünftigen Orthopraxie nachgehen kann. (Klassischer und eindimensionaler) Feminismus hat in meinem Leben keinen Platz. Das heißt nicht, dass ich mich wie ein alter weißer Mann benehme und Frauen an den Herd wünsche. Ich bin dafür, dass Frauen gleichen Lohn erhalten sollten, bei gleicher Arbeit und nach Möglichkeit auch selbst über ihren Körper bestimmen sollten. Das macht mich aber nicht zum Feminismus-Versteher oder zum Feministen.

Ich muss aber auch sagen, dass ich mich in der aktuellen Welt immer wieder verloren fühle. Das liegt auch an einer veränderten Debattenform. Immer wieder muss ich in Onlinegesprächen einstecken und mich entschuldigen und aus Debatten oder Gesprächen herausziehen. Meine Gegenüber, die dieses Verhalten forcieren, sind dabei fast immer ausschließlich Frauen. Es ist mir nicht mehr einfach so möglich, die Gepflogenheiten des Internetzes einfach so weiterzuleben, wie es mal war. Heute kann jeder Kommentar, jeder Druko oder jedes Like missverstanden werden. Mansplaining ist als Vorwurf nur einen Meter entfernt, ebenso wie ein Druko unter einem Tweet schnell als beleidigend oder besserwisserisch abgetan wird.

Empowerment ist das Stichwort

In solchen Momenten diskutiere ich gar nicht lange, lass es sein, entschuldige mich und nehme meinen Hut. Wir haben eine neue Generation von Netzuser*innen, die weder Digitalkompetenz besitzen, noch verstehen wollen wie soziale Netzwerke und Interaktionen funktionieren. Sie stellen ihre eigenen Regeln für die Kommunikationswelt auf und im Zweifelsfall sind alle Männer Müll. #AllMenAreTrash Es fällt auch Männern wie mir immer schwerer sich in solchen Gefilden zu bewegen. Jedes Wort, jeder Tweet und jedes Like kann missverstanden werden. Dabei ist das Phänomen nicht nur auf die digitale Ebene bezogen. Auch im echten Leben wird es immer schwieriger.

Eine Anekdote verdeutlicht das Problem. Ich kaufe gerne am Black Friday ein. Als ich mal in einer Runde von Arbeitskolleginnen darüber erzählte, fragte mich eine Kollegin direkt: „Gibt es da auch Rabatte bei Schuhen?“ Meine Antwort war ja. Nach einer Weile kehrte ich in mein Büro zurück und saß am Tisch. Meine Nachbarin am Arbeitstisch gegenüber fragte, was ich am Freitag mache und ich erzählte ihr vom Black Friday. Sie schien nicht begeistert und eher desinteressiert. Also sagte ich von meinem Vorgespräch getriggert: „Man kann da auch Schuhe kaufen.“ Ich habe vermutlich nie zuvor einen vergleichbaren bösen Blick einer Frau gesehen. Aber das ist die Problematik unserer Zeit. Man kann es nicht allen recht machen, schon gar nicht Frauen.

Dabei war früher alles viel einfacher. Empowerment, auch von jungen Frauen, war immer ein Wort, dass mein Leben begleitet hat. Ich habe Tage und Wochen damit zugebracht manchen (muslimischen) Eltern zu erklären, warum es sinnvoll und (islamisch) richtig ist, dass ihre Tochter das Medizinstudium oder den Diplomstudiengang für Bauingenieurwesen abschließt. Wir haben es als Arbeiterkinder so schon nicht leicht gehabt, sollte wenigstens die nachfolgende Generation es einfacher haben ihre Träume, seien sie noch so schwer, erfüllen zu können. Empowerment ist das, was ich gerne getan habe, auch in der Hoffnung, es führt zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Auswahl von Texten einer Ikone des modernen Feminismus

Nun stehe ich vor einem Buch einer Person, die jede Woche mit einem Beitrag in einer Kolumne eigentlich genau das tut und sich dabei auch dem Feminismus verschreibt. Empowerment. Margarete Stokowski hat mit ihren Beiträgen und ihrem Buch „untenrum frei“ bereits eine ganze Generation von Frauen begeistert und dient auch vielen Frauen als Vorbild für einen modernen Feminismus. Ich höre immer wieder auch von jungen Musliminnen, wie interessant und befreiend sie die Texte von Stokowski finden. Ich kenne nur ein paar Texte aus ihrer Kolumne auf Spiegel Online (mittlerweile nur noch Der SPIEGEL) und bin gespannt drauf, was mich in dem Buch „Die letzten Tage des Patriarchats“ erwartet. Denn, wie gesagt, mit Feminismus habe ich es eigentlich nicht. Und ich werde positiv überrascht.

Das Band ist eine Auswahl diverser Texte von Stokowski, die zugleich auch die Zeitgeschichte begleiten. Stokowskis frühere Kolumnentexte sind hier zusammengetragen und teilweise auch kommentiert redigiert worden. Es macht Spaß sich durch diese Texte zu lesen und festzustellen, dass es auch intersektionalen Feminismus gibt, der sich mit meiner eigenen Gedankenwelt vereinbaren lässt. Es gibt nur weniges, was ich an den Themen und Meinungen aussetzen könnte. Aber will man das wirklich hören? Einen Mann, der sich über eine Auswahl an Texten von Stokowski beschwert oder diese versucht zu adeln? Stokowski wurde 2019 mit dem Kurt-Tucholsky-Preis geehrt, das sagt doch schon alles aus, oder? Und wer meine Leidenschaft für Tucholsky kennt, der weiß was ich über diese Autorin denke.

Ein Buch, das nicht nur Männer unbedingt lesen sollten

Doch in Stokowski und ihren Beiträgen sehe ich noch etwas, was ich gerne loswerden möchte. Feminismus, gerade dieser intersektionale, ist es Wert, dass man ihn beachtet und fördert. Wir haben hier intelligente Texte gepaart mit Charme und einem durchdringenden Verständnis für die Probleme unserer Zeit. Sie schreibt über Rechtsextremismus, Rassismus, Feminismus, den Umgang mit Macht, die #meetoo-Debatte, darüber wie Frauenkörper kommentiert werden oder wie es ist mit einer Motorsäge Äste zu schneiden und darüber wie das wrumm-wrumm Geräusch anregend auf sie wirkt. Vor allem aber zeigen ihre Texte, welch weiter Weg noch vor uns liegt, um überhaupt von einer irgendwie gearteten Geschlechtergerechtigkeit sprechen zu können.

Es mögen die letzten Tage des Patriarchats sein, aber Stokowski gibt Mut, dass die kommende Zeit danach definitiv nur besser sein kann. Und in solchen Momenten wünscht man sich, dass nicht nur mehr Männer solche Bücher lesen, sondern die verbitterten jungen Damen im Internetz, die den kleinsten Kommentar oder gut gemeinte Aktion in eine miese Schublade einordnen und so dazu beitragen, den Feminismus an sich zu verachten. Die Texte in diesem Buch könnten vielleicht zu einem Realitätsschock führen.

Stokowskis Beiträge sind geistreich, sie sind pointiert und sie kommen von einer Frau mit bitterbösem Humor. Es ist ein Genuss, den Ausführungen zu folgen. Ich will nicht zu viel verraten, aber ich kann es wärmstens empfehlen. Okay, einen Kritik-Punkt habe ich: Stokowski steht auf Wodka. Das ist nicht unbedingt jedermanns oder jederfraus Geschmack. In diesem Sinne…

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Akif Sahin

Akif Sahin | Blogger, Muslim, Speaker und SEM-Experte aus Hamburg | Schreibt zu analogen und digitalen Themen wie Social Media, (Online-)Marketing, Feuilleton und WordPress.

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