George Orwell: 1984

Immer wieder habe ich beobachtet, wie Freunde aktuelle Debatten um staatliche Kontrolle, Überwachungsstaat und Datenschutzskandale mit dem Hinweis auf das Buch „1984“ von George Orwell kommentierten. Ich habe mich hingegen nie für 1984 interessiert. George Orwells Buch wurde auch zum Glück nie ein Prüfungsthema während meiner Schullaufbahn. Erst die Liste der Top 100 Bücher aller Zeiten im „The Guardian“ brachte mich dazu, den Titel aus eigenem Antrieb zu lesen.

George Orwells bereits kurz vor 1950 verfasstes Buch beschreibt, wie viele immer wieder rezipieren, die Allmacht eines Überwachungsstaates und ist damit beklemmend aktuell für unsere Zeit. Ich muss aber sagen, dass 1984 ein für mich sehr demotivierendes, und vor allem meine depressive Stimmung förderndes, Buch gewesen ist. Das lag zum einen an den Schilderungen im Buch, die mich nicht nur über die latente Idee des klassischen Überwachungsstaates nachdenken ließen.

Gedankenpolizei

Es war für mich eher so, dass ich in einem kleineren Rahmen darüber nachdachte, ob die im Buch geschilderte Partei nicht auch – in seinen Funktionen – für die muslimische Community in Deutschland stehen könnte. Wir sehen, gerade in Debatten um das Thema Islam, immer wieder Fälle, in denen die „Gedankenpolizei“ – aus unterschiedlichen Richtungen – nicht sehr weit entfernt ist. Gleichzeitig ist die Unterordnung und auch das hierarchische System in den muslimischen Verbänden erschreckend vergleichbar mit den im Buch geschilderten Systemen.

Was mich aber auch störte, war die Erzählung von der körperlichen Liebe von Julia und Winston. Ich sehe mich selbst nicht als prüde an. Die Erzählungen im Buch gingen für mich jedoch teilweise in eine Richtung, die eher der Softpornografie mit Lolita-Erzählung zuzuordnen sind, als der Weltliteratur. Gleichzeitig gab es aber auch Stellen im Buch, wo ich nur dachte: Das hätte er sich jetzt aber auch sparen können. Nun ist George Orwell tot. Vielleicht war es für die Zeit damals jedoch gerade ein Tabubruch, der dem Buch später auch zu seinem Erfolg verhalf? Ich kann es mir durchaus vorstellen…

Folter und Erlösung

Faszinierend fand ich die Schilderungen von der Festnahme bis zum Tod des Protagonisten. Es sind aus meiner Sicht überraschende Wendepunkte eingebaut, aber auch die Art und Weise wie die Folter für Gedankendelikte durchgeführt und letztlich eine Umprogrammierung vorgenommen werden, waren faszinierend. Es erinnerte mich immer wieder an den Film „Equilibrium“ mit Christian Bale. Letztlich hat sich auch der Regisseur und Drehbuchautor Kurt Wimmer ein bisschen am Buch bedient. Das wurde mir erst nach der Lektüre klar.

Gleichzeitig muss man sich die Frage stellen, ob Orwell mit seinem Buch nicht eher Werbung für Kommunismus und totalitäre Systeme gemacht hat. Das ist in Anbetracht der Biografie des Autors eher zu verneinen. Orwell hat das wahre Gesicht des Kommunismus unter Stalinisten selbst kennen und fürchten gelernt und fortan auch in seinen Werken (Farm der Tiere, 1984) thematisiert. Es ist aber möglich die Intention des Autor misszuverstehen, wenn man dies nicht weiß. Das Buch allein genommen, kann in dieser Hinsicht auch falsch verstanden werden. Die Schilderungen des Autors wirken teilweise glorifizierend.

Big Brother und der Tod

Zwar hatte man immer schon vom berühmten Zitat „Big Brother is watching you“ gehört, aber im Buch an einer sehr weit entfernten Stelle diese Zeilen zu lesen waren dann doch etwas überraschend. Das Buch hat mich in den zwei Wochen, wo es mein Begleiter war (meist auf den Fahrten zur Arbeit), sehr belastet. Es hat mich teilweise in menschliche Abgründe geführt, die ich selbst immer wieder durchgemacht habe: Sei es in der Form von Selbstzensur oder durch machtpolitische Aktivitäten höhergestellter Funktionäre während meiner aktiven Zeit in der muslimischen Gemeinschaft.

Es ist gut, dass Winston um sein Ende wusste. Und der Tod ist, wie es auch in 1984 geschildert wird, unausweichlich war. Am Ende bleibt die Frage, ob das Verständnis von „Freiheit“, im orwellschen Kontext, heute überhaupt gegeben ist. Andererseits darf man die Frage stellen, ob es nicht vielleicht doch zu viel Freiheit gibt und wo man womöglich Grenzen setzen muss. Trotz seiner erfolgreichen Dystopie hat Orwell die Entwicklungen – verbunden mit der Computertechnologie – unseres Zeitalters nicht vorausgesehen. Insbesondere das Internet, die Entwicklungen im Social Web und der Umgang verschiedener Staaten mit Zensur geben dem Autor am Ende dennoch die Brisanz von Aktualität, die es braucht. 1984 ist hier und heute. Und die Großen Brüder beobachten uns.

Titel: 1984
Autor: George Orwell
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3548234106
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Über Akif Sahin

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