Das Thema Syrien ist seit Jahren ein eher stiefmütterlich behandeltes Thema. Auch ich muss mir den Vorwurf machen über die tiefere Krise des Staates nur wenige Informationen eingeholt zu haben. Mit den neuen Diskussionen über ein Aufflammen der „Migrationskrise“ und dem „öffnen der Grenzen“ in der Türkei bekommt das Thema aber eine neue Wichtigkeit.

Trotz aller Unkenrufe und auch meiner eigenen Einschätzung, der (Bürger-)Krieg in Syrien werde sich nicht mit militärischer Gewalt lösen lassen, halten die Konfliktparteien daran fest. Also habe ich ein weiteres Werk von Gerhard Schweizer, einem meiner neueren Lieblingsautoren, aus der Mottenkiste geholt. Obwohl schon 2018 gekauft habe ich das Buch erst im Lockdown wirklich gelesen.

Erklärend, berichtend und einfühlsam

In „Syrien verstehen: Geschichte, Gesellschaft und Religion“ geht Gerhard Schweizer tiefgründig und scharfsinnig, den Hintergründen der aktuellen Krise nach und versucht den Leser*innen ein tiefergehendes Verständnis für die Probleme Syriens zu gewähren. Das gelingt ihm leider nur teilweise und oft mit Widersprüchen behaftet. Das ist dem Autor aber bewusst, schließlich geht er selbst auf diese Schwäche seines Buches im Vorwort ein. Grundsätzlich schafft Schweizer es aber eine klare Richtung in den Grundlagen zum Verständnis des aktuellen Syrien-Konfliktes zu schaffen.

Erneut glänzt er dabei durch seine Erklärungen, Erfahrungen und Berichte über seine Begegnungen mit einfachen Menschen, deren Geschichten aber stellvertretend für viele dienen. Es ist ein bunter Mix aus Fakten, Geschichten, Historischem und Analysen. Dabei findet man auch immer wieder Aspekte und Hinweise auf bestimmte Personen und Themen, die man im bisherigen Dunst des eigenen Wissens nicht bemerkt oder gesehen hat.

Wahre Schätze und überholte Informationen

Beispielsweise war für mich der Hinweis auf Sadik el-Azm, der seine letzten Tage im Exil in Deutschland verbracht hat, ein Novum für mich. Oder den Modernisten Amir Shakib Arslan, von dem ich das erste Mal überhaupt bei Schweizer gehört habe. Ebenso konnte ich dank des Buches von Herrn Schweizer ein tiefergehendes Verständnis für die Baath-Partei, ihre Gründung, ihre Krise sowie Zersplitterung in mehrere Fraktionen und Lösungen erlangen.

In einigen Momenten wirkte das Buch jedoch überholt. Beispielsweise in den Reiseberichten aus Damaskus, die eine Ära vor Bashar al-Assad zeichnen und dessen Bruder Basil in den Vordergrund stellen. Oder wenn bestimmte Analysen und Prognosen zur Zukunft Syriens, angesichts der jüngsten Entwicklungen, eher unwahrscheinlich bis falsch wirken.

Fazit zu “Syrien verstehen”

Doch das ist der Zeit geschuldet. Als das Buch erschien, vor knapp 5 Jahren, war es hochaktuell. Es hat an manchen Stellen an seiner Aktualität eingebüßt. Dafür bleibt es an anderer Stelle hochbrisant und aktuell. Es ist daher ein gemischtes Ergebnis. Doch für den Preis und den Input, den man erhält, darf man sich nicht beschweren.

Im Gegenteil: Hier wird wieder ein gutes Buch aufgelegt, dass gerade von allen am Thema interessierten gelesen und mit dem eigenen Wissen überprüft und reflektiert werden sollte. Gleichzeitig blickt Schweizer in ein Syrien, dass er fern von Klischees gut darstellt. Allein deshalb lohnt sich dieses Buch.

Titel: Syrien verstehen: Geschichte, Gesellschaft und Religion
Autor: Gerhard Schweizer
Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3608949087
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