Islamisches Recht: Grundbegriffe zur Einordnung

Immer wieder stoßen wir auf bestimmte Begriffe aus dem Arabischen, die uns im Alltag manchmal ein Begriff und manchmal nicht so klar sind. In dieser Auflistung wollen wir uns allen wichtigeren Begriffen zur Einordnung von Sachverhalten widmen.

Grundbegriffe des islamischen Rechts werden im Alltag häufig benötigt, weil sie auch helfen ein Verständnis für das Thema ʿIbādat (gottesdienstliche Handlungen) zu erlangen. Die folgende Einteilung richtet sich aus Gründen der Einfachheit im groben nach der Einteilung der hanafitischen Rechtsschule.

Die Liste ist nicht abschließend und kann je nach Rechtsschule aber auch Systematik weiter fortgesetzt werden. Häufig erscheinen manche Begriffe auch gar nicht in der Systematik bestimmter Rechtsschulen und deren Einordnung. Diese Liste soll helfen, bestimmte Dinge voneinander besser zu unterscheiden und zu bewerten.

mukallaf — wann beginnt Verantwortung nach islamischem Recht

Die Juristen sprechen immer von geschäftsfähiger Person, wenn sie vom mukallaf sprechen. Damit ist aber vor allem eine Person gemeint, die Verantwortung für die eigenen Handlungen und Taten übernimmt. Diese Person ist sich der eigenen Verantwortung bewusst. Diese Person ist mündig.

Aus theologischer Sicht hat diese Person das Angebot (taklif) von Allah (swt) angenommen, sich selbst als Muslim*in zu verstehen und damit als mukallaf den religiösen Pflichten (fardh) nachzukommen.

mukallaf ist eine Person, die bereits die Pubertät erreicht oder hinter sich gelassen hat und ein normales Denkvermögen (Verstand) aufweist. Diese Person trägt Verantwortung und muss die Regeln der eigenen Religion befolgen und sich vorwiegend von Verboten fernhalten.

Ab welchem Alter ist man mündig und welche Personen sind ausgenommen?

Menschen, die eine geistige Behinderung oder einen nicht ausgeprägte Intelligenz aufweisen, sowie Kinder (, die noch nicht die Pubertät erreicht haben), sind aus der Perspektive des islamischen Rechts nicht mündig und auch nicht geschäftsfähig. Sie müssen für ihre Handlungen keine Strafe fürchten, weil sie keine Verantwortung tragen können.

In aller Regel wird angenommen, dass Jungen zwischen 12 und 15 Jahren in die Pubertät kommen, während Mädchen zwischen 9 und 15 Jahren in die Pubertät kommen. Auch wenn man bei einem Jungen oder Mädchen keine Anzeichen für den Eintritt der Pubertät feststellen kann, so gelten spätestens mit 15 Jahren sowohl Jungen als auch Mädchen als mündig und geschäftsfähig.

fardh — Pflichten

Dinge, die islamisch gesehen eine Pflicht darstellen, werden als fardh bezeichnet. Zu diesen Pflichten gehören etwa das Gebet, das Fasten und die Abgabe der Zakat.

fardh wird in zwei Kategorien eingeteilt:

fardh ayn

Diese Pflichten müssen von allen mukallaf verrichtet werden, beispielsweise wie das täglich fünfmal verrichtete Gebet.

fardh kifaye

Diese Pflichten müssen nicht von allen mukallaf verrichtet werden. Dieser Umstand mag sich zwar zunächst verwirrend anhören, aber ein Beispiel erklärt es einfacher. Das Verrichten des Toten-Gebets für einen verstorbenen Menschen ist eine Pflicht für alle Muslime. Wenn jedoch einige Muslime das Gebet für die verstorbene Person verrichten, gilt die Pflicht für alle Muslime als erfüllt. Muslime, die nicht dabei sein konnten, werden dadurch entlastet.

In dieselbe Kategorie kann man den Hadsch verorten. Der Hadsch ist eine Pflicht für alle mukallaf. Aber nur Personen, die dazu körperlich und finanziell in der Lage sind, müssen diese Pflicht erfüllen.

wadschib — verbindlich

Es ist sehr kompliziert. Normalerweise wird unter fardh und wadschib das Gleiche verstanden, nämlich eine Pflicht. Allerdings gibt es kleinere Unterschiede bei unserer Unterscheidung. wadschib, also verbindlich, ist nicht so eindeutig wie fardh, aber immer noch verpflichtend.

Es gibt bei Dingen, die wadschib sind, immer einen klaren Beweis (dalil) für ihre Verbindlichkeit. Zu den Dingen, die man so bewerten müsste, gehören zweifelsohne die Fest-Gebete, die Abgabe der Zakat ul Fitr oder das Schächten eines Opfertieres zum Opferfest. Auch das Witr-Gebet, im Anschluss an das Nacht-Gebet wird als wadschib angesehen.

Personen gewinnen an Belohnung, wenn sie die verbindlichen Dinge tun. Personen versündigen sich, wenn sie die verbindlichen Dinge nicht tun.

sunnah — Tradition

Unter sunnah verstehen wir in diesem Bereich nicht die klassische Überlieferung über die Taten, Handlungen und Aussprüche des geliebten Propheten Muhammad (saw), sondern vor allem seine freiwillig verrichteten gottesdienstlichen Handlungen. Da der Prophet (saw) ein Vorbild für alle Muslim*innen ist, folgen gute Muslim*innen seinem Vorbild und verrichten auch diese freiwilligen gottesdienstlichen Handlungen.

Die sunnah wird in zwei Kategorien eingeteilt:

sunnah muakkada

Diese freiwilligen gottesdienstlichen Handlungen wurden vom Propheten (saw) regelmäßig verrichtet. Dazu zählen beispielsweise die sunnah-Einheiten des Morgen-, Mittag- und Abend-Gebets.

sunnah gayri muakkada

Dies meint freiwillige gottesdienstlichen Handlungen, die vom Propheten (saw) unregelmäßig verrichtet wurden. Dazu zählen etwa die sunnah-Einheiten des Nachmittags-Gebets und die erste sunnah-Einheit des Nacht-Gebets.

Personen gewinnen an zusätzlichem Lohn, wenn sie die sunnah befolgen. Gleichzeitig kann diese Person sich auch auf die Fürsprache des Propheten Muhammad (saw) am Tag des jüngsten Gerichts freuen. Personen, die absichtlich und wissentlich die sunnah nicht befolgen und achten, versündigen sich.

mustahab — Empfohlen

Dinge, die unser Prophet (saw) mal getan, mal nicht getan hat, werden als mustahab bezeichnet. Personen, die die Dinge tun, die empfohlen sind, gewinnen an zusätzlichem Lohn. Personen, die diese nicht tun, versündigen sich nicht.

mubah — religiös neutral

Dinge, die einem mukallaf frei stehen, werden als mubah bezeichnet. Dazu zählen zum Beispiel solche Dinge wie sitzen, gehen und schlafen. Personen erhalten weder Belohnung noch Lohn dafür, wenn sie solche Dinge tun.

haram — Verboten

Dinge, die in unserer Religion eindeutig als verboten einzustufen sind, werden als haram bezeichnet. Beispielsweise das Töten eines Menschen, Stehlen, Alkohol trinken, Glücksspiele zu spielen, Schweinefleisch zu essen oder sich gegen die Eltern aufzulehnen, sind religiös betrachtet verbotene Dinge.

Personen, die Dinge tun, die haram sind, versündigen sich. In diesem Fall ist interessant, dass Personen, die sich von verbotenen Dingen fernhalten, dafür eine Belohnung erhalten.

makruh — verpönt

Dinge, die als makruh bezeichnet werden, gelten als verpönt. Es ist nicht so, dass sie eindeutig verboten sind, aber dennoch ein Verzicht als besser gilt.

makruh wird in zwei Kategorien eingeteilt:

karahat-i tahrimiyya

Dies meint Dinge, die verpönt sind, die aber sehr stark an haram grenzen. Beispiel hierfür wäre, dass jemand eine verbindliche Sache nicht erfüllt. Personen, die solche verpönten Dinge vermeiden, gewinnen an Belohnung.

karahat-i tanzihiyya

Dies meint die Dinge, die verpönt sind, die aber an Erlaubtes grenzen. Beispiel hierfür wäre, dass jemand eine Sunnah oder eine empfohlene Handlung, nicht erfüllt. Personen, die sich davor hüten eine solch verpönte Tat zu tun, gewinnen an Belohnung. Personen, die diese verpönte Sache dennoch tun, versündigen sich nicht unbedingt.

mufsid — verderbend

Dies meint die Dinge, die eine begonnene gottesdienstliche Handlung unterbrechen oder ungültig werden lassen. Beispielsweise lässt das Sprechen beim Gebet, das Gebet ungültig werden. Eine fastende Person, die wissentlich etwas isst und trinkt, unterbricht und verdirbt ihr Fasten. Wenn eine gottesdienstliche Handlung von einer Person absichtlich und wissentlich unterbrochen wird, versündigt sich diese Person.

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