Social Media oder warum wir immer dümmer werden

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Eine etwa 19 Jahre junge Frau fragte mich vor ein paar Wochen: „Akif, du weißt doch immer alles. Welche Zeitung würdest du mir zum Lesen empfehlen?“ Ich blickte erstaunt rüber und fragte nach: „Liest du überhaupt Zeitung?“ Die junge Frau blickte mich überrascht und auch irritiert an: „Traust du mir nicht zu, dass ich Zeitung lesen kann?!“, sagte sie etwas vorwurfsvoll. Natürlich war ich stark geprägt von Vorurteilen. Diese basieren aber auf statistischen Fakten. Es ist das Missverständnis zwischen Menschen, die man als „Digital Native“ bezeichnen kann und Menschen, die das analoge Zeitalter noch erlebt haben.

Denn das war mir in diesem Moment sehr bewusst: Mein Gegenüber hatte vermutlich noch nie eine Zeitung in der Hand gehalten. Es gehört nicht zu den klassischen Medien, die von jungen Menschen ihres Alters konsumiert werden. Meine Vermutung wurde im Laufe des Gesprächs auch bestätigt. Ich erklärte dann erst einmal, wie eine Zeitung funktioniert, aus welchen teilen sie besteht und wie man eine Zeitung hält und liest. Ich erzählte vom Geschmack und Geruch einer Zeitung in der Luft, von Druckerschwärze an den Fingern nach dem Lesen. Mir war bewusst, dass Zeitungslesen eine besondere Lesekultur bedeutet und vom klassischen Konsumverhalten von Digital Natives abweicht. Meinem jungen Gegenüber nicht.

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Ein schönes Erklärvideo zur Frage, was eine Zeitung ist und aus welchen Teilen sie besteht

Sie wollte vor allem ihre Allgemeinbildung etwas verbessern. Ihr war bei Probetests von Universitäten aufgefallen, dass sie zu politischen und aktuellen Themen kaum etwas beitragen oder beantworten konnte. Also hatte sie nachgefragt und man empfahl ihr „Zeitung lesen“. Doch so einfach ist es dann doch nicht, sein antrainiertes und nie anders gekanntes Konsumverhalten einfach zu ändern. Ich habe ihr dann zu YouTube-Kanälen mit politischen Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen Anstalten geraten. Außerdem habe ich ihr ein paar Podcast-Kanäle vom Deutschlandfunk empfohlen. Junge Menschen hören nämlich deutlich häufiger Podcasts als der Durchschnitt. Auch Magazine sind für den Einstieg gar nicht mal so schlecht.

Social Media macht dümmer?!

Nach unserem Gespräch, der kleinen Einführung in die Lesekultur und alternativen Möglichkeiten hierzu entschied sich die junge Frau schließlich für ein Wochenmagazin, um auf dem aktuellen Stand aber nicht an das tägliche Informationsblatt „Zeitung“ gebunden zu sein. Ihre Wahl fiel nach Recherche und Überlegung auf den „DER SPIEGEL“. Keine schlechte Wahl, wie ich fand. Es sollte seinem Zweck dienen und schon der erste Eindruck, den sie hatte, war ein ganz besonderer. Dass es ihr gefiel, konnte man daran sehen, das ihre Augen strahlten, als sie voller Stolz erzählte, dass sie den SPIEGEL gelesen habe.

Die Initiative „Schau hin!“ hat eine Auflistung mit diversen Studien zum Medien- und Konsumverhalten von jungen Menschen zusammengestellt. Ich kann insbesondere die Bitkom-und JIM-Studien empfehlen, die ich auch beruflich immer wieder nutze und als Basis für Marktanalysen oder Personas mit heranziehe.

Weiterführender Link: https://www.schau-hin.info/studien/studien-zur-mediennutzung

Das die junge Frau jetzt bis zu ihrem hohen Lebensalter ein Wochenmagazin lesen wird, ist eher zu verneinen. Es ist ein klassisches Bild. Studien zeigen immer wieder, wie stark sich das Konsumverhalten, gerade im Bereich Medien, massiv verändert hat. Über solche Dinge spreche ich dann auch in meinen Vorträgen zum Thema Social Media. Und immer wieder kommt die Frage, wohin es mit uns eigentlich hingeht, wohin wir bei den aktuellen Entwicklungen eigentlich hinsteuern. Auf einer Podiumsdiskussion in Osnabrück, bereits vor über 5 Jahren, wurde diese Frage etwas deutlicher gestellt. Meine Antwort war ziemlich einfach: Wir werden einerseits dümmer, zum anderen werden wir auch radikaler. Das ist den Medien, die wir nutzen müssen, und der fehlenden Medienkompetenz geschuldet. Niemand bereitet einen auf das Leben in der virtuellen Welt und schon gar nicht auf die sozialen Medien vor. Es kann nur schiefgehen, wenn digitale Analphabeten die Möglichkeit haben im Internet zu surfen und auch ihre Meinung mitzuteilen.

Vernünftiger Konsum, vernünftige Handlungsweisen?

Tatsächlich hat sich der Raum im Netz massiv verändert. Während früher eine gewisse Form von „Netiquette“ selbstverständlich war, spült uns das Bildungssystem digitale Analphabeten in den Raum, der früher nur von Experten genutzt wurde. Ja, das Internet trägt zur Demokratisierung bei und ja Social Media führt auch zu mehr Interaktion und auch einer neuen Art der Kommunikation bei, aber die Nebenwirkungen sind gravierend. Zum einen verlaufen Diskurse im Netz nicht mehr auf einem Level von Augenhöhe, sondern auf einem Empörungs- und Skandalisierungslevel, der deutlich höher ist, als im echten Leben.

Falls ihr nicht wisst, was Drukos sind. Damit sind „Drunter-Kommentare“ gemeint. Das s am Ende steht für den Plural.

Zum Anderen hat sich der Ton in allen Bereichen verschärft. Das liegt auch an neuen Bewegungen und Trends. Ich bin beispielsweise für Emanzipation oder auch den Neo-Feminismus, der sich nicht so stark an traditionellen Rollenbildern orientiert, zu haben. Ich bin selbst kein Feminist und sehe mich auch nicht als solchen.

Wenn aber die Einstellung meines Gegenübers heißt: „Men are trash“ und dies zwangsläufig dazu führt, dass man aufgrund eines Drukos unter einem Tweet, der mir in die Timeline gespült wurde, sofort beleidigt und auch angefeindet wird, weil man ein Mann ist und weil man sich getraut hat etwas zu kommentieren, dann läuft etwas gewaltig schief im Netzdiskurs. So führt das eher zu Ausgrenzung als zum Austausch. Und wer keine fremden Meinungen unter seinen Tweets haben will, sollte seinen Account geschlossen halten. Anderenfalls gilt das gleiche, wie für alle anderen Tweets: Man möchte in den Austausch treten, in die Diskussion.

Hass bleibt ungestraft im Netz

Diese Entwicklung, die ich nur anhand eines Beispiels beschreibe, war schon längere Zeit abzusehen. Zum einen sinkt die Hemm- und Toleranz-Schwelle, zum anderen beginnt es auch zu nerven. Der Gedanke der Freiheit im Netz, nämlich alles sagen zu können, was man denkt, bringt keinen Mehrwert. Mittlerweile erleben wir eine Welle des Hasses, dass sich im Netz seinen Weg bahnt. Rassistischer Dünnschiss kann beispielsweise ohne rechtliche Konsequenzen auch im deutschsprachigen Netz geteilt werden, ohne dass sich die Urheber Sorgen machen müssen. Aufrufe zu Mord und Totschlag finden sich nicht nur in den Netzwerken von 4 oder 8Chan, sondern auch in den Kommentaren unter Artikeln deutschsprachiger Leitmedien. Volksverhetzung bleibt ungesühnt und unbestraft, weil Staatsanwaltschaften nicht konsequent vorgehen können und wollen.

Selbst das Netzwerkdurchsetzungsgesetz bleibt gegenüber dem Hass im Netz einfach nutzlos und machtlos. Es sperrt leider die falschen, weil eben die Seiten mit Hass gelernt haben das Instrument besser zu nutzen, als der normale User. Deshalb entscheiden sich auch immer mehr Menschen alternative Formen von Social Media zu nutzen – ich gehöre dazu. Es ist leichter bei Twitter einen Account zu melden, wenn dieses nicht jugendfreie Bilder im Profilbild oder Header hat, als einen Account von Nazis sperren zu lassen. Ein Nippel wird von Facebook schneller zensiert, als eine Gruppe deren Profilbild ein Hakenkreuz ist. Meinungsfreiheit geht vor Jugendschutz – jedenfalls im System der Social Networks aus den USA, die auch im deutschsprachigen Raum aktiv sind und Hakenkreuze als Meinungsfreiheit ansehen.

Selektiver Konsum und Abschottung sind eine Lösung

Der Hass im Netz bewirkt letztlich eine Gegenentwicklung. Zum einen starten immer mehr dezentralisierte Netzwerke ihr Dasein und das sogar mit mehr Erfolg. Plattformen wie Mastodon oder Diaspora waren dabei nur der Anfang, während sich neue Ideen wir Okuna bereits einer größeren Beliebtheit erfreuen und eine neue Zukunft versprechen, die auch an Datenschutz und geschlossene Benutzergruppen ohne Werbeeinblendungen und Verkäufe von Datensätzen auskommen soll. Zum anderen fangen die Nutzer auch an auf die Aktionen zu reagieren. Sei es mit einer Strategie, die sich als Gegenentwicklung positioniert und sagt: Wir sind lauter als ihr und euer Hass, sei es aber auch mit klaren Abgrenzungen.

Was als „Social Bubble“ oder „Filterbubble“ verschmäht und herabwürdigend bezeichnet wurde, gewinnt immer mehr an Attraktivität. Wer eben der Meinung ist, Männer seien Müll, der kann sein Netzwerk entsprechend geschlossen halten und sich nur noch in diesem Austauschen. Das kann auch geschlossene Accounts und Benutzergruppen bedeuten, ebenso wie auch nur einen eingeschränkten Nutzerkreis. Gerade bei Jugendlichen sehen wir diesen Trend deutlich häufiger. Sie setzen nicht auf breite Streuung ihrer Inhalte, sondern auf den ausschließlichen Austausch ihrer Inhalte untereinander. Content wird dann nur noch in der Whatsapp-Gruppe oder auf dem eigenen Snapchat-Channel geteilt. Alles andere ist irrelevant und uninteressant, will man nicht gerade als Instagram-Model oder Influencer Karriere machen.

Blockieren bedeutet Freiheit

Sascha Lobo hat es in einem ausführlichen Beitrag auf Spiegel Online einmal selbst gesagt: Blockieren bedeutet Freiheit, keine Zensur. Diesen Worten möchte ich mich anschließen. In den vergangenen Jahren ist der Druck, der auf mich aufgebaut wurde immer stärker geworden. Ein Auseinandersetzen mit Hass und Hasstiraden braucht es nicht. Entsprechend blockiere ich seit Jahren erfolgreich jeden blödsinnigen User, der mir unterkommt. Zur Freiheit gehört eben, dass man sich mit Idioten nicht auseinandersetzen muss und braucht. Da halt ich es aus Erfahrung mit einem Zitat, dass (völlig falsch) Einstein zugesprochen wird und blockiere lieber.

Der Hauptgrund für Stress ist der tägliche Kontakt mit Idioten.

Anonym

Im Grunde bauen wir uns dadurch auch unseren eigenen Schutzraum. Ich werde nicht glücklich mit dem Hass, der mir entgegenschlägt, ich muss ihn aber auch nicht ertragen und einfach hinnehmen. Natürlich melde ich Accounts, aber ich melde sie nicht, weil sie Hass säen, sondern weil sie Jugendgefährdend sind. Das bringt – Erfahrungsgemäß mehr – als darauf zu hoffen, dass ein Netzwerk einen Account offline nimmt, weil dieser z.B. was gegen das Judentum gesagt hat. Auf der anderen Seite versuche ich mich vor allem von einer Sache zurückzunehmen: Der Schweigespirale. Die Theorie ist nicht neu und wird immer wieder in jüngeren Studien auch zu sozialen Netzwerken neu aufgestellt. Wenn man einen Beitrag postet und es gibt Kritik, dann kann es sein, dass man zur Selbstzensur neigt.

Zum Schluss: Keine Selbstzensur

Einige Subjekte versuchen auch durch diese Methode das Gegenüber zum Schweigen zu bringen. Das funktioniert auch meistens sehr gut. Das Problem ist, dass damit aber die Gutmütigkeit eines Menschen ausgenutzt wird. Es ist sehr schwer ein Gleichgewicht zu halten, wenn man unsicher ist. Es ist aber wichtig, sich nicht mundtot machen zu lassen, von einem Haufen von Intriganten. Genau deshalb muss man genauer hinschauen, welche Kritik man annimmt und welche man von sich weist. Vor allem aber darf es nicht dazu führen, dass man von anderen bestimmen lässt, was man sagt, wie man es sagt, wo man es sagt und wann man es sagt.

Freiheit bedeutet Verantwortung. Und Verantwortung bedeutet, dass man die Wahrheit nicht zensiert, nur weil ein paar Leute sich auf den Schlips getreten fühlen. Sonst überlassen wir das Netz denen, die aktuell in der Mehrheit sind: Idioten.

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Über Akif Sahin

Blogger Akif Sahin aus HamburgAkif Sahin arbeitet als Spezialist für Suchmaschinen-Marketing (SEO/SEA) bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Er ist Blogger, Social Media und SEM Experte und engagiert sich für eine bessere Gesellschaft.

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