← Zurück zum Blog

Ramadan – schlaflos, Counseling und Iftar-Programme

Ramadan ist nicht nur Verzicht, er ist Konfrontation. Mit Schlaflosigkeit, Counseling, Verantwortung, Krankheit und den Rissen in unseren Gemeinschaften.

Ich habe die ganze Nacht durchgemacht. Ich dachte mir, ein paar Stunden werde ich nach Sahur schon schlafen können. Pustekuchen. Ich war eher komplett ausgelaugt pünktlich zu meinem ersten Meeting wach. Doch dann: Das Meeting wurde nach hinten verschoben. Wieder hingelegt, wieder nicht schlafen können.

Man darf nichts erzwingen. Ich habe dafür noch bis vorhin an meinen Projekten gesessen und gearbeitet. Zwischendurch immer wieder Unterbrechungen und kurz Iftar. Es ist gut, wenn man in seiner Arbeitszeit flexibel ist und auf die 8 Stunden über den Tag verteilt auch kommen kann, ohne dass man sich fix und fertig machen und ins Büro rennen muss.

Diese Vorteile meines Jobs genieße ich im Ramadan. Bei anderen Jobs war es schlimmer: Da hieß es einfach, wach werden, müde zur Arbeit, wenn man unruhig oder gar nicht geschlafen hat. Dazu noch Leistungseinbußen und am Ende war niemand glücklich. Work-Life-Balance ist bei mir auch Ramadan-Life-Balance. Alhamdulillah für alles, was war, was ist und was sein wird. Man weiß solche Dinge besser zu schätzen.

Krebs ist eine Bitch

Ich bekomme später nach dem Iftar einen Anruf, sitze da noch an einem Blogprojekt und bin kurz vor dem Abschluss. Gerade richtig, muss man sagen: “Akif abi, ich bin bei dir in Wilhelmsburg. Wollen wir einen Kaffee trinken?” Natürlich wollen wir einen Kaffee trinken. Der Bruder ist mir lieb, er gehört zu meinen Schülern und ich war sein Mentor.

Wir gehen in mein Stammcafé, weil es bereits aufhat. Normalerweise im Ramadan erst nach dem Taraweeh-Gebet, aber dieses Jahr hat man feste Zeiten eingeführt, höre ich. Ich bestelle meinen Flat White, er seinen Kaffee, wir gehen raus, zünden Zigaretten an. Dann erzählt er.

Die Ärzte haben einen Fleck im Hirnbereich bei seiner Mutter entdeckt. Sie war bereits in Behandlung, Chemo und alles hinter sich. Es ging ihr besser und jetzt das. Er ist natürlich etwas durcheinander. Ich erinnere ihn daran, dass es mehrere Möglichkeiten dafür gibt. Dann frage ich nach ihrem neurologischen Befinden, ob es Auffälligkeiten gibt.

Beim letzten Mal hatte die Mutter Zeichen einer Demenz gezeigt, was aber nur am Tumor lag. Jetzt ist alles soweit okay. Dann ist es auch kein schlechtes Zeichen. Es muss vermutlich wieder operiert werden, wieder eine Chemo gemacht werden. Die Onkologie wird sich damit beschäftigen. Er muss ihr nur zur Seite stehen und da sein. Ich wünsche ihr Allahs Segen und baldige Genesung.

Wir reden dann über Gott und die Welt. Über die jüngsten Gerüchte bezüglich eines Uni-Professors, über vertane Chancen bei der muslimischen Community, über aktuelle Jobs und Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Über die Liebe und die Leiden als Single. Der Kaffee ist zu Ende, die Arbeit ruft. Wir umarmen uns und verabschieden uns. Er muss ohnehin los, die Kinder vom Sport abholen.

Wir sind gesegnet mit Freundschaften und lieben Menschen um uns herum, die uns nicht nur in unseren schwersten Stunden aufsuchen, sondern uns auch immer um Rat bitten, wenn es ihnen nicht gut geht oder sie am Scheideweg stehen. Die uns manchmal auch nur deshalb anrufen, weil “niemand besser zuhören” kann. Alhamdulillah für unser Umfeld, früher, heute und morgen.

Iftar-Programme

Zurück am Schreibtisch setze ich mich an das nächste Projekt. Kaum habe ich den einen Teil des Projektes, der heute noch fertig sein sollte, erledigt, klingelt mein Telefon. Eine WhatsApp. Eine Nachricht von einem früheren Schüler. “Ramadan Mubarak, Akif abi! Wie geht’s dir?” Ich weiß sofort, dass er ein Anliegen hat. Also schreibe ich zurück, dass es mir gut geht, ich dankbar für alles bin und ich hoffe, dass es ihm auch gut geht.

Er schreibt, dass er eine kurze Frage hätte. Ich will gerade sagen, ruf doch einfach an, da ruft er an. Wir reden. Er fragt mich über die aktuelle Struktur und personelle Aufstellung einer muslimischen Organisation in Hamburg aus. Ich schmunzle, erkläre ihm, wie die aktuellen Strukturen sind und wer von der alten Truppe dort noch übrig ist.

Irgendwann rückt er mit dem Thema raus. Es ist im Ramadan üblich, dass bestimmte Organisationen, darunter auch diese, Iftar-Abende veranstalten, bei denen bestimmte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und auch wichtige Mitglieder der Community eingeladen werden. Nur manchmal passieren Fehler. Und anscheinend hat man dieses Jahr einen großen Fehler gemacht.

Der Vater, ein angesehener Mann der muslimischen Community, mit vielfachen Verdiensten und weiterhin auch gutem persönlichem wie finanziellem Einfluss, wurde dieses Jahr anscheinend nicht eingeladen. Der Sohn ist aufgebracht und enttäuscht. Ich erkläre ihm, dass Fehler passieren können und er ruhig nachhaken soll, bei einem der Verantwortlichen.

Ich nenne ihm die Namen, die er kontaktieren soll, er kontaktiert die Leute und geht dem nach. Es geht ihm sehr ans Herz, ich ermahne ihn, ruhig zu bleiben. Solche Fehler (und ich gehe wirklich davon aus, dass es ein Fehler ist, weil so dumm kann niemand sein, diese Person nicht einzuladen) können passieren. Es ist dabei so, wie mit Hochzeiten: Wenn man eine wichtige Person vergisst, vergisst die Person das ein Leben lang nicht mehr. Und bevor noch mehr Schaden entsteht, sollte man das aus der Welt schaffen.

Man sieht sich immer zweimal im Leben

Das Lustige ist: Der Vater weiß nicht, was sein Sohn macht. Ich muss belustigt an meine Situation denken. Ich habe vor vielen Jahren mal einen Beitrag über den Unsinn solcher Veranstaltungen geschrieben. Irgendwann hat sich bei mir das Bild doch verändert, weil es doch irgendwie einen Nutzen über die eigene Community hinaus hat. Aber es ist lustig, weil ich selbst seit über sechs Jahren nicht mehr zu einem Iftar dieser Organisation eingeladen werde.

Damals hat sich der Vorsitzende gemeinsam mit seinem Mentor hingesetzt und meinen Namen aus der Gästeliste gestrichen. Und seinen untergebenen Speichelleckern hat er gesagt, sie sollen das beibehalten. Diese Armleuchter haben noch einige Zeit von mir den Hinweis bekommen: Nicht einladen ist okay, aber dann dürft ihr mich auch nicht um Hilfe bitten, wenn es bei euch brennt. Sie haben trotzdem angerufen, wenn es gebrannt hat, und von meiner Hilfe profitiert.

Ich habe nach meiner Scheidung die Schnauze vollgehabt und diese dreisten Leute aus dieser Organisation selbst gecancelt. Auch wenn sie wollten, könnten sie nicht mehr anrufen. Ich setze mich jedenfalls nicht mehr so einfach an einen Tisch, wo diese Leute sind. Ich habe meinen Kreis, ich habe meine Freunde, Menschen, denen ich bis heute dankbar bin, und ich habe meinen Einfluss in dieser Organisation. Und ich sage das sehr offen: Man sieht sich immer zweimal im Leben.😘

Fehler kann man korrigieren!

Kommen wir aber zurück zu diesem Fall: Es gibt Menschen, die der Community helfen, die sich auch finanziell beteiligen und das immer sehr verdeckt und reserviert tun. Aus meiner Sicht ist es besser, diese Menschen einzuladen und nicht zu verprellen, als den Bürgermeister, den Vertreter der katholischen oder protestantischen Kirche oder der jüdischen Gemeinde vor Ort einzuladen.

Denn neben der politischen und gesellschaftlichen Wirkung müssen die eigenen muslimischen Vorbilder, die sogar jahrzehntelang in der Community gearbeitet haben, die Community von der Basis her aufrechterhalten. Ohne diese Menschen bricht das System langfristig in sich zusammen. Und viele Organisationen neigen in den vergangenen Jahren dazu, ihre eigene Community zu verprellen, sich aber mit politischen wie auch gesellschaftlichen Akteuren gutzustellen. Es braucht aber ein gutes Gleichgewicht.

Ich hoffe, dass man den Fehler schnell erkennt und korrigiert — wobei hinter der Ausladung der gleiche Typ steckt, der auch in meinem Fall intrigiert hat und immer so tat, als könne er da nichts machen. Ich hoffe, dass ihm sehr schnell dämmert, dass es ein Fehler war.

Die Arbeit für den Tag ist getan. Alle Pflichten sind erfüllt. Ich habe eigentlich Lust auf was Süßes, aber ich habe absichtlich nichts gekauft, da ich sparsam sein wollte. Jetzt habe ich das Nachsehen. Entweder ich mache einen Kakao oder… Moment, da fällt mir ein, ich habe noch Eis im Kühlfach.

Pro-Tipp: Ramadan-Abende als Single und Eis sind die beste Kombi für einen guten Ausklang in die Nacht.

Ich bekomme eine Sprachnachricht auf mein Handy. Ich höre ab und erfahre: Die Ausladung war ein Fehler, vermutlich einem automatischen Prozess der Datenbereinigung geschuldet. Geht doch! Der Tag ist durch ein Happy End am Ende gerettet, und ich sehe gleich fern. Alhamdulillah.

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.