اَلَّذٖینَ اٰمَنُوا وَتَطْمَئِنُّ قُلُوبُهُمْ بِذِكْرِ اللّٰهِؕ اَلَا بِذِكْرِ اللّٰهِ تَطْمَئِنُّ الْقُلُوبُؕ ﴿٢٨﴾
Der Vers-Teil am Ende des 28. Verses aus der Sure ar-Raʿd wird häufig einzeln zitiert. Man sieht ihn auf Bildern, auf Beiträgen oder in kurzen Reflexionen über den Qurʾān. Und ja, schon allein dieser Satz trägt eine enorme Kraft in sich. Aber wenn man den Vers im Zusammenhang seiner Offenbarungsgründe liest, wird die Bedeutung noch tiefer.
Denn auch dieser Vers steht nicht einfach nur als allgemeiner Trostspender im Qurʾān. Vorher geht es nämlich um die Menschen, die vom Propheten (saw) ein Wunder einfordern. Sie fragen, warum Muhammad (saw) nicht ein Zeichen von seinem Schöpfer (swt) herabgesandt wurde. Auf den ersten Blick klingt dies nachvollziehbar. Ein klares Wunder, ein sichtbarer Beweis, etwas, das über jeden Zweifel erhaben ist – wer wäre dann nicht bereit zu glauben?
Aber genau hier liegt der entscheidende Punkt.
Ibn Kathir (ra) erklärt in seinem Tafsir (Exegese), dass Allah (swt) selbstverständlich in der Lage gewesen wäre, ihnen solche Zeichen zu geben. Die Menschen forderten Dinge, die sie überwältigen und überzeugen sollten. Laut Überlieferungen forderten sie, der Berg Safa sollte zu Gold werden, Quellen sollten hervorsprudeln, die Landschaft um Mekka sollte sich verändern. Aber der Qurʾān macht deutlich: Das eigentliche Problem war nicht der Mangel an Zeichen. Das Problem waren Herzen, die sich der Wahrheit nicht öffnen wollten.
Auch der Tafsir der Diyanet, Kuran Yolu, betont diesen Zusammenhang. Die Aufgabe des Propheten (saw) war nicht, Menschen mit Wundern zum Glauben zu bringen. Seine Aufgabe war es, zu warnen, frohe Kunde zu bringen und den Menschen Wahrheit, Gerechtigkeit und das Gute zu zeigen. Ein Wunder, das jeden Menschen überzeugt, würde den Sinn jeglicher Prüfung aufheben. Denn Glaube ist nicht einfach eine Reaktion auf eine überwältigende Wahrheit. Glaube braucht eine innere Bereitschaft und Vertrauen.
Schaut auf die Herzen
Dies ist der Grund, warum der Qurʾān (der selbst als Wunder gilt) nicht auf die Forderung nach einem Wunder antwortet. Der Qurʾān lenkt den Blick auf das Herz der Menschen. Allah (swt) leitet zu Sich, wer sich Ihm zuwendet. Wer sich abwendet von den schlechten Dingen dieser Welt. Wer sich abwendet und sucht. Wer nicht nur Beweise wie Trophäen sammelt, sondern wirklich bereit ist, geführt zu werden. Glaube heißt schließlich auch Vertrauen.
Und genau an dieser Stelle folgt der gesamte Vers als Antwort:
„Diejenigen, die glauben und deren Herzen im Gedenken Allahs Ruhe finden. Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.“
Qur’an, Sure 13, Vers 28
Dieses Wissen über den Background verändert auch unseren eigenen Blick auf diesen Vers. Die Ruhe des Herzens ist nicht einfach ein angenehmes Gefühl. Es ist nicht einfach bloße Entspannung. Es ist auch nicht dasselbe wie ein kurzer Moment ohne Stress. Dieses Gefühl ist ein Ergebnis der Hinwendung zu Allah (swt).
Vielleicht ist das der Punkt, der mich an diesem Vers so berührt. Der mich immerzu an ihn denken lässt. Wir leben in einer Zeit, in der wir alle von Unruhe in uns selbst und um uns herum geprägt sind. Wir sind umgeben von Ablenkung, Unterhaltung, Konsum, sozialen Medien, schrecklichen Nachrichten, harter Arbeit, unklaren Plänen, und Zielen, und trotzdem spüren wir tief in uns eine innere Leere. Wir sind beschäftigt und haben trotzdem keinen Frieden in uns. Wir erreichen alles Mögliche in unserem Leben und trotzdem spüren wir, dass unser Herz nicht angekommen ist.
Alles ist vergänglich, aber Allah (swt) bleibt
Der Qurʾān sagt uns an dieser Stelle etwas zunächst sehr Einfaches und zugleich sehr Tiefes: Das Herz findet seine Ruhe nicht in den Dingen, die vergehen. Es findet seine Ruhe im Gedenken Allahs (swt). Dein Reichtum, deine Gaben, deine Kinder – alles ist vergänglich. Aber Allah (swt) bleibt.
„Dhikr“ ist dabei mehr als nur das Wiederholen von einfachen oder bestimmten Worten. Natürlich gehören Worte wie Alhamdulillah, SubhanAllah, La ilaha illallah, Allahu Akbar und Astagfirullah dazu. Sie reinigen unsere Zungen und unsere Herzen. Aber Dhikr ist größer als ein Wort oder eine einfache Formel. Dhikr ist immer eine Rückkehr. Es ist das bewusste Erinnern daran, wer Allah (swt) ist, wer wir sind und wohin wir zurückkehren werden.
Dhikr ist manchmal aber nicht nur die Worte, die wir immer wieder aufzählen. Manchmal ist das Lesen, Verstehen und Leben des Qurʾān auch ein Gedenken an Allah (swt). Diese Erkenntnis ist wichtig. Denn der Qurʾān wird an mehreren Stellen ebenfalls als „Dhikr“ bezeichnet. Die Herzen finden also Ruhe im Gedenken Allahs (swt), aber auch im Lesen, Hören und Verstehen seiner Offenbarung. Deshalb umgibt uns auch immer ein warmer Segen um unser Herz, wenn wir konzentriert und bedächtig der Rezitation lauschen oder selbst rezitieren.
Wir sind nicht allein
Der Qurʾān erinnert uns daran, was wir in der Hektik unseres Alltags ständig vergessen. Diese Welt ist nicht alles und unsere Prüfungen im Leben sind nicht sinnlos. Allah (swt) sieht, hört, weiß und führt uns. Wir sind auch dann nicht allein, auch wenn wir uns allein und einsam fühlen.
Ibn Kathir (ra) beschreibt diese Erkenntnis und Ruhe als ein inneres Vertrauen. Die Herzen der Gläubigen finden Trost an der Seite Allahs (swt). Sie werden ruhig, wenn Allah (swt) erwähnt wird, und sie sind zufrieden damit, Allah (swt) als Beschützer und Helfer zu haben.
Das heißt nicht, dass Muslime, die an Allah (swt) glauben, nie traurig sind. Es bedeutet auch nicht, dass sie vor Sorgen, Ängsten, Schmerzen oder Leid geschützt sind. Der Islam und der Qurʾān versprechen uns nicht eine Welt ohne Prüfungen und Leid. Auch ein Herz, dass Allah (swt) gedenkt, kann müde sein, verletzt sein oder sogar weinen. Aber die Herzen, die Allah (swt) gedenken, verlieren nicht ihren Kompass in dieser häufig grausamen Welt.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen „betäuben“ und „verinnerlichen.“
Unser Herz gehört dem Schöpfer (swt)
Viele Dinge auf dieser Welt sind vergänglich. Sie beruhigen uns vielleicht kurz, lenken uns ab oder betäuben uns. Die Unruhe in uns wird nur verschoben auf einen späteren Zeitpunkt. Nicht wirklich behandelt. Aber Dhikr führt unsere Herzen zum Ursprung zurück. Es erinnert uns alle daran, dass wir nicht nur einfach funktionieren müssen. Es erinnert uns daran, dass wir nicht nur aus Sorgen, Aufgaben und Erwartungen bestehen. Unser Herz gehört dem Schöpfer der Welten.
Vielleicht sollten wir diesen Vers deshalb nicht einfach nur dann lesen, wenn es uns schlecht geht. Vielleicht sollten wir ihn gerade dann ernst nehmen, wenn wir merken, dass unser Herz zu laut geworden ist. Wenn unsere Gedanken überhand gewonnen haben und die Welt viel zu schwer auf unseren Schultern zu lasten scheint. Wir sollten uns an diesen Vers erinnern, wenn wir äußerlich weitermachen, aber innerlich müde geworden sind.
Dann ist Dhikr keine Flucht aus der Realität. Der Dhikr ist eine Rückkehr zur Wirklichkeit.
Im Gedenken Allahs (swt) finden die Herzen Ruhe, weil die Herzen dort ankommen, wo sie hingehören.
Inna lillahi wa inna ilayhi radschiuun. (Wir gehören zu Allah (swt) und zu Ihm kehren wir heim.)
Verwendete Quellen:
- Kur’an Yolu Tefsiri Cilt: 3 Sayfa: 288-289
- afsir Ibn Kathir, Kapitel 13
