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IGMG Niedersachsen wieder im Verfassungsschutzbericht

Erstmals nach 2014 taucht die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in Niedersachsen wieder im Verfassungsschutzbericht auf. Die Erwähnung ist nicht nur ein Warnsignal an die gesamte Milli Görüs, sondern an alle muslimischen Verbände.

Vor ein paar Tagen wurde der Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2025 des Landesamtes für Verfassungsschutz in Niedersachsen veröffentlicht. Die IGMG steht dabei wieder deutlich stärker im Fokus des Verfassungsschutzes als in den Jahren zuvor, wie auch der Islamismus-Experte und Autor Eren Güvercin auf X öffentlich gemacht hat. Seit 2014 wurde die IGMG in Niedersachsen nicht mehr als eigenständiges Beobachtungsobjekt durch den Verfassungsschutz geführt. Damals hieß es, die extremistische Milli-Görüs-Ideologie habe im Landes- bzw. Regionalverband Niedersachsen an Bedeutung verloren. Außerdem sei eine Distanzierung des Landesverbands vom Bundesverband in Köln erkennbar gewesen.

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Ob diese Distanzierung wirklich passiert ist, oder überhaupt je bestand, wurde in der Vergangenheit von Experten immer wieder infrage gestellt. Zumindest scheint diese Distanz nicht mehr in gleicher Weise vorhanden zu sein, wie man es einst angenommen hat. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht heißt es, die IGMG in Niedersachsen weise als Teil der bundesweiten Strukturen „wahrnehmbar wieder engere Verbindungen“ zur Bundeszentrale in Köln auf. Auch eine Nähe zum ideologischen Gründer der Milli Görüs, Necmettin Erbakan, und seinen Ideen sei teilweise weiter feststellbar. Das ist eine deutliche Neubewertung der IGMG in Niedersachsen und könnte der Anfang einer deutlich stärkeren Beobachtung des Landesverbands sein.

Rückkehr in den Verfassungsschutzbericht ist brisant

Man muss an dieser Stelle sauber unterscheiden: Nicht jeder Moscheebesucher ist ein Islamist. Nicht jede religiöse Bildungsarbeit ist extremistisch. Und nicht jede lokale Gemeinde denkt automatisch in den politischen Kategorien Necmettin Erbakans.

Aber der Verfassungsschutz bewertet nicht private Frömmigkeit oder Religiosität. Er bewertet Organisationen, Netzwerke, ideologische Bezüge und politische Bestrebungen. Genau deshalb ist die erneute Erwähnung und die Wiederaufnahme der IGMG Niedersachsen im Abschnitt Islamismus des Verfassungsschutzberichtes so brisant.

Die Milli-Görüs-Bewegung (MGB) wird vom Verfassungsschutz seit Jahren als islamistische Strömung eingeordnet und entsprechend bewertet. Im Zentrum steht dabei das ideologische Erbe Necmettin Erbakans. Es verknüpft Religion, Politik, gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen und eine Ablehnung westlicher sowie pluralistischer Systeme miteinander. Der niedersächsische Verfassungsschutzbericht beschreibt dabei die Milli-Görüs-Ideologie als Gegenentwurf zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Explizit wird dabei auch auf eine antisemitische Grundhaltung innerhalb dieser Denkstruktur verwiesen.

Das Problem der IGMG ist deshalb nicht, dass sie Moscheen betreibt oder religiöse Dienste anbietet. Das Problem ist die Frage, ob sie sich glaubwürdig und dauerhaft von der politischen Ideologie ihrer eigenen Herkunft gelöst hat.

Genau hier entstehen Zweifel.

IGMG unter Kemal Ergün: Zurück zum Islamismus?

Seit 2011 ist der Vorsitzende der IGMG Kemal Ergün. Unter seiner Führung hat die IGMG nach außen immer wieder versucht, als religiöser, sozialer und dialogorientierter Verband wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig wirkt die Distanz zur alten Milli-Görüs-Ideologie nicht überzeugend genug. Allein die vereinsinterne Erzählung, Erbakan habe noch auf dem Sterbebett verfügt, dass Kemal Ergün der neue Vorsitzende der IGMG sein soll, erschwerte diese Distanzierungsbeteuerungen von Beginn an.

Dabei werden auch Beteuerungen ad absurdum geführt, wenn diese widersprüchlich erscheinen. Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg stellte bereits 2023 eine Form der doppelten Kommunikation öffentlich an den Pranger. Dabei wurde auch den öffentlichen Äußerungen von Ali Mete (Generalsekretär der IGMG) direkt widersprochen.

So spiele das Gedenken an Necmettin Erbakan innerhalb der Milli-Görüs-Bewegung weiterhin eine wichtige Rolle. Besonders problematisch ist dabei allerdings nicht die bloße historische Erinnerung. Problematisch ist, wenn Erbakan weiterhin positiv vom Vorsitzenden Ergün bis hinunter auf die Gemeindeebene gewürdigt wird, ohne seine antisemitischen, antiwestlichen und antipluralistischen Denkmuster klar und öffentlich aufzuarbeiten.

Und genau hier liegt die eigentliche Schwäche der IGMG. Sie möchte als moderater Ansprechpartner für Politik und Gesellschaft auftreten, bleibt aber in Teilen geistig an eine Bewegung gebunden, deren politisches Zielbild nicht mit einer offenen demokratischen Gesellschaft vereinbar ist. Kemal Ergün ist dabei der Grund dafür, dass es nicht zu einer Weiterentwicklung kommt, sondern zu einer Rückwendung zu alten Mustern.

Eine muslimische Organisation kann jedoch nicht auf Dauer beides sein. Sie kann nicht nach außen Dialogpartner des Staates sein und nach innen weiterhin mit Symbolen, Personen und Erzählungen arbeiten, die aus dem Milieu des politischen Islam stammen.

Auch das BIG in Hamburg ist betroffen

Die Entwicklung in Niedersachsen trifft bei genauem Hinsehen übrigens nicht nur die IGMG. Auch das Bündnis der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland, kurz BIG, welches als Ableger der IGMG für Norddeutschland gilt, ist betroffen. Der Verein ist nach eigener Darstellung ein Zusammenschluss von Moscheegemeinden und verschiedenen Initiativen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. In Niedersachsen werden mindestens zwei Moscheen in Stade und Buxtehude dem BIG zugerechnet. Eine weitere Moschee befindet sich nach Informationen dieses Blogs neuerdings auch in Neu Wulmstorf.

Das ist auch deshalb wichtig, weil die Moscheen des BIG über den Dachverband SCHURA auch in Hamburg am Staatsvertrag beteiligt sind. Wenn also die IGMG Niedersachsen im Verfassungsschutzbericht geführt wird, dann wirkt eine Neubewertung in Niedersachsen automatisch auch über die Landesgrenzen hinaus und kann auch in Hamburg und Schleswig-Holstein zu politischen Verwerfungen und Änderungen im bisherigen Dialogprozess führen.

Weder die Politik noch der IGMG-Ableger in Hamburg können also vorgeben, als ginge es nur um Niedersachsen. Und Niedersachsen kann nicht vortäuschen, als ginge es nur um einzelne lokale Gemeinden. Es geht um die Entwicklung des Regionalverbands. Die IGMG funktioniert nicht allein als lose Sammlung unabhängiger Moscheevereine. Sie ist Teil eines größeren organisatorischen und ideologischen Zusammenhangs.

Gerade deshalb ist das BIG für diese Debatte sehr relevant. Es steht an der Schnittstelle zwischen religiöser Gemeindearbeit, norddeutscher Verbandsstruktur, Hamburger Islamverträgen und dem IGMG-Milieu. Wer über die IGMG Niedersachsen spricht, muss deshalb auch über die norddeutschen Verflechtungen sprechen. Zumal sich das BIG im vergangenen Jahr auch nicht gerade rühmlich bekleckert hat.

Wenn man sich das historisch auch anschaut, war es damals der Hamburger Landesverband und das BIG, die als erste aus dem Verfassungsschutzbericht einer Landesbehörde herausgenommen wurden. Ich weiß das, weil ich den exklusiven Bericht damals noch als Journalist für das Online-Magazin IslamiQ geschrieben habe. Wenn also eine Rückentwicklung und Hinwendung zum Islamismus passiert, sollte man Hamburg definitiv im Blick behalten.

Warnschuss oder ein erster Schritt zur stärkeren Beobachtung?

Die erneute Aufnahme der IGMG im Bereich Islamismus beim Verfassungsschutzbericht in Niedersachsen könnte erst der Anfang einer Gegenbewegung zur bisherigen Bewertung sein. Andere Bundesländer bewerten die IGMG oder die Milli-Görüs-Bewegung bereits seit Jahren kritisch. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt die Milli-Görüs-Bewegung als bedeutende islamistische Strömung in Deutschland.

Die neue Einordnung in Niedersachsen könnte erst der Anfang sein. Andere Bundesländer bewerten die IGMG oder die Milli-Görüs-Bewegung bereits seit Jahren kritisch. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt die Milli-Görüs-Bewegung als größte islamistische Organisation in Deutschland. (Stand: März 2025)

Wenn man in Niedersachsen nach über einem Jahrzehnt wieder genauer hinschaut, stellt sich die Frage, ob andere Länder nachziehen werden. Besonders dann, wenn sich der Eindruck erhärtet, dass die IGMG bundesweit wieder stärker an alte Milli-Görüs-Strukturen aneckt, an Erbakan-Bezüge und an eine politisch-islamistische Identität anknüpft.

Das wäre und ist bereits für die IGMG ein ernstes Problem. Denn die Organisation lebt nicht nur von ihren Gemeinden. Sie lebt auch davon, als Ansprechpartner wahrgenommen zu werden: von der Politik, Verwaltung, Schulen, Integrationsprojekten oder interreligiösen Dialogformaten.

Genau diese Rolle könnte nun schneller verloren gehen, als man glaubt.

De Vries und die Frage nach staatlichen Ansprechpartnern

An dieser Stelle wird auch der Unionspolitiker Christoph de Vries relevant. Der CDU-Politiker und Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium hat jahrelang kritisiert, dass islamistische Akteure sich als seriöse Ansprechpartner für die Politik anbieten und auch noch stillschweigend akzeptiert würden. Bereits 2021 sagte er sinngemäß, dass Islamisten von einem schwachen Staat profitieren würden, der aus Angst vor dem Islamophobie-Vorwurf wegsehe und Islamisten teilweise sogar als seriöse Ansprechpartner akzeptiere.

Das ist politisch nicht neu. Neu ist aber, dass diese Linie nun stärker in Regierungshandeln übersetzt wird. Das BMI hat unter Leitung von Christoph de Vries bereits einen Beraterkreis „Islamismusprävention und Islamismusbekämpfung“ eingerichtet. Wenn der Anspruch ernst gemeint ist, von Sicherheitsbehörden beobachtete islamistische Strukturen nicht länger als normale Partner der Islam- und Integrationspolitik zu behandeln, dann wird es für die IGMG und ihr Umfeld zunehmend enger.

Das betrifft zuallererst den Islamrat. Der Islamrat war lange ein Dachverband, über den die IGMG mittelbar politisch anschlussfähig geblieben ist. Wenn sich aber abzeichnet, dass der Islamrat bei der künftigen Islamkonferenz keine Rolle mehr spielt (übrigens genauso wie der Zentralrat der Muslime), wäre das ein weiterer Einschnitt.

Nach Informationen dieses Blogs wurde vor ein paar Wochen zu einem ersten Treffen für die künftige Deutsche Islamkonferenz (DIK) eingeladen. Vor Ort war jedoch weder die IGMG noch der Islamrat vertreten. Als Ersatz war eine Person von der Islamischen Föderation Berlin (IFB) anwesend. Der Zentralrat blieb ebenfalls außen vor. Öffentlich bestätigt ist diese Information bislang nicht. Trotzdem passt sie in ein größeres Bild: Der Staat scheint vorsichtiger zu werden, wen er als legitimen muslimischen Ansprechpartner anerkennt und überhaupt in seine Dialogformate einbindet.

Dazu passt auch, dass der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Anfang Juni erstmals offensiv vor der Unterwanderung der Politik durch islamistische Akteure gewarnt hat.

IGMG steht vor einer Entscheidung

Für muslimische Gemeinden in Deutschland ist die aktuelle politische Entwicklung ernst. Denn es wird immer wichtiger, klare Trennlinien zu haben. Wer religiöse Arbeit leistet, muss nicht unpolitisch sein, aber wer demokratische Anerkennung sucht, muss sich eindeutig von Islamismus, Antisemitismus und autoritären Ordnungsvorstellungen endgültig lösen.

Die IGMG hat diese Klärung nie überzeugend vollzogen. Mit dem aktuellen Personal an der Spitze des Verbands dürfte dies auch nur unzureichend gelingen. Man spricht nach außen von Teilhabe, Dialog und Bildungsarbeit. Gleichzeitig bleibt das Erbakan-Erbe sichtbar. Und wenn der niedersächsische Verfassungsschutz nun wieder engere Verbindungen nach Köln und eine teilweise Nähe zu Erbakans Grundlagen feststellt, dann ist das kein kleines Detail. Es ist ein Warnsignal.

Ich glaube, die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob einzelne IGMG-Gemeinden gute Arbeit vor Ort machen. Das tun viele Moscheen. Die Frage lautet, ob die Organisation als Ganzes bereit ist, ihre ideologische Herkunft wirklich hinter sich zu lassen.

Solange eine klare Antwort ausbleibt und sich eher ein „Nein“ herausliest, wird der Druck auch auf die gesamte IGMG und ihre Mitglieder und auch Moscheebesucher steigen. Niedersachsen könnte der erste sichtbare Schritt seit Jahren sein. Andere Bundesländer könnten folgen und sogar noch stärkere Tendenzen hin zu problematischen Einstellungen feststellen. Und auch auf Bundesebene könnte die IGMG und auch der Islamrat komplett den Anschluss verlieren.

Für die IGMG ist das ein Problem. Für die muslimische Zivilgesellschaft in Deutschland kann es aber auch eine Chance sein. Denn glaubwürdige muslimische Repräsentation benötigt keine Organisationen, die geistig im Schatten des Islamismus stehen. Muslime in Deutschland benötigen unabhängige, transparente und demokratisch klare Stimmen.

Mit Kemal Ergün ist das nicht zu machen.

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.