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Ramadan zwischen Routinen, Iftar und der Banalität des Seins

Ramadan ist nicht nur Verzicht, sondern auch Struktur. Zwischen Hausarbeit, Busstreik, Iftar bei den Eltern und nächtlichen Gesprächen zeigt sich, wie sehr Routinen tragen können — und wie viel Ruhe im Alltäglichen liegt.

Einkäufe, Aufräumen, Putzen, Wäsche vorbereiten — auch wenn man fastet, macht sich die Hausarbeit nicht von selbst. Das Einzige, was mich heute freut: Ich muss nicht kochen, bin bei meinen Eltern eingeladen, und ich freue mich drauf — auch wenn die Busfahrer:innen streiken.

Mir fällt auf, dass mir einige Dinge einfacher fallen als früher. Überwinden musste ich mich nie, aber es dauert alles nicht mehr so lang. Wenn tägliche Aufgaben einfach nebenherlaufen, ist es das größte Gefühl für mich. Die Routinen, die man sich aufbaut, zeigen sich im Ramadan auch noch mal als gute Investition, denn sie sparen Zeit und Nerven.

Irgendwann werde ich doch noch müde, die Nacht war viel zu kurz und anstrengend. Also lege ich mich noch mal hin und als ich aufwache, sind es noch 45 Minuten bis Iftar. Zeit also, sich frisch zu machen und sich dann auf den Weg zu begeben. Der Busstreik hat auch bei uns alles lahmgelegt, was Erreichbarkeit per ÖPNV betrifft. Ich miete mir also einen E-Scooter und düse durch die Straßen. Mittendrin prasseln heftige Regentropfen auf mich ein. Ich bin irritiert, aber es legt sich schnell wieder.

Bei meinen Eltern darf ich erstmal die Banking-App aktualisieren und die Koran-Software auf dem Tablet meines Vaters aktualisieren. Irgendwie will es nicht so, wie er es möchte. Am Ende stelle ich ihn komplett auf eine neue Version um, wo sein Lieblingsrezitator, die Übersetzung, der Tafsir und das Arabische auch in der größten Schriftgröße angezeigt werden. Er ist zufrieden.

Iftar, Nachrichten und Abschalten

Wir essen, meine Mutter hat lecker gekocht — natürlich auch wieder einiges für mich zum Mitnehmen aufgesetzt. Ich soll ja nicht verhungern. (Was ich wirklich nicht tue. Ich habe die Befürchtung, dass ich doch zu viel esse.) Im Fernsehen wird die Ansprache des türkischen Präsidenten aus Istanbul übertragen, Berichte, wonach Chamenei tot sein soll, werden lanciert. Der Krieg im Iran überragt alles und ist das Hauptthema. Ich schalte ab.

Wir sprechen über Iftar-Einladungen. Ich habe noch eine weitere Einladung erhalten, die ich leider nicht wahrnehmen kann. Zu kurzfristig und andere Pläne. Baba erzählt von einem Weggefährten. Er ist anscheinend im Krankenhaus und soll eine Gehirnoperation haben. Ich nehme mir vor, seinen Sohn anzurufen und gute Besserung zu wünschen.

Es ist besonders dunkel, während ich mit einer Tragetasche beladen auf dem E-Scooter zurückkehre. Die Straßen sind nicht wirklich frei und irgendwie haben die Leute verlernt, links zu gehen oder den Fahrradstreifen frei zu machen. Ich muss öfter zur Klingel greifen und auf das Tempo achten. An manchen Stellen ist Abbremsen und langsam hinterherfahren doch sicherer.

Ich komme problemlos zu Hause an. Oben angekommen wird das Essen erst mal im Kühlschrank verstaut. Ich schnappe mir das Handy und rufe erst mal den Bruder an, dessen Vater im Krankenhaus liegt. Er geht natürlich nicht ran (ein viel beschäftigter Mensch), aber ich bin mir sicher, dass er zurückrufen wird. Ich wähle die Nummer eines anderen Bruders.

Auf meinem Rückweg habe ich gesehen, wie voll wieder die Moschee in Wilhelmsburg geworden ist. Heute findet auch ein Iftar für junge Leute statt — in deutscher Sprache. Letztes Jahr, war der Bruder mit seinem Sohn dabei und hatte mich spontan angerufen, um gemeinsam einen Kaffee zu trinken. Ich erinnerte mich daran und nahm es als Anlass, zu fragen, wie es ihm geht. Manchmal benötigt man einfach eine Ausrede.

Wir haben etwas länger telefoniert, über alles Mögliche gesprochen und uns versprochen, demnächst mal wieder zusammenzusitzen, wenn es klappt. Mal schauen. Vielleicht wird es ja sogar etwas im Ramadan. Mein Telefon klingelt, es ist der Bruder, dessen Vater im Krankenhaus liegt. Das Gespräch ist kurz, ich wünsche gute Besserung und Allahs Segen.

Etwas Unruhe ist immer noch bei mir. Ich entschließe mich, mir doch noch einen Kaffee draußen zu gönnen. Ab in mein Lieblingscafé um die Ecke. Anders als sonst bestelle ich keinen Flat White, ich nehme einen Latte macchiato mit Zucker. Es ist ein Ritual geworden. Nachdem ich hierher zog, ist mir aufgefallen, dass der Laden jeden Ramadan nachts aufhat. Für spontanen Kaffeegenuss, immer eine Gelegenheit.

Alleinsein, Erwartungen und einfache Wünsche

Ich stehe draußen, rauche und nippe an meinem Kaffee. Irgendwann bin ich fertig. Ich gehe nach Hause und lege mich auf die Couch. Es ist die Banalität des Seins. Mir fällt eine Frage ein, die ich heute in einem der Gespräche gehabt habe: “Hast du wieder geheiratet?”

Ich muss schmunzeln. Irgendwie ist man in meiner sozialisierten Community nichts wert, wenn man ein Single-Mann ist. Man muss unbedingt verheiratet sein, wenn man etwas sein will. Ich habe natürlich verneint und erklärt, dass ich es aktuell genieße, allein zu sein. Natürlich gibt es Momente, in denen man sich wünscht, jemand wäre da. Aber seien wir ehrlich: Die Ansprüche in unserer Zeit sind häufig bodenlos.

Das Thema Dating frustriert mich. Ich bin in der Hinsicht sehr einfach gestrickt. Entweder man passt zusammen oder man passt nicht zusammen. Es gibt keinen Grund für lange Kennenlernphasen. Was aber häufig schwierig ist, ist die persönliche Situation. Ich führe ein bescheidenes und einfaches Leben. Und das ist bereits das große Problem. Niemand will ein einfaches und langweiliges Leben führen. Ich schon.

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.