Jedes Jahr im Ramadan taucht sie wieder auf: die Diskussion darüber, ob und wie die Gesellschaft Rücksicht auf Muslim:innen nehmen sollte. Ein aktueller Bericht der BILD-Zeitung hat diese Debatte erneut angefacht. Anlass sind meist kleine Gesten oder organisatorische Entscheidungen — etwa kurze Spielunterbrechungen im Fußball, angepasste Prüfungszeiten in Schulen oder Kolleg:innen, die im Büro bewusst auf ihr Mittagessen verzichten.
Doch die eigentliche Frage lautet: Braucht es diese besondere Rücksicht überhaupt — oder entsteht hier eine Erwartung, die am Ende niemandem wirklich hilft? Während einige solche Gesten als Zeichen von Respekt und Zusammenhalt sehen, empfinden andere sie als übertrieben oder sogar als falsches Signal. Der Ramadan ist schließlich eine Zeit des Verzichts und der Selbstbeherrschung — und genau darin liegt für viele Fastende auch der eigentliche Sinn.
Muss die Gesellschaft im Ramadan Rücksicht auf Muslim:innen nehmen?
Also zunächst einmal: Die Gesellschaft muss gar nichts. Ich muss keine Rücksicht auf christliche Befindlichkeiten nehmen, ich muss auch sonst keine Rücksicht auf irgendwelche religiösen Befindlichkeiten nehmen. Ich kann und genauso kann auch die Gesellschaft, Rücksicht auf andere nehmen.
Das Hauptproblem ist jedoch, wie diese mögliche Rücksichtnahme aussehen soll. Ein konkretes und aktuelles Beispiel: Beim Zweitliga-Spiel zwischen Schalke 04 und Arminia Bielefeld wurde die Partie kurz unterbrochen, damit Spieler der Mannschaften ihr Fasten beenden konnten. Man habe sich im Vorfeld mit den Mannschaften und dem Schiedsrichter darauf geeinigt und es dann auch so gehandhabt. Einige reiben sich an dieser Geste bereits ab.
Es geht noch einfacher im Alltag in Deutschland: Kolleg:innen verzichten bei der Arbeit auf das Mittagessen im Büro oder den morgendlichen Kaffee am Arbeitsplatz, weil sie Mitarbeiter:innen, die fasten, nicht stören möchten. In der Schule verschieben Lehrkräfte absichtlich die Klausuren in die frühen Morgenstunden oder verzichten ganz auf diese im Ramadan, während andere bewusst an den Festtagen von muslimischen Schüler:innen keine Klausuren schreiben wollen.
Braucht es eine besondere Rücksicht?
Wenn wir ein gutes gesellschaftliches Miteinander fördern wollten, dann ist natürlich gegenseitige Rücksichtnahme unermesslich. Unsere Gesellschaft lebt von Vielfalt und der Tatsache, dass diese Vielfalt auch ständige Rücksicht erfordert. Allerdings habe ich mittlerweile den Eindruck, dass beim Thema Ramadan massiv übertrieben wird.
Es gibt Situationen, in denen die Rücksicht angemessen ist, beispielsweise beim Fußballspiel oder im Schulbetrieb. Aber der Verzicht auf Mittagessen oder den Kaffee am Arbeitsplatz ist für mich schon etwas merkwürdig. Ich als Muslim, der im Ramadan fastet, möchte nicht, dass sich andere in meiner Umgebung, sei dies im privaten oder beruflichen Kontext, meinetwegen einschränken und sich dabei auch eventuell unwohl fühlen.
Ramadan ist nicht nur Verzicht, sondern auch die Zeit für Selbstbeherrschung
Ich habe mich schließlich bewusst entschieden, in einer Gesellschaft, die mehrheitlich nichtmuslimisch ist, mein Fasten im Ramadan durchzuziehen. Dazu gehört auch, dass sich an meinem Alltag eigentlich nichts ändert, außer dass ich faste. Und es gehört zum Fasten dazu, dass man nicht nur verzichtet, sondern auch widersteht. Und wenn man gar keinen Versuchungen ausgeliefert ist, wie soll man dann Selbstbeherrschung lernen?
Deshalb finde ich manche Entscheidungen wirklich nicht nachvollziehbar. Es ist okay, im Ramadan Rücksicht zu nehmen, aber man sollte es nicht übertreiben. Und genauso ist es falsch, von seinen Mitmenschen zu erwarten, dass sie unbedingt Rücksicht nehmen sollen und, obwohl sie nicht mitfasten, sich plötzlich an Regeln halten sollen, die gar nichts mit ihnen zu tun haben. Ich muss das auch immer wieder betonen: Wir sind alle rücksichtslos, wenn es nicht gerade um den Ramadan geht.
Empathielos sein ist der Standard in Deutschland
Individualität und Kapitalismus haben dazu beigetragen, dass die Gesellschaft weitestgehend empathielos geworden ist. Wer da ernsthaft glaubt, er könne Rücksicht für sich und seine (religiösen) Anliegen verlangen, ist auf dem Holzweg. Jeder Mensch in diesem Land ist frei darin, zu tun, was er möchte, solange er oder sie dabei nicht die persönlichen Rechte anderer verletzt. Und wer das nicht versteht, sollte sich wirklich schnellstmöglich ein Land zum Auswandern suchen.
Muslim:innen gehen im Ramadan zur Schule, zur Arbeit oder an die Hochschule zum Studium. Das war schon immer so, und immer hat man sich im Ramadan auf sich selbst konzentriert und geschaut, dass man den Tag gut übersteht — mit Verzicht und einer großen Portion Selbstbeherrschung. Wenn Muslim:innen die Haltung an den Tag legen, die Gesellschaft müsse sie bei ihrem Fasten unterstützen, sollten sie noch mal überdenken, weshalb sie fasten und wie ein Fasten sie unterstützen soll, bei dem sie keinerlei Versuchungen ausgesetzt sind.
Falsche Erwartungen, weil wir nicht miteinander sprechen
Das Fatale ist auch, dass so ein falscher Eindruck entsteht. Muslim:innen in der Mehrheit fasten, sprechen kaum darüber und ziehen es einfach durch. In der Öffentlichkeit entsteht aber durch offenbar werdende Konflikte der Eindruck, Muslime wollten eine Sonderbehandlung. Dazu tragen sie aber meistens kaum bei. Eher sind es falsche Rücksichtnahme und politisch-religiöse Forderungen aus Verbänden, die diesen Eindruck bestärken.
Ich finde, man muss es einmal anders erklären: Respekt ist etwas Wunderbares. Wenn man einander respektiert, gibt man aufeinander acht und unterstützt sich in den eigenen Vorhaben — ohne dass es eines Hinweises bedarf. Es ist aber falsch, zu erwarten, andere müssten Rücksicht auf einen nehmen, nur weil man fastet. Für den Gegenüber ist es einfach ein normaler Tag. Und wenn man damit nicht zurechtkommt, macht man etwas gewaltig falsch.
Hinzu kommt, dass es einfache Wege gibt, Missverständnisse in allen Kontexten zu vermeiden. Man kann — wie Schalke 04 — im Vorfeld alles untereinander besprechen, damit es zu keinen Missverständnissen kommt. Und damit bin ich eigentlich überall — im schulischen, studentischen und im beruflichen Kontext — gut gefahren.