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Ramadan: Tage des Falken

Es gibt Tage im Ramadan, an denen alles gleichzeitig passiert: Verantwortung, Müdigkeit, Nähe, Reibung und Sinn. Tage, an denen man hilft, zuhört, verbindet, vermittelt — und dabei selbst von einer unsichtbaren Kraft im Inneren getragen wird. Zwischen Sahur, Arbeit, Mentoring, Social Media, Gesprächen und Iftar entsteht ein Rhythmus, der nicht laut ist, aber kraftvoll.

Als ich heute Nacht vom Handywecker aufgeweckt werde, merke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Mein Handy möchte meine PIN haben. Anscheinend hat sich über Nacht ein System-Update selbstständig installiert. Ich gebe meine zwei PINs ein und sehe plötzlich mehrere Nachrichten. Eine davon ist auf WhatsApp eingegangen.

Unterstützung beim Bewerbungsschreiben

Ob ich ihn vergessen hätte, fragt mich der junge Bruder. Natürlich habe ich ihn nicht vergessen, ich habe sogar am Vorabend noch an ihn gedacht. Er plant, sich auf eine höhere Position in seinem jetzigen Betrieb zu bewerben, und weiß einfach nicht, wie man Bewerbungen schreibt. Das Lustige ist, er erhofft sich viel von meiner Unterstützung, weil er felsenfest überzeugt ist, dass er der letzten von mir angefertigten Bewerbung überhaupt diese Anstellung verdankt.

Ich habe jetzt einen festen Termin mit ihm am Freitagabend. Bis dahin sammelt er wieder alle Unterlagen für seine Bewerbungsmappe. Dann fertigen wir das neue Anschreiben (das ich längst mit ChatGPT vorgeschrieben und angepasst habe) und bringen seinen Lebenslauf auf den neuesten Stand.

Ich muss an Dutzmann denken. Er hatte vorausgesagt, dass ich in meinem Leben mehr als eine Bewerbung für Jobs schreiben würde — und nicht nur für mich. Wir hatten in der Schule sogar geübt, wie man Bewerbungsgespräche führt und übersteht. Keine Selbstverständlichkeit, wenn ich mich heutzutage umhöre.

Counseling und Empowerment

Ich trinke meinen Kaffee, leere drei Gläser voll mit Wasser und lege mich nach dem Morgengebet wieder hin. Bevor ich endgültig einnicke, schreibe ich noch eine motivierende WhatsApp an einen Schützling. Er hat heute ein Vorstellungsgespräch beim SPIEGEL. Bei Dienstbeginn bin ich bereits wach und online, merke aber nach einer halben Stunde, dass Teams mich offline zeigt. Ich gebe den Kolleg:innen einen Hinweis.

Mittagspause ist eigentlich aktuell nur Zeitvertreib. Also schaue ich mir an, was so bei Social Media passiert. Die Beiträge von einer Person triggern mich. Ich überlege, ich denke, ich tu’s lieber nicht, und ertappe mich dabei, wie ich die ersten Worte bereits abgesendet habe. Es ist mir unangenehm, ich versuche mich zu erklären.

Am Ende stellt sich heraus: Ich hatte recht. Überkompensation nennen wir das, wenn es uns nicht gut geht und wir anfangen, mehr und anders Social Media zu nutzen. Wir nutzen es als Ersatz für Interaktion mit Menschen und versuchen, der wirklichen Welt zu entfliehen. Wir schreiben uns — zwei wildfremde Menschen — und teilen am Ende unsere Buchempfehlungen zum Umgang mit Traumata.

Termine machen für gemeinsames Iftar

Nachmittag ein Anruf. Mein Schützling zeigt mir mein Handy an. Ich nehme belustigt ab: “Na? Erfolgreich alles überstanden?!” — Er bejaht und berichtet von einem spannenden Termin. Er würde nur zu gerne dort anfangen. Eine tolle Position in einem der einflussreichsten Medienhäuser im deutschsprachigen Raum. Und er hat gute Chancen. Ich drücke ihm die Daumen.

Später Nachmittag. Ich schreibe eine WhatsApp an zwei Schützlinge, erstelle eine Gruppe und wir diskutieren, wo wir kommende Woche gemeinsam Iftar machen wollen. Am Ende kann man sich auf Zeit und Ort einigen, nur nicht darauf, wer zahlt. Ich arbeite weiter und ignoriere das Gezanke. Wir wollen uns wiedersehen und feiern. Wenn am Ende jeder selbst zahlt, ist es auch okay. Ich frage, ob wir noch jemanden dabei haben wollen. Die Antwort fällt eindeutig aus: Nein!

Vefasız

Die Arbeit ist so zäh, dass ich daneben Ablenkung benötige. Also wähle ich die Nummer von S. Wir haben jetzt seit über vier Monaten nicht mehr telefoniert. Sie nimmt ab, aber ist empört, dass ich überhaupt anrufe. Sie kann mir trotzdem nicht lange böse sein. Wir reden, ihre Mutter ist zu Besuch, es geht ihr gut. Ich bin froh, dass es ihr gut geht. Sie fragt mich, wie es mir geht. Ich meckere wieder zu viel. Sie lacht mich aus.

Wir vereinbaren, mal wieder Kontakt zu halten, zumindest ein Lebenszeichen zu geben. Wir wollen ja wissen, ob nicht einer von uns beiden doch umgekommen ist, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Ich lege auf und merke: Der Iftar rückt näher. Ich habe keine Ahnung, was ich heute kochen soll.

Am Ende mache ich Spaghetti und dazu einen schönen Bauernsalat. Es fehlen jedoch ein paar Zutaten, ich gehe noch mal einkaufen. Das Essen schmeckt lecker. Nach dem Essen sitze ich wieder am Laptop und schreibe diese Zeilen. Gleich geht es weiter mit der Arbeit. Nur für eine kurze Zeit, weil nicht mehr viel zu tun ist. Ich merke, dass mir gerade eine Zigarette fehlt. Vielleicht gehe ich noch mal raus.

Ich nenne diese Tage, Tage des Falken: wenn der Blick klar ist, die Hand ruhig bleibt und man genau weiß, warum man tut, was man tut.

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.