Zugegeben, einer meiner liebsten Sprüche lautet: “Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Allerdings muss man einschränken, dass diese Überlegung auch darauf eingeht, dass man nicht nur gute Absichten haben sollte, sondern diese auch umsetzen sollte. Wir lassen uns nämlich häufig in alte Muster zurückfallen, und ignorieren die notwendigen Taten. Allerdings muss man einschränken: Gute Absichten sind fast immer besser als perfekte Taten. Ohne eine richtige Absicht funktioniert im Islam fast nichts.
Die Taten sind entsprechend der Absichten
Überliefert von ʿUmar ibn al-Khaṭṭāb:
Ich hörte den Gesandten Allahs Muḥammad (ﷺ) sagen:
„Die Belohnung der Taten richtet sich nach den Absichten, und jeder Mensch erhält entsprechend dem, was er beabsichtigt hat. Wer also auswanderte wegen weltlicher Vorteile oder wegen einer Frau, die er heiraten wollte, dessen Auswanderung war für das, wofür er ausgewandert ist.“
(Sahih al-Bukhari, Hadith Nr. 1)
Überliefert von ʿUmar ibn al-Khaṭṭāb, dass der Gesandte Allahs Muḥammad (ﷺ) sagte:
„Der Wert einer Handlung richtet sich nach der Absicht, die hinter ihr steht. Und einem Menschen wird nur das angerechnet, was er beabsichtigt hat. Die Auswanderung dessen, der um Allahs willen und um Seines Gesandten willen auswandert, ist für Allah und Seinen Gesandten; und die Auswanderung dessen, der auswandert, um einen weltlichen Vorteil zu erlangen oder um eine Frau zu heiraten, ist für das, wofür er ausgewandert ist.“
(Sahih Muslim, Hadith Nr. 1907)
Der stille Druck, alles richtig machen zu wollen
Immer wieder ertappe ich mich selbst dabei, die Dinge perfekt machen zu wollen. In beruflicher Hinsicht habe ich es geschafft, mich von diesem Wunsch zu verabschieden und das Pareto-Prinzip weitestgehend erfolgreich anzuwenden. Die Dinge sind dann so weit erledigt und Nachbesserungen folgen im Anschluss und wenn wieder Kapazitäten frei sind.
Was ich in beruflicher Hinsicht schaffe, fehlt mir, wenn es mir um die Spiritualität und den Glauben geht. Ich bin hier immer noch auf Zinne und versuche, alles perfekt hinzubekommen. Dabei vergesse ich, wie viele meiner Geschwister und auch viele neue Muslime, das Prinzip der Absicht. Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen, es geht darum, die richtige Absicht zu fassen und ständig daran zu arbeiten, die Dinge besser zu machen.
Das Gefühl, nicht genug zu sein
Der Koran wurde in ca. 23 Jahren herabgesandt. Stück für Stück kam die Offenbarung, und Stück für Stück haben sich die damaligen Muslime jeden Tag mit der Offenbarung verbessert. Warum nehmen wir an, wenn wir den Islam annehmen, dass wir plötzlich alles perfekt machen müssen? Ist dies nicht auch der Schritt, der uns unserer eigenen Spiritualität entfremdet?
Gerade im Ramadan spüre ich diesen Druck besonders stark. Pünktlich beten, mehr Qurʾān lesen, geduldiger sein, besser sein. Schnell entsteht das Gefühl, nicht genug zu sein, wenn etwas davon fehlt. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir: Dieser Druck kommt nicht vom Islam. Er kommt aus meinem eigenen Anspruch, perfekt wirken zu wollen.
Die Absicht ist kein Nebenthema
Jede Handlung beginnt im Islam mit der Absicht. Nicht als einfache Formalität, sondern als ein Fundament. Ohne eine aufrichtige Absicht, verliert selbst die größte Tat an Wert. Mit einer ehrlichen Absicht kann hingegen selbst die kleinste Tat schwer wiegen.
Wir sind im Monat des Qurʾān und der Qurʾān macht uns immer wieder deutlich: Allah (swt) geht es nicht um äußere Formen, sondern um das, was in unseren Herzen ist. Absicht ist jedoch keine Ausrede für Nachlässigkeit — sie ist aber ein Navigator, der uns die korrekte Richtung anzeigt, in die wir alle gehen wollen.
„ … Wer also auf die Begegnung mit seinem Herrn hofft, der soll rechtschaffene Werke tun und beim Dienst an seinem Herrn niemanden beigesellen.“
(aus dem gnadenreichen Qurʾān, Sure 18, Vers 110)
Perfektion ist nicht gleich Frömmigkeit
Perfekte Taten wirken beeindruckend. Sie sehen gut aus, lassen sich öffentlich bewundern und zählen. Doch sie bergen eine Gefahr: Sie können schnell sinnentleert werden. Wenn ich bete, um gesehen zu werden — ist dies eine Form von Heuchelei. Wenn ich faste, um Anerkennung zu erhalten — ist dies eine Form von Heuchelei. Wenn ich mich bei meinen Taten mit anderen messe — ist dies eine Form von Heuchelei.
Perfektion als Ziel lenkt den Blick nach außen. Aufrichtigkeit im Glauben, lenkt ihn nach innen. Ich kann äußerlich alles richtig machen und trotzdem innerlich weit weg von dem sein, was wir aufrichtig nennen. Und ich kann innerlich ehrlich kämpfen und äußerlich scheitern. Der Unterschied ist entscheidend. So warnt uns auch der Qurʾān in der Sura 107 (Al-Maʾun) vor dem Gesehenwerdenwollen (riya).
Aufrichtigkeit ist schwieriger als Perfektion
Ehrlich zu sein ist unbequem. Nicht umsonst heißt es in einem türkischen Sprichwort: “Wer die Wahrheit sagt, den jagt man aus neun Dörfern.” Ich zahle den Preis dafür, aufrichtig zu bleiben und meine Klappe aufzureißen. Wir müssen uns jedoch alle eingestehen, wo wir (selbst) schwach sind, wo wir müde sind, wo unsere Absicht wackelt. Perfektion erlaubt uns, uns zu verstecken. Aufrichtigkeit zwingt uns, hinzuschauen.
Und der Ramadan bringt genau das ans Licht. Nicht um uns zu entmutigen, sondern um uns dazu zu bringen, uns und unsere Handlungen zu korrigieren. Es geht nicht darum, alles sofort zu schaffen. Es geht darum, ehrlich zu bleiben im Versuch. Es geht darum, sich selbst nicht etwas vorzumachen, sich selbst nicht zu belügen und nicht in Heuchelei zu verfallen.
Unperfekte Taten können näher bringen
Ein Freund von mir, hat unlängst — ausgelöst durch eine Sinnkrise — aufgehört gehabt zu beten. Es ist eine große Sünde, und ich habe ihn zwar verstanden, wenn wir darüber sprachen, aber ich habe ihn auch ermahnt. Er fing schließlich erst einmal wieder an, indem er nur die Pflichtgebete verrichtete — ohne die Sunnah-Gebete. Es war nicht perfekt, aber es brachte ihn wieder Allah (swt) näher.
Und mit der Zeit hatte er wieder den Genuss am Gebet gefunden und verrichtete es mit einem warmen Gefühl im Herzen und auch mit den Sunnah-Gebeten. Was ich sagen will: Es kann uns alle treffen, dass wir unsere Pflichten vernachlässigen.
Manchmal wache ich im Morgengrauen auf und bin so müde, dass ich auch sehr müde mein Gebet verrichte. Manchmal fehlt mir die Konzentration, weil die Last der Welt mich zu erdrücken scheint. Manchmal bete ich nur, weil ich weiß, dass ich es tun sollte. Und trotzdem stehe ich da: Ich gebe nicht auf. Ich komme immer wieder zurück und ich bete um Vergebung und versuche, von der Süße des Glaubens zu kosten.
Diese Unvollkommenheit, die ich auch von vielen anderen höre, ist kein Makel. Es ist ein Teil unseres eigenen Weges. Eine aufrichtige, unperfekte Tat kann mehr Nähe schaffen als eine perfekte Tat ohne Herz. Deshalb schaut nicht auf andere, schaut auf euch selbst.
Ramadan erinnert uns an das Wesentliche
Der Ramadan fragt uns nicht: “Wie perfekt hast du gefastet? Wie perfekt hast du gebetet? Wie ehrlich warst du?”
Ramadan fragt uns eher: “Hast du weitergemacht, auch wenn es dir schwerfiel? Hast du eine wahre Absicht gehabt, statt zu versuchen, dich zu inszenieren? Hast du dich mit deinen leeren Händen Allah (swt) zugewandt?”
Und wenn wir diese Fragen, die essenzieller sind als alles andere, ehrlich beantworten können, dann war der Ramadan und das Fasten in diesem Monat nicht umsonst.
In diesem Sinne: Weniger Show, mehr Substanz
Achten wir also noch einmal darauf, was unsere Absichten sind. Und vergessen wir nicht, dass gute Absichten kein Ersatz für gute Taten sind. Aber gute Absichten sind ihr Kern. Ohne gute Absichten bleibt alles nur äußerlich. Mit guten Absichten bekommt jedoch selbst die kleinste Geste und Tat ein großes Gewicht.
Wir müssen nicht perfekt sein. Wir müssen auch nicht Menschen ernst nehmen, die vorgeben, perfekt zu sein. Wir müssen ehrlich sein, und genau das macht den Unterschied aus.