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Krankheit und Sühne

Eine Krankheit trifft uns oft dann, wenn wir ohnehin erschöpft sind, körperlich wie seelisch. Zwischen Selbstmitleid, stiller Rebellion und dem Versuch, Trost im Din zu finden, stellt sich eine unbequeme Frage: Ist Krankheit wirklich nur Sühne - oder offenbart sie vor allem, wie schwer uns Akzeptanz und Geduld fallen?

Ich habe mich selbst bemitleidet. Erneut lag ich im Bett, konnte kaum atmen und alles tat weh. Erneut hat es mich erwischt. Mit letzter Kraft noch bei der Arbeit Bescheid gegeben, erst am nächsten Tag dann den Arzt aufgesucht und bereits da ging es schon gar nicht mehr. Der Weg, nur ein paar Minuten von meinem Zuhause, war ein Kraftakt.

Ich lag die ganze Woche flach. Alle, die davon wussten, machten sich Sorgen, riefen immer wieder an, das Telefon blieb links liegen. Ich brauchte Ruhe. Und mit der Ruhe kommen die Gedanken zurück. Mit ihnen die Belastung der eigenen Seele. Existenzielle Fragen werden genau in solchen Momenten erörtert und verschlechtern einem die Laune umso mehr.

Krankheit ist eine Sühne?

Alle erzählen uns immer wieder: „Krankheit ist eine Sühne.” Eine Überlieferung, aus den Quellen unserer Religion (Din), die uns Trost spenden soll. Was aber ist mit denen, die ständig nur mit ihrem Körper kämpfen müssen? Die sich beschweren und ab einem gewissen Punkt plötzlich den Aufstand proben, gegen das, was wir Qadar (Schicksal) nennen, und dem damit verbundenen Keder (Kummer).

Abdullah ibn Masʿud (ra) gehört zu den Prophetengefährten, die ich besonders verehre. Es gibt immer wieder Überlieferungen, in denen deutlich wird, dass dieser Gefährte zu den Lehrern gehörte, die auch nach dem Tod des Propheten (saw) uns über die Sunnah aufklärten und uns Beispiele für einen Umgang mit Eifer, Religion und Kummer lieferten.

Und so stieß ich auf die folgende Überlieferung, die ich eigentlich kannte, aber längst mal wieder aus meinem Gedächtnis verdrängt hatte.

Und von Shaqiq (ra) wird berichtet: Als Abdullah ibn Masʿud (ra) erkrankte, besuchten wir ihn, und er begann zu weinen. Als er von jemandem dafür zurechtgewiesen wurde, sagte er: “Ich weine nicht wegen der Krankheit, denn ich habe den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagen hören: ‚Die Krankheit ist eine Sühne.

“Ich weine einfach nur, weil es mich (die Krankheit) in einer Zeit getroffen hat, in der meine Kräfte geschwächt waren, und nicht, in einer Zeit des Eifers; denn dem Diener Allahs (swt) wird für seine Krankheit dieselbe Belohnung gutgeschrieben, wie sie ihm vor seiner Krankheit gutgeschrieben wurde, und die Krankheit ihn davon abgehalten hat, (ähnliche gute Taten) zu vollbringen.”

Überliefert von Razin, Mishkat al-Masabih 1586

An das Schicksal glauben

Isyan (Aufstand, Rebellion) beginnt bereits, wenn wir uns in den Kummer wiegen, weil wir krank geworden sind. Abdullah ibn Masʿud (ra) und die Gefährten (ra) wussten es, weshalb sie sich auch maßregelten und einander Einhalt geboten. Dabei weinte Ibn Masʿud (ra) gar nicht wegen der Krankheit, sondern wegen der verpassten Chancen.

Ich hatte gestern Geburtstag. Ich lag einsam in meinem Bett und schaute die Decke an. Und was soll ich sagen: Ich weinte nicht um der verpassten Chancen. Ich weine grundsätzlich nicht. Ich war traurig, weil ich den Aufstand geprobt hatte, statt endlich zu akzeptieren, was für mich ist.

Und bezogen auf Qadar und Keder stieß ich auch eher zufällig (vermutlich eher auch gewollt; tawafuq) auf ein ebenfalls fast vergessenes osmanisches Sprichwort: “Man amana bi’l-qadar, amina mina’l-kadar” — Was so viel bedeutet wie:

Wer an das Schicksal (qadar) glaubt, wird von Kummer (keder) verschont bleiben.

Wir haben tatsächlich alle vergessen, an unser Schicksal zu glauben, und beschweren uns über unseren Kummer. Und dies ist die größte Sünde überhaupt.

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.