Kurz vor dem Schlafengehen rufe ich noch einmal meinen Vater an. Wir müssen doch zum Arzt. Der Termin bei der Orthopädie ist um 9.30 Uhr, ich werde viertel nach da sein, verspreche ich. Ich stelle meine drei Wecker und lege mich schlafen.
Einschlafen ist jedoch nicht. Stattdessen wird es ein Counseling. Mein Handy vibriert, eine Nachricht. Ein längeres Gespräch über Liebe, Leid, Betrug und Verlust von Vertrauen entsteht. Ebenso über Heilung, was man tun kann, wohin es gehen sollte. Es ist wichtig, nach dem Ende eines Lebensabschnittes Pläne zu machen und sich Ziele zu setzen. Als es ruhiger wird, verabschiede ich mich, da ich am frühen Morgen aufstehe.
Eine halbe Stunde eher als sonst, stehe ich dieses Mal auf. Ich will noch etwas arbeiten und ein paar Dinge erledigen. Mir fällt auf, dass ich einen Termin habe, der etwas knapp werden könnte. Ich schreibe, dass ich mich eventuell um ein paar Minuten zum Meeting verspäte. Drei Gläser Wasser, mein Kaffee, das Gebet, ich lege mich schlafen.
Der Wecker klingelt, ich drücke auf Weiterschlummern. Irgendwann merke ich: Oh, ich muss zum Arzt. Aufstehen, fertig machen, es ist fünf nach neun. Ich habe noch zehn Minuten. Ich nehme einen E-Scooter und düse los. Bin tatsächlich um 15 nach 9 da. Merke, dass ich am falschen Eingang bin. Ich muss zum MVZ, renne dahin, mein Handy klingelt.
Mein Vater am Telefon: “Ich bin fertig und komme jetzt runter. Du brauchst nicht kommen.” Ich bin irritiert. Tatsächlich war der alte Mann eine halbe Stunde zu früh da, die Sprechstundenhilfe hat es dankbar aufgenommen und ihn direkt reingewunken. Der Arzt hat sich alles angeschaut. Nix Schlimmes, muss nur gekühlt werden. Dabei hat er ihn auch direkt gefragt: “Fasten Sie?” — natürlich tut Baba das. Also spritzt der Arzt ihm nichts, sondern schreibt ihm ein Schmerzmittel zum Iftar auf.
Wir gehen gemeinsam zur Bushaltestelle, er schickt mich weg, als sein Bus kommt, ich erwische meinen noch. Kurze Zeit später sitze ich im Homeoffice und habe eine Stunde Zeit bis zum Meeting. Es ist ein intensiver Arbeitstag. Meine Planung für die nächsten Wochen steht bereits und ich freue mich auf die anstehenden Projekte.
Irgendwie mache ich schon coole Sachen. Es ist nur dumm, dass ich kaum darüber sprechen kann. Sollte ich je wieder einen neuen Job haben, lasse ich mir vertraglich zusichern, darüber auch schreiben und berichten zu können. Vieles, was ich in jetzt fast genau drei Jahren erlebt habe, wäre für einen Vortrag auf einer Fachmesse geeignet.
Am späten Nachmittag mache ich Feierabend. Heute etwas früher, da ich meine Stunden voll habe und noch einkaufen gehen will. Irgendwie bin ich aber auch hundemüde. Anruf. Einer meiner Schützlinge hat einen beschissenen Tag. Er ist echt schlecht gelaunt, dabei ging es ihm gestern noch blendend. Ich ermahne ihn. “Mit der Erschwernis kommt die Erleichterung.”
Ich ertappe mich dabei, wie ich denke: Sei nicht zu hart zu ihm, du hast Schlimmeres hinter dir und warst kurz davor, aufzugeben. Ich kann aber nicht nett sein, wenn jemand gerade alles in Brand setzen und seinen bisherigen Erfolg hinter sich lassen will. Irgendwie hätte es mir gutgetan, wenn jemand — und nicht mein Anwalt — mir die Leviten gelesen hätte. Manchmal braucht man einen Tritt in den Hintern, um aufzustehen.
Da fällt mir ein, was man mich gestern gefragt hat: “Warum bist du so lieb zu mir?” — Ich antwortete: “Weil ich weiß, was es heißt, ein gefallener Mensch zu sein.” — Niemand versteht den Kampf, den die Menschen führen, die alles verloren haben und sich wieder Stück für Stück alles zurückholen. Und niemand unterstützt sich gegenseitig besser als Menschen, die gefallen sind, um wieder aufzustehen.
Einkauf erledigt. Ich habe keine Lust zu kochen und packe was in den Ofen. Gleichzeitig lege ich mich für ein paar Minuten hin. Der Wecker klingelt, ich fange an, meinen Bauernsalat zu machen. Diesmal ohne Zwiebeln. Die roten Zwiebeln haben mir gestern nicht gutgetan und der Geruch war selbst noch heute den ganzen Tag irgendwie in meiner Nase.
Zum Iftar gibt es erstmals seit Jahren wieder Datteln. Ich habe das eigentlich nie wirklich gemocht, doch letzte Woche am Samstag bei meinen Eltern bin ich wieder auf den Geschmack gekommen. Es ist irgendwie merkwürdig. Selbst mein Geschmack hat sich verändert.
Es ist Donnerstag. Die Nacht vor Juma. Also wird auch etwas aus dem Koran rezitiert. Ich ziehe mich danach kurz um, besorge Zigaretten und gehe ins Café. Ich bestelle meinen Flat White und bezahle eine offene Rechnung vom letzten Mal, weil das Kartengerät nicht ging. Sitze kurz mit einem Bekannten draußen. Er geht zum Taraweeh, ich wieder nach Hause.
Fenerbahçe Istanbul fliegt aus der Europa League. Zwischendurch sah es noch gut aus, aber das Ende kam nicht unerwartet. Ich schreibe den Text für heute und lege mich langsam hin. Morgen wird alles entspannter und ruhiger. Vielleicht gibt es dann auch mal nix zu berichten.