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Nein zu Olympia in Hamburg: Erst den Alltag lösen, dann träumen

Vor einigen Tagen wurde ich gefragt, wie ich zu Olympia in Hamburg stehe. Hintergrundgespräche führe ich ja zu allen möglichen Themen, aber Olympia ist eines dieser Themen, bei denen ich mich eigentlich komplett zurückhalte. Ich finde, Olympische Spiele können immer eine Chance für eine Stadt sein. Aber Hamburg? Muss das wirklich sein?

Ich habe Bedenken. Und die können mir weder mit „Statistiken“ des Senats noch mit Beschwichtigungen von SPD und Grünen genommen werden. Denn ich und auch viele andere Menschen in dieser Stadt bringen eigene Erfahrungswerte mit. Diese sollten nicht einfach relativiert werden. Laut Statistik ist die Inflation auch nicht hoch – gerade aber Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen spüren diese umso stärker, wenn die Preise steigen und der Kaufkraftverlust eintritt.

Olympia in Hamburg wird als Chance, als Aufbruch oder als „gemeinsames Projekt“ für die Zukunft „unserer Stadt“ vermarktet. Das klingt im ersten Moment nach großer Bühne, nach internationalem Sport und nach einer Stadt Hamburg, die sich der Welt als besonderer Gastgeber präsentieren darf. Ich sehe das anders.

Ich habe nichts gegen Sport. Ich habe auch nichts gegen Olympia. Und ich lehne größere Investitionen in unsere Stadt nicht grundsätzlich ab. Ich bin auch nicht der Meinung, dass sich Hamburg kleinmachen sollte. Hamburg ist die schönste Stadt der Welt und großartig. Aber gerade deshalb muss man fragen: Benötigt Hamburg wirklich Olympische Spiele? Oder benötigt Hamburg nicht viel dringender wieder eine Politik, die den Alltag der Menschen ernst nimmt?

Mein Problem mit der Bewerbung der Hansestadt ist nicht die klassische Kostenfrage. Natürlich kann man darüber sprechen, ob die Investitionen von Milliardenbeträgen für ein sportliches Großereignis wirklich sinnvoll sind. Aber für mich liegt der eigentliche Punkt woanders: Olympia würde den Druck auf eine bereits jetzt an entscheidenden Stellen überlastete Stadt weiter erhöhen.

Das Leben in Hamburg wird durch Olympia teurer werden

Wohnen ist in Hamburg bereits jetzt schon für viele Menschen eine große Belastung. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, die Mieten steigen und immer mehr Menschen fragen sich, ob sie sich das Leben in dieser Stadt auf Dauer überhaupt noch leisten können. Ein Megaevent wie Olympia wird nicht dazu beitragen, dass es endlich Entlastungen im Wohnbereich gibt.

Im Gegenteil: Eine Olympiabewerbung bedeutet Aufwertung, steigendes Interesse von Investoren und eine Beschleunigung städtebaulicher Maßnahmen. Es geht dann nicht nur um Stadien, Sporthallen oder ein paar Wochen internationales Spektakel. Es geht um Flächen, um Quartiere, um Immobilien und um Vermarktung. Und am Ende geht es fast immer um Mieten.

Natürlich sagt niemand offen: „Mit Olympia werden die Mieten steigen.“ Stattdessen bemüht man Statistiken. Die klassische Floskel und Beruhigungspille lautet: Im Vergleich seien die Mieten in Städten, in denen Olympia stattgefunden hat, nicht signifikant stärker gestiegen. Tatsächlich halte ich das für Humbug. Natürlich sieht das auf dem Papier erst einmal beruhigend aus. Aber Statistiken sind nicht das A und O. Wir haben Erfahrungswerte und gefühlte Realitäten, die sich nicht einfach so wegwischen lassen.

Schauen wir doch mal auf die Internationale Gartenschau (IGS) von 2013. Damals hieß es ebenfalls, es würde keine Mietsteigerungen geben. Tatsächlich hat die Veranstaltung, die gleichzeitig mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) stattfand, zu Gentrifizierung, Verdrängung und deutlich steigenden Mieten beigetragen. Natürlich war das im Rest von Hamburg nicht in gleicher Weise zu spüren. Aber die Menschen in Wilhelmsburg haben die Mietsprünge deutlich gespürt.

Und genau das droht erneut. Man spricht von Modernisierung, Entwicklung, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Stadt und Stadtteile. Das klingt alles schön. Aber für viele Menschen in Hamburg bedeutet diese Art von Entwicklung am Ende: höhere Mieten, mehr Verdrängung und noch weniger bezahlbarer Wohnraum.

Und das muss man betonen: Hamburg ist attraktiv. Damit hat diese Stadt wirklich kein Problem. Hamburg hat ein Problem damit, für die Menschen bezahlbar zu bleiben.

Eine Stadt ist kein Prestigeprojekt

Hamburg wird wieder einmal wie eine Marke gedacht. Wie ein Projekt, das man noch besser verkaufen und vermarkten muss. Dabei ist unsere Stadt kein Werbeprospekt. Hamburg ist Alltag. Hamburg ist Pendeln, Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, Familie und Nachbarschaft. Hamburg besteht eben nicht nur aus Elbphilharmonie, Hafenpanorama oder schönen Bildern für internationale Kameras.

Diese Stadt gehört nicht zuerst denen, die sie vermarkten und verkaufen wollen. Sie gehört den Menschen, die in ihr leben. Und genau deshalb reicht es nicht aus, wenn Politik und Wirtschaft Olympia als große Chance präsentieren. Die entscheidende Frage lautet nämlich: Wird Hamburg durch Olympia lebenswerter für die Menschen, die hier wohnen?

Meine Antwort darauf ist ziemlich klar: eher nicht.

Der Nahverkehr ist schon im Normalbetrieb überfordert

Wer regelmäßig mit Bus, S-Bahn oder U-Bahn unterwegs ist, weiß, wie fragil unsere Verkehrsinfrastruktur ist. Es gibt regelmäßig, gefühlt sogar jeden Tag, Ausfälle, Verspätungen, Baustellen, Ersatzverkehr, gesperrte Strecken oder Tunnel und volle Bahnen. Das ist nicht die Ausnahme, sondern gehört für uns alle längst zum Alltag.

Und ausgerechnet diese Stadt möchte mit einer derart maroden Infrastruktur, die nicht einmal verhindern kann, dass Menschen ständig auf die Gleise gelangen, ein sicherheitsrelevantes Sport-Großereignis mitten in der City durchführen?

Olympia braucht Verlässlichkeit, funktionierende Abläufe und einen öffentlichen Nahverkehr, der nicht nur auf dem Papier gut aussieht, sondern auch im Alltag belastbar und stabil ist. Hamburg bekommt aber nicht einmal den Normalbetrieb überzeugend hin.

Beispiele? Allein heute fahren keine Bahnen zwischen Wilhelmsburg und Neugraben. Auf der B75 gab es gestern einen Wasserrohrbruch, weshalb die Straße gesperrt ist. Die Köhlbrandbrücke macht über das Wochenende erneut für alle dicht. Hinzu kommen die üblichen Probleme mit zu vollen Zügen zu den Stoßzeiten, ausgefallenen Fahrstühlen, mangelnder Barrierefreiheit und natürlich dem Wetter. Mal ist es zu kalt, mal ist es zu warm – insbesondere für die S-Bahn, die weder bei Schnee ordentlich wegkommt, noch beim kleinsten Orkänchen, das Bäume auf die Gleise befördert.

Man könnte natürlich sagen: Gerade Olympia könnte der Anlass sein, die Infrastruktur nachhaltig zu verbessern. Aber warum braucht es dafür überhaupt Olympia?

Wenn Hamburg bessere Bahnen, zuverlässigere Verbindungen, weniger Ausfälle und Störungen sowie bessere Baustellenplanungen benötigt, dann soll Hamburg genau das angehen. Nicht, weil ein Megaevent vor der Tür steht, sondern weil die Menschen, die jeden Tag in dieser Stadt unterwegs sind, es verdient haben.

Gute Verkehrspolitik darf kein Nebenprodukt einer Olympiabewerbung sein. Sie muss ein Schwerpunkt des Senats sein. Genau das wird aktuell aus meiner Sicht massiv vernachlässigt.

Gute Stadtentwicklung benötigt kein Megaevent

Viele Dinge, die mit Olympia versprochen werden, wären auch ohne Olympia richtig. Und genau das stört mich besonders.

Mit Olympia werden uns bessere Sportstätten, mehr Barrierefreiheit, bessere Mobilität und mehr Investitionen in öffentliche Räume versprochen.

Aber all das benötigt keine Olympischen Spiele als Anlass. Es braucht politischen Willen, klare Prioritäten und eine Stadtentwicklung, die sich nicht an internationalen Bildern oder Prestige orientiert, sondern an den Menschen vor Ort.

Wenn Hamburg wirklich als Stadt besser werden will, dann sollte es nicht zuerst fragen, wie es sich der Welt präsentiert. Hamburg sollte sich fragen, was die Menschen benötigen, die hier jeden Tag leben.

Bitte erst den Alltag lösen, dann von Olympia träumen

Ich bin nicht per se gegen große Ideen. Städte benötigen Visionen. Aber Visionen dürfen nicht an den Realitäten der Menschen vorbeigehen. Unser größtes Problem in der Hansestadt ist nicht zu wenig Prestige oder zu geringe internationale Aufmerksamkeit.

Wohnen ist in Hamburg einfach viel zu teuer. Der Nahverkehr ist unzuverlässig. Baustellen nerven. Viele Menschen fühlen sich ohnehin schon abgehängt und aus ihrer Stadt herausgedrängt. Und vielfach fühlt man sich im Alltag alleingelassen.

In so einer Lage wirkt Olympia nicht wie ein mutiger Schritt nach vorn. Es wirkt wie ein Prestigeprojekt zur falschen Zeit.

Hamburg muss nicht beweisen, dass es ein internationales Großereignis organisieren und veranstalten kann. Hamburg muss beweisen, dass es bezahlbar, verlässlich und lebenswert bleiben kann.

Eine Olympiabewerbung steht dem aktuell genau entgegen. Statt die dringenden Fragen der Menschen zu lösen, werden neue Probleme geschaffen. Deshalb kann die Antwort auf die Frage, wie man beim Referendum am 31. Mai 2026 abstimmen soll, für mich nur lauten: Nein zu Olympia in Hamburg!

Vielleicht ändert die Politik dann ihre Prioritäten und geht die tatsächlichen Sorgen der Menschen in der Hansestadt an. Vielleicht versteht der Senat auch endlich wieder: Nicht Olympia macht eine Stadt groß. Eine Stadt ist groß, wenn sie für alle ihre Bewohner funktioniert.

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.