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In Memoriam – Fazlı Lekesiz

Manche Menschen hinterlassen keine lauten Spuren, sondern tiefe. Sie prägen Generationen, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen, und wirken lange weiter, nachdem sie gegangen sind. Mit Fazlı Lekesiz ist ein Lehrer, Gelehrter und Mentor von uns gegangen, der mein Verständnis von Wissen, Haltung und Verantwortung nachhaltig geprägt hat. Dieser Text ist ein persönliches Erinnern — an einen Mann, der den Koran nicht nur lehrte, sondern lebte, und dessen Wirken weit über die Jahre seiner Präsenz hinausreicht.

Mein Vater schickte mir eine WhatsApp. Zu dem Bild eine kurze Notiz vom Sohn: Fazlı Lekesiz ist gestorben und zum Schöpfer zurückgekehrt. Inna lillahi wa inna ilayhi rads̱chiʿūn — wir kommen vom Geliebten und zu Ihm ist unsere Heimkehr. Die Beerdigung war stark besucht. [https://fb.watch/FEsiR9TaMj/] Ich konnte, wie so oft, nicht dabei sein und meinem Lehrer nicht die letzte Ehre erweisen.

Ich habe die Milli-Görüş-Zeit der 90er Jahre miterlebt. Es war eine Phase mit schönen Momenten, aber auch mit Brüchen: organisatorische Konflikte, politische Verfolgung und Extremismus. Vieles ging an uns vorbei, ohne dass wir es wirklich verstanden. Die Bewegung wandelte sich in dieser Zeit von einer islamistischen zu einer postislamistischen Organisation.

Der neue Imam

Mitten in diese Phase kam Fazlı Lekesiz in unsere Gemeinde. Aus der Türkei. Er war bereits Rentner. „Ein Imam mit einer schönen Stimme“, hieß es. [1973, Qasida https://www.instagram.com/reels/CjPxVXUDgH7/]

Mehr wusste man zunächst nicht. Der Koranunterricht lief formal wie gewohnt — und doch war etwas anders. Fazlı Hoca, wie er bald genannt wurde, hatte eine natürliche Autorität.

Er war das, was man heute mit Recht einen Gelehrten nennen kann. Ein Qurrāʾ-Hāfiz — jemand, der den Koran nicht nur auswendig kennt, sondern die Regeln der Rezitation, die Betonungen und Nuancen bis ins Detail beherrscht. Eine hohe Kunst, getragen von einer besonderen Stimme. Als Muezzin und später als Imam an der Çapanoğlu-Moschee in Yozgat trug er maßgeblich dazu bei, dass viele Menschen dort erstmals die Schönheit des Korans erfuhren.

Kurzbiografie

Geboren 1932, genoss er eine klassische religiöse Ausbildung und schloss 1950 die Nuruosmaniye-Koranschule in Istanbul ab. Er war ein angesehener türkischer Kurra-Hafız, Imam-Hatip und Lehrer. Nach seiner Ausbildung in Istanbul wirkte er fast 45 Jahre als Hauptimam der Çapanoğlu-Großmoschee in Yozgat und prägte Generationen von Gläubigen durch Koranunterricht, Predigt und soziale Dienste. Er war Schüler von Şeyhzâde Ahmed Effendi und gehört zu den oft übersehenen Mitbegründern der ursprünglichen Imam-Hatip-Schule in Yozgat. [https://dergipark.org.tr/tr/download/article-file/4692746]

Er unterrichtete, nahm an nationalen religiösen Reformprozessen teil und lehnte bewusst politische Ämter ab. Nach seiner Pensionierung bildete er in Hamburg und in Bremen zahlreiche Hafiz-Schüler aus. Sein Leben stand für Wissen, Würde und Dienst an der Gemeinschaft.

Hamburger Zeit

In den 1990er-Jahren kam er mit seiner Frau nach Hamburg. Sie lebten in einer kleinen Altbauwohnung, während er über Jahre hinweg als Imam in der Centrum-Moschee der Gemeinschaft diente. In diese Zeit fällt die Ausbildung zahlreicher Hāfiz, die bis heute als Bewahrer des Korans wirken. Auch bekannte Rezitatoren wurden von ihm zusätzlich geschult.
Fazlı Hoca widmete sein Leben der Bildung und der Gemeinschaft. Bis zu seinem Tod zählte er zu den bedeutendsten Qurra-Hāfiz der Türkei.

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Weitere Informationen

Während seiner Hamburger Jahre (1993–2002) etablierte er erstmals eine systematische Struktur für den Koranschulunterricht. Kein Zufall: Später erfuhr ich, dass er auch an der Entwicklung früher Lehrpläne der Imam-Hatip-Schulen in der Türkei beteiligt war.

Wir lernten nicht nur Lesen und Rezitieren — mit Schwerpunkten in Aşere-Takrib, Tajwīd und Maqām. Wir lernten die Grundlagen der Religion (Usul), des islamischen Rechts (Fiqh), vertieft durch Arabisch, Hadith-Wissenschaften und Koranexegese.

Doch über all das hinaus war Fazlı Hoca weiter als viele heutige Theologen. Er eröffnete mir ein Verständnis dafür, warum die hanafitische Rechtsschule und die maturiditische Theologie so flexibel und vernunftorientiert sind — gerade, um ein islamisches Leben in einer nichtmuslimischen Umgebung verantwortungsvoll zu führen.

Er war Ansprechpartner für ganze Generationen. Eine Autorität — nicht durch Härte, sondern durch Haltung. Während religiöse Gelehrte heute oft misstrauisch beäugt werden, hatte er etwas Entwaffnendes. Er suchte Lösungen für komplexe Fragen und gewann mit jeder Anstrengung weiter an Ansehen. Er war ein Mensch, der versuchte, den Weg der Mitte zu gehen und der Fitna keinen Raum ließ.

Seine Zeit in Hamburg endete etwas unerwartet. In privaten Gesprächen verwies er auf die altersbedingte Erkrankung seiner Frau. Später erfuhren wir, dass er in Bremen, in der Fatih-Moschee, erneut nach einer Weile kurz tätig war. Ich vermutete damals, dass seine Beliebtheit und Autorität der Gemeindeführung ein Dorn im Auge gewesen sein könnte. Wirklich dazu geäußert hat er sich jedoch nicht. Es blieb bei dieser Darstellung.

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Weitere Informationen

Seine und unsere Legacy

Ich besuchte ihn später einmal in Ankara (Etlik). Danach kam es zu keinem weiteren Treffen mehr. Bis heute bereue ich, mich nicht persönlich verabschiedet zu haben.

Dieser Besuch öffnete mir jedoch die Augen. In Deutschland hatte er unter bescheidensten Umständen gelebt. In Ankara hingegen wohnte er mitten in der Stadt in einer beeindruckenden Wohnung — großzügig, würdevoll, fast palastartig. Ich war irritiert und sprach ihn darauf an.

Er sagte (so, wie ich mich dran erinnere): „Ich bin gesegnet. Mein Vater war wohlhabend, davon habe ich gezehrt. Ich habe Kinder großgezogen, die heute als Professoren an Universitäten lehren. Geld war mir nie wichtig. Ich wollte euch Wissen vermitteln und die Freude an einem ehrbaren Leben. Alles, was ich getan habe, habe ich für die Kinder getan.“

Ich habe ihm jedes Wort geglaubt — weil es wahr war. Er stellte seinen Wohlstand nie zur Schau und ließ sich zugleich von niemandem unter Druck setzen. Das geht nur mit Rückgrat und innerer Unabhängigkeit. Meine drei Freunde, die ich damals mitgenommen hatte, obwohl sie eigentlich nicht wollten, sind meine Zeugen. Sie waren selbst von ihm begeistert und wollten ihn ebenfalls öfter besuchen.

Fazlı Lekesiz war ein großartiger Hoca, ein herausragender Qurra-Hāfiz, ein geliebter Mentor und ein Gelehrter, der diese Welt ein Stück besser gemacht hat. Wir sind Zeugen eines großen Lehrers und eines großen Menschen gewesen. Wir sind zufrieden mit ihm.

Möge Allah (swt) auch mit ihm zufrieden sein. (Amin!)

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.