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Was passiert, wenn KI sich dein Datingprofil anschaut?

Zwei Wochen auf Hinge, kein einziges Like. Dann schaue ich mir mein Profil gemeinsam mit ChatGPT an – und bekomme nach der Überarbeitung zehn Matches. Ich arbeite täglich mit KI. Wie hilfreich sie beim eigenen Datingprofil sein kann, überrascht mich trotzdem.

Es ist mal wieder Zeit für einen Tagebucheintrag. Nach all der Zeit und dem Frust der vergangenen Jahre fühle ich mich langsam wieder wirklich bereit, jemanden an meiner Seite zu haben. Ich bin also wieder auf dem (Online-Dating-)Markt und stelle mich den grundlegenden Fragen eines Singles, der nicht mehr Single sein möchte und die „richtige“ Person für den Rest seines Lebens sucht.

Erst mal muss man sich für die richtige Plattform entscheiden. Nachdem ich schon erste negative Erfahrungen mit Bumble und Tinder gemacht hatte und Muzz so ziemlich eine Enttäuschung gewesen war, wollte ich auch mal eine Plattform ausprobieren, die ich bisher nicht genutzt hatte. Die Wahl fiel diesmal auf Hinge. Vor allem von Arbeitskollegen hatte ich gehört: Es soll funktionieren.

Ich suchte also aktuelle Bilder aus, überlegte, was ich über mich schreiben wollte, und hoffte, dass sich daraus am Ende ein Gespräch ergeben würde. Dann ging das Profil samt Basisinformationen online und es passierte erst einmal gar nichts. Ich öffnete die App, schaute nach und legte das Handy irgendwann wieder zur Seite.

Wenn das länger so geht, kommen Fragen auf. Liegt es an den Bildern? Sind die Texte langweilig? Oder ist es einfach gerade so? Ich weiß, dass ein Datingprofil nur einen kleinen Ausschnitt von mir zeigt. Trotzdem fällt es schwer, die ausbleibende Resonanz nicht persönlich zu nehmen. Schließlich bin ich derjenige, der dort zu sehen ist und seine Gedanken teilt.

Zwei Wochen lang bekam ich auf Hinge kein einziges Like, geschweige denn ein Match.

Dass ich wenig später bei einem Vortrag im Rahmen eines internen Workshops kurz über genau dieses Profil sprechen würde, hätte ich da auch noch nicht gedacht. Beruflich beschäftige ich mich als SEO-Manager täglich mit KI. Aber das Beispiel, mit dem ich zeigte, wie sehr sie inzwischen auch in unserem Alltag angekommen ist, stammte ausgerechnet vom Online-Dating.

Ich habe mein Profil gemeinsam mit ChatGPT überprüft und überarbeitet. Danach sind es innerhalb von zwei Wochen neun Matches geworden. Heute kam das zehnte Match hinzu. Und ja, das fühlt sich ziemlich gut an.

Was mich daran fasziniert, geht allerdings über diese Zahl hinaus. Wir haben uns mein Profil angeschaut, die Texte verändert und die Bilder neu geordnet. Am Ende steht dort etwas, bei dem ich denke: Ja, so kann ich mich zeigen. Und Menschen, die mich kennen, sehen das genauso.

„Ist doch okay“

Vor der Überarbeitung hatten sich schon Freunde mein Profil angeschaut. Sie hielten es für „okay“. Niemand sagte, ich müsse unbedingt etwas ändern oder andere Fotos nutzen. Konkrete Vorschläge gab es auch nicht. Ich nahm das zunächst so an.

Wenn meine Leute, die mich besser kennen, nichts daran auszusetzen haben, wie ich mich in meinem Online-Dating-Profil präsentiere und zeige, wird es schon passen, dachte ich. Gleichzeitig blieb die Resonanz auf das Profil aus.

Also habe ich mich am Ende kurz hingesetzt, Screenshots meines bisherigen Profils erstellt und es mir detailliert und häppchenweise mit ChatGPT noch einmal angeschaut. Dabei fiel unter anderem auf, dass mein bestes Bild ganz unten in der Bilderreihe stand. Ich hatte es zwar drin, aber man musste erst einmal so weit runterscrollen, um es zu sehen. Eigentlich naheliegend, es weiter nach vorn zu holen. Mir selbst war es trotzdem nicht aufgefallen.

Bei den Texten war es ähnlich. Sie sagten etwas über mich aus, hätten aber genauer vermitteln können, wer ich bin. Also gingen wir sie gemeinsam durch. Ich gab Rückmeldung, ergänzte Informationen und merkte bei manchen Vorschlägen sofort: Das passt, das ist ‚Akif Sahin‘. Bei anderen eben nicht. Es war ein Nachdenken über die eigene Person und eine Auseinandersetzung mit ihr – mit KI-Unterstützung.

Nach und nach entstand ein Profil, in dem ich mich wiedererkenne und das eleganter formuliert und aufgebaut ist als mein früheres Profil.

Wie viel muss die KI über mich wissen?

Daran dachte ich währenddessen immer wieder. Wie soll eine KI mich treffend beschreiben, wenn sie kaum etwas über mich weiß? Die von der KI vorgeschlagenen Antworten dürften sich bei verschiedenen Menschen am Ende ähneln, wenn diese ihr noch kaum etwas über sich mitgeteilt haben.

Eine gut klingende Antwort allein hilft allerdings wenig, wenn der Inhalt nicht wahr ist. Also, was bringt es, sich als sportlich darzustellen, wenn man im Grunde eine Couch-Potato ist? Oder Interesse an Spieleabenden vorzugeben, wenn man eigentlich lieber allein zockt? Ich muss mich in meinen eigenen Antworten wiederfinden. Dafür braucht es Kontext: Was mich beschäftigt, was mir wichtig ist und wie ich selbst über Dinge spreche. Und es braucht meine Rückmeldung, wenn eine Formulierung zwar nett klingt, aber überhaupt nicht zu mir passt.

Ich merkte, wie viel von diesem Austausch abhing. Je mehr ich über mich einbrachte, desto eher entstanden Vorschläge, mit denen ich etwas anfangen konnte. Ich las sie, dachte darüber nach und entschied, was bleiben durfte.

Das kenne ich auch aus meiner beruflichen Arbeit mit KI. Beim eigenen Datingprofil bekam es aber eine andere Bedeutung. Hier las ich einen Satz und fragte mich: Würde ich das wirklich so sagen? Ist das etwas, das ein Mensch über mich erfahren sollte, der mich kennenlernen möchte?

„Ja, das bist du“

Nach der Überarbeitung zeigte ich das Profil wieder herum. Freunde und Arbeitskollegen schauten darauf. Und sie sagten: „Ja, das bist du.“ Diese Rückmeldung freut mich sehr. Denn genau das möchte ich mit meinem Profil erreichen: dass jemand einen authentischen Eindruck davon bekommt, wie ich im echten Leben bin.

Dabei muss ich auch an das erste „Ist doch okay“ denken. Meine Freunde hatten mich auch im ursprünglichen Profil erkannt. Vielleicht ergänzten sie beim Lesen automatisch all das, was sie ohnehin über mich wissen. Eine fremde Person kann das hingegen nicht.

Ich weiß nicht, warum vorher niemand konkrete Vorschläge gemacht hat. Aber ich empfinde es als bemerkenswert, wie unterschiedlich diese Rückmeldungen ausgefallen sind. Die KI half mir, genauer hinzusehen und Dinge zu hinterfragen, die für mich längst selbstverständlich geworden waren. Meine Freunde und Kollegen bestätigten anschließend, dass ich mich im Ergebnis nicht verloren hatte.

Die KI ist deshalb nicht automatisch objektiv. Ihre Vorschläge bleiben Vorschläge. In diesem Fall brachten sie mich aber weiter und halfen mir, ein besseres Profil zu erstellen, das auch zur Interaktion und zum Kennenlernen einlädt.

Und dann kamen die Matches

Neun Matches in zwei Wochen. Heute kam das zehnte hinzu.

Natürlich weiß ich nicht, welchen Anteil die Texte oder die neue Reihenfolge der Bilder daran haben. Ich sehe nur, dass nach der Überarbeitung etwas in Bewegung gekommen ist. Darüber freue ich mich, ohne daraus eine allgemeine Erfolgsformel für jede Person machen zu wollen.

Ich empfinde es als schön, so positive Resonanz auf ein Profil zu bekommen, das sich auch wirklich nach mir selbst anfühlt. Daraus können Gespräche entstehen und vielleicht Begegnungen. Ob und was sich am Ende wirklich entwickelt, wird sich mit der Zeit zeigen.

Bisher war jedenfalls unter den Matches keine Person dabei, die ich am Ende gerne getroffen hätte. Meine Arbeitskolleginnen nannten mein Swipe-Verhalten bei einem abendlichen Talk mit Live-Ansicht übrigens „picky“ – ich schaue genau hin, was da in den Profilen steht und ob überhaupt eine Chance besteht, dass die Person zu mir passen könnte.

Bei meinem Vortrag über KI, SEO und GEO vor zwei Tagen habe ich schließlich davon erzählt, weil mich diese Erfahrung selbst überrascht hat. Ich arbeite jeden Tag mit KI und entdecke trotzdem Situationen, in denen sie mir auf eine Weise hilft, die ich vorher nicht erwartet hätte.

Diesmal geht es um mich selbst. Um die Frage, was ich von mir zeige und wie ich Worte dafür finde. Eine ziemlich persönliche Angelegenheit, bei der mir ein Gespräch mit ChatGPT tatsächlich weitergeholfen hat.

Und jetzt sitze ich da, sehe das zehnte Match und denke: Schon heftig, was hier passiert ist.

Über den Autor

Akif Şahin

Autor · Journalist · SEO-Manager

Ich lebe in Hamburg und arbeite als Senior Technical SEO Manager. Zuvor war ich als Journalist, Redakteur sowie im Content- und Marketing-Management tätig. Auf meinem Blog schreibe ich über Gesellschaft, Politik, Islam, Geschichte und die digitale Welt. Mich interessieren unterschiedliche Perspektiven, gesellschaftliche Zusammenhänge und die Fragen hinter aktuellen Entwicklungen. Daneben begeistere ich mich für Bücher, Reisen und Fotografie.