← Zurück zum Blog

Aqida at-Tahawiyya verstehen (4): Nichts geschieht außerhalb des Willens Allahs

Lektion 4 - Aqida at-Tahawiyya: "Strebe nach dem, was dir nützt. Suche Hilfe bei Allah. Gib nicht auf. Und wenn das Ergebnis feststeht, verliere dich nicht im „Hätte“."

Es gibt Glaubenssätze, die zunächst beruhigend wirken und erst beim genaueren Nachdenken ihre ganze Schwierigkeit zeigen.

Nichts geschieht außerhalb des Willens Allahs“ gehört für mich dazu.

Der Satz gibt Halt, weil er ausschließt, dass Allah (swt) die Kontrolle über Seine Schöpfung verlieren könnte. Zugleich wirft er Fragen auf: Was bedeutet das für die Verantwortung des Menschen? Will Allah auch die Sünden, die Er ausdrücklich verboten hat? Und welchen Sinn haben unsere Entscheidungen, wenn letztlich nur geschieht, was Allah will?

Imam Abu Dschaʿfar at-Tahawi beantwortet an dieser Stelle noch nicht jede dieser Fragen. Er legt zunächst den Grundsatz fest, von dem jede weitere Erklärung ausgehen muss.

Der vierte Glaubenssatz

Arabischer Text

لَا يَكُونُ إِلَّا مَا يُرِيدُ

Umschrift

Lā yakūnu illā mā yurīd.

Nahe Übersetzung

Es geschieht nichts außer dem, was Er will.

Lesbare Übersetzung

Nichts geschieht außerhalb des Willens Allahs.

Dieser kurze Satz folgt im arabischen Grundtext der Aqida at-Tahawiyya unmittelbar auf die Aussage, dass Allah (swt) ohne Anfang und ohne Ende existiert.

Nur vier Wörter

Der arabische Satz besteht aus nur vier Wörtern:

Lā yakūnu bedeutet, dass etwas nicht geschieht, nicht entsteht oder nicht in die Wirklichkeit eintritt.

Illā bedeutet „außer“ oder „nur“. Das Wort schließt eine Ausnahme aus.

Mā yurīd bedeutet „was Er will“.

At-Tahawi sagt damit nicht nur, dass Allah über die Ereignisse der Welt informiert ist. Er sagt auch nicht lediglich, dass Allah im Nachhinein mit dem umgeht, was unabhängig von Ihm geschehen ist.

Seine Aussage geht weiter:

Kein Ereignis tritt in die Wirklichkeit ein, ohne dass es vom Wissen, von der Macht und vom Willen Allahs umfasst ist.

Allah (swt) ist kein Beobachter, der die Entwicklung Seiner Schöpfung lediglich verfolgt. Die Welt besitzt keine von Ihm unabhängige Eigendynamik. Kein Mensch und keine andere Macht kann etwas gegen Seinen Willen erzwingen.

Der Qurʾān sagt:

„Und ihr könnt nicht wollen, außer dass Allah will. Allah ist wahrlich allwissend und allweise.“

Sure al-Insan, 76:30

An einer weiteren Stelle heißt es:

„Doch ihr könnt nicht wollen, außer dass Allah, der Herr der Welten, will.“

Sure at-Takwir, 81:29

Beide Verse sprechen dem Menschen einen Willen zu. Zugleich machen sie deutlich, dass dieser menschliche Wille nicht unabhängig vom Willen Allahs existiert.

Allah wird nicht überrascht

Wenn nichts außerhalb des Willens Allahs geschieht, dann ereignet sich in der Welt auch nichts, womit Allah nicht gerechnet hätte.

Menschen planen und erleben anschließend, dass die Wirklichkeit anders verläuft. Wir erhalten neue Informationen, müssen Entscheidungen korrigieren und erkennen manchmal erst spät die Folgen unseres Handelns.

Allah (swt) lernt nichts hinzu.

Kein Ereignis zwingt Ihn, Seine Absicht zu überdenken. Keine Entwicklung gerät außer Kontrolle. Kein menschlicher Entschluss durchkreuzt einen göttlichen Plan, den Allah eigentlich nicht verwirklichen konnte.

Das bedeutet nicht, dass wir jedes Ereignis verstehen. Es bedeutet auch nicht, dass alles, was geschieht, aus unserer begrenzten Perspektive sofort einen erkennbaren Sinn ergeben muss.

Der Satz bewahrt aber vor der Vorstellung, das Leben könne an einen Punkt gelangen, an dem selbst Allah nichts mehr tun könne.

Will Allah auch die Sünde?

An dieser Stelle entsteht eine schwierige Frage.

Wenn nur geschieht, was Allah will, gilt das dann auch für Unglauben, Mord, Unterdrückung und andere Sünden?

Tatsächlich treten auch diese Handlungen nicht außerhalb der Herrschaft Allahs in die Wirklichkeit. Es gibt neben Allah keinen zweiten Schöpfer, der unabhängig von Ihm eigene Ereignisse hervorbringen könnte.

Daraus folgt jedoch nicht, dass Allah jede Handlung liebt, billigt oder befiehlt, die Er geschehen lässt.

Der Qurʾān sagt ausdrücklich:

„Allah liebt die Ungerechten nicht.“

Sure Al Imran, 3:57

Ebenso heißt es:

„Und stifte kein Unheil auf der Erde. Allah liebt die Unheilstifter nicht.“

Sure al-Qasas, 28:77

Hier müssen zwei Ebenen auseinandergehalten werden.

Eine Handlung kann innerhalb der von Allah erschaffenen Welt tatsächlich geschehen, ohne dass Allah sie religiös geboten oder moralisch gutgeheißen hat.

Allah (swt) hat den Glauben geboten und liebt ihn. Dennoch glauben nicht alle Menschen.

Er hat Gerechtigkeit geboten und liebt sie. Dennoch handeln Menschen ungerecht.

Er hat die Sünde verboten und missbilligt sie. Dennoch ermöglicht Er dem Menschen, sich gegen Sein Gebot zu entscheiden.

Nicht alles, was Allah geschehen lässt, ist etwas, das Er liebt.

Wille ist nicht dasselbe wie Gebot und Wohlgefallen

In theologischen Texten wird dieser Zusammenhang teilweise mit der Unterscheidung zwischen einem schöpferischen und einem gesetzgeberischen Willen erklärt.

Ich halte zunächst eine einfachere Formulierung fest:

Was Allah will, tritt in die Wirklichkeit ein. Was Allah gebietet und liebt, kann der Mensch dennoch ablehnen.

Der göttliche Wille darf daher nicht ohne Weiteres mit dem göttlichen Gebot, der Liebe Allahs oder Seinem Wohlgefallen gleichgesetzt werden.

Eine Sünde geschieht innerhalb der Schöpfung Allahs. Sie wird aber durch die Entscheidung des Menschen zu einer Sünde.

Allah befiehlt dem Menschen die verbotene Handlung nicht. Er zwingt ihn nicht dazu und erklärt sie nicht für gut. Der Mensch entscheidet sich gegen das Gebot Allahs und wird deshalb für seine Entscheidung verantwortlich gemacht.

Andernfalls könnten Gebote, Verbote, Lohn und Strafe keinen Sinn besitzen.

Warum verhindert Allah die Sünde nicht?

Allah könnte jeden Menschen daran hindern, eine Sünde zu begehen.

Er könnte einen Menschen körperlich bewegungsunfähig machen, ihm jede Gelegenheit nehmen oder eine Welt erschaffen, in der niemand zwischen Gehorsam und Ungehorsam wählen kann.

Doch eine solche Welt wäre nicht die Welt der menschlichen Prüfung.

Der Mensch wäre dann nicht gehorsam, weil er sich für den Gehorsam entschieden hat. Er besäße überhaupt keine Möglichkeit, anders zu handeln.

Dass Allah eine Handlung nicht verhindert, macht sie jedoch nicht zu einer Handlung, die Er liebt.

Auch menschlich verstehen wir grundsätzlich, dass das Zulassen einer Entscheidung nicht mit ihrer moralischen Billigung identisch ist. Die göttliche Wirklichkeit darf zwar nicht einfach mit menschlichen Verhältnissen gleichgesetzt werden. Die begriffliche Unterscheidung bleibt dennoch verständlich.

Allah (swt) erschafft einen Menschen, der denken, abwägen und entscheiden kann. Er zeigt ihm durch Offenbarung, Vernunft und Gewissen einen Weg. Der Mensch trägt anschließend Verantwortung dafür, wie er seine Fähigkeiten verwendet.

Die hanafitisch-maturidische Perspektive

Die hanafitisch-maturidische Glaubenslehre versucht, zwei gegensätzliche Irrwege zu vermeiden.

Der erste Irrweg besteht darin, den Menschen als vollständig gezwungen zu betrachten.

Wäre der Mensch bei jeder Handlung lediglich ein willenloses Werkzeug, könnte er für seine Entscheidungen nicht sinnvoll verantwortlich gemacht werden. Gebote und Verbote wären dann an jemanden gerichtet, der überhaupt keine Wahl besitzt.

Der zweite Irrweg besteht darin, den Menschen zu einem von Allah unabhängigen Schöpfer seiner eigenen Handlungen zu machen.

Dann gäbe es innerhalb der Schöpfung Ereignisse, die nicht durch Allah erschaffen wären. Neben der Schöpfungsmacht Allahs müsste eine zweite eigenständige Schöpfungsmacht angenommen werden.

Die maturidische Lehre hält deshalb an beiden Aussagen fest:

Allah ist der Schöpfer aller Dinge.

Und:

Der Mensch entscheidet sich tatsächlich und trägt Verantwortung für seine Entscheidung.

Allah erschafft den Menschen, seine Fähigkeiten, seine Möglichkeiten und das tatsächliche Eintreten der Handlung. Der Mensch besitzt aber einen wirklichen Willen und entscheidet, wofür er seine von Allah erschaffene Fähigkeit einsetzt.

Die Handlung steht deshalb vollständig innerhalb der Schöpfung Allahs und kann dem Menschen zugleich moralisch zugerechnet werden.

Das genaue Verhältnis zwischen der menschlichen Fähigkeit und dem Vollzug einer Handlung behandelt at-Tahawi später noch ausführlicher. Dann wird auch die Frage eine Rolle spielen, in welchem Sinn die menschliche Fähigkeit vor der Handlung und in welchem Sinn sie gleichzeitig mit ihr besteht.

Für den jetzigen Glaubenssatz genügt:

Meine Entscheidung ist wirklich. Sie ist aber nicht von Allah unabhängig.

Allahs Wissen zwingt den Menschen nicht

Manchmal wird die Frage nach dem göttlichen Willen mit Allahs Vorwissen vermischt.

Wenn Allah bereits weiß, wie ich mich entscheiden werde, kann ich mich dann überhaupt noch frei entscheiden?

Allahs Wissen ist unfehlbar. Dennoch ist Sein Wissen nicht mit einem Zwang gleichzusetzen, der den Menschen gegen seinen eigenen Willen zu einer Handlung drängt.

Allah weiß die Handlung so, wie sie tatsächlich geschieht: als eine freiwillige oder unfreiwillige Handlung, als Gehorsam oder Ungehorsam, als bewusste Entscheidung oder als etwas, wofür der Mensch keine Verantwortung trägt.

Der Mensch begeht eine Sünde nicht deshalb, weil Allah ihn aufgrund Seines Wissens dazu zwingt. Allah weiß vielmehr von Ewigkeit her, welche Entscheidung der Mensch aus eigenem Willen treffen wird.

Das göttliche Wissen kann sich nicht irren. Die menschliche Entscheidung bleibt dennoch die Entscheidung des Menschen.

Zwischen Qadariyya und Dschabriyya

Die Frage nach dem Verhältnis von göttlichem Willen und menschlicher Verantwortung wurde bereits in den ersten Jahrhunderten des Islams intensiv diskutiert.

In den klassischen theologischen Darstellungen stehen sich dabei zwei Extreme gegenüber.

Die Qadariyya und später besonders die Muʿtazila betonten die menschliche Selbstbestimmung so stark, dass sie den Menschen in unterschiedlicher Weise als Hervorbringer seiner Handlungen beschrieben.

Die Dschabriyya vertrat die entgegengesetzte Auffassung und reduzierte den Menschen weitgehend auf ein Wesen, das zu seinen Handlungen gezwungen werde.

At-Tahawis Satz weist zunächst die Vorstellung zurück, innerhalb der Schöpfung könne etwas unabhängig vom Willen Allahs entstehen.

Spätere Aussagen der Schrift machen zugleich deutlich, dass der Mensch nicht von seiner Verantwortung befreit wird. Der Text entscheidet sich damit weder für einen blinden Fatalismus noch für eine vom Schöpfer unabhängige menschliche Macht.

Die Unterschiede innerhalb der sunnitischen Theologie

Maturiditen, Aschʿariten und Athariten stimmen im grundlegenden Glaubenssatz überein:

  • Nichts geschieht außerhalb des Willens Allahs.
  • Allah ist der Schöpfer aller Dinge.
  • Der Mensch besitzt einen Willen und trägt Verantwortung.
  • Allah zwingt den Menschen nicht zur Sünde und bestraft ihn nicht anschließend für etwas, bei dem er keinerlei Wahl besaß.

Unterschiede entstehen bei der genaueren theologischen Erklärung.

Die maturidische Tradition betont besonders die wirkliche menschliche Entscheidungsfähigkeit. Der Mensch richtet seinen Willen tatsächlich auf eine bestimmte Handlung und ist deshalb ihr verantwortlicher Handelnder, ohne zum unabhängigen Schöpfer dieser Handlung zu werden.

Die aschʿaritische Schule spricht ebenfalls vom Erwerb der Handlung, dem kasb. Sie setzt bei der Erklärung teilweise andere Schwerpunkte und betont noch stärker, dass Allah allein die Handlung erschafft.

Atharitische Gelehrte halten sich häufig enger an die unmittelbaren Formulierungen aus Qurʾān und Sunnah: Allah will, was geschieht, und der Mensch handelt verantwortlich. Die genaue Verbindung beider Aussagen wird weniger stark durch begriffliche Modelle erklärt.

Der Unterschied liegt daher nicht darin, dass nur eine sunnitische Richtung an den göttlichen Willen oder an eine andere menschliche Verantwortung glaubt.

Der Streit betrifft die Frage, wie beide Wahrheiten begrifflich miteinander verbunden werden.

Ein Hadith, der beide Seiten zusammenführt

Kaum eine Überlieferung bringt das Verhältnis zwischen menschlichem Handeln und Vertrauen auf Allah so deutlich zum Ausdruck wie ein Hadith, den Abu Huraira (ra) überliefert hat.

Der vollständige arabische Wortlaut findet sich in Ṣaḥīḥ Muslim, Hadith 2664. Die folgende deutsche Fassung ist eine eigene vollständige Übersetzung des Hadiths.

Der Gesandte Allahs (saw) sagte:

„Der starke Gläubige ist besser und Allah lieber als der schwache Gläubige, doch in beiden liegt Gutes.

Strebe eifrig nach dem, was dir nützt, suche Hilfe bei Allah und gib nicht auf.

Wenn dich etwas trifft, dann sage nicht: ‚Hätte ich dies oder jenes getan, wäre dies oder jenes geschehen.‘

Sage vielmehr: ‚Allah hat es bestimmt, und was Er wollte, hat Er getan.‘

Denn das Wort ‚hätte‘ öffnet dem Wirken Satans die Tür.“

Dieser Hadith ist deshalb so wichtig, weil er den Glauben an die Vorherbestimmung nicht als Passivität beschreibt.

Der Prophet (saw) beginnt nicht mit der Aufforderung, alles hinzunehmen und nichts zu tun. Er beginnt mit Stärke, Nutzen, Bemühung und der Bitte um Allahs Hilfe.

Erst nachdem der Mensch gehandelt und sich bemüht hat, folgt die Aufforderung, das eingetretene Ergebnis anzunehmen.

Was ist ein starker Gläubiger?

Die im Hadith erwähnte Stärke darf nicht ausschließlich körperlich verstanden werden.

Körperliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit können ein Gut sein. Ein starker Gläubiger kann seine Kraft einsetzen, um zu arbeiten, anderen zu helfen und religiöse Pflichten zu erfüllen.

Die Aussage umfasst aber ebenso:

  • Stärke im Glauben,
  • Entschlossenheit,
  • Geduld,
  • Wissen,
  • Selbstbeherrschung,
  • Mut,
  • die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Entscheidend ist nicht bloße Macht. Ein körperlich oder gesellschaftlich starker Mensch, der seine Möglichkeiten für Unrecht einsetzt, wird dadurch nicht zu dem starken Gläubigen, den der Hadith lobt.

Seine Stärke wird wertvoll, wenn sie dem Guten dient.

Bemerkenswert ist außerdem die Ergänzung:

„Doch in beiden liegt Gutes.“

Der schwache Gläubige wird nicht verachtet. Solange der Glaube vorhanden ist, liegt in ihm Gutes. Der Hadith beschreibt einen Vorzug, ohne dem schwächeren Menschen jeden Wert abzusprechen.

„Strebe nach dem, was dir nützt“

Diese Aufforderung widerspricht jeder fatalistischen Haltung.

Der Prophet (saw) sagt nicht:

Da ohnehin nur geschieht, was Allah will, brauchst du nichts zu unternehmen.

Er sagt:

Strebe eifrig nach dem, was dir nützt.

Der Gläubige soll überlegen, welche Handlung ihm in seiner Religion und in seinem weltlichen Leben tatsächlich nützt. Anschließend soll er die notwendigen Mittel ergreifen.

Er lernt. Er arbeitet. Er plant. Er schützt seine Gesundheit. Er versucht, Fehler zu vermeiden. Er sucht Lösungen für seine Probleme.

Der Glaube an den göttlichen Willen entbindet ihn nicht von der Verpflichtung, vernünftig zu handeln.

Im Gegenteil: Auch die verfügbaren Mittel gehören zur Vorherbestimmung Allahs.

„Suche Hilfe bei Allah“

Bemühung allein genügt jedoch nicht.

Der Mensch kann alle vernünftigen Mittel ergreifen und trotzdem scheitern. Er besitzt weder vollständiges Wissen noch uneingeschränkte Kontrolle über die Folgen seines Handelns.

Deshalb verbindet der Prophet (saw) das menschliche Streben unmittelbar mit dem Vertrauen auf Allah:

„Suche Hilfe bei Allah.“

Der Muslim soll weder untätig auf Hilfe warten noch so handeln, als könne er das Ergebnis aus eigener Kraft garantieren.

Er bemüht sich, weil er Verantwortung trägt.

Er bittet Allah um Hilfe, weil jede Fähigkeit, jede Möglichkeit und jedes Ergebnis letztlich von Ihm abhängt.

„Gib nicht auf“

Die Formulierung wa-lā taʿǧaz lässt sich auch mit „werde nicht schwach“, „sei nicht unfähig“ oder „verfalle nicht in Hilflosigkeit“ übersetzen.

Gemeint ist nicht, dass ein Mensch niemals erschöpft oder überfordert sein darf.

Der Hadith warnt vor einer inneren Haltung, in der der Mensch seine Handlungsmöglichkeiten aufgibt, bevor er sie ernsthaft genutzt hat.

Manchmal wird die Vorherbestimmung als Entschuldigung verwendet:

Wenn Allah es für mich bestimmt hat, wird es ohnehin geschehen.

Der Hadith weist genau diesen Gedanken zurück.

Der Mensch kennt seine Vorherbestimmung nicht. Er kennt aber seine gegenwärtige Verantwortung.

Deshalb soll er handeln.

Wann das „Hätte“ zur Gefahr wird

Der Hadith verbietet nicht jedes Nachdenken über vergangene Entscheidungen.

Es ist sinnvoll, Fehler zu analysieren. Ein Mensch darf sich fragen, was er beim nächsten Mal besser machen kann. Ohne eine solche Selbstprüfung wären Lernen, Reue und persönliche Entwicklung kaum möglich.

Problematisch wird das „Hätte“, wenn es nicht mehr zu einer Erkenntnis und einer neuen Handlung führt, sondern zu einem endlosen inneren Widerstand gegen das bereits Geschehene.

Hätte ich nur anders entschieden.
Wäre ich nur nicht dorthin gegangen.
Hätte diese Person nur anders gehandelt.
Dann wäre mein Leben heute vollkommen anders.

Solche Gedanken können das Herz an eine Vergangenheit binden, die nicht mehr verändert werden kann.

Der Mensch beginnt, alternative Lebensläufe im Kopf zu erschaffen. Er weiß jedoch nicht, ob diese tatsächlich besser verlaufen wären. Er sieht nur die Möglichkeit, die er verloren zu haben glaubt, nicht aber die Prüfungen, die auch auf dem anderen Weg gelegen hätten.

Das „Hätte“ öffnet dem Wirken Satans die Tür, wenn es den Menschen in Schuldgefühlen, Bitterkeit, Selbsthass oder einem Einwand gegen Allahs Bestimmung festhält.

Annahme bedeutet nicht Gleichgültigkeit

Die Aussage:

„Allah hat es bestimmt, und was Er wollte, hat Er getan“

bedeutet nicht, dass der Mensch jede eigene Verantwortung leugnen darf.

Hat er eine Sünde begangen, bereut er sie. Hat er einen anderen Menschen verletzt, entschuldigt er sich und versucht, den Schaden wiedergutzumachen. Hat er aus Nachlässigkeit einen Fehler gemacht, lernt er daraus.

Die Vorherbestimmung darf nicht als Ausrede für eine frei gewählte falsche Handlung verwendet werden. Sie hilft dem Menschen vielmehr dann, wenn er das getan hat, was ihm jetzt noch möglich ist, und die Vergangenheit dennoch nicht mehr verändern kann.

Ich übernehme Verantwortung für meine Entscheidung. Aber ich zerstöre mich nicht an der Vorstellung, ich hätte die gesamte Wirklichkeit kontrollieren können.

Eine Grenze für die Selbstanklage

Gerade darin liegt für mich die praktische Kraft dieses Hadiths.

Menschen neigen dazu, sich im Rückblick eine Macht zuzuschreiben, die sie im Augenblick der Entscheidung überhaupt nicht besaßen.

Im Nachhinein kennen wir das Ergebnis. Deshalb erscheint uns eine andere Entscheidung plötzlich offensichtlich.

Zum damaligen Zeitpunkt wussten wir vieles jedoch noch nicht.

Natürlich gibt es Fehler, die erkennbar waren und für die wir Verantwortung tragen. Aber auch dann führt eine endlose Selbstanklage nicht zurück in die Vergangenheit.

Reue soll den Menschen zu Allah und zu einer besseren Handlung führen.

Sie soll ihn nicht vollständig lähmen.

Der Glaube an die Vorherbestimmung setzt der Selbstanklage deshalb eine Grenze:

Ich erkenne meinen Fehler an. Ich korrigiere, was noch korrigiert werden kann. Und ich akzeptiere, dass das Geschehene nun zur Wirklichkeit gehört, die Allah zugelassen hat.

Nicht jede schwierige Lage ist ein Urteil über meinen Wert

Wenn etwas nicht gelingt, entsteht schnell der Eindruck, das Scheitern sage etwas Endgültiges über den eigenen Wert aus.

Eine Beziehung zerbricht.

Ein beruflicher Weg endet.

Eine Hoffnung erfüllt sich nicht.

Eine Entscheidung führt zu schmerzhaften Folgen.

Der Glaube an den Willen Allahs nimmt dem Ereignis nicht seinen Schmerz. Er erinnert mich aber daran, dass mein begrenzter Blick nicht die gesamte Bedeutung dieses Ereignisses erfassen kann.

Was heute nur wie Verlust erscheint, kann mich vor etwas bewahren, das ich nicht gesehen habe.

Was ich unbedingt erreichen wollte, hätte mich möglicherweise nicht zu dem Menschen gemacht, der ich werden soll.

Solche Möglichkeiten darf ich nicht als sichere Erklärung Allahs ausgeben. Ich kenne Seine verborgene Weisheit nicht.

Ich weiß aber, dass das Ereignis nicht außerhalb Seiner Herrschaft eingetreten ist.

Handeln, vertrauen und annehmen

Der Satz at-Tahawis ist keine Einladung zur Passivität.

Er ordnet das menschliche Handeln vielmehr in drei Schritte ein:

Zuerst handle ich.

Ich suche nach dem, was mir nützt, treffe Entscheidungen und nutze die Mittel, die Allah mir gegeben hat.

Dann vertraue ich.

Ich weiß, dass meine Kraft begrenzt ist, und bitte Allah um Hilfe.

Schließlich nehme ich das Ergebnis an.

Wenn ich meine Verantwortung erfüllt habe und das Ergebnis dennoch anders ausfällt, verliere ich mich nicht in einem endlosen Kampf gegen die Vergangenheit.

Genau darin begegnen sich menschlicher Wille und göttliche Vorherbestimmung:

Ich bin für mein Handeln verantwortlich. Das Ergebnis gehört Allah.

Nichts geschieht außerhalb Seiner Herrschaft

At-Tahawis Satz besteht nur aus vier arabischen Wörtern:

Nichts geschieht außer dem, was Allah will.

Der Satz nimmt dem Menschen seine Verantwortung nicht ab. Er spricht dem Menschen auch nicht seinen Willen ab. Er zieht vielmehr eine Grenze: Kein menschlicher Wille wird zu einer von Allah unabhängigen Macht.

Ich entscheide mich tatsächlich. Ich kann gehorchen oder sündigen, handeln oder unterlassen, mich bemühen oder aufgeben. Doch ich handle als Geschöpf innerhalb einer Wirklichkeit, die Allah erschaffen hat und erhält.

Der vollständige Hadith aus Ṣaḥīḥ Muslim zeigt deshalb, wie der Glaube an die Vorherbestimmung gelebt wird:

Strebe nach dem, was dir nützt. Suche Hilfe bei Allah. Gib nicht auf. Und wenn das Ergebnis feststeht, verliere dich nicht im „Hätte“.

Der Glaube an Allahs Willen bedeutet weder Untätigkeit noch Gleichgültigkeit.

Er bedeutet, entschlossen zu handeln, ohne sich selbst für den Herrn aller Ergebnisse zu halten.

Quellen und weiterführende Literatur

Geschrieben von

Akif Şahin

SEO-Manager

Akif Şahin aus Hamburg ist auf SEO (Suchmaschinenoptimierung) und digitale Strategien spezialisiert. Vorher war er als Content-Manager, Journalist und Marketing-Manager an der Realisierung von großartigen Projekten beteiligt.