Wer sich im deutschsprachigen Raum ernsthaft mit islamischer Glaubenslehre beschäftigen möchte, stößt relativ schnell an Grenzen. Es gibt zahlreiche Vorträge, kurze Broschüren und moderne Einführungen. Klassische Werke sind dagegen häufig gar nicht übersetzt oder nur in Ausgaben erhältlich, deren theologische Einordnung für den Leser nicht ohne Weiteres erkennbar ist.
Genau dieses Problem begegnet mir bei der Aqida at-Tahawiyya.
Der eigentliche Text ist kurz. Auf wenigen Seiten fasst Imam Abu Dschaʿfar at-Tahawi die Grundlagen der sunnitischen Glaubenslehre zusammen. Schwieriger wird es bei den Kommentaren. Die bekannteste deutschsprachige Ausgabe enthält die Erläuterungen von Ibn Abi l-ʿIzz. Dieser Kommentar ist umfangreich und zweifellos bedeutend, steht aber nicht durchgehend in der hanafitisch-maturidischen Tradition, aus der ich selbst auf den Text blicke.
Ich habe mich deshalb entschieden, die Aqida at-Tahawiyya Satz für Satz neu zu lesen und (auch mithilfe von KI) zu versuchen, die Aussagen aus hanafitisch-maturidischer Perspektive verständlich einzuordnen. Nicht mit dem Anspruch, einen weiteren großen theologischen Kommentar zu verfassen. Ich möchte zunächst selbst verstehen, was at-Tahawi sagt, auf welche Fragen seine knappen Formulierungen antworten und weshalb sie bis heute relevant sind.
Eine Glaubenslehre in der Tradition Abu Hanifas
At-Tahawi erklärt zu Beginn seines Werkes, dass er die Glaubenslehre der Ahl as-Sunna wa-l-Dschamaʿa nach dem Verständnis Abu Hanifas, Abu Yusufs und Muhammad asch-Schaibanis darstellen möchte.
Das ist für die Einordnung des Werkes besonders wichtig.
Die Aqida at-Tahawiyya ist nicht einfach ein allgemeiner Text über den islamischen Glauben. Sie steht ausdrücklich in der frühen hanafitischen Tradition. At-Tahawi versteht sich nicht als Begründer einer neuen theologischen Schule. Er fasst zusammen, was die maßgeblichen Gelehrten seiner Rechtsschule über die Grundlagen des Glaubens lehrten.
At-Tahawi und Abu Mansur al-Maturidi lebten ungefähr in derselben Epoche. Die später ausgearbeitete maturidische Theologie war zu diesem Zeitpunkt noch nicht als geschlossenes Lehrsystem formuliert. Beide Gelehrten knüpften jedoch an dieselbe frühe hanafitische Tradition an.
Deshalb lese ich die Tahawiyya nicht als nachträglich verfasstes maturiditisches Lehrbuch. Ich verstehe sie als frühe hanafitisch-sunnitische Glaubensschrift, deren Aussagen später von maturidischen Gelehrten systematischer erklärt und verteidigt wurden.
Der erste Glaubenssatz
Arabischer Text
نَقُولُ فِي تَوْحِيدِ اللهِ مُعْتَقِدِينَ بِتَوْفِيقِ اللهِ: إِنَّ اللهَ وَاحِدٌ لَا شَرِيكَ لَهُ
Umschrift
Naqūlu fī tauḥīdi llāhi muʿtaqidīna bi-taufīqi llāh: inna llāha wāḥidun lā šarīka lah.
Nahe Übersetzung
Wir sagen über die Einheit Allahs, im Glauben und mit Allahs Beistand: Allah ist Einer; Er hat keinen Teilhaber.
Lesbare Übersetzung
Im Vertrauen auf Allahs Beistand bekennen wir hinsichtlich Seiner Einheit: Allah ist Einer und besitzt keinen Teilhaber.
Der überlieferte Grundtext beginnt mit diesem Bekenntnis zum Tauhid.
Für einen Muslim erscheint diese Aussage zunächst selbstverständlich. Allah (swt) ist Einer. Er besitzt keinen Teilhaber. Genau das sprechen wir im Glaubensbekenntnis aus und genau das begegnet uns an vielen Stellen im Koran.
Doch gerade vermeintlich selbstverständliche Sätze werden häufig nur wiederholt, ohne dass wir noch darüber nachdenken, was sie tatsächlich bedeuten.
„Wir sagen“
At-Tahawi beginnt nicht mit einer langen Beweisführung. Er schreibt schlicht:
„Wir sagen …“
Glaube bleibt damit nicht nur eine innere Empfindung. Er besitzt einen Inhalt, der ausgesprochen, gelehrt und begründet werden kann. Das klingt zunächst banal, ist es aber nicht.
In religiösen Gesprächen wird heute häufig zwischen Glauben und Denken unterschieden. Glaube erscheint dann als etwas rein Persönliches, während vernünftige Erkenntnisse einem anderen Bereich zugeordnet werden. Die klassische islamische Theologie kennt diese Trennung in dieser Form nicht.
Aus maturidischer Perspektive ist der Mensch grundsätzlich dazu fähig, mit seiner Vernunft über die Welt nachzudenken und auf die Existenz eines Schöpfers zu schließen. Die Offenbarung macht die Vernunft nicht überflüssig. Sie führt sie weiter, korrigiert sie und teilt dem Menschen mit, was er ohne Offenbarung nicht wissen kann.
Die Vernunft entscheidet nicht darüber, was Allah (swt) sagen darf. Aber sie ist auch kein Feind des Glaubens.
Wenn at-Tahawi sagt: „Wir sagen“, wird deutlich, dass Glaubenslehre formulierbar ist. Sie ist nicht beliebig und besteht nicht nur aus einem unbestimmten Gefühl von Spiritualität.
„Im Glauben überzeugt“
Im arabischen Text verwendet at-Tahawi das Wort muʿtaqidīn. Es gehört zu derselben Wortwurzel wie der Begriff Aqida.
Die arabische Wurzel vermittelt die Bedeutung des Bindens, Festknüpfens oder Schließens eines Knotens. Eine Aqida ist deshalb keine flüchtige Vermutung und kein Gedanke, den man heute annimmt und morgen wieder verwirft. Sie bezeichnet eine Überzeugung, die im Herzen fest verankert ist.
At-Tahawi spricht die folgenden Sätze also nicht nur als Lehrmeinung aus. Er beschreibt Überzeugungen, die er für wahr hält und zu denen er sich innerlich bekennt.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Frage oder jeder ungewollte Gedanke den Glauben eines Menschen aufhebt. Eine Frage ist noch keine Leugnung. Ein Zweifel, der einen Menschen beschäftigt und nach einer Antwort suchen lässt, ist nicht dasselbe wie die bewusste Zurückweisung einer Glaubenswahrheit.
Mit Allahs Beistand
At-Tahawi spricht sein Bekenntnis bi-taufīqi llāh aus: mit Allahs Beistand, Seiner Führung und Seiner Befähigung.
Auch diese Formulierung ist mehr als eine fromme Einleitung.
Der Mensch denkt, sucht, entscheidet und glaubt. Zugleich ist er nicht unabhängig von Allah (swt). Dass ein Mensch die Wahrheit erkennt, sie annimmt und an ihr festhält, ist keine Leistung, die er ausschließlich sich selbst zuschreiben kann.
Der Koran sagt:
„Für denjenigen von euch, der den geraden Weg einschlagen will. Doch ihr könnt nicht wollen, außer dass Allah, der Herr der Welten, will.“
Sure at-Takwir, 81:28–29
In diesen Versen wird der menschliche Wille nicht geleugnet. Der Mensch will und entscheidet tatsächlich. Sein Wille steht jedoch nicht außerhalb des Willens Allahs (swt).
Die hanafitisch-maturidische Glaubenslehre versucht, beide Seiten zusammenzuhalten: Der Mensch trägt Verantwortung für seine Entscheidungen, ohne deshalb zu einem von Allah (swt) unabhängigen Schöpfer seiner Handlungen zu werden.
Schon die kurze Formulierung „mit Allahs Beistand“ weist darauf hin, dass Rechtleitung nicht allein das Ergebnis intellektueller Begabung ist. Ein Mensch kann viel wissen und dennoch irren. Er kann Argumente kennen und trotzdem hochmütig bleiben. Erkenntnis wird erst dann zu Rechtleitung, wenn Allah (swt) sie ermöglicht und der Mensch sie annimmt.
Allah ist Einer
Mit der Aussage, Allah (swt) sei Einer, ist nicht nur gemeint, dass es zahlenmäßig einen Gott gibt.
Allah ist nicht einer von mehreren möglichen Göttern. Er gehört keiner Gattung an und ist kein Exemplar einer übergeordneten Art. Es gibt keine Kategorie „Gott“, innerhalb derer Allah das einzige vorhandene Wesen wäre.
Allah (swt) ist einzigartig und unvergleichbar.
Seine Einheit betrifft:
- Sein Wesen,
- Seine Eigenschaften,
- Seine Handlungen,
- Seine Herrschaft,
- Seinen Anspruch auf Anbetung.
Einheit des Wesens
Allah (swt) besteht nicht aus Teilen. Er ist nicht zusammengesetzt und nicht von etwas anderem abhängig.
Alles Zusammengesetzte ist von seinen Bestandteilen und von der Ordnung abhängig, durch die diese Bestandteile miteinander verbunden sind. Es kann geteilt oder verändert werden. Allah (swt) ist dagegen der absolut Unabhängige.
Einheit der Eigenschaften
Niemand besitzt Allahs Eigenschaften in derselben vollkommenen und ungeschaffenen Weise.
Menschen besitzen Wissen, doch sie müssen lernen. Sie vergessen, irren sich und erkennen vieles überhaupt nicht. Menschen können Macht ausüben, doch diese Macht ist begrenzt. Sie werden müde, krank und sterben.
Wenn wir Allah (swt) Wissen oder Macht zuschreiben, meinen wir deshalb nicht, dass Er diese Eigenschaften lediglich in einer größeren Form besitzt als wir.
Allahs Wissen ist nicht mit unserem Wissen vergleichbar. Seine Macht ist nicht die gesteigerte Version menschlicher Macht. Seine Eigenschaften sind vollkommen und ungeschaffen. Unsere Eigenschaften sind erschaffen, begrenzt und abhängig.
Der Koran fasst diese Unvergleichbarkeit mit wenigen Worten zusammen:
„Nichts ist Ihm gleich.“
Sure asch-Schura, 42:11
Einheit der Herrschaft
Allah (swt) allein erschafft und erhält die Welt. Kein Wesen handelt neben Ihm als zweiter, unabhängiger Schöpfer.
Das bedeutet nicht, dass geschaffene Ursachen bedeutungslos wären. Medizin kann zur Heilung beitragen. Nahrung stillt den Hunger. Arbeit ermöglicht ein Einkommen. Doch keine dieser Ursachen wirkt unabhängig von Allah (swt).
Die Ursachen gehören selbst zur geschaffenen Ordnung. Sie sind keine eigenständigen Mächte außerhalb Seiner Herrschaft.
Einheit der Anbetungswürdigkeit
Weil Allah (swt) allein der Schöpfer und vollkommen Unabhängige ist, gebührt allein Ihm die Anbetung.
Tauhid ist deshalb nicht nur eine Aussage über den Aufbau des Universums. Er entscheidet darüber, an wen sich der Mensch letztlich wendet, auf wen er absolut vertraut und wem er seine religiöse Hingabe widmet.
Er besitzt keinen Teilhaber
At-Tahawi ergänzt:
„Er hat keinen Teilhaber.“
Der arabische Begriff scharik bezeichnet einen Partner oder Teilhaber. Gemeint ist, dass niemand an Allahs Göttlichkeit, Herrschaft oder Schöpfungsmacht beteiligt ist.
Allah (swt) besitzt keinen Teilhaber:
- bei der Erschaffung,
- bei der Herrschaft,
- in Seinem Wissen,
- in Seiner Bestimmung,
- in Seiner Göttlichkeit,
- in Seinem Anspruch auf Anbetung.
Allah (swt) benötigt keine Unterstützung. Er delegiert keinen Teil Seiner Herrschaft an ein anderes göttliches Wesen. Es gibt keinen zweiten Schöpfer neben Ihm und keine Macht, die unabhängig von Ihm handeln könnte.
Die Sure al-Ichlas bringt diese Aussage in ihre bekannteste Form:
„Sprich: Er ist Allah, Einer. Allah, der absolut Unabhängige. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden. Und niemand ist Ihm ebenbürtig.“
Sure al-Ichlas, 112:1–4
Dass Allah (swt) keinen Teilhaber besitzt, betrifft nicht nur die Erschaffung der Welt. Es betrifft auch die Anbetung.
Kein Prophet, kein Engel, kein Heiliger und kein anderes Geschöpf besitzt einen eigenen Anteil an Göttlichkeit.
Geschöpfe können einen hohen Rang besitzen. Sie können von Allah (swt) geliebt und ausgezeichnet werden. Sie bleiben dennoch Geschöpfe.
Kann die Vernunft die Einheit Allahs erkennen?
Die maturidische Theologie beschränkt sich nicht darauf, die Einheit Allahs ausschließlich aus einem Koranvers abzuleiten.
Sie fragt auch, ob die Vorstellung mehrerer unabhängiger Götter überhaupt vernünftig denkbar ist.
Angenommen, es gäbe zwei allmächtige Götter. Der eine wollte, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt, während der andere wollte, dass es nicht eintritt.
Setzt sich nur einer durch, ist der andere nicht allmächtig. Setzen sich beide nicht durch, ist keiner von ihnen allmächtig. Zwei gegensätzliche Entscheidungen können nicht gleichzeitig vollständig verwirklicht werden.
Der Koran greift diesen Gedanken auf:
„Gäbe es in ihnen (Himmel und Erde) andere Götter als Allah, so wären sie wahrlich beide im Chaos versunken (zerstört worden). Preis sei Allah, dem Herrn des Thrones, Er ist erhaben über das, was sie (Ihm) zuschreiben!“
Sure al-Anbiya, 21:22
Der Vers fordert nicht dazu auf, den Glauben durch ein abstraktes Gedankenspiel zu ersetzen. Er zeigt vielmehr, dass der Tauhid nicht im Widerspruch zur Vernunft steht.
Die Einheit der Schöpfung, ihre Ordnung und ihre Abhängigkeit weisen auf einen einzigen, unabhängigen Schöpfer hin.
Weshalb dieser Satz nicht abstrakt bleibt
Bei theologischen Texten besteht immer die Gefahr, dass man Begriffe erklärt, Unterscheidungen ausarbeitet und am Ende dennoch nicht fragt, was all das mit dem eigenen Leben zu tun hat.
Die Aussage, dass Allah (swt) keinen Teilhaber besitzt, richtet sich nicht nur gegen alte polytheistische Vorstellungen. Sie richtet sich auch gegen die Neigung des Menschen, geschaffenen Dingen eine Macht zuzuschreiben, die ihnen nicht zusteht und nicht gehört.
Natürlich können Menschen uns helfen oder schaden. Geld kann Möglichkeiten eröffnen. Eine Arbeitsstelle kann Sicherheit geben. Eine Beziehung kann Geborgenheit vermitteln. Krankheit kann das Leben verändern.
Nichts davon ist bedeutungslos.
Aber nichts davon besitzt eine von Allah (swt) unabhängige Macht.
Ich kann Ursachen nutzen, ohne sie zu vergöttlichen. Ich kann mich um meine Zukunft bemühen, ohne zu glauben, sie vollständig kontrollieren zu können. Ich kann Menschen lieben, ohne von ihnen zu erwarten, dass sie jede innere Leere füllen. Ich kann Verlust fürchten, ohne zu vergessen, dass kein Verlust außerhalb des Wissens und der Herrschaft Allahs geschieht.
Vielleicht liegt genau darin eine der praktischsten Bedeutungen des Tauhid:
Der Mensch nimmt die Welt ernst, aber er macht sie nicht zu seinem Gott.
Ein unscheinbarer Anfang
Der erste Satz der Aqida at-Tahawiyya ist kurz:
Allah ist Einer und hat keinen Teilhaber.
Man könnte ihn lesen, zustimmend nicken und sofort zum nächsten Satz übergehen. Doch in ihm ist bereits festgelegt, wie der Muslim Allah (swt), die Welt und sich selbst versteht.
Allah (swt) allein ist vollkommen unabhängig. Alles andere ist geschaffen, begrenzt und auf Ihn angewiesen.
Das ist keine komplizierte Formel. Aber es ist eine Wahrheit, die ein ganzes Leben benötigt, um wirklich im Herzen anzukommen.