Am 24. Oktober steht Barack Obama in Detroit auf einer Bühne und wirbt für Abdul El-Sayed. Der ehemalige Präsident unterstützt einen Mann, der der linken Strömung der Demokratischen Partei angehört und ihn früher selbst kritisiert hat. Obama verteidigt ihn gegen Angriffe, die sich nicht allein auf seine politischen Vorstellungen richten, sondern auf seinen Namen und seinen muslimischen Glauben.
Einen Tag später tritt Donald Trump im selben Bundesstaat auf. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Port Huron bezeichnet er El-Sayed als Dschihadisten und Mitglied der Muslimbruderschaft. Er zieht sogar einen Vergleich zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Belege für eine terroristische Verbindung des Kandidaten legt er nicht vor. El-Sayed weist die Anschuldigungen zurück.
Zwei amerikanische Präsidenten, zwei Wahlkampfveranstaltungen und zwei grundverschiedene Darstellungen desselben Kandidaten. Mich beschäftigt daran weniger die politische Inszenierung als die Frage, weshalb die Religion eines amerikanischen Staatsbürgers im Jahr 2026 noch immer dazu benutzt werden kann, seine Zugehörigkeit zur eigenen Gesellschaft infrage zu stellen.
Dabei geht es in Michigan um einen Sitz im amerikanischen Senat. El-Sayed könnte der erste Muslim sein, der in diese Kammer gewählt wird. Sein republikanischer Gegenkandidat Mike Rogers versucht dagegen, seinen politischen Vorstellungen und Verbindungen die eigene sicherheitspolitische Erfahrung gegenüberzustellen. Die Auseinandersetzung berührt damit sowohl die ideologische Ausrichtung der beiden Kandidaten als auch die Grenzen einer politischen Debatte über Religion.
Die Zwischenwahlen am 3. November bieten deshalb einen Anlass, über die politische Bedeutung muslimischer Amerikaner nachzudenken. Nicht als geschlossene Gemeinschaft mit einheitlichen Interessen, sondern als Bürger, die innerhalb eines zunehmend polarisierten politischen Systems Einfluss haben und gewinnen wollen.
Wird Donald Trump zur Lame Duck?
Zunächst müssen wir verstehen, was bei diesen Zwischenwahlen überhaupt entschieden wird und für die Parteien wie für den Präsidenten auf dem Spiel steht. Die Amerikaner wählen sämtliche 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses und 35 der insgesamt 100 Senatoren neu. Hinzu kommen Gouverneurswahlen und zahlreiche politische Entscheidungen auf bundesstaatlicher Ebene.
Bisher kontrollieren die Republikaner beide Kammern des Kongresses. Ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus ist knapp, im Senat verfügen sie über 53 von 100 Sitzen. Die Demokraten benötigen dort einen Nettogewinn von vier Mandaten, um die Mehrheit zu übernehmen.
Für Trump ist diese Konstellation von erheblicher Bedeutung. Seine Partei kontrolliert bislang nicht nur das Weiße Haus, sondern auch die beiden Kammern des Kongresses, die über Gesetze, Haushaltsmittel und zahlreiche Personalentscheidungen mitbestimmen.
Verlieren die Republikaner das Repräsentantenhaus, verändert sich das Verhältnis zwischen Präsident und Parlament gewaltig. Die Demokraten könnten Gesetzesvorhaben blockieren, Untersuchungen gegen die Regierung einleiten und die Haushaltsverhandlungen stärker beeinflussen. Eine zusätzliche demokratische Mehrheit im Senat würde auch die Bestätigung von Richtern und wichtigen Regierungsvertretern erschweren.
Trump könnte damit zu einer sogenannten Lame Duck werden, einem Präsidenten, dessen politischer Einfluss während seiner verbleibenden Amtszeit erheblich eingeschränkt ist.
Allerdings halte ich diesen Begriff für erklärungsbedürftig. Trump befindet sich bereits in seiner zweiten und nach der amerikanischen Verfassung letzten regulären Amtszeit. Er kann nicht erneut zum Präsidenten gewählt werden. Ein Verlust der Kongressmehrheiten würde seine politische Macht begrenzen, aber nicht beseitigen. Sein Vetorecht, seine außenpolitischen Befugnisse und die Möglichkeiten exekutiven Handelns blieben bestehen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Trump nach den Midterms noch regieren kann, sondern welche seiner Vorhaben künftig auf parlamentarischen Widerstand treffen.
Und damit gewinnen für die US-Midterms jene Bundesstaaten an Bedeutung, in denen wenige Tausend Stimmen über einen Senatssitz oder den Einzug in den Kongress entscheiden können.
Wie viel politische Macht haben 5,5 Millionen Muslime?
Nach einer aktuellen Schätzung des Pew Research Centers leben rund 5,5 Millionen Muslime in den Vereinigten Staaten. Das entspricht etwa 1,6 Prozent der Bevölkerung. Noch 2007 waren es schätzungsweise 2,4 Millionen. Die Zahl der Muslime hat sich also seitdem knapp verdoppelt.
Doch was sagt eine solche Zahl über politische Macht aus?
Zunächst erstaunlich wenig. Nicht jeder Muslim ist amerikanischer Staatsbürger, nicht jeder besitzt das Wahlrecht und nicht jeder nimmt an Wahlen teil. Außerdem verteilen sich muslimische Amerikaner nicht gleichmäßig über das Land.
Hinzu kommt ihre gesellschaftliche Vielfalt. Afroamerikanische Muslime, arabischstämmige Familien, Einwanderer aus Südasien und ihre in den Vereinigten Staaten geborenen Nachkommen unterscheiden sich in ihren Erfahrungen, wirtschaftlichen Verhältnissen und politischen Überzeugungen.
Dennoch wird häufig versucht, aus ihrer gemeinsamen Religion ein einheitliches politisches Verhalten abzuleiten.
Ich halte das für einen grundlegenden Fehler. Ein muslimischer Unternehmer in Texas muss nicht dieselben Interessen vertreten wie ein muslimischer Industriearbeiter in Michigan. Auch Alter, Geschlecht, Bildung und soziale Herkunft beeinflussen politische Entscheidungen.
Das zeigt sich bereits an der wechselvollen Beziehung muslimischer Amerikaner zu den beiden großen Parteien.
Bei der Präsidentschaftswahl 2000 unterstützten viele Muslime den Republikaner George W. Bush. Konservative gesellschaftliche Wertvorstellungen, wirtschaftspolitische Interessen und traditionelle Familienbilder spielten dabei eine Rolle.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 veränderte sich dieses Verhältnis. Staatliche Überwachung, Sicherheitsmaßnahmen und Diskriminierungserfahrungen belasteten die Bindung muslimischer Wähler an die Republikaner. In den folgenden Jahren näherten sich viele der Demokratischen Partei an.
Doch auch diese Verbindung erwies sich nicht als dauerhaft.
Gaza veränderte das Verhältnis zu den Demokraten
Die Präsidentschaftswahl 2024 markiert einen weiteren Einschnitt.
Der Krieg in Gaza und die amerikanische Unterstützung Israels unter Präsident Joe Biden führten bei Teilen der muslimischen Bevölkerung zu erheblicher Enttäuschung. Kamala Harris gelang es nicht, dieses verlorene Vertrauen vollständig zurückzugewinnen.
Dabei zeigen die verfügbaren Untersuchungen ein widersprüchliches Bild.
Die muslimische Bürgerrechtsorganisation CAIR ermittelte in einer Nachwahlbefragung 53 Prozent für Jill Stein, 21 Prozent für Donald Trump und lediglich 20 Prozent für Harris.
Das Institute for Social Policy and Understanding (ISPU) kam in einer späteren Untersuchung dagegen zu einem deutlich anderen Ergebnis. Demnach stimmten 50 Prozent der muslimischen Wähler für Harris, 31 Prozent für Trump und zwölf Prozent für Stein.
Solche Unterschiede sind zu groß, um sie zu übergehen. Sie hängen unter anderem mit den jeweiligen Erhebungsmethoden und Stichproben zusammen. Wer daraus eine eindeutige politische Neuorientierung sämtlicher Muslime ableitet, interpretiert mehr in die Ergebnisse hinein, als sie tatsächlich hergeben.
Auch CAIR selbst ist als Quelle kritisch einzuordnen.
Der 1994 gegründeten Organisation werden seit Jahren Verbindungen zur Muslimbruderschaft und zur Hamas vorgeworfen. Im Terrorfinanzierungsverfahren gegen die Holy Land Foundation wurde CAIR 2007 von der Staatsanwaltschaft als nicht angeklagter mutmaßlicher Mitverschwörer genannt. Gegen CAIR selbst wurde in diesem Verfahren keine Anklage erhoben.
Die republikanischen Gouverneure von Texas und Florida stuften CAIR 2025 auf bundesstaatlicher Ebene als terroristische Organisation ein. Die Organisation weist die Vorwürfe zurück und hat rechtliche Schritte eingeleitet. Ein Bundesgericht setzte die Durchsetzung der entsprechenden Anordnung Floridas im März 2026 vorläufig aus. Eine gerichtlich festgestellte institutionelle Zugehörigkeit zur Muslimbruderschaft liegt nicht vor.
Die Kontroverse gehört für mich zu einer ernsthaften Quellenkritik. Sie beantwortet allerdings weiterhin nicht die Frage, ob eine konkrete Wahlbefragung wissenschaftlich belastbar ist. Dazu müssen wir ihre Methodik, Stichprobe und Ergebnisse mit unabhängigen Untersuchungen vergleichen.
Interessanter finde ich ohnehin einen anderen Befund der ISPU-Studie: 41 Prozent der befragten muslimischen Wähler nannten Wirtschaft und Arbeitsplätze als wichtige Themen ihrer Wahlentscheidung. Der Krieg in Gaza folgte mit 35 Prozent, die Gesundheitsversorgung mit 23 Prozent.
Gaza spielte also eine herausragende Rolle, war aber keineswegs das einzige Anliegen muslimischer Wähler.
Gerade darin sehe ich eine politische Veränderung: Parteien können muslimische Wähler nicht selbstverständlich an sich binden, indem sie einzelne religiöse oder außenpolitische Interessen ansprechen und die übrigen Lebensverhältnisse ausblenden.
Michigan: Können muslimische Stimmen eine Wahl entscheiden?
Michigan ist ein besonders aufschlussreicher Bundesstaat, weil hier mehrere Entwicklungen zusammentreffen. Eine bedeutende muslimische Bevölkerung, eine lange Geschichte muslimischer Einwanderung, der politische Konflikt um Gaza und eine außerordentlich knappe Senatswahl.
Bereits 2024 verlor der Republikaner Mike Rogers gegen die Demokratin Elissa Slotkin mit einem Rückstand von lediglich 19.006 Stimmen. 2026 tritt Rogers erneut an. Diesmal gegen Abdul El-Sayed.
Eine Marist-Umfrage vom Oktober sieht El-Sayed unter wahrscheinlichen Wählern mit 50 zu 48 Prozent vor Rogers. Der Abstand liegt innerhalb der statistischen Fehlermenge.
Könnten muslimische Stimmen in einer solchen Konstellation ausschlaggebend sein? Rechnerisch ist das durchaus möglich. Eine ganz andere Frage ist, ob sie tatsächlich den Ausschlag geben werden. Hier wäre ich mit jeder Prognose vorsichtig.
Muslime stimmen nicht geschlossen für denselben Kandidaten. Außerdem können auch andere Bevölkerungsgruppen, Veränderungen der Wahlbeteiligung oder kurzfristige politische Entwicklungen einen knappen Wahlausgang beeinflussen.
Hinzu kommt, dass die Religionszugehörigkeit in den amtlichen Wahlergebnissen nicht erfasst wird. Eine nachträgliche Untersuchung könnte den Einfluss muslimischer Wähler abschätzen, aber kaum zweifelsfrei isolieren.
Für mich liegt das politische Potenzial deshalb nicht allein in der möglichen Entscheidung einer einzelnen Wahl. Es zeigt sich auch darin, dass muslimische Bürger selbst kandidieren, sich politisch organisieren und innerhalb bestehender Parteien Einfluss gewinnen.
Die Wahl El-Sayeds wäre in dieser Hinsicht historisch. Aber nicht, weil er als Muslim automatisch die Interessen anderer Muslime vertreten würde. Sondern weil ein muslimischer Kandidat an der Spitze einer großen Partei um ein nationales politisches Amt konkurriert.
Obama, Trump und die Frage nach der Zugehörigkeit
Gerade deshalb verdienen die Wahlkampfauftritte Obamas und Trumps besondere Aufmerksamkeit.
Obama greift am 24. Oktober in Detroit eine Erfahrung auf, die ihn selbst jahrelang begleitet hat. Während seiner Präsidentschaftskandidaturen wurden falsche Behauptungen verbreitet, er sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren oder heimlich Muslim. Donald Trump hatte die Verschwörungserzählung über Obamas Geburtsort damals selbst verbreitet.
Nun sieht Obama ähnliche Mechanismen im Umgang mit El-Sayed. Der frühere Präsident erinnert daran, dass bereits sein eigener Name und seine vermeintliche religiöse Zugehörigkeit benutzt wurden, um Zweifel an seiner amerikanischen Identität zu säen.
Dabei ist die politische Annäherung zwischen Obama und El-Sayed keineswegs selbstverständlich. El-Sayed hat Obama in der Vergangenheit kritisiert, insbesondere wegen aus seiner Sicht unzureichender sozialpolitischer Veränderungen. Trotzdem stellt sich Obama hinter seine Kandidatur und betont die gemeinsamen politischen Ziele.
Mich begeistert an dieser Begegnung, dass sie einen anderen Umgang mit politischen Differenzen zeigt. Zwei Politiker können in Sachfragen unterschiedlicher Meinung sein und dennoch gemeinsame Interessen verfolgen.
Obama versucht damit zugleich, progressive und gemäßigte Demokraten zusammenzuführen. Auch afroamerikanische Wähler in Detroit gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die er mit seinem Auftritt erreichen möchte.
Trump setzt einen Tag später einen anderen Schwerpunkt. Er verbindet El-Sayed mit islamistischem Extremismus und stellt dessen politische Loyalität infrage. Seine Behauptung, der Kandidat gehöre zur Muslimbruderschaft, bleibt unbelegt.
Natürlich müssen politische Kandidaten auch auf ihre ideologischen Überzeugungen und gesellschaftlichen Verbindungen überprüft werden können. El-Sayed muss sich ebenso kritischen Fragen stellen wie jeder andere Bewerber um ein öffentliches Amt.
Doch wenn sein muslimischer Name bereits als Verdachtsmoment dient, verlässt die Auseinandersetzung die Ebene politischer Argumente.
Eine Recherche vom September zeigt ähnliche Entwicklungen in anderen Bundesstaaten. In Texas ließ Gouverneur Greg Abbott ein muslimisch geprägtes Wohnprojekt wegen angeblicher Bestrebungen zur Einrichtung von Scharia-Gerichten untersuchen. Seine Regierung erklärte, es gehe um mögliche Rechtsverstöße und nicht um religiöse Überzeugungen. In Alabama warnte Senator Tommy Tuberville vor dem radikalen Islam als einer Bedrohung im Inneren.
Mir fällt auf, wie leicht bei solchen Auseinandersetzungen aus der Kritik an bestimmten politischen oder religiösen Strömungen eine allgemeine Debatte über die gesellschaftliche Zugehörigkeit von Muslimen wird. Diese Grenze sollte auch dann erkennbar bleiben, wenn man die politischen Positionen der betroffenen Personen ausdrücklich ablehnt.
Ilhan Omar und die Squad: Politische Repräsentation hat ihren Preis
Wie sehr muslimische Politiker inzwischen Teil der amerikanischen Politik geworden sind, zeigt die sogenannte Squad. Mit Alexandria Ocasio-Cortez (AOC), Ayanna Pressley, Rashida Tlaib und Ilhan Omar bildete sich nach den Kongresswahlen 2018 eine informelle Gruppe progressiver demokratischer Abgeordneter.
Omar und Tlaib zogen 2019 als erste muslimische Frauen in das Repräsentantenhaus ein.
Ihre Politik beschränkt sich keineswegs auf religiöse Anliegen. Die Squad beschäftigt sich mit sozialen Ungleichheiten, Gesundheitsversorgung, Klimapolitik, wirtschaftlicher Macht und Außenpolitik. Ihre Mitglieder vertreten dabei teilweise Positionen, die innerhalb der Demokratischen Partei selbst umstritten sind.
Gerade Ilhan Omar polarisiert seit ihrem Einzug in den Kongress.
Ihre Kritik an der israelischen Politik und der amerikanischen Unterstützung Israels hat wiederholt heftige Kontroversen ausgelöst. 2019 entschuldigte sie sich für Äußerungen über den Einfluss der israelfreundlichen Lobby, die auch von führenden Demokraten als antisemitische Stereotype kritisiert worden waren.
Ich halte es für notwendig, solche Kontroversen ernst zu nehmen. Kritik an israelischer Regierungspolitik ist nicht automatisch antisemitisch. Umgekehrt darf die berechtigte Auseinandersetzung über Israel nicht dazu führen, antisemitische Vorstellungen zu verharmlosen.
Politische Repräsentation bedeutet schließlich nicht, von Kritik verschont zu bleiben. Doch im Fall Omar hat die Auseinandersetzung inzwischen eine andere Dimension erreicht.
Am 12. Oktober 2026 durchsuchten Bundesbeamte ihr Wohnhaus in Washington. Die Ermittlungen betreffen mögliche Falschangaben in Einwanderungs- und Einbürgerungsunterlagen aus den 1990er-Jahren.
Untersucht wird unter anderem, ob Omar oder ihr inzwischen verstorbener Vater Angaben zu ihrem Geburtsdatum falsch gemacht haben könnten. Dabei geht es um die Frage, ob sie im Jahr 2000 als Minderjährige über die Einbürgerung ihres Vaters rechtmäßig die amerikanische Staatsbürgerschaft erwerben konnte.
Die möglichen rechtlichen Folgen sind erheblich. Unter bestimmten Voraussetzungen könnte ein Verfahren zur Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft eingeleitet werden. Allerdings sind die Vorwürfe bislang nicht bewiesen. Omar bestreitet jedes Fehlverhalten und sieht in den Ermittlungen einen politisch motivierten Einschüchterungsversuch.
Nach Recherchen der Washington Post wurden ähnliche Anschuldigungen bereits 2019 während Trumps erster Amtszeit untersucht. Damals fanden die zuständigen Beamten keine ausreichenden Hinweise, um eine umfassende Untersuchung einzuleiten.
Ich möchte an dieser Stelle zwei Dinge auseinanderhalten.
Wenn konkrete Hinweise auf rechtswidrige Angaben bei einer Einbürgerung existieren, müssen diese rechtsstaatlich überprüft werden können. Auch eine gewählte Kongressabgeordnete steht nicht über dem Gesetz.
Gleichzeitig darf die Durchsetzung des Rechts nicht davon abhängen, ob jemand den politischen Vorstellungen des Präsidenten entspricht.
Die Hausdurchsuchung wenige Wochen vor einer Wahl, die Wiederaufnahme früherer Anschuldigungen und Trumps wiederholte persönliche Angriffe auf Omar machen die Frage nach der politischen Unabhängigkeit der Ermittlungen unvermeidbar.
Dass Omar inzwischen angekündigt hat, ihr Haus in Washington aus Sicherheitsgründen verlassen zu wollen, zeigt, wie tief diese Auseinandersetzung in ihr persönliches Leben reicht.
Mich beschäftigt dabei ein grundlegender Widerspruch: Ein Mensch kann seit Jahrzehnten amerikanischer Staatsbürger sein, demokratisch gewählt werden und politische Verantwortung übernehmen. Trotzdem wird seine Zugehörigkeit zur Nation öffentlich infrage gestellt.
Das betrifft Omar als Person. Es berührt aber auch die Frage, wie sicher sich eingebürgerte Amerikaner ihrer staatsbürgerlichen Stellung sein können.
Was ich in Deutschland wiedererkenne
Die amerikanischen Verhältnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen. Wir besitzen ein anderes Wahlsystem, andere Parteistrukturen und eine andere Einwanderungsgeschichte.
Und doch erkenne ich Parallelen.
Auch in Deutschland leben rund 5,5 Millionen Muslime. Nicht alle besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, und nicht alle sind wahlberechtigt. Schon deshalb wäre es falsch, von mehreren Millionen muslimischen Wählerstimmen auszugehen.
Interessanter sind die tatsächlichen Parteipräferenzen.
Nach den von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgewerteten Befragungsdaten zur Bundestagswahl 2025 entschieden sich 29 Prozent der befragten muslimischen Wähler für die Linke, 28 Prozent für die SPD und 16 Prozent für das BSW. CDU und CSU erreichten zwölf Prozent, die AfD sechs Prozent.
Die Zahlen zeigen eine politische Vielfalt, die sich kaum mit der verbreiteten Vorstellung einer traditionell sozialdemokratischen muslimischen Wählerschaft vereinbaren lässt.
Dabei beobachte ich seit Langem, wie stark die öffentliche Wahrnehmung von Muslimen auf wenige politische Themen konzentriert bleibt.
Wenn über Muslime gesprochen wird, geht es häufig um Migration, Integration, religiöse Konflikte oder Sicherheitsfragen. Deutlich seltener beschäftigt sich die öffentliche Debatte mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen von Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Bildungs- oder Sozialpolitik.
Das halte ich für problematisch, weil es aus Menschen mit unterschiedlichen Interessen eine vermeintlich einheitliche religiöse Gruppe macht.
Ein muslimischer Handwerker muss nicht dieselbe Vorstellung von Wirtschaftspolitik besitzen wie ein muslimischer Hochschullehrer. Eine alleinerziehende Mutter beschäftigt sich möglicherweise mit anderen Fragen als ein selbstständiger Unternehmer. Auch die politischen Vorstellungen religiöser und weniger religiöser Muslime können weit auseinanderliegen.
Hinzu kommt die Frage politischer Repräsentation.
Mir geht es dabei nicht darum, dass Muslime zwingend von Muslimen vertreten werden müssten. Eine solche Vorstellung würde die religiöse Identität erneut über die politischen Überzeugungen stellen.
Mich interessiert vielmehr, weshalb die gesellschaftliche und politische Beteiligung muslimischer Bürger noch immer so häufig im Kontext ihrer Religion bewertet wird.
Muslimische Politiker können konservativ, sozialdemokratisch, liberal, links oder parteilos sein. Sie können religiöse Interessen vertreten oder ihnen widersprechen. Sie können überzeugende Politik machen oder daran scheitern. Ich möchte ihre politische Arbeit an denselben Maßstäben messen wie die jedes anderen Politikers.
Das bedeutet allerdings auch, dass Parteien sich nicht darauf beschränken können, Muslime vor Wahlen als besondere Zielgruppe anzusprechen. Wer ihre Stimmen gewinnen möchte, muss sich mit ihren politischen Anliegen auseinandersetzen, ohne ihnen ein gemeinsames Weltbild zu unterstellen.
Was von den Midterms bleiben könnte
Noch ist offen, welche Mehrheiten die Amerikaner am 3. November wählen werden und wie stark Donald Trumps politischer Handlungsspielraum anschließend eingeschränkt sein wird.
Ebenso wenig lässt sich heute sagen, ob muslimische Wähler einzelne Rennen tatsächlich entscheiden werden.
Die Entwicklungen in Michigan, die Kandidaturen muslimischer Politiker und die Konflikte um Ilhan Omar erzählen jedoch bereits vor dem Wahltag etwas über die amerikanische Gesellschaft.
Muslimische Amerikaner sind politisch sichtbarer geworden. Sie kandidieren noch stärker für öffentliche Ämter, vertreten noch stärker unterschiedliche gesellschaftliche Interessen und stellen auch innerhalb der etablierten Parteien bisherige Positionen infrage.
Gleichzeitig werden ihre Religion, ihre Herkunft und teilweise sogar ihre Staatsbürgerschaft zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen.
Ich sehe darin keinen Widerspruch zur wachsenden politischen Beteiligung, sondern einen Hinweis darauf, dass gesellschaftliche Anerkennung mit der Übernahme politischer Verantwortung nicht automatisch erreicht wird.
Für Deutschland ist das eine wichtige Beobachtung.
Wir sollten die politische Bedeutung muslimischer Bürger nicht allein daran messen, wie viele von ihnen wählen oder welche Partei sie unterstützen. Ebenso wichtig erscheint mir, ob sie innerhalb unseres politischen Systems Verantwortung übernehmen können, ohne ihre religiöse Zugehörigkeit ständig erklären oder rechtfertigen zu müssen.
Am Ende interessiert mich deshalb weniger die Vorstellung eines muslimischen Wählerblocks, der über Sieg oder Niederlage einer Partei entscheidet.
Mich interessiert eine Gesellschaft, in der muslimische Bürger politische Entscheidungen beeinflussen, Ämter übernehmen, unterschiedliche Überzeugungen vertreten und für ihre Politik kritisiert werden können – ohne dass ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft jedes Mal zur Abstimmung steht.
Quellen und weiterführende Literatur
- Reuters (28.10.2026): Michigan Senate Race – Muslim Candidate and Progressive Agenda
- Reuters (25.10.2026): Trump Invokes 9/11 in Michigan Campaign
- The Guardian (24.10.2026): Obama unterstützt Abdul El-Sayed
- The Guardian (13.09.2026): Islamophobic Rhetoric and the Midterms
- Religion Unplugged (18.09.2026): Muslims, the Midterms and America’s Political Future
- Middle East Online (09.09.2026): US Midterms Bring Renewed Focus on Muslims and Islam
- Pew Research Center (2026): A Portrait of Muslim Americans
- ISPU (2025): American Muslim Poll
- CAIR (2024): Muslim Voter Exit Poll
- The Washington Post (13.10.2026): Ermittlungen zu Ilhan Omars Einbürgerung
- Bundeszentrale für politische Bildung (2026): Politische Präferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund