Zwei Seiten pro Tag…

Viele Menschen sprechen zu Jahresbeginn über ihre guten Vorsätze für das neue Jahr. Ich tue das auch und gerne. Vorsätze sind wichtig, damit man ein Ziel vor Augen hat. Man kann darauf zuarbeiten. Und man freut sich, wenn man dieses Ziel erreicht hat. Seit einigen Jahren gibt es für mich immer drei Vorsätze. Der erste ist es, den Qur’an al Karim vollständig auf Arabisch einmal gelesen zu haben. Der zweite ist es, die Übersetzung des Qur’an al Karim vollständig auf Deutsch oder Türkisch gelesen zu haben. Und der dritte Vorsatz ist es, den Qur’an al Karim während des gnadenreichen Monats Ramadan einmal vollständig auf Arabisch gelesen zu haben.

Warum tue ich das? Weil ich mich in den Versen und auch in den Übersetzungen wiederfinde. Der Qur’an spricht mit seinem Leser. Und der Leser versteht den Qur’an aus seinem Horizont heraus. Ich kann nach all den Jahren, in denen ich mich Jahr um Jahr um ein besseres Verständnis bemüht habe, sagen, dass die Sicht auf die einzelnen Verse, auf jedes einzelne Wort, sich verändert. Aus unserem Alltag heraus, aus unserer Weisheit heraus, aus unserem Erlebten heraus ändert sich die Wahrnehmung. So spricht der Qur’an mit uns und wir verstehen ihn mal so und mal so. Es ist die Kunst, als Muslim, den Qur’an und sein richtiges Verständnis in den eigenen Alltag zu adaptieren.

Doch wie kam ich überhaupt dazu, diese Erkenntnis zu haben?

Ich hatte gerade meinen Imam und meine Moschee verloren. Möge Allah (swt) seiner Seele gnädig sein, er war verstorben. Bei ihm war ich in der Lehre des Lesens des Qur’an aufgestiegen. Ich hatte gerade den Sprung geschafft, schon musste ich wechseln. Ich las einfach geradeaus den Qur’an, ohne seine Regeln zu beachten. Oft wollte ich einfach nur lesen und nach Hause. Ich beeilte mich, es gab keine Betonung, es gab kein tiefer gehendes Verständnis der Materie. Eine Förderung dahin gehend gab es auch nicht. Mit unserem Imam war das Wissen darum auch wieder verschwunden. Mein Vater sah das Dilemma und informierte sich in seinem Umfeld, wie man in der Sache eine Lösung finden könnte.

In unserer Nachbarschaft gab es Tevrat Hodscha. Er war ein liebevoller Mensch, streng als Lehrer, aber ein grandioser Qur’an-Rezitator. Mein Vater sprach mit ihm und von einem Tag auf den Anderen besuchte ich nicht mehr die Qur’an-Schule, sondern ging eben bei diesem Tevrat Hodscha in die Wohnung ein und aus. Neben mir gab es noch weitere Schülerinnen und Schüler aus der Nachbarschaft. Sie alle waren ausgewählt worden, denn der Hodscha nahm in der Regel nur eine bestimmte Anzahl von Schülerinnen und Schülern auf. Tevrat Hodscha bat mich, an meinem ersten Tag eine Seite zu lesen. Ich las vor. Er unterbrach mich nach kurzem Lesen sofort und sagte: „Das nennst du lesen des Qur’an?“ Ich guckte ihn verwirrt an.

Der erste offenbarte Vers

Er schaute mir tief in die Augen, mit seinem langen Bart und sagte, kennst du den ersten offenbarten Vers aus dem Qur’an? Ich verneinte. Er schaute mich erneut an und sagte: „Gut. Wenn du etwas nicht weißt, dann kannst du auch etwas lernen.“ Er setzte sich zu mir, holte seinen Sohn dazu und ließ vor allen die Sura Al-Alaq (Das Anhängsel) rezitieren. Es war eine wunderschöne Stimme, noch dazu von einem jungen Muslim, der nicht älter war als mein eigener Bruder. Ibrahim rezitierte die Verse und achtete auf die besonderen Betonungen an jeder Stelle. Nachdem er fertig war, sagte Tevrat Hodscha: „Das ist Lesen des Qur’an. Aber lesen allein reicht nicht. Man muss auch verstehen!“ Und Ibrahim las uns die ungefähre Bedeutung der Worte vor.

„Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat,
den Menschen erschaffen hat aus einem Anhängsel.
Lies, und dein Herr ist der Edelste,
Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat,
den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.“

(Verse 1-5 in der Übersetzung von Elyas, Bubenheim)

Ich ging fortan gerne zum Unterricht von Tevrat Hodscha. Ich las jeden Tag nur zwei Seiten. Mehr wollte er nicht von mir. Ich wunderte mich, da sonst in der Qur’an-Schule immer viel mehr gewünscht war. Doch Tevrat Hodscha wollte von mir, dass ich die Regeln und die Kunst der Rezitation lerne. Er wollte, dass ich die Lesart des Qur’an verfeinere und das mein Verständnis für das Gelesene wächst. Das ich mir Zeit nehme und mit voller Energie lese und verstehe. Und zu meiner Bemerkung mit den zwei Seiten sagte er: „Wenn du jeden Tag zwei Seiten liest, wie viele Seiten sind das pro Jahr?“ Ich antwortete mit 730 Seiten. Er fragte dann daraufhin: „Wie viele Seiten hat der Qur’an?“ Es waren 604.

Verstehen, etwas Schönes tun und mehr über die Welt erfahren

„Steter Tropfen hölt den Stein. Und, wenn du jeden Tag den Qur’an liest und versuchst zu verstehen, dann wirst du zeit deines Lebens etwas Schönes getan haben, was dein Leben lebenswert macht und was dich über diese Welt mehr erfahren lässt, als du es dir vorstellen kannst“, sagte Tevrat Hodscha im Anschluss. Nach diesem Tag nahm ich mir vor, immer zwei Seiten des Qur’an täglich zu lesen. Bis zum Ende meines Lebens. Nach einigen Jahren war jedoch Schluss. Ich versäumte es immer häufiger, mich in die Lektüre zu vertiefen. Je weiter ich mich aber von dieser Tradition trennte, desto schlechter ging es mir mental. Ich hatte in dieser dunklen zeit meines Lebens verlernt zu reflektieren. Ich hatte verlernt, ein guter Mensch zu sein. Ich hatte überhaupt verlernt, was es an Anstrengung kostet, erfolgreich und Muslim zu sein.

Erst in späteren Jahren kam ich zurück zu dem Punkt, auf den mich mein alter Lehrer geführt hatte. Vor allem lernte ich, wie ich auch der größten Versuchung nach Macht widerstehen kann. Allah möge mit Tevrat Hodscha zufrieden sein. Er hat sich damals die Zeit genommen uns zu bilden und uns gelehrt, wie man den Qur’an rezitiert. Hätte er sich nicht uns angenommen, wer weiß, wo wir heute wären. Uns obliegt es nun, unser Wissen weiterzugeben. Und ich bin froh, dass meine Kinder einen Vater haben, der immer noch gut rezitieren und lesen kann und der immer noch gut unterrichten kann.

Ich wollte aber niedergeschrieben haben, wem ich das verdanke. Auch, weil von dem was ich gelernt habe andere profitiert haben. Ich verdanke es vor allem Tevrat Hodscha, und damit eben auch jene, die von mir unterrichtet wurden. Einem einfachen Mann aus der Nachbarschaft, der die Mühe auf sich nahm, in seiner freien Zeit uns Kinder zu unterrichten.

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