Zeytindalı und Ich

Zeytindalı und Ich

Es ist Sonntagfrüh. Das morgendliche Licht vor Sonnenaufgang bahnt sich sehr langsam seinen Weg. Der alte Mann (69) hat gerade mit vielen Muslimen gemeinsam das Morgengebet in einer Moschee im Hamburger Stadtteil Billstedt verrichtet. Es ist eine DITIB-Moschee. Hier haben sich verschiedene Menschen aus dem gesamten Stadtgebiet getroffen. In einer Art Kampagne findet jede Woche das Morgen-Gebet in einer anderen Gemeinde statt. Der Mann schaut mich auf meine Frage zu dieser Veranstaltung hin an und sagt: „Ich finde die Lesung der Fetih-Suresi, gerade jetzt, sehr wichtig. Nur durch diesen Glauben können wir gewinnen. Allah schütze unser Vaterland und unser Volk.“

Was SPIEGEL ONLINE undifferenziert und ziemlich tendenziös berichtet hat, ist hier echte Realität. Eine DITIB-Veranstaltung in Hamburg. Der Kampf um Afrin hat begonnen, der Imam fühlt sich verpflichtet ein Zeichen für die Soldaten im Kriegseinsatz zu setzen. Er betet für ihren Sieg und liest die 48. Sura aus dem Koran, die über den Sieg handelt. Anwesend ist auch der türkische Attaché für Religionsangelegenheiten. Der eigentliche Chef der DITIB-Imame in Hamburg. Er hält einen Vortrag zum Thema Frieden. Das eine solche Sura wg. eines Kriegseinsatzes gelesen wird, ist nichts Ungewöhnliches. Es ist ein Ritual. „Support our troops“, würden die Amis sagen. Das nicht jeder US-Amerikaner wirklich mit dieser Meinung einhergeht, sei am Rande erwähnt. Doch auch in Moscheen und auch bei den Teilnehmern teilt man nicht einfach so die Meinung des Predigers oder Imams. Zumal viele nicht einmal wissen, was in der besagten Sura eigentlich alles drin steht und warum sie offenbart wurde.

Doch der alte Mann, er teilt diese Meinung zu den türkischen Soldaten und dem Einsatz in Afrin. Er ist froh, dass man sie – als Gastarbeitergeneration – nicht allein in Deutschland lässt. Er fühlt sich der Heimat Türkei sehr verbunden. Die Hälfte des Jahres ist er in Hamburg, die andere Hälfte in einem türkischen Dorf. Moscheen, so sagt er, hätten ihn geprägt und geholfen auf dem rechten Weg zu bleiben. Ob Krieg nicht etwas Fürchterliches ist, frage ich ihn. Er bejaht und widerspricht zugleich mit den Worten: „Der Verlust von Identität, Ehre und Vaterland ist jedoch schlimmer.“

Szenenwechsel: Diskussionsabend mit Jugendlichen

Wir sitzen in einem geschützten Raum. Heute bin ich Zuhörer und Beobachter. Der junge Mann (24) steht auf und erklärt seinen anderen Debattier-Freunden: „Der Einsatz in Afrin, der Olivenzweig-Einsatz (Zeytindalı), ist wichtig und richtig! Wir müssen unseren Soldaten beistehen. Wir müssen sie unterstützen und das ist wahre Vaterlandsliebe. Wir müssen zusammenhalten und dürfen keine Kritik an dem Einsatz zulassen.“ Er ist von sich selbst überzeugt.

Ein anderer junger Mann (23) lässt ihn in Ruhe ausreden und ergreift dann das Wort: „Noch vor einem Jahr hast du selbst kritisiert, dass man unsere türkischen Soldaten nach Syrien schicken wollte. Ich zitiere dich: „Das Blut eines einzelnen türkischen Soldaten ist mehr Wert als das Blut aller Syrer.“ Was hat sich denn jetzt an der Situation geändert, dass du den Krieg und Einsatz in Afrin plötzlich richtig findest? Wir haben da nichts verloren!“

Es ist eine lebhafte Diskussion, die fair geführt wird. Man wollte mich dabeihaben, um auch ein paar unbequeme Antworten zu bekommen. Die gab es dann auch. Am Ende des Abends bedanken sich alle für die fruchtbare und faire Diskussion. Ich bekomme von einem Teilnehmer den Hinweis, dass die UETD-Jugend sich am Mittwoch zum Thema in der Innenstadt äußern wolle. „Wir wollen nicht das Feld den PKK-Terroristen überlassen!“, sagt er mir. Ich lese später die offizielle Ankündigung auf der Facebook-Seite. Zuvor hatte es mehrfach Demonstrationen von kurdischen Organisationen in Hamburg gegen den türkischen Militäreinsatz gegeben.

Szenenwechsel: Im Dönerladen

Ich bin in meinem Stammlokal. Es gibt leider keinen freien Platz, also setze ich mich zum bekannten Herren. Er schwärmt für den Einsatz in Afrin. Man müsse endlich da unten aufräumen und die Türkei werde das schon schaffen. Er fragt mich nach meiner Meinung. „Ich hasse den Krieg. Ich sehe es als höchstens notwendiges Übel an. Aber ich bezweifle, dass es hier notwendig war. Ich bin ein Freund politischer Lösungen. Und diese Sache kann man so nicht lösen und schon gar nicht gewinnen.“ Meine Worte lassen ihn etwas aus dem Konzept kommen: „Aber das sind Terroristen. Wie sonst soll man Terror bekämpfen?“, fragt er mich.

Ich antworte, dass man sich ein Beispiel an den politischen Lösungen für die RAF in Deutschland, für die FARC in Kolumbien und auch anderswo orientieren müsse. Ihm dämmert, dass es da mal einen Friedensprozess gab. „Aber das wollten sie nicht“, sagt er. Ich frage ihn: „Wer ist sie?“ Die Antwort bleibt aus. Stattdessen versucht er auszuweichen. Ich mache klar, dass eine Lösung auf kriegerischem Wege in der Terror-Frage nicht funktionieren wird und dass ich, angesichts der gegenwärtigen Lage, nur noch auf das Beste hoffe. Er verstummt.

Beim Bezahlen komme ich mit dem Besitzer, einem Freund, ins Plaudern. Ich frage ihn mehr belustigt: „War der Herr früher nicht ein Gülenist?“ Er blickt mich lächelnd an und weiß um meine Provokation. Wir zwinkern uns zu. Dann sprechen wir kurz über den aktuellen Kriegseinsatz. Er sagt: „Dieser Krieg ist doch nutzlos. Die Menschen werden verblödet und auf Nationalismus getrimmt. Glaub mir, der Blödsinn soll nur von den wahren Problemen ablenken. Und wenn sie es alle in der Türkei merken, ist es auch schon wieder zu spät.“ Das Problem ist aus seiner Sicht der Staatspräsident. „Erdoğan muss weg“, so seine einfache Antwort.

Szenenwechsel: Vor der kurdischen Parallelwelt

Irgendwo in Hamburg. Der kurdische „Kulturverein“ hat geöffnet. Es ist spät nachmittags. Ich stehe, wie fast jeden Tag, vor der Tür des stadtweit bekannten PKK-Treffs und rauche eine Zigarette. Der Besitzer steht neben mir und raucht eine Zigarre. Man kennt sich, ohne sich wirklich leiden zu können. Zwei Herren kommen raus. Sie sind älteren Jahrgangs. Sie diskutieren ziemlich laut. „Ich verstehe nicht, was so schwer daran sein kann. Einfach eine Drohne mit Sprengstoff ausrüsten und abwerfen auf die Polizeistation!“, sagt der eine. Der andere nickt ihm bejahend zu und ergänzt: „Seit fast fünfzig Jahren tun wir uns mit diesen Türken schwer. Wir brauchen eine Endlösung.“

Der Besitzer schaut mich an, ich lächle etwas verdutzt, weil ich echt nicht weiß, ob das gerade wirklich so passiert ist. Es erscheint surreal. Ich will mich gerade in die Diskussion einschalten, als sich der Besitzer meinen Arm nimmt und sagt: „Das sind Idioten. Lass sie reden. Sie leben von Hartz IV und leben in ihrer Parallelwelt. Lohnt sich nicht mit diesen Deppen.“ Ich bin kein Freund guter Ratschläge und doch, ich sehe von einer Diskussion ab. „Lohnt sich nicht“, denke ich mir auch. Mich wurmt es aber doch. Am Ende steigen die beiden Männer in einen neueren Mercedes ein. Ich blicke auf den Besitzer fragend. „Ich hab nicht gesagt, dass man von Hartz IV nicht leben könnte.“ – Wir beide lachen ob der abstrusen Situation.

Er lädt mich, wie sonst auch, zu einem Tee ein. Ich lehne, wie sonst auch, dankend ab. Ich muss zurück an meinen Schreibtisch und zur Arbeit. Er hält mich doch noch kurz fest. Er muss etwas loswerden: „Weißt du, der Einsatz in Afrin ist richtig. Die YPG provoziert und sie greift Zivilisten an. Wenn ich das in meiner Community öffentlich sagen würde, wäre ich weg vom Fenster. Ich finde nur, man sollte diesen Idioten von der PKK und der YPG den Garaus machen. Dann wären wir Kurden wirklich frei! Das sage ich nicht, wegen des Vorfalls gerade eben. Ich sage dir das, weil ich – auch wenn du uns hasst – dich sehr schätze.“ Ich entgegne: „Ich hasse euch nicht. Ich hasse die PKK.“

Meine Meinung zu den aktuellen Geschehnissen

Mit diesen erlebten und subjektiven Eindrücken wollte ich einen Einblick in eine Welt geben, die für die Mehrheitsgesellschaft verschlossen bleibt. Sie ist für Insider offen, für Menschen, die im richtigen oder falschen Moment an der falschen oder richtigen Ecke sitzen. Viele sprechen von „zwischen den Stühlen sitzen.“ Ich spreche von „zwischen den Welten wandern.“ Es sind Parallelwelten. Ihre Existenz ist wichtig, genauso wie sie falsch ist. Wir sind alle zusammen in einer Geschichte und ein Teil dieser Geschichte. Leider schaffen wir es aber nicht, aus dieser Geschichte und den uns vorgegebenen Rollen herauszubrechen.

Ich halte nichts von Krieg, nichts von Terror. Ich halte auch nichts davon, Probleme, die in einer anderen Welt, an einem ganz fernen Ort sind, zu uns, hierher nach Deutschland, herzutragen. Es marginalisiert uns als Minderheiten und treibt uns weiter auseinander. Es schwächt jeden Einzelnen von uns, die täglich einen Kampf um Anerkennung und Akzeptanz führen. Und dort, wo Frieden möglich wäre, sind die Fronten letztlich verhärtet. Ich halte das für falsch und verachtenswert. Gerade dort, wo wir Vorbilder brauchen, wo wir Austausch brauchen, wo wir Freundschaft brauchen, sitzen wir an Fronten und beschuldigen uns gegenseitig.

In einem Konflikt, der schon viel zu lange dauert, bin ich ein Beobachter und zugleich ein Opfer der Meinungsdiktatur anderer Protagonisten. Ich weiß, dass die Türken nicht alle Erdogan-Fans sind, genauso wie ich weiß, dass Kurden nicht alle PKK-Fans sind. Das ist aber auch schon alles. Ich stehe als Hamburger in der Debatte außen vor. Was nützt es da, eine Meinung zu etwas zu haben, das einen nicht selbst betrifft? Eben.

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