Wie Moscheegemeinden Extremismus verharmlosen – Und Journalisten es sich zu einfach machen

Ein junger Mann hebt neben einem anderen jungen Mann seinen rechten Zeigefinger. So ist die Geschichte zusammenfassbar, die uns heute in der FAZ und bei Report München begegnet. Es wäre vermutlich keine großartige Geschichte Wert gewesen, wenn der eine Jugendliche nicht ein markantes T-Shirt tragen würde, das als ISIS-Shirt bezeichnet werden kann und der andere Jugendliche keine Person aus dem Umfeld der DITIB wäre.

Es wird hier ein Zusammenhang konstruiert, der sicherlich mit den vorliegenden Fakten richtig dargestellt wird. Journalistisch gesehen, kann man den beiden Autoren kaum einen Vorwurf machen, weil sie ihrer Sorgfaltspflicht in den Grundzügen nachgekommen sind. Allerdings machen es sich die Autoren zu einfach, wenn sie das Bild nicht in ihrer Gesamtheit betrachten und dabei auch nicht davor zurückschrecken muslimische Handlungen zu kriminalisieren, um ihrer Geschichte mehr Pfeffer zu geben.

Kulturrassismus

In dem Video für Report München, vom Kollegen Ahmet Şenyurt, wird beispielsweise erzählt, der gehobene rechte Zeigefinger sei ein Markenzeichen der ISIS. Das ist – mit Verlaub – völliger Unsinn. Diese Form der Zurschaustellung ist vielleicht durch ISIS erst so richtig bekannt geworden, doch jenseits von Salafisten und Islamisten hat es diese Geste schon immer gegeben. Sie ist Teil des rituellen Gebets. Der Zeigefinger und die Schahada sind im islamischen Ritus fest verankert. Wer erzählt, das sei jetzt ein ISIS-Erkennungszeichen erlaubt den Extremisten die Vereinnahmung islamischer Gepflogenheiten und Tradition. Er leistet zudem einem falschen Islambild in der Öffentlichkeit vorschub. Ich finde es angesichts der Tatsache, das es mittlerweile genug Experten gibt, die man hätte fragen können, unmöglich, dass eine normale muslimische Handlung kriminalisiert wird. Das ist, wenn man das mal sagen darf, Kulturrassismus par Excellence.

Den gleichen Kulturrassismus treibt ausführlicher der Journalist Christoph Ehrhardt in seinem Beitrag „Mit dem Gestus der Salafisten“ in der FAZ fort. Auch hier wird diese Geste, die unter Muslimen weiterhin geläufig und völlig normal ist, als eine Geste vorgestellt, die man „vor allem in radikalen Kreisen unter jungen Salafisten“ vorfinde. Erneut wird etwas, was völlig normal und als eine tiefe Verbundenheit zur Sunna (Tradition des Propheten Muhammad) empfunden wird, kriminalisiert. Das wird im Text an einer Stelle zwar deutlich, dennoch bleibt die Darstellungsform negativer Art so überlegen, das diese Stelle, die eine Kritik an der Zuordnung der Geste erhebt, eher kleinkariert und abweisend wirkt.

Die Dinge im Gesamten betrachten

Dabei bietet gerade der Artikel von Ehrhardt – trotz der eingangs kritisierten Dinge – einige wichtige Punkte, die man sich doch mal besser anschauen sollte. Denn der Autor hat ein präsentes Problem in den muslimischen Gemeinden vernünftig beschrieben. In der muslimischen Community und in den Verbänden gibt es durchaus ein Problem im Umgang mit dem Phänomen der Radikalisierung. Dennoch greift der Artikel in seiner Betrachtung zu kurz.

Es fehlt eine Gesamt-Analyse der Situation. Wer Dinslaken und insbesondere das Viertel Lohberg beispielsweise thematisiert, der muss sich auch das soziale Umfeld genau anschauen. Soziale Probleme, über die Politik, Verwaltung und andere gesellschaftlich verantwortliche Gruppen jahrzehntelang weggeschaut haben, kann nicht nach dem Scheitern allein auf eine Moscheegemeinde und ihre Vertreter abgewälzt werden. Das Viertel ist bekannt als Hochburg für Extremisten, die in den Kampf nach Syrien gezogen sind – eben auch deshalb, weil man den Jugendlichen vor Ort keine Perspektiven geschweige denn eine annehmbare Zukunft gegeben hat. Natürlich trifft unter solchen Bedingungen Radikalisierung auf fruchtbaren Boden – was dennoch keine Entschuldigung für Terrorismus ist und sein kann. Es ist aber ein Problemviertel und die Probleme dort müssen von allen Seiten gelöst werden und nicht nur durch die Moscheegemeinde. Dieser Fakt wird in den Beiträgen der Autoren weitestgehend ausgeblendet. Stattdessen wird die Moscheegemeinde als Sündenbock den Massen zum Fraß vorgeworfen – anhand eines Bildes. So findet eine Stigmatisierung nicht nur einer, sondern auch anderer muslimischer Gemeinschaften in Deutschland statt, die weit über Dinslaken hinausreicht.

Warum gerade jetzt? Warum gerade die DITIB?

Diesen Eindruck gewinnt man übrigens auch, wenn man aus DITIB-Nahen Kreisen hört, dass das besagte Bild, um das es in der Berichterstattung geht, über 1-1,5 Jahre alt sein soll. Und als DITIB will man in dem Fall sogar richtig gehandelt haben und dies auch den Journalisten in persönlichen Gesprächen erläutert haben. Es stellt sich durchaus die Frage, warum trotz solcher Hintergründe ein solches Bild rausgekramt wird und augenscheinlich und ausschließlich die DITIB im Visier hat? Es gibt zig Gemeinden in denen solch ein Fall hätte passieren können und vermutlich sogar passiert ist, und selbst „Ikonen des liberalen Islam“ sind nicht davor gefeit, das ihre ehemaligen Schüler in den Kampf nach Syrien ziehen. Warum jetzt gerade die DITIB in die „Recherchen“ der FAZ und von Report München gerutscht ist, bleibt daher ein merkwürdiges Rätsel. Es hätte viele bessere Anlässe und Gründe gegeben, solche Dinge zu thematisieren.

Probleme in Moscheegemeinden sind vorhanden

Bei aller geäußerten Kritik an den Autoren: Das es durchaus Probleme im Umgang von Moscheegemeinden beim Thema Radikalisierung gibt, darf nicht kleingeredet oder verschwiegen werden. Ein aktuelles Beispiel aus Hamburg illustriert das sogar sehr anschaulich. Vor einiger Zeit wurde dort in einer Moscheegemeinde ein in Expertenkreisen bekanntes Buch vertrieben, dass die Grundlagen für eine extremistische Ideologie legen kann. In einer – zugegeben sehr hart formulierten – Email an den Moscheevorstand wurde der Verkauf solcher Literatur in der Moscheegemeinde scharf kritisiert. Das Ergebnis war, dass das genannte Buch aus dem Verkauf entfernt wurde. Bei genauerem Hinsehen wurde allerdings deutlich, dass die Gemeinde sich nicht die Mühe gemacht hat das gesamte Sortiment in ihrem Buchladen ins Visier zu nehmen. Denn dort finden sich weiterhin genügend solcher – ja sogar Extremismus Vorschub leistender – Bücher im Sortiment.

Interessanter als diese Erkenntnis ist allerdings die Reaktion der Führungsebene auf die gepfefferte Mail. Statt sich in Selbstkritik zu üben und das Sortiment mal endlich genauer unter die Lupe zu nehmen, wurde man für die Mail kritisiert und an anderer Stelle (nicht-)öffentlich angefeindet. Man müsse einen besseren Ton an den Tag legen, war eine der Forderungen, die man sich anhören musste. Die Antwort auf solche Forderungen kann nur lauten, dass man auf Versager in leitender Funktion keine Rücksicht nehmen muss.

Es fehlt ein Wille gegen Radikalisierung vorzugehen

Wer wirtschaftlichen Gewinn auf Kosten der Zukunft von jungen und beeinflussbaren Muslimen priorisiert, braucht jedenfalls keine Rücksicht zu erwarten. Nur weil es den Gemeinden, und das ist gemeinhin bekannt, an Geld und Ressourcen fehlt, heißt das nicht, dass man deshalb zu einem wirtschaftlichen Monstrum werden muss, das auf Werte und Ideale keine Rücksicht mehr nimmt. Wie fatal eine solche Haltung ist, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass neben Jugendlichen auch gerade Konvertiten auf der Suche nach Literatur auf ihrem neuen Weg dann auch an solche problematische und ideologisierte Literatur herangeführt wurden und werden.

Hinzu kommt, dass es in den Moscheegemeinden vor allem an einem echten Willen im Kampf gegen Radikalisierung fehlt. Es gibt zwar immer wieder oberflächliche Bekenntnisse zu vielen verschiedenen Dingen, aber echte Handlungen und Konzepte sind weiterhin Mangelware. Es fehlt vor allem aber an professionellem Personal in den Gemeinden, das sich um solche Dinge kümmert und überhaupt sensibilisiert für solche Themen wie Radikalisierung ist. In der Praxis sieht das dann sogar so aus, das man nach Möglichkeit so gut wie gar nicht mit dem Thema in Berührung kommt. Ignorieren ist ein bewährtes Konzept von Moscheevorständen.

Nicht losgelöst von gesellschaftlichen Problemen betrachten

Man möge mich nicht falsch verstehen. Diese Dinge passieren auch nicht im luftleeren Raum. Radikalisierung findet in der Mitte der Gesellschaft statt – nicht in Moscheen. Moscheen können aber Radikalisierung einen Vorschub leisten – oder eben auch beschleunigen. Beispielsweise ist die besagte Moscheegemeinde oben über einen Hamburger Dachverband am frisch gegründeten Tisch gegen Extremismusprävention vertreten. Hier wird vom Dachverband ständig behauptet, das man alles tue, um Radikalisierung in den Moscheegemeinden zu verhindern. Die Wahrheit in den Gemeinden sieht allerdings anders aus. Die Literatur, die verkauft wird, ist dabei nur ein Beispiel, das man anhand anderer Themen wie Antisemitismus, Demokratieverständnis oder Geschlechterfrage fortführen könnte.

Es braucht mehr Druck, damit sich etwas ändert

Entsprechend braucht es mehr als nur die Schuldzuweisungen. Es braucht einen Dialog – auf Augenhöhe – den man den Moscheeverbänden notfalls auch aufzwingen muss. Die Partner, die bereits vorherrschen und die sich auch bei diesen Fragen aufdrängen, müssen sich Gehör verschaffen. Das kann dadurch geschehen, dass man einerseits über Missstände aufklärt, wie – wenn auch ziemlich plump – in den oben erwähnten Berichten geschehen, oder aber durch gezielte Kritik von unten nach oben. Ebenso können Partner wie Kirchen bei der Professionalisierung von Diensten, wie Seelsorge und Sozialarbeit, helfen. Vor allem aber muss es auch ein Umdenken in der Basis geben. Muslime dürfen sich nicht mehr davor scheuen die Dinge zu kritisieren, wenn sie falsch laufen. die Kritikfähigkeit muss ausgebaut werden. Moscheevorstände haben sich viel zu sehr daran gewöhnt, dass es kaum noch eine echte Kritik an ihrer Arbeit gibt. Das führt auch zu einer ignoranten Selbstüberschätzung. Ebenso sollten zur Verfügung stehende finanzielle Mittel entsprechend durch die staatlichen Stellen eingesetzt werden, um Anreize zu schaffen. Baden-Württemberg will beispielsweise muslimischen Jugendlichen einen eigenen Topf zur Finanzierung von Ideen zur Verfügung stellen.

Projekte von Muslimen sollten ernst genommen werden

Und vor allem sollten auch Behörden, wie beispielsweise die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), Bemühungen von muslimischer Seite um einen Kampf gegen Radikalisierung unterstützen, statt im Kern zu ersticken. Erst kürzlich wurde die Finanzierung eines Modell-Projektes von muslimischer Seite durch die BASFI mit – aus meiner Sicht – schadenfeinigen Argumenten abgelehnt. Stattdessen hat man sich „genehmere“ Partner mit weniger Expertise und weniger Einfluss in der muslimischen Community ausgesucht. Solche Entscheidungen frustrieren die anfangs ziemlich engagierten Beteiligten und nehmen auch den Willen sich in der Sache wirklich einsetzen zu wollen. Muslime müssen auch als Partner ernst genommen werden. Daran muss man auch denken, wenn man einem wichtigen muslimischen Träger einen Korb gibt und meint das „Problem“ anders lösen zu können. So schafft man nur neue Probleme.

In der Sache müssen manche Moscheeverbände sich langsam daran gewöhnen, das die Kritik sie immer wieder einholen wird. Versuche die Dinge auszusitzen werden kläglich scheitern – weil immer ein gewisser Makel bleiben wird, nachdem Vorwürfe laut wurden. Tatsächlich werden sich aber auch die stursten Moscheevorstände früher oder später nicht dem Wandel entziehen können. Denn das Problem und die Gefahr der Radikalisierung wurde viel zu lange intern vernachlässigt.

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