SCHURA Hamburg, die IGMG und Mustafa Yoldaş: Rücktritt? Bitte die Anderen zuerst!

Ich mag Mustafa Yoldaş. Als Mensch ist er eigentlich richtig nett, als Funktionär eine Niete und als Schura-Vorsitzender schon länger untragbar. Und dennoch: Der Mann nötigt mir immer wieder Respekt ab, weil er überhaupt im Amt bleiben konnte. Am 28. Juni 2017 habe ich das letzte Mal Mustafa Yoldaş, der Führung der IGMG und des Islamrates, Vorstandsmitgliedern des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland (BIG) und der SCHURA Hamburg einen brisanten Text per Mail zukommen lassen. Ich habe erwartet, dass es nach diesem Text Konsequenzen geben würde und die Ära Mustafa Yoldaş endlich sang und klanglos beendet wird. Das ist ausgeblieben.

Stattdessen wurde Mustafa Yoldaş, um den es in dem Text ging, am 19.11.2017 erneut zum Vorsitzenden der SCHURA Hamburg gewählt. Einen Ersatzkandidaten für die Wahl hat man aus der verantwortlichen Ecke heraus nicht gestellt. Mehr als 16 Jahre in einem islamisch-demokratischen Amt bleiben, das ist nicht leicht. Es hinterlässt Spuren und verändert einen Menschen. Vor allem dann, wenn der Druck von allen Seiten zunimmt. Dennoch hat Yoldaş fast alle Skandale und Vorwürfe immer wieder von sich schütteln können. Er hat überlebt und wurde immer wieder in seinem Amt bestätigt. Für viele bleibt er eine Identifikations- und auch Integrations-Figur. Dabei hat ihm die Community und auch seine eigene Gemeinschaft seine Verfehlungen verziehen oder einfach durchgehen lassen.

Mustafa Yoldaş: Immer in die Opferrolle geflüchtet

Als SCHURA Vorsitzender war Mustafa Yoldaş die ersten acht Jahre im Amt quasi unantastbar. Dann kam jedoch die Wende. Die hatte vor allem mit seinen persönlichen Ansichten und auch Ambitionen zu tun. Um die Leute bei Stange zu halten, erzählte er immer wieder, er wolle aufhören, um sich am Ende doch alternativlos wiederwählen zu lassen. Dazu kamen dann eher politische Tricks. Immer wenn es einen Skandal gab, wie den mit der Schließung der IHH beispielsweise, stilisierte er sich zum Opfer. Dabei versuchte er, von eigenen Verfehlungen abzulenken. Er sei sich keiner Schuld bewusst, war eine oft gehörte Antwort. Er war wahlweise Opfer der Medienlandschaft, der Springer-Presse, der Politik, des Staates und manchmal sogar von Muslimen oder Salafisten.

Doch jetzt soll der SCHURA-Vorsitzende zu weit gegangen sein. In einem Facebook-Beitrag glorifizierte er den Krieg der türkischen Armee in Syrien. Und jetzt soll er mundtot gemacht werden. So bzw. so ähnlich jedenfalls stellt er es dar. Dabei hat man ihn mal wieder dabei ertappt, als er Merkwürdiges von sich gegeben hat. Und auch diesmal sieht sich Yoldaş keiner Schuld bewusst. Klar, kann man dann auch auf Facebook darüber lamentieren, dass es „Terrorversteher“ seien, die jetzt einen Shitstorm über ihn haben einbrechen lassen. Dass er Applaus aus der türkischen Community bekommt, macht ihn jedoch sicher, dass er auf der richtigen Seite steht. Er behauptet salopp man hätte kein Verständnis für die türkische Community. Es ist aber eher so, dass man kein Verständnis mehr für Yoldaş hat. Denn seine früheren Verfehlungen waren eindeutig krasser und schlimmer als dieser kleine Beitrag.

Keine Kontrolle und kein Gespür

Dass Yoldaş kein Gespür für die muslimische Community und auch seinen eigenen Laden hat, zeigte dann kurzerhand die Erklärung der SCHURA, die auf der Homepage gepostet wurde und von der wir dank der Zeitung die Welt nun wissen, dass es eine Kampfabstimmung im SCHURA-Vorstand darüber gab. Darin heißt es, die SCHURA distanziere sich nachdrücklich davon, wenn nationalistische Parolen etwa zur Unterstützung der türkischen Armee religiös grundiert würden. Dies sei ein nicht hinnehmbarer Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken. Das ist ein Vorwurf in die Richtung von Mustafa Yoldaş. Und ergänzt wird das Bild durch ein Statement von Daniel Abdin aus der Al Nour Moschee, der Yoldaş in der Tageszeitung die Welt gleich zum Rücktritt aufforderte.

Mustafa Yoldaş ist sich selbst nicht bewusst, dass er in den vergangenen Jahren die muslimische Community gespalten hat. Als Schura Vorsitzender blickt er aktuell auf ein Vermächtnis zurück, das instabil und sogar wertlos ist. Was ist die Arbeit der Schura? Was macht die Schura? Wofür ist sie gut? Die Errungenschaft des Staatsvertrags wird bis heute gefeiert, dabei hat sie die Schura gelähmt und nicht weiter vorangebracht. Stattdessen hat es den Kampf um Macht zwischen den Organisationen und Vereinen weiter verschärft.

Öffentlich ausgetragene Machtkämpfe und kein Schutz mehr

Neu ist, dass es jetzt auch öffentlich ausgetragene Machtkämpfe gibt. Anders lässt sich nicht erklären, wieso man vor einigen Monaten bei der Vorstandswahl überhaupt Yoldaş wiedergewählt hat oder über einige Punkte diskutiert werden musste, wie ob es eine Führungsspitze oder Führungstrio geben soll. Dass jetzt der Al-Nour-Abgesandte und ebenfalls Vorsitzende der Schura, Daniel Abdin, wagt den Rücktritt zu fordern und vorher ein Statement gegen den Vorsitzenden auf die Website gestellt wird, zeigt, wie tief Yoldaş innerhalb der SCHURA aber auch bei der IGMG in Hamburg gefallen ist. Es scheint keinen Schutz mehr und keinen Respekt mehr vor ihm zu geben. Es ist zudem bezeichnend, dass der Vorstand des IGMG-Ablegers in Hamburg, dass BIG, sich mit der iranischen Führung der Schiiten traf, just an dem Abend, wo der Text auf die Homepage der SCHURA kam. Es fehlt der aktuellen IGMG-Riege in Hamburg, anders als ihren Vorgängern, an Autorität und Ansehen.

Das der rücktrittfordernde Daniel Abdin andere Ziele verfolgt, als die Schura aufzubauen, wird jedoch nur hinter den Kulissen angesprochen. Die Al Nour Moschee ist seit geraumer Zeit Mitglied des Zentralrats der Muslime und seitdem scheint es auch innerhalb der SCHURA durch den Vertreter der Moschee neue Ambitionen auf die Ausübung der Macht zu geben. Es war jedenfalls nicht das erste Mal, dass Abdin, der auch SPD-Politik betreibt, seinen muslimischen Geschwistern öffentlich in den Rücken gefallen ist. Auch vor einiger Zeit hat er das ebenfalls mit der DITIB gemacht, als es um die Ausladung von Cansu Özdemir (Die Linke) bei einer Veranstaltung ging. Solche Aktionen waren der SCHURA egal, solange es nicht um sie selbst ging.

Muss Yoldaş zurücktreten?

Die Frage ist aber, ob Yoldaş aufgrund seiner Ausführungen, die eindeutig nationalistisch und verurteilenswert waren, zurücktreten muss. Wenn man mich fragt: Nein! Mustafa Yoldaş sollte nicht zurücktreten. Er ist an der Spitze eines aus politischen Gründen konstruierten Verbands, der sowieso nie funktioniert hat und nie richtig für die Muslime in der Stadt gearbeitet hat. Stattdessen sollten meiner Meinung nach alle im SCHURA-Vorstand zurücktreten, weil sie unfähig sind und den Diskurs mit Yoldaş nie richtig geführt haben. Stattdessen hat man personelle Änderungen, Investitionen in die Zukunft mit neuen Gesichtern und jungen Menschen schlichtweg verschlafen. Und noch heute weiß niemand, was der Vorstand eigentlich macht und woran er arbeitet. Strukturelle Änderungen in der Vorstandsarbeit klingt immer toll, bedeutet aber im Grunde: Wir wissen nicht, was wir tun.

Zurücktreten müssten zudem eher der Vorstand des BIG, der IGMG und des Islamrates, weil sie die mehrfachen und wiederholten Warnungen zu Yoldaş in all den Jahren sowohl geflissentlich ignoriert als auch gezielt über die Verfehlungen – aus welchen Gründen auch immer – hinweggesehen haben. Gründe Yoldaş fallen zu lassen hatte man jedenfalls in den letzten 16 Jahren genug. Man hat sie nicht genutzt und heult sich nun darüber aus, dass alles so gekommen ist, wie man es ihnen prophezeit hat. Hinzu kommt, dass man erneut in alte Muster verfällt und teilweise weder die eigene Autorität nutzen kann, um Yoldaş zur Ordnung zu rufen, noch um sich in der Sache selbst mit einer Vorstellung um eine Ablösung zu bemühen. Es fehlt an Alternativen. Aktuell gibt es Niemanden, der die Führung der SCHURA im Sinne der IGMG bzw. des BIG, für die Yoldaş in der SCHURA sitzt, übernehmen könnte. Es gibt auch hier keinen Nachwuchs und keinen Plan B.

Deshalb schreibe ich diese Zeilen auch mit einem süffisanten Lächeln, mit viel Schadenfreude und auch Genugtuung. Das ist es, was man hätte verhindern können, wenn man nicht an den eigenen Machterhalt, sondern an die Zukunft der Community gedacht hätte – und zwar schon vor zehn Jahren. Jetzt ist es zu spät. Und auch ein Treffen zwischen der IGMG-Spitze in Hamburg und der Schiitisch-iranischen Spitze wird am aktuellen Problem nichts ändern. Es wird Kompromisse geben und doch: Ein Rücktritt kommt für Yoldaş, so wie ich ihn kenne, nicht in Frage. Er rennt nicht weg und wird sich der Debatte stellen. Eher kommt das Ende der SCHURA und Yoldaş nimmt sie mit in sein Grab.

Mein Popcorn steht bereit für den nächsten Akt und ich bin gespannt was jetzt noch so alles passieren wird. Ich hab meinen Kumpels schon gesagt: Die SCHURA wird untergehen. So oder so.

Offenlegung: Ich habe mit Mustafa Yoldaş von 1997 – 2007 in verschiedensten Projekten für die muslimische Community zusammengearbeitet.

Nachtrag vom 6. Februar 2018

Mittlerweile hat Mustafa Yoldaş seine Facebook-Posts zum Thema gelöscht und dazu folgende Erklärung auf Facebook abgegeben:

Liebe Freundinnen und Freunde,in den vergangenen Tagen habe ich viele Rückmeldungen von meinen langjährigen Weggefä…

Posted by Mustafa Yoldaş on Montag, 5. Februar 2018

Nachtrag vom 10. Februar 2018

Mustafa Yoldaş hat am Freitag eine Pressemitteilung verbreitet, in der er ankündigt, seine Ämter erst einmal ruhen zu lassen. Es ist nicht klar, welche weiteren Ämter er, außer dem des SCHURA-Vorsitzenden meint. Es ist auch nicht klar, warum die Pressemitteilung einen Tag später zwar auf der Facebook-Seite der SCHURA Hamburg eingestellt wurde, jedoch nicht auf der Website der SCHURA. Ein Rücktritt von Yoldaş scheint, wie in dem Beitrag oben bereits angeklungen, weiterhin unrealistisch bis schwierig. Dafür müsste der SCHURA-Vorsitzende sich tatsächlich einer echten Schuld bewusst sein. Ein Angriff gegen die Hamburger Morgenpost, wegen Fehlern in der Berichterstattung, deuten jedoch darauf hin, dass der amtierende SCHURA-Chef weiterhin an seinem Posten festhalten will und sich als Opfer sieht.

PRESSEMITTEILUNGvon Mustafa Yoldaş über die umstrittenen Postings auf Facebook Sehr geehrte Damen und Herren,liebe…

Posted by Schura Hamburg on Samstag, 10. Februar 2018

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