Schreibblockade mit Farhad und Shirin

Seit einigen Stunden schon sitze ich hier an einem Text, den ich eigentlich gestern hätte fertigstellen müssen. Doch ich hatte den Artikel, für den ich weit mehr als 2 Wochen Zeit gehabt habe und der aus rund 1.200 Wörtern bestehen sollte, komplett vergessen. Erst gestern ist mir das Ding wieder eingefallen, weil mein so selten schlaues Smartphone an den Abgabetermin erinnerte.

Bei der Redakteurin konnte ich heute noch um Aufschub bis morgen früh bitten und sitze immer noch an dem Monstrum. 800 Wörter sind geschafft, aber es fehlt dem Text an dem nötigen Biss. Kennt ihr das, wenn ihr einen Text schreibt und mit dem Ergebnis unzufrieden seid? Wenn ihr am Liebsten aufschreien würdet, aber es nicht könnt, weil im Nebenzimmer das Kind schläft?

Schreibblockaden sind für mich immer das wesentlich Schlimmste, was passieren kann. Dabei scheitere ich oft an mir selbst. Die Blockade betrifft dann nicht alle meine Texte oder Arbeiten, sondern punktuell ein Thema, das mir sehr wichtig in dem Moment wäre. Hätte ich beispielsweise den Text nächste Woche vor mir, würde er mir einfach über die Tasten gehen. Ich würde unbekümmert schreiben und vermutlich ein deutlich besseres Ergebnis abliefern.

Es erinnert mich an Farhad und Shirin

Zu meiner Jugendzeit erzählte mein Lehrer aus der islamischen Akademie diesbezüglich immer eine inspirierende und motivierende Geschichte. Er bezog sich dabei auf eine türkische Variante der vor allem im Persischen bekannten Geschichte von Shirin und Farhad. Der Liebende Farhad sollte, um zu seiner Geliebten Shirin zu gelangen, einen Berg ausheben, um eine Wasserquelle freizuschaufeln und ihr den Weg bis zu einer Stadt im Tal zu ebnen. Farhad nimmt die schier unlösbare Aufgabe an – denn er liebt das Mädchen. Und als er den ersten Spatenstich setzt, sagt er sich selbst als Motivation: „Halte durch Farhad: Das Schwierigste ist vorbei, das Leichte steht dir bevor.“

Man wollte uns Jugendlichen anhand dieser Geschichte immer eine idealistische Herangehensweise an den Alltag und das Leben vermitteln. Nichts sollte uns unmöglich erscheinen und nichts sollte uns aufhalten. Und Farhad setzte sich – weil er an seine Liebe glaubte – an das Unmögliche heran. Was mein Lehrer den meisten meiner Mitschüler allerdings nicht erzählte war, dass Farhad und Shirin aufgrund von Intrigen beide den Freitod wählten. Doch was ist einem lieb? Die vollständige Geschichte eines gescheiterten Helden, der neben seiner Liebe beerdigt wird? Oder doch der idealistische Einstieg, um das Unmögliche zu schaffen? Für mich war und ist die Antwort klar: Das Schwierige ist geschafft.

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