Rückblick: NMA-Themenabend mit Johannes Kahrs (SPD)

Rückblick: NMA-Themenabend mit Johannes Kahrs (SPD)

Beim monatlichen Themenabend des Netzwerks Muslimischer Akademiker (NMA) war diesmal der Bundestagsabgeordnete für Hamburg-Mitte, Johannes Kahrs (SPD), zu Gast. Die Veranstaltung fand im Kuppelraum der Hamburger Centrum Moschee statt. Ein kleiner Nachbericht.

06.04.2018, Hamburg – Ich bin heute mal kein Spielverderber und gehe gleich meinen Arbeitsauftrag für diesen Artikel hier an. Die vom Moderator der Veranstaltung an mich angeordnete wichtigste Erkenntnis des Abends war: „Es wurde nicht über Erdoğan oder die Türkei gesprochen. Zu keinem einzigen Zeitpunkt.“ Ich hätte gerne in diesem Nachbericht über die „unhaltbaren Zustände und den Türkei-Fetischismus bei den muslimischen Akademikern in Hamburg“ geschrieben, aber sie sind schlichtweg nicht vorhanden. Stattdessen wurden ausschließlich gute und berechtigte Fragen, die das Zusammenleben in Deutschland betreffen, in Richtung von Johannes Kahrs gestellt.

Johannes Kahrs bei muslimischen Akademikern: Authentisch und viel Klartext

Dennoch muss ich zu Beginn dieses Textes einen großen Rüffel in Richtung unseres Hamburg-Mitte Bundestagsabgeordneten loswerden. Ich glaube, die ehrwürdige Kuppel der Centrum-Moschee hat noch nie, in so kurzer Dauer, so viele Flüche und Schimpfwörter aus dem Mund eines einzigen Herren gehört. Wir hatten sogar Wetten laufen (eher wie Bullshit-Bingo), wann und ob bestimmte Wörter während der Diskussion fallen würden.

Ich habe ernsthaft gedacht, der Johannes Kahrs wird sich schon daran erinnern, dass er letztlich in einem Gotteshaus mit gläubigen Menschen spricht. Stattdessen hat er mal wieder seine Schnute (immer diese Bremer) nicht halten können und Klartext gesabbelt. Das wäre ja noch OK gewesen, aber er war mit seiner offenen und lockeren Art so ansteckend, dass einige Teilnehmer ebenfalls den Jargon übernahmen. „Kahrs wirkt!“, könnte man als echte Erkenntnis des Abends konstatieren. Es hat aber der Atmosphäre gut getan und ich glaube auch, dass diese Art dazu beigetragen hat, dass viele Punkte angesprochen wurden, wo man sich eventuell nicht getraut hätte.

Kahrs: Die SPD ist eine Volkspartei

Selten erlebt man einen Politiker so lebensfroh, so authentisch und vor allem so offen, wie es an diesem Abend passiert ist. Kahrs hat sich kurz vorgestellt, seine Rollen in verschiedenen Gremien des Bundestages aufgezählt und dann in der Diskussion sich den Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gestellt. Kahrs hat alle Fragen beantwortet, sich auch nicht vor unangenehmen Dingen gedrückt und differenziert seine Meinung zu allen gesellschaftlich relevanten Themen dargestellt. Behandelt wurden in den Fragen alle Themen, von A wie Absturz der SPD bis Z wie Zusammenhalt der Gesellschaft. Dabei machte Kahrs immer wieder deutlich: „Die SPD ist eine Volkspartei, es gibt viele verschiedene Meinungen und wir brauchen all diese Meinungen, um eine Volkspartei sein zu können.“

Eine einseitige SPD ist laut Kahrs kein Mehrgewinn für Deutschland und das wünscht er sich auch nicht. Man brauche Leute wie ihn, die sich pragmatisch sehen und man brauche auch Linke in der SPD. Man müsse letztlich alle gesellschaftlich relevanten Teile abdecken und diese auch ansprechen. Das gehe nicht, wenn man allesamt das Gleiche von sich erzähle und bei den Themen gleiche Ansichten habe. Ebenso wurde deutlich, dass sich die SPD eigentlich gegen Diskriminierungen aller Art stellt, weiterhin die Partei der Arbeiter und der sozialen Gerechtigkeit sein will. Dass die SPD nicht mehr so wahrgenommen wird, das kreidete Kahrs unter anderem auch einer falschen Wahrnehmung seiner Partei in der Öffentlichkeit an, die besonders der innerparteilichen Streitlust geschuldet sei.

Kontroverse Diskussion: Einladung zu mehr Engagement

Auch unterschiedliche Ansichten, bei bestimmten Themen, förderten nicht gerade das Vertrauen der Menschen in die SPD. Sichtbar wurde das am Abend auch bei einem Klischee-Thema: Das Kopftuchverbot in Berlin. Dort setzt sich die SPD-Berlin weiterhin für den Erhalt des Neutralitätsgesetzes ein, während die Hamburger SPD von Anfang an, sehr liberal und vorbildlich, eine Politik der Toleranz vorgelebt hat. Kahrs versuchte bei diesem Thema, das emotional diskutiert wurde, klarzustellen, was seine eigene Meinung, die seiner Partei und der Landes-SPD Gremien sind.

Er machte auch auf die unterschiedlichen historischen Entwicklungen aufmerksam und empfahl ausdrücklich zur Lösung solcher Konflikte: „Wir müssen miteinander reden und nur dies kann zu einem Umdenken führen.“ In diesem Sinne rief Kahrs die anwesenden auch zu mehr Beteiligung in der Lokal- und Landes-Politik auf. Eine Kurzumfrage bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern hatte gezeigt, dass ein Großteil bei der letzten Bundestagswahl an die Urnen gegangen war. Es fehle aber aus Sicht von Kahrs an politischem Engagement und dem Willen zum Dialog und zum Diskurs auf dieser Ebene. Nur so könne sich das Bild vom Islam oder den Muslimen in Medien oder Gesamtgesellschaft ändern.

O-Ton: „Der Islam ist Teil unserer Gegenwart!“

Ein anderer diskutierter Punkt war auch die ewige Islam-Debatte um das Thema „gehört zu“ oder „gehört nicht zu“. Der SPD-Politiker machte darauf aufmerksam, dass nach Ansicht seiner Partei diese Frage überhaupt nicht mehr gestellt werden muss. Es sei aber die CSU, die versuche ihre verloren gegangenen rechten Wählerschichten wieder zurückzugewinnen. Natürlich sei da der Islam ein willkommenes Fressen und die Muslime eben „Kollateralschaden“ für den Wahlkampf in Bayern. Auf die Frage, warum man nichts von solchen Statements in Medien höre, sagte Kahrs, es sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass man in solchen Debatten mit vernünftigen Stimmen nicht gehör finde.

Auf Anfrage lässt sich Kahrs mit dem O-Ton „Der Islam ist Teil unserer Gegenwart!“ zitieren. „Wenn es hilft!“, sagte Kahrs und wollte sich dieser Möglichkeit zur Positionierung nicht verschließen. Auch bei anderen Themen wurde herzhaft und bissig gestritten. Leider konnte man nicht immer bis zum Ende diskutieren, aber Kahrs nahm sich auch nach dem offiziellen Ende viel Zeit um einzelne Gespräche zu führen und um seine Ansichten und die der SPD darzustellen.

Fazit zur Veranstaltung

Johannes Kahrs ist weiterhin ein Gewinn für die SPD und für Hamburg. An diesem Abend hat er, mit seiner offenen und lockeren Art, viele Herzen gewonnen. Er hat aus dem Nähkästchen geplaudert, teilweise aus seinem Privatleben, teilweise auch parteipolitisch Brisantes geteilt (was man hier einfach alles nicht niederschreiben kann und sollte). Das war vermutlich auch nur in diesem Rahmen möglich. Man kann dem NMA entsprechend wieder einmal zu einem gelungenen Abend gratulieren.

Übrigens, wer sich Johannes Kahrs auch mal zu sich selbst nach Hause holen möchte: Sein Programm „Und Kuchen bringt er mit“ findet mehr als 220 Mal im Jahr statt. Dabei besucht Kahrs in seinem Wahlkreis (Hamburg-Mitte) Bürgerinnen und Bürger Zuhause. Es gibt Butterkuchen und Bienenstich. Was er erwartet sind Kaffee und Tee. Geschnackt wird neben Politik auch über alles Andere. Kontakt und weitere Infos gibt es auf seiner Website: http://kahrs.hamburg/

Zum Netzwerk Muslimische Akademiker

Das Netzwerk muslimischer Akademiker ist eine Initiative von Hochschulabsolventen verschiedener Fachrichtungen innerhalb des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland e.V. (BIG). Das Netzwerk versteht sich in erster Linie als Plattform zur Förderung des Dialoges und Brücke zwischen den muslimischen Akademikern in Deutschland, die häufig Vorbilder und Multiplikatoren in ihren Gemeinden sind. Link: http://www.wissenskraft.org

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