Wir wollen Freiheit!

Im Buch „Wir wollen Freiheit!“ von Julia Gerlach wird anhand des ägyptischen Revolutions-Beispiels die Rolle der Jugend und der Einfluss des Islam auf den Arabischen Frühling analysiert.

Julia Gerlach ist in Ägypten als Journalistin und Auslandskorrespondentin tätig und erlebte die Ägyptische Revolution hautnah. Ihr Buch „Zwischen Pop und Dschihad – Muslimische Jugendliche in Deutschland“ wurde 2006 zu einem der wichtigsten Beiträge über eine neue Pop-Kultur bei muslimischen Jugendlichen, die bis dahin kaum wahrgenommen wurde. Julia Gerlach ist Politologin und Islamwissenschaftlerin und ist für den Du-Mont-Verlag (Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung) tätig, zuvor arbeitete sie für Al Jazeera und das ZDF.

In Ihrem neuesten Buch berichtet die Journalistin im ersten Kapitel Tag für Tag über den Ablauf der Revolution in Ägypten. Vom 25. Januar 2011 bis zum offiziellen Rücktritt des ehemaligen Präsidenten und Diktators Husni Mubarak zeichnet Gerlach die Emotionslage der Ägypter während der Revolution nach. Dabei bedient sie sich vor allem einem hervorragenden Mittel: Gerlach lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen.

Authentisch, nah am Volk

Von Revolutionsbefürwortern bis hin zu Kritikern tun alle möglichen Leute ihre Worte kund, sie alle haben eine eigene Meinung darüber was gerade in ihrem Land vorgeht und wer dafür verantwortlich ist und wer eben nicht.

Gerlach schafft es mit diesen Ausschnitten aus den Tagen der Revolution in Ägypten dem Leser eine vernünftige Einschätzung der Situationen zu geben und vor allem die unterschiedlichen Aspekte und Rollen der einzelnen Gruppen zu vermitteln.

Die Revolution wurde nicht nur von einigen wenigen geschafft, sondern von vielen und unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich auch allesamt, trotz ihrer Verschiedenhaftigkeit und auch religiöser Unterscheidung, zusammengerauft haben um gegen den gemeinsamen Feind vorzugehen.

Stille Helden der Revolution

Und Gerlach berichtet über die stillen Helden dieser Revolution und über die Helden, die von den Medien nicht genannt wurden und wie wichtig der Rückenwind für die Protestierenden auf dem Tahrir-Platz von einzelnen bestimmten Ägyptern war und vor allem, wie die Christen und Muslime Seite an Seite gemeinsam für ihr Land auf dem Tahrir-Platz ausharrten und sich gegenseitig beschützten.

Mit ihren Ausführungen führt Gerlach den Leser direkt an den Ort des Geschehens und lässt ihn tief hineinblicken in die Revolution – die echte und nicht die Revolution, die im Fernsehen gezeigt wurde.

Ansprechende Analyse über Rolle von sozialen Netzwerken

Im zweiten Kapitel spricht Gerlach schließlich über die verschiedenen Ansichten und Thesen darüber wie es zur Revolution kam und kommen konnte.

Höchst ansprechend analysiert sie die Rolle von Sozialen Netzwerken wie facebook und die Rolle der Vorgeschichten in Ägypten. Auch geht sie der Frage nach, ob es einen Einfluss von Außen gab und kommt am Ende zu einer Gesamtbetrachtung, die weitaus schlüssiger und erklärender ist, als das stupide Gerede von einer facebook-Revolution.

Gerlach stellt in diesem Kapitel vor allem die Entwicklung der Demonstrationskultur in Ägypten anhand der historischen Hinweise und Daten nach. Vor allem geht sie hier auf Schlüsselmomente ein, die dazu beigetragen haben, dass Volk auf die Straßen zu bekommen.

Verschwörungstheorie über fremde Mächte

So räumt sie auch mit Verschwörungstheorien über fremde Mächte, die Einfluss auf die Revolution genommen haben auf. Allerdings stellt sie die Wichtigkeit bestimmter Organisationen und Persönlichkeiten heraus, die vor allem im Bereich „Gewaltfreier Kampf“ hervorgestochen haben.

Im dritten Kapitel greift Julia Gerlach die Revolutionen in anderen Ländern auf und ihre Bedeutung für die ägyptische Revolution wird hervorgehoben. Aber auch die Bedeutung der ägyptischen Revolution für andere Länder wird gezeigt. Gerlach analysiert und dokumentiert sehr gekonnt die Bewegungen in den anderen arabischen Ländern. Auch geht sie der Frage nach inwieweit konfessionelle Streitigkeiten (Schiiten vs. Sunniten) zu den Revolutionen beigetragen haben.

Ära nach Mubarak

Im vierten Kapitel dann geht die Autorin auf die weitere Entwicklung in Ägypten nach dem Abgang von Mubarak ein. Die ersten Tage nach der Revolution werden dargestellt, aber auch die Tatsache, dass die eigentliche Revolution erst jetzt beginnt, wird stark hervorgehoben. Gerlach stellt dar, dass die Armee-Führung in Ägypten zwar Mubarak abgesetzt hat, aber kein Interesse an einem echten System-Wandel hat. So gehen die Demonstrationen für den Wandel Ägyptens eben weiter und das mit Erfolg. Die Demonstrationen fruchten und sämtliche Bedingungen der Protest-Bewegungen – von der Verurteilung Mubaraks bis hin zur Bestrafung von Verantwortlichen und die Verschiebung der Wahlen – werden erfüllt.

Rolle des Islam

Im fünften Kapitel geht Julia Gerlach schließlich auf die Rolle des Islam – vor allem in Ägypten – ein. In einer Nachbetrachtung zeichnet sie den Weg des Islam in Ägypten von seinen Anfängen bei den Muslimbrüdern, hin zur Al Qaida, dem neu entstandenen „Pop-Islam“ bis hin zur Krise der Islamisten und der neuerlichen Erstarkung der Salafisten zurück.

Dabei wird deutlich, dass der Dschihadismus durch den arabischen Frühling selbst in einer Krise steckt und die Menschen deutlich bewiesen haben, dass man diesen Terrorismus auch gar nicht braucht. Vielmehr, hofft Julia Gerlach schließlich, dass der Islam sich mit diesen Entwicklungen aus dem Arabischen Frühling heraus erneuern wird.

Allerdings beschreibt sie auch die Krise des „Pop-Islam“ sehr gut. Es erscheint immer mehr so, dass der Islam, der so gelebt wird, nur ein oberflächlicher Islam ist. Ebenso geht sie auch der Frage nach, was aus den einst so populären Predigern dieser Bewegung (z.B. Amr Khaled) eigentlich geworden ist – mit interessanten Details darüber, warum es plötzlich doch Alternativen zu „Pop-Muslimen“ gibt.

Muslimbruderschaft, Salafisten

Gerlach zeichnet zudem die Rolle der Muslimbruderschaft, ihr Versagen und ihre Neu-Ausrichtung nach. Es ist interessant zu lesen, wie sich diese Islamische Gruppierung nach der Revolution verändert hat.

Sie geht aber auch auf das widersprüchliche Verhalten der Salafisten in Ägypten ein. Es ist besonders interessant, dass die Salafiten quasi alles was sie ständig über Regierung, Demokratie und Teilhabe am System sagten, quasi während und nach der Revolution abgeworfen haben. Das begann schon bei der Teilnahme an den Demonstrationen und endete bei dem Mitmachen bei den ersten freien Wahlen des Landes. Es wurde sehr schön deutlich, dass es den Salafiten eben nicht um ihre Ansprüche ging, sondern vielmehr um machtpolitische Interessen – ein interessantes Detail, dass kaum Erwähnung findet in der Nachbetrachtung der Revolution.

Gerlach sieht insgesamt den Islam in Ägypten und auch in der gesamten Arabischen Region durch den Arabischen Frühling erstarkt. Er glänzt vor allem mit seiner Pluralität. Auch, dass sich die Al-Azhar Universität endlich aus der Regierungs-Hörigkeit befreien konnte, wird als positiv empfunden.

Auswirkungen der Revolution auf Deutsche Muslime

Im letzten Kapitel schließlich schreibt Gerlach über die Wichtigkeit der Revolution auch für die Menschen, die eigentlich nicht direkt von ihr betroffen sind. Vor allem mit Muslimen aus Deutschland spricht sie über die Auswirkungen der Revolution auf sie und wie die Gesellschaft sie nun sieht. Das Bild, dass sich ergibt ist ein gemischtes. Zwar gibt es ein paar Gedanken, die positiv sind, aber im Großen und Ganzen hat sich nichts geändert.

Eine Entwicklung ist allerdings sehr wichtig, und darauf weist Gerlach auch hin: Die Krise des „Pop-Islam“ hat dazu geführt, dass immer mehr muslimische Jugendliche sich lieber in einem nicht-islamischen Zusammenhang engagieren (Parteien, Umweltschutz, Studentenverbindungen). Verlierer dieser Entwicklung sind dann solche Gruppen, die sich nur auf Muslime konzentrieren, wie die Muslimische Jugend Deutschland, aber auch die Verbandsmuslimischen Initiativen (Genclik Kollari).

Andererseits profitiert allerdings noch eine Gruppe von der Krise des „Pop-Islam“. Die Wahhabiten erhalten regen Zulauf, weil sie einerseits ziemlich auffällig daher kommen, aber auch andererseits den Leuten versprechen ihrem sinnlosen Leben wieder einen Sinn zu geben – mit einfachen Floskeln und Statements.

Wahhabiten: Feindbild für moderaten Islam

Gerlach sieht sogar in den Wahhabiten eine weitere wichtige Funktion: Sie sind das perfekte Feindbild für einen moderaten, aufgeklärten und toleranten Islam. Sie sind aber auch das Feindbild der westlichen Kultur und leider auch die Projektionsfläche der Nicht-Muslime was ihre Vorurteile für Muslime angeht.

Und Gerlach klagt diesen Wahhabismus (Salafismus) auch an. Denn der Wahhabismus ignoriert bewusst die Bewegungen und die Revolutionen in der Arabischen Welt, die ja letztendlich die Grundannahmen dieser Bewegung in Frage stellen.

Gerlach beschreibt wie der Wahhabismus sich eigentlich seine Opfer aussucht und beschreibt auch einen Weg aus diesem Teufelskreis. Wenn Muslime und erst Recht muslimische Jugendliche in Deutschland endlich anerkannt würden, endlich als Bürger anerkannt werden würden und nicht mehr als potenzielle Terroristen, dann hätten die Wahhabiten auch keinen Nährboden mehr und auch keine Argumente.

Muslime müssen tolerant sein

Julia Gerlach hat schon Recht, wenn sie Toleranz als wichtiges Kriterium heranführt. Das muss aber auch bedeuten, dass die Muslime tolerant sind. Und sie sieht die Zukunft im Zusammenleben der Menschen, auch in Deutschland, und das die Revolutionen zu einer Demokratie letztendlich verhelfen werden, sehr positiv und optimistisch.

Alles in allem hat es Julia Gerlach geschafft in einem kleinen 200 Seiten Buch eine Zusammenfassung der Revolution in Ägypten und zahlreiche Analysen und Ideen vorzutragen, was die künftige Entwicklung angeht. Sieht man davon ab, dass das Buch bereits im Juni 2011 in den Druck gegangen ist, so sind ihre Ausführung sechs Monate später betrachtet, durchaus plausibel und sogar zukunftsfähig. Viele Analysen und Bemerkungen und erst Recht die Art und Weise wie sie auch die Betroffenen selbst eingebaut hat, helfen einen Einblick in ein Wunder zu gewinnen.

In Ägypten und auch in den anderen Ländern in denen der Arabische Frühling stattfand, hat es eine über Ideologien und religiöse Bekenntnisse weit hinausgehende Zusammenarbeit gegeben um ein Problem aus der Welt zu schaffen. Das Problem wurde friedlich gelöst und hat sicherlich dazu beigetragen, dass Ende der Terror-Ideologien von Al Qaida und Co. Einzuläuten und stattdessen die Idee der Toleranz zu festigen.

Es war spannend und zugleich lehrreich von einer solch fundierten Autorin einen so schönen Einblick in diese Welt der Revolution zu erhalten. Und es ist nun klar, dass die Freiheit, die sich die Ägypter und andere Araber in der Region erkämpft haben, so kostbar ist, dass sie nicht einfach so aufgegeben werden darf.

Titel: Wir Wollen Freiheit
Autorin: Julia Gerlach
Verlag: Herder
ISBN: 978-3-451-33253-1

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