So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock

„So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ von Melda Akbas hat für Begeisterungsstürme gesorgt. Applaus von der falschen Stelle, wie ich meine. Denn das Buch passt so gar nicht in das Bild, dass man davon in den Medien abbildet.

Melda Akbas Selbstdarstellung wirkt sehr lustig, aber auch ziemlich verdreht. So erzählt die Autorin einerseits, dass sie nur dann Kopftuch trägt, wenn sie zur Moschee geht aber andererseits erzählt sie uns auch, dass ihre eigentliche Heimat die Türkei sei. Sehr verwirrend, wurde das Buch doch von vornherein als integrativ massiv bejubelt. Doch der Titel des Buches ist verwirrend und irreführend. Vielleicht sollte er eben Aufmerksamkeit wecken, vielleicht sollte er eben dafür sorgen, dass verbitterte Deutsche dieses Buch kaufen, weil sie ihre Vorurteile gegenüber Türken und erst Recht gegenüber Muslimen bestätigt sehen wollten.

Ein Seelenstriptease

Melda Akbas hat mit diesem Seelenstriptease allerdings nicht das vorgelegt was wohl in den Medien immer wieder den Anschein machte. Es ist vielmehr ein Apell an die Leserinnen und Leser nicht alles zu glauben, was einem die Medien erzählen und gleichzeitig ist das Buch ein Einblick in eine Welt einer 18-jährigen, die sich selbst noch nicht so richtig gefunden hat. Vielleicht hat sich das ja in der Zeit, in der Melda Akbas eben nicht mehr Zuhause lebt, geändert.

Sie spricht die Integrationsdebatte an und erklärt, warum ein Pass alleine keinen Menschen verändert und erst Recht nicht die gesamte Vergangenheit und das was ihn ausmacht, seine Kultur, seine Religion und seine Identität eben nicht wegwischt.

Für Deutsche Verhältnisse zu prüde

Sie hat zudem keine Hemmungen was die Darstellung ihrer Sexualität angeht – jedenfalls war das der Eindruck der uns vielfach vermittelt wurde. Dabei ist die Türkin sogar für Deutsche Verhältnisse einfach nur Prüde. Drei Jungs hat sie geküsst. Mit keinem Geschlafen. In einem Land in dem das Durchschinittsalter für Sex immer jünger wird, ist das keine Selbstverständlichkeit. Gerade das scheint aber auch dazu beigetragen zu haben, dass das Buch ein Erfolg wurde. Nicht die amourösen Träume einer Melda Akbas, sondern die Gedanken der notgeilen Medienlandschaft über ein Mädchen, dass noch Jungfrau ist und auf Mr. Right wartet. So war Britney Spears angeblich auch mal…

Trotzdem spricht Melda Akbas einer ganzen Generation aus der Seele. So fühlen sich viele junge Migrantinnen, egal ob türkisch oder nicht. Sie suchen oftmals den Richtigen, finden aber nur Chaoten. Da ist es sogar besser sich aufzusparen für den Richtigen, als für den falschen auszuziehen. Eine Message des Buches, die unterschwellig mitschwingt.

Lücken- bis fehlerhafte Darstellungen

Allerdings sind die Darstellungen von Melda Akbas z.T. was den Islam angeht und auch was türkische Angelegenheiten lücken- bis fehlerhaft. Es zeigt sich, dass sie anscheinend weniger den Islam gelernt hat, als vielmehr das, was oftmals von Laienpredigern irgendwo aufgeschnappt wurde. Das zeigt sich schon an einzelnen Sätzen, in denen sie davon spricht, dass im Koran etwas stehen soll. Oftmals stimmt das nicht und geht eher auf Volkssagen zurück. In der Türkei spricht man in diesem Zusammenhang auch von Hurafe.

Was mich besonders stört ist, dass von Anfang an klar wird, wohin dieses Buch auch steuert. Melda Akbas macht den Fehler, wie viele junge Frauen in ihrem Alter. Sie glaubt, sie wüsste es besser. Vielmehr ist es aber schon so, dass man bereits nach dem ersten Kapitel darauf schließen kann, dass dieses Mädchen 1. Freiheit möchte, 2. Mit ihrer Familie brechen möchte, 3. (wenn sie es denn schon nicht getan hat) mit Jemandem schlafen möchte und 4. von Zuhause ausziehen möchte.

Der Weg derer, den sie jetzt gehen möchte ist allerdings oftmals schon vorherbestimmt gewesen, und glücklich wurden damit nur die Wenigsten.

Kein Zurück

Dass es kein Zurück mehr gibt, zeigt Melda Akbas auch schon allein dadurch, dass sie intimste Details über das Familienleben der Akbas im Buch beschreibt und berichtet. Darunter auch solche Dinge, die weder einem sogenannten Datenschutz noch der sogenannten Ehre der Familie recht sein könnten. Oftmals bieten sich sogar Konfliktstoffe für die Eltern an. Das Buch dürfte vielleicht sogar berufliche folgen gehabt haben. Die Mutter wird z.B. erwähnt wie sie ein Büchlein über sexuelle Praktiken sich von der Tochter wegschnappt und damit verschwindet, weil sie das (vielleicht) lernen möchte.

Nun ist es aber gleichzeitig so, dass gerade in einem Umfeld wie der Mutter (Sie ist als Erzieherin oder ähnliches in einer Moschee tätig) solch offener Umgang mit der eigenen Sexualität nicht unbedingt honoriert wird.

Auch Details über das Liebesleben des Bruders lassen eher daran zweifeln, dass dieses Buch, nach seiner Fertigstellung, wirklich von allen Beteiligten emotionslos zur Kenntnis genommen wurde. Auch Darstellungen über intime Familienangelegenheiten der Groß-Familie fallen unter diese Bewertung. Melda Akbas scheint den Bruch, sowohl mit ihrer Familie als auch mit der Groß-Familie gesucht zu haben – jedenfalls wäre das durchaus verständlich.

Kritik an allen Seiten

Auf der anderen Seite übt Melda Akbas auch neben der Religionskritik, die vor allem viele Leserinnen und Leser in ihren Vorurteilen gegenüber dem Islam bestärkt haben sollte, auch Kritik an ihren eigenen Landsleuten.

Melda Akbas sieht in vielen Dingen, vor allem im „nicht-modern“ sein ihrer Mitschülerinnen, den Islam als Schuldigen. Darüber kann man diskutieren. Ich halte solche Verallgemeinerungen auf jeden Fall für falsch, auch wenn sie teilweise berechtigt erscheinen. Es kommt aber immer auf eine differenzierte Betrachtung an. Diese Differenzierung wird beim Thema Islam nicht vollständig geleistet.

Türkische Gemeinde als Sprungbrett?

Was die Kritik an türkischen Landsleuten angeht, so geht das auch ein bisschen auf ein gescheitertes, weil nicht richtig verbreitetes Projekt von Melda Akbas und der Türkischen Gemeinde zurück.

Allein schon die Schilderungen von Akbas, über das Zustandekommen des Projektes l.o.s – lets organize something, zeigt, dass die Türkische Gemeinde nicht wirklich richtig dahinter stand. Auch wie man an Fördergelder gekommen ist und wie die Vernetzung der Türkischen Gemeinde mit der Presse so reibungslos funktioniert, haben mich schon ein bisschen erschrecken lassen.

Um es vorweg zu nehmen. Als Muslim und aktiver Muslim habe ich Projekte begleitet, die allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einem religiösen Verein vom Bund nicht gefördert wurden und wo viel Schweiß und Arbeit dahinter steckte. Diese Projekte haben mehr Menschen erreicht und das obwohl wir nur begrenzte Ressourcen und Mittel hatten und sie haben weitaus weniger Beachtung gefunden, als das was Melda Akbas da mal kurz hergezaubert hat.

Das stimmt mich schon sehr traurig, weil das rausgeschmissenes Geld war und auch Melda Akbas irgendwie nicht wirklich bewusst war, bis zum Schluss, dass der Ansatz falsch war. Es hilft nicht nur mit Schülern zu sprechen, sondern Eltern wie auch Moscheen und andere Kulturvereine müssen in diese Geschichte mit eingespannt werden. So hat es zumindest bei uns funktioniert – obwohl unsere Projekte keine so große mediale Aufmerksamkeit erhalten haben.

Die Fixierung allein auf die Schüler war falsch – das hätte jedem auffallen können, der aus dem richtigen Umfeld kam. Akbas war dafür einfach nicht prädestiniert – Betriebsblind um es genau zu sagen.

Es bleibt ein Mysterium

Aber die Kritik an den Landsleuten ist keine subjektive Wahrnehmung, die nur einen Einzelfall anspricht. Trotzdem ist auch hier sehr wichtig zu differenzieren. Diese Leistung bringt Akbas diesem Punkt gegenüber aber auf – auch wenn am Ende die Kritik doch etwas zu hart ausfällt. Es liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie eher mit Mädchen zu tun hatte, als mit Jungs.

Das Thema Islam ist für Melda Akbas leider auch weiterhin – obwohl sie glaubt viel darüber zu wissen – manchmal ein Mysterium. Ihre Beschreibungen zum Thema Islam und zu bestimmten Erlebnissen in der Moschee sind größtenteils hanebüchener Unsinn und basieren auch anscheinend größtenteils auf hörensagen. Das ist nicht die Schuld von Melda Akbas. Ich kenne genügend „Muslime“ die ihr in diesen Themen in nichts nachstehen. Das liegt mitunter daran, dass eine selbstständige Beschäftigung mit dem Qur’an, seiner Geschichte und der Jurispudenz des Islam nicht fundamental stattgefunden hat. Vielmehr ist es so, dass man ihr etwas erzählt hat und das ist so hängengeblieben. Oftmals ein Grund für ein fehlerhaftes Verständnis. Das zeigt sich z.B. beim Thema Bismillahirrahmanirrahim, wo Akbas behauptet, dass sei das erste Wort gewesen das niedergeschrieben wurde oder dem Thema Kopftuch oder Geschlechtertrennung in der Moschee, was als Vorschrift des Islam beschrieben wird ist größtenteils falsch.

Allerdings sind die Schilderungen über die Koranschule sehr typisch und richtig. Der Unterricht gestaltet sich leider in vielen türkischen Moscheen in Deutschland tatsächlich so. Auch ihre Interpretationen und ihre Erläuterungen zum Thema Koran-Auslegung sind sehr lesenswert und wirken fundiert.

Das ist kein Widerspruch. Es zeigt, dass gerade in diesem Bereich das richtige Verständnis vermittelt wurde, während im anderen Bereich eher versucht wurde Dinge spirituell zu hinterlegen – letzteres scheint bei Melda Akbas nicht geklappt zu haben, da auch die Dinge nicht unbedingt der Wahrheit entsprachen.

Wichtiger Beitrag

Trotz dieser Mängel sind ihre Bemerkungen und ihre Ausführungen zum Thema Islam und Islamunterricht an Moscheen durchaus sehr lesenswert und ein wichtiger Beitrag für eine kritische Betrachtung. Melda Akbas Kritik ist nämlich die Hauptkritik die immer wieder solchem Unterricht zu Teil wird. Sie ist mehr als berechtigt.

Auch die Gründe warum Melda Akbas später der Moschee und dem Unterricht den Rücken kehrte sind verständlich. Allerdings hätte das Resultat nicht das gleiche sein müssen. Eine aufgeschlossenere Moschee, aufgeschlossenere Lehrer und die Antworten auf ihre Fragen, es hätte anders kommen können. Jedoch passen die Schilderungen in das Bild das Melda Akbas von sich selbst zeichnet. Freiheit. Diese beginnt mit dem Ende der Koranschule…

Im Übrigen spiegelt das was Akbas berichtet keine typischen Inhalte wieder. Ich erkenne allein schon an den Lehrstoffen eine Art Milli Görüs-Linie wieder. Dieser Verdacht wird auch durch eine Nebengeschichte zum Thema Kopftuch deutlich. Akbas berichtet von einer Reise nach Belgien zu einem Sami Yusuf Konzert. In den vergangenen Jahren gab es dort soweit ich mich erinnern kann nur ein Konzert und es würde auch zeitlich passen. Das Konzert war allerdings vielmehr Nebenprogramm der Zusammenkunft aller Jugendlichen in Europa in Hasselt oder Genk die zur Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs gehörten.

Allem Anschein nach war Akbas im Umfeld der IGMG unterwegs, was auch ihre interessanten Interpretationen bezüglich des Quran erklären würden.

Kopftuch – für und wider

Die Ansichten zum Thema Kopftuch von Melda Akbas sind sehr interessant. Sie zeugen von einer tiefen und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema. Akbas lehnt für sich das Kopftuch ab, aber ist gegenüber Frauen, die das Kopftuch aus tiefster Überzeugung tragen genauso tolerant wie sich selbst gegenüber. Menschen das Recht auf eine freie Wahl zu lassen, ist, um es einfach zu sagen: Erwachsen. Was sie allerdings auch nicht versteht und das tue ich meistens auch nicht, wieso sich manche Frauen ein Kopftuch überwerfen, wo sie sich nicht entsprechend den Ansprüchen an dieses Stück Stoff benehmen.

Auch die Kritik von Akbas an der Gesellschaft für seinen alltäglichen Rassismus und seine Fremdenfeindlichkeit sind fundamental und spiegeln das wieder, was vielen Migranten tagtäglich und oftmals grundlos passiert. Auch das Thema der positiven Diskriminierung wird angesprochen und beleuchtet. Ausgesprochen interessant und sehr leicht nachzuvollziehen.

Ihre Beschreibungen ihrer Türkei-Erlebnisse spiegeln in vielen Punkten das wieder, was auch andere türkische Migrantenkindern oftmals berichten. Wirklich Zuhause fühlen sich dort im Urlaub nämlich nur die Wenigsten.

Auszug

Auch der letzte Part, der Schluss, der eigentlich das nun vervollkommnet was bereits vorab klar war, ist vorhersehbar. Melda Akbas will ausziehen von Zuhause.

Die Geschichte des Buches endet hier. Die Geschichte von Melda Akbas geht aber weiter. Wenn ich sie erzählen müsste, würde sie folgendermaßen gehen. Das Buch wird völlig unerwartet zu einem Erfolg. Sie geht auf Reisen und liest in vielen verschiedenen Städten aus ihrem Buch vor. Irgendwann bekommt sie eine Zusage für einen Studienplatz in Hamburg. Sie zieht in die Hansestadt und lernt hier ihren neuen Freund kennen. Der Bruch mit der Familie wird immer größer, langsam aber sicher entfremdet sich Akbas von der Familie. Sie sehen sich nur noch seltener. Eines Tages bricht der Kontakt komplett ab.

Das wäre die typische Geschichte. Bleibt zu hoffen, dass Akbas nicht die gleichen Fehler begeht, wie hunderte Mädchen aus dem türkischen Migrantenmilieu vorher.

Stellvertretend für eine ganze Generation

Ihre Geschichte ist nicht besonders interessant. Das Buch liest sich stellenweise recht amüsant und flüssig und stellenweise ist es doch ziemlich langweilig und schwer zu lesen. Alles in allem ist das aber die Geschichte stellvertretend für eine ganze Generation von Jugendlichen. Sie ist mir nicht neu. Im Gegenteil, an vielen Stellen konnte man das Ende schon vorab erkennen und bereits Prognosen darüber abgeben, wie sie das ganze sehen wird und wie es ausgehen wird. Es ist sehr durchschaubar und in einer sehr einfachen Sprache gehalten.

Der Erfolg den Akbas hatte und hat, liegt wohl an drei Faktoren. Zum einen das Projekt l.o.s. – lets organize something hat sicherlich dazu beigetragen, dass sie einem breiteren Publikum als „emanzipierte“ und „moderne“ Frau bekannt war. Der Verlag Bertelsmann hat als renommierter Verlag sicherlich dazu beigetragen, dass das Buch auch aus der Nische heraus besser vermarktet werden konnte und nicht zuletzt der Titel: „Zwischen Moschee und Minirock“ – recht provokativ und natürlich medienwirksam. Gerade in einer Zeit in der ständig über die Integration von Jugendlichen gesprochen wurde, war dieser Titel für viele Kritiker von Migranten wie Muslimen, ein richtiger Ohrschmaus. Allerdings ist er irreführend. Melda Akbas steht und stand sicherlich nie vor der Wahl ob Moschee oder Minirock. Vielmehr stand sie zwischen zwei Idealbildern einer Frau. Eine angeblich emanzipiert und modern, die andere angeblich rückwärtsgewandt und unterjocht. Dieses Bild ist es auch, was dazu beigetragen haben dürfte, dass Akbas oftmals fehlbesetzt wegen des Buches eingeladen wurde zu diversen Talkshows. Sie erfüllte aber nicht die Erwartungen – obwohl sie schon mit Minirock antanzte und ziemlich geschminkt da saß – waren ihre Betrachtungen größtenteils differenziert.

So ist das Buch leider nicht. Es ist vielmehr eine Autobiografie eines Mädchens, dass glaubt zur Frau werden zu müssen und dafür einen Weg einschlägt. Wer es lesen möchte bitte, aber bitte dann auch nicht verallgemeinern und schon gar nicht für die Debatte nutzen, die sich um Integration dreht. Dafür ist es nämlich nicht zu gebrauchen.

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