Salafisten – Bedrohung für Deutschland?

Kein Thema beherrscht so sehr die mediale Berichterstattung über Muslime wie die des Salafismus. Und doch: Es fehlt an hinreichenden Analysen und Untersuchungen des Phänomens. Eine solche Grundlagenarbeit leistet der Journalist Ulrich Kraetzer mit seinem Buch „Salafisten – Bedrohung für Deutschland?“.

Kraetzer liefert erstmals journalistisch aufbereitete Einblicke in die verschiedenen Facetten des Salafismus in Deutschland. Er beschreibt sowohl die verschiedenen Köpfe und Richtungen als auch die einzelnen Protagonisten, die Jugendlichen, selbst. Dafür hat sich der Journalist mit Salafisten getroffen, an ihren Veranstaltungen teilgenommen, ihre Videos gesehen und mit führenden Figuren des Salafismus in Deutschland diskutiert. Ergänzt wurden die Einsichten auch durch Gespräche mit Experten. (Der Leserschaft sei nicht vorenthalten: Auch der Autor dieses Blogs wurde für das Buch interviewt).

Differenzierte Betrachtung

Wie kein anderer zuvor beschreibt der Autor in seinem Buch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der salafistischen Strömungen in Deutschland. Es sind differenzierte und erhellende Einsichten in eine nicht homogene Gruppe. Und Kraetzer verfällt – anders als es der Titel des Buches suggeriert – nicht der einfachen Lösung alle in einen Topf zu werfen und eine riesengroße Gefahr für Deutschland zu beschwören. Ja er spricht die Gefahr, die vom Salafismus ausgeht, an.

Der Autor differenziert aber und macht auf die wirklichen Probleme, die von bestimmten Salafisten (nicht allen) ausgehen, aufmerksam. Und als problematisch sieht Kraetzer in der Ideologie des Salafismus die Frage nach der Gewalt, dem Spannungsverhältnis zu Grundgesetz und Verfassung, dem Weltbild, das in seiner Konsequenz ein harmonisches Miteinander verbietet, und den Ansichten zur Rolle von Frau und Mann in der Gesellschaft. Allein mit dieser klaren Einteilung unterscheidet sich Kratzer von Panikmachern.

Wirkung der Ideologie

Kraetzer beschreibt sehr anschaulich, wie die salafistische Ideologie wirkt. Als Ausgangspunkt nimmt er eine Veranstaltung einer umstrittenen Organisation, die auch Krieger nach Syrien einschleusen soll, in Hamburg. Sein erster Eindruck: Eigentlich sind das alles ganz nette Leute, die hier teilnehmen. Doch der Redner des Tages lässt Kraetzer ein bisschen betrübt zurück. Denn die Worte zeigen, wie Predigten auf Menschen, die keine Muslime sind, wirken können.

So schreibt Kraetzer über die Worte von Ahmad Abul Baraa, einem, wie er ihn beschreibt, charismatischen Prediger: „Ich bin zwar kein Muslim. Aber als Ahmad Abul Baraa über die dunya (sündhafte diesseitige Welt) spricht, schafft er es mit seinem bohrenden Blick, dem erhobenen Zeigefinger und seiner schneidenden Stimme, bei mir fast so etwas wie Schuldgefühle, aufkommen zu lassen.“[i]

Entfremdung als Basis um Jugendliche zu ködern

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Das es dennoch etwas gibt, dass die Jugendlichen in die Arme der Salafisten treibt, beschreibt Kraetzer in den Worten von Wissenschaftlern als „Entfremdung“. Salafisten griffen nicht nur das Gefühl der Entfremdung auf, sie böten für die vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierung der Jugendlichen eine Erklärung an – und deuteten das eigentlich negative Gefühl in etwas Erstrebenswertes um. Die Minderheit sei im Koran immer positiv, wird ein Prediger der Salafisten zitiert, und die „wahren Gläubigen“ seien die „Fremden“.

Und Kraetzer macht darauf aufmerksam, dass die Ideologie der Salafisten sich nur in den Grundzügen von der Lehre anderer Strömungen innerhalb des sunnitischen Islams unterscheidet. „Salafisten spitzen diese Lehre aber zu und interpretieren sie deutlich rigoroser, sodass sie zum Gegenentwurf weltlicher Staats- und Gesellschaftsordnungen wird“, sagt Kraetzer und beschreibt damit das eigentliche Problem, dass besonders Muslime berühren muss.[ii]

Machtkämpfe und Methodiken

Der Autor vermittelt, warum es nicht die Salafisten gibt, sondern sich diese durch die Methodiken der Auslegung so zahlreich unterscheiden. Dabei greift der Autor auch die Grundlagen und Begriffe auf und beschreibt sie sehr eindrucksvoll mit historischen Hintergründen. Kraetzer legt dabei auch einen Schwerpunkt auf den Gedanken der dawa, den die Salafisten oft als Missionsauftrag verstehen.

Detailliert beschreibt Kraetzer anhand dieser Dinge auch die Diskussionen zwischen den salafistischen Predigern, die sich heute auch größtenteils voneinander entfremdet haben. Vor allem aber zeichnet er auch den internen Machtkampf um eine Deutungshoheit für den Islam und den Salafismus in Deutschland.

Was tun? Wie kann man helfen?

Doch Kraetzer geht weiter. Er sucht nach Erklärungen und Ideen um das Problem insgesamt zu lösen. Er sieht dabei sowohl Deradikalisierungsprojekte als wichtige Maßnahme als auch eine innerislamische Auseinandersetzung mit dem Thema. Doch auch die Politik und die Medien sind dazu aufgefordert zu differenzieren. Was Kraetzer sehr schön zeigt, ist auch das widersprüchliche Verhalten der Behörden in der Einschätzung und im Umgang mit Salafisten.

So wird dafür exemplarisch der Fall des am „liberalen Rand des Salafismus“ zu verortenden Berliner Predigers Abdul Adhim vorgebracht. „Auf eine gemeinsame Linie konnten sich die Behördenvertreter im Umgang mit Abdul Adhim nicht einigen. Der Innensenator trat für das JUMA-Projekt, bei dem Abdul-Adhim mitwirkte, als Schirmherr auf – der Verfassungsschutz warnte dagegen vor dem Prediger und nannte ihn in seinem Jahresbericht für 2010 sogar mit vollem Namen.“[iii]

Auch auf die Hilflosigkeit und das im Dunkeln stochern der Personen, die an Präventionsprojekten arbeiten, macht Kraetzer aufmerksam. „Durch seine Erfahrung kann er (gemeint ist Michael Kiefer) zwar Methoden entwickeln, die Jugendliche von einer salafistischen Radikalisierung abhalten soll. Er sei aber stets auf Vermutungen angewiesen, sagt Kiefer. << Es gibt keine empirische Studie>>, bemängelt auch Kiefers Kollege Rauf Ceylan, Professor am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. <<Das ist ein Armutszeugnis.>>“[iv]

In seinem Buch nimmt Kraetzer auch kein Blatt vor den Mund, wenn er etwa sagt: „Einen puristischen Salafisten terroristischer Umtriebe zu verdächtigen, ist absurd.“[v] oder „Medien und Politiker, ja sogar Fachleute der Sicherheitsbehörden Verzichten oft auf (diese) Differenzierungen.“[vi]

Fazit

Das Buch ist gelungen, hat aber auch ein paar Schwächen. Kratzer bleibt sich treu und schreibt aus der Sicht des objektiven Journalisten. Das gelingt ihm an vielen Stellen sehr gut. Doch entfernt sich der Autor teilweise auch von seinen Lesern, in dem er zu objektiv wird. An wenigen Punkten sind auch einige Fehler enthalten. So schreibt Kratzer an einer Stelle über den hijab, was ein genereller Oberbegriff für Kopftuch ist, es sei ein Ganzkörperschleier.

Trotz dieser kleineren Schwächen lässt sich sagen, dass Kratzer mit diesem Buch einen sehr guten und wichtigen Beitrag geleistet hat, um das Phänomen zu beschreiben, zu analysieren und zu verstehen. Er bietet auch einige Lösungsansätze an. Sein Buch ist allerdings nur ein erster Schritt. Es ist insofern eine Einführung in das Thema und eignet sich hervorragend für am Thema Interessierte, die einen guten Einstieg wünschen.

Es muss aber sicherlich noch mit wissenschaftlicher Expertise, die es noch nicht bzw. nicht ausreichend gibt, ergänzt werden. Hier haben sich bereits einige andere Autoren und Herausgeber ans Werk gemacht. Man wird sehen, ob diese Arbeiten zum Thema Salafismus und Salafisten die Erkenntnisse aus Kratzers Buch ergänzen können. Sie müssen sich aber an dieser durchaus herausragenden Arbeit erst einmal messen lassen. Kratzers Leistung besteht vor allem an der Tatsache, dass vorher veröffentlichte Bücher diese Informations- und Differenzierungsleistung nicht annähernd erbracht haben.

Buchdetails
Titel:
Salafisten – Bedrohung für Deutschland?
Autor:
Ulrich Kraetzer
Verlag: 
Gütersloher Verlagshaus
ISBN: 
978-3579070643


Fußnoten:

[i] S. 21
[ii] S. 69
[iii] S. 221
[iv] S. 228
[v] S. 241
[vi] S. 241

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