Online-Eignungstests und ihr Nutzen

Gestern habe ich ein Experiment gewagt und das erste Mal an einem Online-Eignungstest teilgenommen. Das kostete mich Überwindung, weil ich von solchen Tests grundsätzlich nichts halte. Es machte aber Sinn, sich mal anzuschauen was heutzutage so technisch möglich ist und was von Bewerbern abgefragt wird. Natürlich ist die Erfahrung nicht auf alle Bereiche oder Tests dieser Art übertragbar. Man kann aus einem einzigen Test nicht zu einer allgemeinen Ansicht gelangen. Dennoch gab es mehrere Aha-Momente, die ich gerne teilen möchte.

Zunächst einmal sei angemerkt: Eigentlich ging es in diesem Eignungstest um die Stelle eines Junior Marketing Managers. Vorab wurde mir ein Zugangscode für den Bereich zugesendet. Es wurden zunächst einmal ein paar allgemeine Fragen zur Person gestellt. Dann ging es auch schon los. Man musste sechs verschiedene Tests, die insgesamt mehr als eine Stunde dauerten, erledigen. Die Tests haben verschiedene Schwerpunkte gehabt. Manche hatten aber überhaupt nichts mit der angestrebten Tätigkeit zu tun. So auch die erste Aufgabe.

Aufgabe 1 – Mehr was für BWLer als Marketer

Ich sollte anhand von Daten bestimmte Sätze zuordnen, ob sie wahr oder falsch sind. Das Lustige war: Es ging mehr um BWL-Themen als um Marketing-Themen. Beispielsweise kümmert es einen Marketing Manager in aller Regel nicht, welche variablen und fixen Kosten pro gefertigtem Stück des Produktes anfallen. Auch ist es nicht seine Aufgabe herauszufinden, ob man prozentual und finanziell alles richtig gemacht hat in der Produktionsstätte selbst. Das Beispiel wirkte für mich jedenfalls, wie aus dem Lehrbuch. Teilweise wurden fiese Fallen eingestreut, die man eigentlich nur erkennen konnte, wenn man drei oder viermal den Ersten Satz auf einer ganz bestimmten Seite gelesen hatte.

Das Thema war aber schnell durch. Anfänger-Kurs für schnelles Rechnen und Auffassungsgabe. Wer sich mit Handbüchern zum Thema „Bewerbungstest“ vorbereitet kann hier die volle Punktzahl erreichen. Das Problem ist nur: Wer die volle Punktzahl erreicht, fällt durch.

Aufgabe 2 – Verständnis und logisches Denken

Hier ging es dann um klares Textverständnis und auch die Frage: Hat der Bewerber wirklich verstanden was er da gelesen hat? Natürlich ist auch hier ein Beispiel aufgeführt worden, wo ich mich gefragt habe, ob das wirklich Sinn macht. Beispielsweise die Urlaubsregelung für Azubis und Mitarbeiter und dann erst der Hinweis auf befristete Verträge. Kosten für Versand von Paketen, die sich ändern, je nachdem wohin und welche Versandart man wählt. Insgesamt ging es hier darum die Dinge schnell zu verstehen. Angeblich konnte man alle Fragen in der Zeit nicht schaffen. Ich war nah dran – obwohl ich langsam gemacht habe.

Wichtig ist: Genau lesen – was von einem verlangt wird, und auch was da eigentlich selbst steht. Denn oft wird etwas verneint, was eigentlich da ist. Flüchtigkeitsfehler schleichen sich schnell ein.

Aufgabe 3 – Logisches Denken auf Hochniveau

Das war tatsächlich eine echte Herausforderung. Hier ging es darum anhand bestimmter Vorgaben in einem Gitternetz ein Muster zu erkennen für bestimmte Formen. Es ist vergleichbar mit Sudoku. Aber statt der Zahlen, sind diesmal Formen vorhanden. Wer Sudoku spielt, braucht auch hiervor keine Angst zu haben. Dennoch habe ich langsam gemacht. Es wurden nur fünf Aufgaben – von ganz leicht bis ganz schwer – gelöst.

Aufgabe 4 – Denglisch oder doch nur dummes Englisch?

Das hat mich dann doch sehr überrascht. In diesem Test musste man sich tatsächlich mit seinen Englisch-Kenntnissen hervortun. Dabei wurden Sätze vervollständigt mit verschiedenen Auswahlmöglichkeiten. Es ging auch darum zu verstehen, was für einen Satz man da eigentlich bildet. Im nächsten Schritt wurden dann Synoyme gesucht und in einem weiteren Schritt wurde geprüft, wie es um die Rechtschreibung steht.

Insgesamt war es ziemlich anspruchsvoll. Aber was sagt ein solcher Test über meine Englisch-Fähigkeiten aus? Zumal im Marketing-Bereich eher Business-Englisch erwünscht ist. Ist es wirklich wichtig, zu wissen, ob es accountable oder acountable heißt? Oder geht es nicht vielmehr darum, die Struktur für Geschäftsbriefe zu kennen und ein Korrekturprogramm immer am Laufen zu haben? Reale Erwartungen erfüllt der Test jedenfalls nicht. Jemand der englische Geschichte studiert hat, wird in einem solchen Test sehr gut abschneiden. Jemand der weiß, wie man Geschäftsbriefe schreibt, nicht.

Aufgabe 5 – Selbsteinschätzungen – Der Weg zur Erleuchtung?

Die fünfte Aufgabe war nicht ohne. Es sollte um Selbsteinschätzungen gehen und man sollte zu bestimmten Beschreibungen Punkte vergeben. Ich habe weitestgehend frei variiert, wobei ich negative Eigenschaften einfach ausgeklammert habe. Manchmal habe ich auch ganze sechs Punkte für einen Satz vergeben, weil die anderen Sätze nicht ok waren oder gleich gar keine Punkte. Wichtig ist aber zu wissen: Die Sätze wiederholen sich. Wer das erste Mal schon zwei Punkte vergeben hat, kann später bis zu maximal 6 Punkte vergeben. Wer aber über die sechs Punkte kommt, hat klar geschummelt.

Ich hab den Test zu diesem Zeitpunkt sowieso schon nicht mehr ernst genommen. Es ist interessiert eigentlich kaum, wie ich mich im Alltag schlage und was ich wirklich denke. Der Test zeigt auch nicht, ob man wirklich geradlinig oder doch kreativ und ambitioniert ist. Er zeigt vielmehr, wie schnell man sich in ein Muster verlaufen kann, weil man dem Jobanbieter gefallen will.

Aufgabe 6 – Email-Postfach aufräumen

Die letzte Aufgabe war die Hölle. Eigentlich ist auch diese nicht in der Zeitvorgabe (15 Minuten) zu schaffen, aber sie ist doch einfach handhabbar, wenn man sich an ein paar Grundsätze hält. Zunächst einmal sind im Postfach viele verschiedene Mails, von vielen verschiedenen Absendern und auch für viele verschiedene Empfänger. Die Regeln geben vor, wie man die Mails gewichten und nach welchen Kriterien man sie weiter bearbeiten soll. Die Regeln sind immer abrufbar. Im Laufe der Zeit trudeln weitere Mails ein.

Wichtig ist hier, dass man systematisch vorgeht. Ich habe mit der ältesten Mail angefangen und habe mich weiter nach vorne gearbeitet. Die Kategorisierung in Unwichtig, Mittel-Wichtig und Wichtig geht schnell. Die Bearbeitung nach Fällen, z.B. Weiterleiten an den Chef, geht auch schnell. Interessant sind aber die Fallstricke, die eingebaut wurden. Beispielsweise lautet die Anordnung in den Regeln, dass man Mails mit Bezug zu einem bestimmten Projekt an eine bestimmte Person weiterleiten soll. Was aber, wenn die Person, der man sonst die Mails weiterleitet, einem eine Mail schreibt mit Bezug zu eben diesem Projekt? Es wäre dumm, dem Herrn die eigene Mail zurückzuschicken.

Auch will man sehen, wie man mit Problemfällen umgeht. Beispielsweise hat ein Kollege im Unternehmen erneut seine Sachen verschlampt und bittet mich um Hilfe. Jetzt kann man kollegial sein und ihm helfen, in dem man ihm die gewünschten Informationen zusendet oder aber ein Arsch sein und dem Chef diese Mail weiterleiten – eben weil man nicht zum ersten Mal diesem Kollegen geholfen hat. Wofür man sich auch entscheidet, beides ist falsch – ethisch moralisch gesehen. Ich hab es dem Chef weitergeleitet. Ebenso, wie ich andere Punkte, die mir wichtig erschienen auch weitergeleitet habe.

Es war insgesamt sehr anspruchsvoll. Gewinnen kann man hier nicht. Aber einen Eindruck hinterlassen. Das ich meinen Kollegen verraten habe, dürfte meine Chancen eher zunichte gemacht haben. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ist das eine Todsünde in solchen Tests.

Fazit zum Online-Eignungstest

Natürlich ist dieser Test wohl eigenartig und in seiner Form sicherlich anders als bei anderen Anbietern. Ich jedenfalls bin etwas schockiert, weil eigentlich alle gängigen Methoden, die es auch schon vor 15 Jahren in Papierform gab, heute digitalisiert und verbessert verfügbar gemacht wurden. Solche Eignungstests sind aber weiterhin nur bedingt geeignet bei Bewerbungen die Spreu vom Weizen zu trennen. Hinzu kommt ein anderer Aspekt: In diesem Fall war der Test auf Flash-Technologie aufgebaut. Ich habe eigentlich kein Flash mehr auf meinen Rechnern. Just um das Ding auszutesten, habe ich es dann doch noch mal installiert.

Ich jedenfalls setze – auch aus eigener Erfahrung – weiterhin auf das persönliche Gespräch. Ich denke nur so kann man wirklich sehen, ob Jemand zu einem Betrieb passt oder nicht. Was meint ihr?

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