Islam

Nachbarschaft im Islam – Ein Essay für Muslime

Nachbarschaft aus muslimischer und islamischer Perspektive. Muslime müssen gute Nachbarn sein. Ein Essay zur Nachbarschaft als Kitt der Gesellschaft.

Eine gute Nachbarschaft ist ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden und starken Gesellschaft. Muslime sind dazu angehalten soziale Wesen zu sein. Sie müssen sich für den Zusammenhalt der Gesellschaft stark machen. Sie müssen sich für den Schutz der Gesellschaft einsetzen. Dort, wo der Zusammenhalt nicht funktioniert, müssen sie sich für Verbesserungen einsetzen.

Nach der eigenen Familie sind die Nachbarn unsere nächsten Menschen. Man begegnet ihnen, obwohl sie nicht zur Familie gehören, fast jeden Tag. Trotzdem bleiben sie oft nur Fremde. Dabei muss es gerade Muslimen ein Anliegen sein, an solchen Zuständen des Zusammenlebens, etwas zu ändern. Die Nachbarschaftspflege gehört zu den religiösen wie moralischen Pflichten von Muslimen. Denn nur eine funktionierende Nachbarschaft kann zu einer funktionierenden Gesellschaft beitragen.

Nachbarschaft in Deutschland

Gute Nachbarschaft ist in vielen Teilen Deutschlands ein Fremdwort. Oft hat man mit den Nachbarn eher ärger als eine gute Beziehung. Selbst wenn man sich mal gerade nicht über die eigenen Nachbarn ärgert, ist die Kommunikation auf ein Minimum eingeschränkt. Verständlicherweise wollen viele einfach in Ruhe gelassen werden. Gerade deshalb lesen wir aber auch viel über Nachbarschaftsstreitigkeiten in Boulevard-Zeitungen. Nachgestellte Nachbarschaftsstreitigkeiten gehören zum Programm im Fernsehen und Netflix.

Auf der anderen Seite beschränkt sich die Kommunikation mit Nachbarn im Alltag oft nur auf ein „Hallo“ im Flur. Und leider leben wir auch in einem Land, in dem Nachbarn sterben können und ihr Tod jahrelang unentdeckt bleibt. Verwahrlosung und Vereinsamung sind Bestandteil des Zusammenlebens in Deutschland. Mann kann aber an diesen Zuständen etwas ändern. Gerade Muslime können sich auf die Stärken der eigenen Religion und der moralischen Maßstäbe zurückbesinnen.

Nachbarschaft pflegen: Eine religiöse Pflicht

Die gute Nachbarschaft ist als Thema so wichtig für Muslime, dass es auch im Qurʾān al Karim Erwähnung findet. So heißt es in ungefährer Bedeutung in der Sura Nisa, Vers 36:

„Und dient Allah und setzt Ihm nichts an die Seite. Und seid gut zu den Eltern, den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem Nachbarn, sei er einheimisch oder aus der Fremde, zu den Kollegen, den Reisenden und zu denen, welche ihr von Rechts wegen besitzt.“

Der große malikitische Qurʾān-Mufassir Imam Qurtubi schreibt in der Erläuterung dieses Verses: „Siehst du nicht? Allah hat nach dem guten Behandeln der Eltern und der Verwandten, auch die Nachbarn erwähnt und befohlen ihre Rechte zu achten.“

Ein wichtiger und erwähnenswerter Punkt bei diesem Vers ist auch die Unterteilung der Nachbarn in nah und fremd, bzw. einheimisch und fremd. Als nahe Nachbarn werden diejenigen Nachbarn bezeichnet, die Tür an Tür miteinander wohnen. Fremde Nachbarn bedeutet, dass diese örtlich gesehen nicht zusammen wohnen, aber trotzdem als Nachbarn gezählt werden müssen.

Wer gehört zu den Nachbarn? – Eine Frage der Auslegung!

Es gibt keine klare Abgrenzung einer Nachbarschaft in Bezug auf ihre Größe. Beispielsweise vertrat Aischa (ra), Mutter der Gläubigen, die Auffassung, dass in einem Umkreis von 40 Häusern Alles zur Nachbarschaft zählt. Ali (ra), Schwiegersohn des Propheten (saw) und rechtgeleiteter Kalif, vertrat diesbezüglich die Auffassung, dass in einem Umkreis in dem man die Stimme noch hören kann, alles zur Nachbarschaft zählt.

Diese unterschiedliche Handhabung muss man so bewerten, dass die Nachbarschaft absichtlich groß gehalten werden sollte, um ein besseres gesellschaftliches Engagement und Verantwortungsgefühl zu bewirken. Dies muss aber nicht zwangsläufig die einzige Erklärung sein. Als fremde bzw. entfernte Nachbarn gelten auch diejenigen Personen, die zwar Tür an Tür mit einem Muslim wohnen, aber selbst keine Muslime sind. Auch für diese Nachbarn muss man sich als Muslim verantwortlich fühlen.

Die Sunnah sagt: Tue deinen Nachbarn Gutes!

Und in den „Gärten der Tugendhaften“ finden sich auch diese bekannten Aussprüche des Propheten Muhammad (saw):

„Wer an Allah und den Tag der Abrechnung glaubt, der soll seinem Nachbarn Gutes tun.“

„Wer an Allah und den Tag der Abrechnung glaubt, der soll seinem Nachbarn kein Unrecht tun.“

Allah (swt) und sein Gesandter (saw) haben die Muslime also durch den Qurʾān und auch durch die Sunnah klar dazu aufgefordert zu allen Nachbarn, unabhängig von ihrer Abstammung und ihrer Religion, barmherzig zu sein. Daran ändert auch ein unterschiedlicher Glaube nichts und auch das Vorbild der Prophetengefährten (ra) spricht Bände über die gute Nachbarschaft.

Gute Nachbarschaft ist eine Frage des wahrhaften Glaubens!

Die Aussprüche und Berichte vom Propheten Muhammad (saw) in Bezug auf die Nachbarschafts-Pflege lassen aufschrecken. In mehreren Hadithen wird deutlich, dass die Nachbarschafts-Pflege so wichtig ist, dass man ohne eine gute Nachbarschaft kaum einfach so durch die Tore des Paradieses eintreten kann. Die Erläuterungen zu diesen Überlieferungen gehen allerdings davon aus, dass die Hadithe vor allem einen Zweifel an einem aufrichtigen Glauben wecken sollen.

Wer ein guter Muslim sein will, muss auch ein guter Nachbar sein – so und nicht anders sollte die Interpretation sein. Es ist also ein Ansporn auf die Nachbarschaft – gerade als Muslim – besonderen Wert zu legen. Vor allem aber warnen diese Hadithe all diejenigen, die der gesellschaftlichen Verantwortung entfliehen möchten und zur Spaltung aufrufen. Auch kann eine Parallelgesellschaft – die sich von der Mehrheitsgesellschaft abkapselt – keine Lösung sein.

Wie wird man ein guter Nachbar?

Wir leben nun Mal in einer Gesellschaft in der es heutzutage sogar empfohlen wird keinen Kontakt zu den eigenen Nachbarn zu pflegen, weil man sich ja immer streiten könnte. Es gibt aber keinen vernünftigen Grund, warum man nicht die wenigsten Punkte für eine gute Nachbarschaft einhalten sollte. Dies bedeutet sich beispielsweise zu grüßen wenn man aufeinander im Treppenhaus trifft. Ebenso gehört es sich für einen sauberen Durchgang im Treppenhaus zu sorgen. Man sollte gerade die Ruhezeiten achten und versuchen niemanden unnötig zu stören.

Darüber hinaus ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man den Nachbarn beim Tragen hilft, wenn man sieht, dass diese damit überfordert sind. Das man den alten Nachbarn bei ihren Einkäufen hilft, dass man die kranken Nachbarn besucht und im Todesfall den Nachbarn kondoliert, sollte zu einem ordentlichen Umgang gehören. Ebenso kann es auch eine gute Geste sein, Pakete und Lieferungen für die Nachbarn entgegen zu nehmen, wenn diese nicht da sind. Es sind also Regeln des normalen Umgangs, die man mindestens einhalten sollte.

Muslime sollten die Feste nutzen für ein besseres Miteinander

Ebenso bietet es sich an, gerade bei muslimischen Festen, hin und wieder den Nachbarn kleine Geschenke zu überreichen. Gerade beim Opferfest kann dies auch in Form von Essen geschehen, ebenso wie es beim Ramadan-Fest in Form von Süßigkeiten oder Süßspeisen geschehen kann. Auch eine Einladung zu einem türkischen Tee oder Ähnliches wäre nicht verkehrt. So kommt man ins Gespräch und kann einander auch eventuell helfen.

Das sind aber nur ein paar minimale Empfehlungen. Der Alltag kann anders aussehen und auch vielfältiger und besser gestaltet werden. Es gibt zwar kein Patentrezept für eine gute Nachbarschaft, aber man kann, um es kurz zu sagen, all das tun, was man auch für sich selbst von einem guten Nachbarn wünschen würde. Um es frei mit Gandhi zu sagen: „Man kann selbst die Änderung sein, die man sich für diese Welt wünscht.“

Beispiel vom Propheten (saw) für eine gute Nachbarschaft

Die wohl bekannteste Geschichte über Nachbarschaft und die Nachbarschaftspflege ist die vom Gesandten Allahs (saw).

Dieser hatte einen nicht-muslimischen Nachbarn, der ständig jeden Tag seinen Müll vor der Haustür des Gesandten Allahs (saw) deponierte. Der Prophet (saw) ertrug diese Angriff still und leise und beschwerte sich nicht. Doch als eines Tages der Müll nicht wie gewohnt vor seiner Haustür deponiert war, machte sich Allahs Gesandter (saw) sorgen um seinen Nachbarn und besuchte ihn Zuhause. Der Mann war tatsächlich erkrankt und der Besuch führte zu einerm besseren Verhältnis.

Dieses Beispiel vom Propheten (saw) ist ein Mahnmal für Alle, die versuchen sich von der Gesellschaft loszusagen und ihren Islam in ihren vier Wänden leben zu wollen. Selbst der Gesandte Allahs (saw) war um seinen Nachbarn, der Müll vor seiner Haustür deponierte, besorgt. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Nachbarschaft so wichtig ist, dass man selbst gegenüber denen barmherzig sein muss, die einen den Müll vor die Haustür stellen.

Beispiel von Abdullah Ibn Umar (ra) für den Umgang mit Nachbarn

Abdullah ibn Umar (ra) ließ seinerzeit das Fleisch eines geschächteten Lamms an seine Nachbarn verteilen. Er ordnete dabei an, dass das geschächtete Fleisch zuerst bei den nicht-muslimischen Nachbarn verteilt wird. Abdullah ibn Umar (ra) räumte damit seinen nicht-muslimischen Nachbarn ein Vorrecht am Fleisch ein und bevorzugte sie ausdrücklich.

Dieses Beispiel macht vor allem deutlich, dass die Nachbarschaft zu denen, die uns fremd und fern sind, stärker gepflegt werden muss, als zu denen, die uns nah sind. Es darf zudem keine Bevorzugung in der Nachbarschaft geben, nur weil diese Muslime sind.

Beispiel für gute Nachbarschaft unter Sultan Mehmet Han

Sultan Mehmet Han (Fatih der Eroberer) ging einst verkleidet auf den Bazar um zu sehen wie es um die Moral, aber auch um die Qualität der Waren im Land bestellt war.

Als er beim ersten Händler einkaufen wollte, gab dieser ihm nur einen Teil seiner gewünschten Waren und verwies den Sultan auf seinen Nachbarn unter den Händlern. Dieser habe die entsprechenden Waren in besserer Qualität und noch keinen Gewinn gemacht, benötige aber das Geld für seine Familie, sagte der erste Händler über den zweiten.

Der Sultan ging zum zweiten Händler und versuchte seinen Einkauf bei diesem zu komplettieren, aber auch hier bekam er nur einen Teil seiner Waren, und der Händler erklärte, er habe zwar Gewinn gemacht, aber die weiteren Waren bei seinem Nachbarn, seien von noch besserer Qualität und dieser habe auch Verkäufe nötig, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Der Sultan war beeindruckt von dieser Einstellung und dem Zusammenhalt der Händler und auch von der Qualität der Waren. Es waren immer nur gute Waren, aber fast jeder Händler wies auch auf seinen Nachbarn hin, dem es vermeintlich am Verkauf und Gewinn mangelte. Keiner war ausschließlich am alleinigen eigenen Profit interessiert, sondern daran, dass es allen gut ging.

Der Sultan sagte zur Situation: „Mit dieser vorbildlichen Moral kann dieses Volk die Welt für sich gewinnen. Möge Allah diejenigen verfluchen, die die Moral und Sitte des Volkes kaputt machen.“

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