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Moral: Wie man seine Prinzipien aufgibt

Niemand ist frei von Fehlern. Das gilt für jeden Menschen. Egal, ob er sich für unfehlbar hält oder seine Anhänger. Das ist mir schon seit Jahren klar. Mir war aber nie klar, wieso Menschen ihre Prinzipien, ihre Moral und Einstellungen einfach so verkaufen oder über Bord werfen konnten. Das gelang mir erst nach eigener persönlicher Erfahrung. Und es hat mich und meine Persönlichkeit stark verändert. Über diese eigene Erfahrung schreibe ich kaum und ich werde es auch zukünftig nicht tun. Es ist zu privat. Aber es gibt auch andere Dinge, die man als Anschauungsmaterial zum Thema erwähnen kann.

Als Kind habe ich immer nur eine Lektion gelernt: Egal was du tust, egal wie schlimm es ist, sag deinen Eltern immer die Wahrheit. Diese Lektion hat mich viel Überwindung gekostet. Auf der anderen Seite hat es mein Verhältnis zu meinen Eltern immer geprägt. Ich war vermutlich zu Niemandem gegenüber ehrlicher als gegenüber ihnen. Sie haben mich geliebt, selbst wenn ich Schreckliches getan habe. Ich wusste, mit der Wahrheit war es kein Problem bei meinen Eltern. Und mein Vater ist heute mein bester Freund.

Prinzipien braucht jeder Mensch – Ordnung im Chaos, Chaos in der Ordnung

Mein Vater liebt Prinzipien. Er hält sich immer an seine eigenen Maximen und man kann es sich nur sehr sehr schwer mit ihm verscherzen. Doch er bricht seine Regeln nicht. Er hat mir versprochen, wann immer ich ihm die Wahrheit sage, mir zu verzeihen. Er hat sich stets daran gehalten. Wann immer ich ihm nicht die Wahrheit gesagt habe, da konnte ich mich drauf verlassen, Opfer einer grenzenlosen Wut zu werden. Es kam glücklicherweise nur einmal in meinem Leben vor. Er hat ein halbes Jahr lang kein Wort mit mir gewechselt. Es war eine sehr schlimme Zeit. Schweigen ist eine sehr schlimme Strafe.

Von meinem Vater habe ich gelernt, das jeder Mensch Prinzipien in seinem Leben braucht. Regeln, die einen anleiten und immer auf einem klaren und richtigen Weg halten. Ich habe mir selbst Prinzipien aufgestellt. Ich weiche nur selten von ihnen ab. Und auch dort, wo andere meinen, ich sei von meinen Prinzipien abgewichen, enttäusche ich die Personen gleich doppelt. Es sind oft nicht meine Prinzipien, von denen sie da sprechen. Es sind oft selbst auferlegte Maulkörbe, mit denen Kritik und Diskurse verhindert werden sollen. Und sie drücken sich in einer absoluten Hörigkeit vor der Obrigkeit aus. Ich war aber nie gegenüber Autoritäten hörig. Es gehörte zu meiner Natur mich immer gegen Autorität aufzulehnen.

Wieso verraten Menschen ihre Prinzipien?

Ehrlichkeit, Treue und moralische Überlegenheit. Für viele Menschen sind das Dinge, die selbstverständlich sind. Und doch, sie setzen sich bei bestimmten Dingen über diese Prinzipien hinweg. Ein Beispiel: Mit der Treue haben es viele Menschen nicht. Seitensprünge sind – auch unter Moralaposteln – keine Seltenheit. Die öffentliche Wahrnehmung für das Thema ist aber nicht vorhanden. Es interessiert auch nicht, weil es eben um das Privatleben von anderen geht. Was privat ist, bleibt auch privat. Es tangiert uns höchstens dann, wenn man als Institution mit einem solchen Verhalten öffentlich ein Problem hat.

Auf der anderen Seite kann es auch zu Versuchungen kommen. Es muss nicht einmal etwas Schlimmes sein. Kürzlich schrieb mich ein Interessent an. Er fragte nach meinen Bedingungen für einen platzierten Artikel mit Backlinks auf einer meiner Websites. Ich habe ihm die Bedingungen (60 € für einen Sponsored Post) erklärt und ganz klar angegeben, dass ich keine Backlinks und Inhalte annehme, die mit Glücksspiel, Drogen, Alkohol oder Sex zu tun haben. Er aber wollte Backlinks zu einem Online-Casino in zwei Artikeln positionieren. Als ich ablehnte, bot er mir plötzlich 600 € für die Veröffentlichung von zwei Artikel an.

Schwach werden ist möglich – es kommt auf die Umstände an

600 € sind eigentlich eine Kleinigkeit. Es sollte nicht so sehr wehtun, solch ein „unmoralisches“ Angebot eines möglichen Klienten abzulehnen, aber ich habe gezögert. Früher hätte ich das nicht. Doch man kommt angesichts solcher Angebot zum Grübeln. Das liegt an meiner momentanen wirtschaftlichen Situation. Ich habe in den letzten zwei Jahren – auch wegen beruflicher Entscheidungen und Arbeitslosigkeit – den Gürtel enger geschnallt. Erst seit kurzem bin ich wieder weitestgehend schuldenfrei. Ich kämpfe jeden Monat darum wieder etwas sparen zu können. An einen Urlaub ist auch in diesem Jahr nicht zu denken. Da wirken 600 € für zwei Artikel plötzlich verlockend.

Man denkt wirklich darüber nach, seine Prinzipien über Bord zu werfen. Ich verstehe daher sehr gut, wie Menschen angesichts von Versuchungen schwach werden können. Ich frage mich auch seither immer wieder, ob es richtig ist, überhaupt andere für ihre Verwerfungen gleich zu verurteilen. Sind wir nicht alle auch ein Opfer des Systems, wenn wir in Existenzangst leben müssen? Wenn wir aufgrund der Rahmenbedingungen nicht anders können, als schwach gegenüber unmoralischen Angeboten zu werden? Natürlich entschuldigt das keine moralischen Verwerfungen, es beginnt aber Klick zu machen und sich wieder vor Augen zu führen: Es geht um Menschen. Und Menschen machen Fehler.

Was ich nicht verzeihen kann – Keine Konsequenzen zu ziehen

Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Man ist sicher ein Produkt der eigenen Umwelt, aber auf der anderen Seite muss man aus Fehlern eben lernen und darf sie nicht wiederholen. Das Resultat kann heißen, dass man sich entweder komplett der Realität verschließt oder aber Konsequenzen aus dem Geschehenem zieht. Wenn aber Jemand bzw. Betroffene trotz geschehener Fehler und Verfehlungen immer noch keine Konsequenzen ziehen, dann verliere ich durchaus die Geduld. Es ist eine Schwäche von mir. Ich kann Menschen, die moralisch als Vorbilder dienen sollen, die in höchsten Positionen stecken und für ihre Fehler nicht einstehen, einfach nicht leiden.

Vor allem dann nicht, wenn diese Menschen als Moralaposteln auftreten, etwas über Verfehlungen anderer erzählen, aber sich selbst ausnehmen. Und so kam es, dass ich erst kürzlich auf eine Anfrage mitgeteilt habe, dass ich einer Organisation, solange ihr Vorsitzender ein bekannter Moralist ist, meine Unterstützung verweigern werde. Das stieß zunächst auf Erstaunen, doch es bleibt dabei. Meine Zeit und meine Unterstützung sind kostbar. Ich kann sie aber nicht Organisationen und Institutionen gewähren, die nichts gegen schädliche Vorstände oder Vorsitzende machen.

Stolz auf das sein, was man nicht macht

Wenn wir nicht aufhören wegzuschauen und die Dinge beim Namen nennen können wir jedenfalls etwas verändern. Anderenfalls machen wir uns mitschuldig an der Duldung von Dingen, die der gesamten Gesellschaft und Gemeinschaft schaden können. So sehe ich das und entsprechend handle ich seit geraumer Zeit und mehreren Jahren Entwicklung. Und, egal ob man das heute glaubt oder nicht: Die Dinge werden sich ändern müssen. Man stellt keine Amateure und Geißeln ihrer Gelüste in ein Spitzenteam, man sucht sich die besten Köpfe, die wissen, wie man Fehler vermeidet. Um es in Worten von Steve Jobs zu sagen: Man sollte stolz drauf sein, was man macht und man sollte stolz drauf sein, was man nicht macht.

Und so verhält es sich dann auch. Ich bin stolz auf all das, was ich derzeit tue und tun kann. Und ich bin stolz drauf, was ich nicht tue und nicht getan habe. Und ich werde auch auf das stolz sein, was ich noch tun werde. Ich freue mich jetzt schon auf das neue Jahr.

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