Mein Jahresrückblick 2017

Es gibt, so viel zu erzählen. Und doch muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das fällt mir schwer. Das Jahr 2017 war ein bewegtes und bewegendes Jahr für mich. Ich habe viel gelernt und viel erlebt. Ein Rückblick und Ausblick.

Am Anfang des Jahres war ich ein Wrack. Nein, nicht nur emotional, sondern in allen Bereichen, die wichtig für Menschen sein können. In unserer oberflächlichen Welt neigen wir dazu, unsere eigentlichen Intentionen und Emotionen vor Fremden, aber auch nahen Menschen, zu verbergen. Auch ich habe dies getan. Ich habe den starken Mann gemimt, während ich geistig und körperlich eigentlich so kaputt war, wie noch nie in meinem Leben. Es war der Rest, den ich aus dem Jahr 2016 mitgenommen habe. Das vermutlich schwierigste Jahr in meinem bisherigen Leben. Und ich habe befürchtet, es würde auch in diesem Jahr so laufen.

Man lernt viel, wenn man einmal so richtig auf dem Boden mit der Fresse liegt. Behördengänge, das Ausfüllen von Formularen, wie man einen ordentlichen Krankenhausaufenthalt durchplant, wie man wieder auf die Beine kommt, nachdem man ein weiteres Mal mitgeteilt bekommt, wie der Körper nach und nach aufgibt. Ich habe mich nicht entmutigen lassen. Auch diese Erkenntnisse waren ein Grund für meinen kleinen Beitrag „Glücklich sein und glücklich fühlen.“ Es ist nur eine Momentaufnahme meiner Gedankenwelt, aber es drückt die Zuversicht aus, die ich in mir trage und ich kann diesen Beitrag, allen nur ans Herz legen kann.

Beruflich lief es rund

Ich habe am 1. Januar 2017 einen neuen Job angefangen. Ich bin Marketing- und PR-Referent bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. Der Einstieg begann holprig. Ich habe mich sehr schwergetan. Es bedeutete Umstellung, es bedeutete Anpassung und vor allem bedeutete es mehr Freiheit. Meine Kreativität durfte ich ausleben. Ich habe versucht mich professionell einzufinden und ich denke, ich habe es am Ende doch irgendwie geschafft. Ich liebe heute meinen Job, ich mag meine Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit und vor allem mag ich die Verantwortung.

Die Arbeit erinnert mich an längst vergangene Tage aus meiner Vita. Ich habe viel mit jungen Menschen zu tun. Ich schreibe viel, ich analysiere, plane Kampagnen und Maßnahmen. Manches von dem, was ich seinerzeit gerne gemacht hätte, aber nicht durfte, hole ich jetzt nach. In vielerlei Hinsicht hat mir diese Erfahrung auch meine Augen geöffnet. Insbesondere zu der Frage, wie blind und manchmal hörig wir doch bestimmten Strukturen vertrauen, statt die Jugend auch mal machen zu lassen.

Mitte Oktober haben wir dann eine weitere Zusammenarbeit vereinbart. Und ich habe wirklich sehr darauf gehofft. Ich bin dankbar bei einem solch großartigen Verein und mit solch großartigen Menschen zusammenarbeiten zu können. Und besonders freut mich auch die Wertschätzung, die mir entgegengebracht wird. Ich lerne viel und vor allem will ich auch viel für den Erfolg dieser Organisation beitragen. Mindestens noch ein weiteres Jahr, vielleicht auch länger. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Familie – Ein Segen

In diesem Jahr hat meine Tochter angefangen, in die Kindertagesstätte zu gehen. Es gab zum Glück keine größeren Probleme. Die Erzieherinnen und Erzieher leisten eine großartige Arbeit. Ich finde es weiterhin traurig, dass diese besondere Arbeit weder richtig wertgeschätzt wird, noch richtig entlohnt wird. Wir vertrauen diesen Menschen unsere Kinder an. Sie sollten die höchste Anerkennung und Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten, die es gibt. Wie prekär die Situation in diesem Bereich ist, sehe ich auch an den personellen Entwicklungen in vielen anderen Kindertagesstätten. Das ist traurig für ein Land, dass eigentlich mehr Kinder braucht, aber genau dort einspart, wo man bitter die nötige Fachkraft bereits jetzt schon vermisst.

Die sprachlichen Fähigkeiten unserer Tochter sind enorm gewachsen. Sie versteht sehr gut Deutsch, sehr gut Türkisch und lernt mittlerweile auch Englisch. Sie sitzt meistens neben mir, wenn ich gerade etwas abschalten und ein Buch lesen möchte. Ich bin dankbar für diesen Schatz und für eine Ehefrau, die mir ein weiteres Geschenk in diesem Leben gemacht hat. Seit Mitte Dezember habe ich den Rufnamen „Abu Safa“. Ich bin Vater eines kleinen Jungen geworden und verbringe auch deshalb gerade viele schlaflose Nächte. Ich freue mich ehrlich gesagt schon auf den Beginn der Arbeit im neuen Jahr. Es wird bestimmt entspannter sein.

Heute treffen wir uns auch mit der Familie. Drei Generationen treffen sich und verbringen gemeinsam einen wunderschönen Tag und eine noch längere Nacht. So nutzen wir die Möglichkeit der Feiertage aus und werden vermutlich die meiste Zeit nur quasseln.

Abschiede und Einschnitte

In diesem Jahr habe ich Abschied genommen. Geliebte und geschätzte Menschen sind verstorben, wie mein eigener Opa oder ein lieber Onkel. Menschen, die mich in meiner Kindheit geprägt haben, sind von uns gegangen. Möge Allah (swt) ihrer aller Seelen gnädig sein. Wir kommen von Allah und zu Ihm ist unsere Rückkehr.

Einen Einschnitt bedeutete auch mein folgenreicher Blogbeitrag zur Hashtag-Aktion #meinmoscheereport aus dem April, der es in leicht veränderter Form als Gastbeitrag in die Ausgabe 20 der „Die ZEIT“ schaffte. Die Resonanz war überwältigend. Natürlich gab es (auch legitime) Kritik, aber gerade auch sehr viel Zustimmung. In der Folge kamen nach der Veröffentlichung auch verschiedenste Angebote in meine Richtung. So wurde ich angefragt für ein Buchprojekt, für Interviews, für Fernsehauftritte und vieles mehr. Ich habe alle Angebote abgelehnt. Sie waren zu sehr auf meine Person fixiert, als „Islam-Kritiker“. Für mich war der Artikel mehr als nur eine bloße Islam-Kritik. Es war ein persönlicher Abschied.

Ich habe mich schließlich damit auch endgültig gegen meine eigene ursprüngliche Gemeinschaft gestellt. Ich wurde in der Folge auch nach und nach von diversen Kreisen isoliert. Soziale Isolation ist ein schwieriges Thema. Es macht einen in aller Regel kaputt. Mir war es egal. Was die Leute nicht verstanden hatten: Ich habe mein eigenes soziales Umfeld schon immer unabhängig von meiner Tätigkeit in der muslimischen Community aufgebaut. Was nützt Ausgrenzung schon, wenn sie nicht funktioniert?

Mir tun jedenfalls all die Leute leid, die dachten, sie könnten mich mit so etwas mundtot machen. Ich bin glücklicher und vor allem gefährlicher als früher. Ich kriege sogar mehr mit und genieße – auch weil ich eben authentisch bin und vieles auch selbst erarbeitet habe – mehr Anerkennung und mehr Achtung als je zuvor. Und auch deshalb bereue ich weiterhin keine einzige Zeile meines Textes. Und ich muss alle enttäuschen: Der Text war richtig und es werden – darauf darf man sich schon mal vorbereiten – weitere Texte folgen.

Ich prüfe immer wieder alle Angebote in meine Richtung. Ich habe in diesem Jahr letztlich auch deshalb nur ein Interview gegeben, weil die Redakteurin auf mich zugekommen ist und ihre Fragen und ihre Intentionen mir gefallen haben. Und die Publikation war in einer Reihe anlässlich eines bekannten Fotowettbewerbs. Ich denke, die meisten kennen vermutlich das Magazin „zenith“. Falls nicht, schaut rein. Mein Interview kann man hier nachlesen: „Islam-Unterricht nicht als Prävention verkaufen.“ Ansonsten liegen ein paar Bücher mehr als sonst zum Rezensieren auf meinem Tisch bereit.

Meine Vorsätze für das nächste Jahr

Es geistern verschiedene Gerüchte um meine Person umher. Manche sind arg böswillig gestreut. Einmal hat ein türkischer Verbands-Funktionär aus Versehen, die denunzierende Nachricht voller falscher Informationen, die er in Eile an einen Journalisten senden wollte, an mich gesendet. Es zeigt, wie hinterfotzig manche Menschen sind, die sich „Muslime“ schimpfen. Auch deshalb rede ich mit Niemandem mehr aus diesen Kreisen. Ich habe meine Handy-Nummer gewechselt und nur engen Freunden und meiner Familie die Nummer gegeben.

Aber um den Gerüchten kurz entgegen zu wirken. Ich selbst werde das nächste Jahr zwei Dinge tun: Erstens werde ich mich auf meine Familie und meinen Job konzentrieren. Zweitens werde ich in der zweiten Jahreshälfte anfangen, an einer neuen und verbesserten Form der Jugendarbeit zu arbeiten. Ich bin von den aktuell auf lokaler Ebene in Hamburg verfügbaren Angeboten an Jugendarbeit für Jugendliche mit einem muslimischen Background nicht überzeugt. Die aktuellen Angebote bleiben in ihrer Ausrichtung weit hinter den Erwartungen zurück und deshalb wird es eine ergänzende Arbeit geben und geben müssen.

Ob diese am Ende in die Ausgründung eines Vereins führt oder sich eine andere Art des Engagements anbietet, werden wir dann sehen. Aktuell liegt bei mir der erste Entwurf für ein Konzept auf dem Schreibtisch und ich werde weiter daran arbeiten, ebenso wie ich viele Menschen in meinem Umfeld um ihren Rat und auch ihre Unterstützung bitten werde. Das braucht aber weiterhin eine Vorlaufzeit und wir werden sehen, wohin und ob das Ganze zu etwas führt. Ich bin ansonsten nirgendwo aktiv involviert oder Mitglied und wichtiges Teil eines Projektes. Wer etwas Gegenteiliges behauptet, der lügt. Punkt.

Ansonsten werde ich das nächste Jahr vor allem etwas ruhiger angehen. Ich werde viel Dankbarkeit zeigen und ich habe auch vor eine kleine Pilgerreise zu unternehmen. Nasip. In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen guten Start ins Jahr 2018. Ich bin gespannt und hoffe weiterhin auf das Beste.

P.S: Allen, die ich im vergangenen Jahr beleidigt, verletzt oder enttäuscht habe, möchte ich sagen: Das hat sicher seinen Grund gehabt!

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