Krankenbesuch nach dem Familienbesuch

Am Samstag (25.11.2017) haben wir meine Eltern besucht. Sie sind seit kurzem wieder in Hamburg und ich hatte aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen vorher keine Gelegenheit gehabt, sie zu besuchen. Ich mag solche Abende bei meinen Eltern sehr. Man spricht über alte Zeiten, über das Erlebte in Abwesenheit und man tauscht sich auch zu verschiedenen aktuellen und politischen Themen aus. Mein Vater und ich haben ein sehr gutes Verhältnis.

Kurz vor dem Abendessen merkte er an, dass ein alter Freund von uns einen Unfall im Straßenverkehr gehabt hat und seitdem mit gebrochenem Bein im Krankenhaus liege. Ich erfuhr erst an diesem Abend davon. Viele Dinge bekomme ich aktuell nicht mit, weil ich mich auch der Kommunikation über klassische Kanäle verweigere – bis hin zu einer geänderten Handynummer. Ich bot sofort an, diesen alten Bekannten gemeinsam im Krankenhaus zu besuchen.

Krankenbesuche sind ein Ausdruck von Freundschaft und Solidarität

Ich selbst habe im Jahr 2016 zwei Mal hintereinander im Krankenhaus gelegen und weiß, wie wichtig solche Besuche für die Psyche und für die Genesung sein können. Sie sind außerdem ein gelebter Ausdruck von Freundschaft und Solidarität. Gerade im aktuellen Fall war es mir auch deshalb ein starkes Bedürfnis meinen Vater mit zu begleiten.

Die Person, die wir besuchten, ist Sektionsleiter in einem Krankenhaus und dort zuständig für die Unfallchirurgie. Wir kennen uns beide noch aus seiner Studien- und Assistenzarzt-Zeit. Sein älterer Bruder gehörte zu den wenigen Menschen, die mich unterstützt und in meiner Entwicklung gefördert haben. Mein Vater ist außerdem eng und freundschaftlich mit der Familie verbunden.

Ein kurzer Besuch mit vielen Aspekten für großen Respekt

Als wir bei ihm anklopften und eintraten, sah ich, dass er anscheinend beim Lesen in seinem Krankenbett eingenickt war. Er wachte auf und war sichtlich erfreut über unseren Besuch. Wir hielten den Besuch kurz. Es gab ein paar kleine Anekdoten von meinem Vater: „Ich weiß noch, wie du mit deiner Tasche zur Uni gegangen bist…“ Ich erkundigte mich über seinen Zustand und darüber wie es zum Unfall gekommen war. Gleichzeitig wünschten wir ihm eine gute Genesung während er um Dua (Bittgebete) bat, damit er gesund werde.

Was mich bei diesem Besuch beeindruckte war, wie er mit seiner Situation umging. Er war sehr reflektiert. Gleichzeitig war er auch dankbar, dass es nicht schlimmer gekommen war. Und er sagte wörtlich: „Es gab wohl ein paar Bittgebete, die Schlimmeres verhindert haben.“ Wenn man bedenkt, wie vielen Menschen er beigestanden hat, allein in seinem Job, liegt das sehr Nahe. Gleichzeitig knüpft seine Einstellung an prophetische Traditionen an. Seine Haltung erinnerte mich stark an die Geschichte von Hiob.

Immer ein Buch zur Hand

Als wir uns verabschiedeten, gab mein Vater ihm noch ein kleines Büchlein aus seiner Hemdtasche heraus in die Hand. Ich musste schmunzeln. Mein Vater hat fast immer ein kleines Büchlein bei sich, wenn er auf Krankenbesuche geht. Ich kenne das gar nicht anders. Als ich klein war, habe ich das oft beobachtet. Vermutlich hat er bei seinen Krankenbesuchen die komplette Gemeinde der Hamburger Centrum-Moschee mit Büchern versorgt.

Noch heute gibt es Leute, die mich drauf ansprechen, dass bei ihnen im Regal ein Buch mit einer Widmung und seinem Namen drin stehe. Wir verabschiedeten uns schließlich und ich fuhr gemeinsam mit meinem Vater zurück zu Ihnen nach Hause. Unterwegs gab es einen kleinen Stau und deshalb unterhielten wir uns etwas ausführlicher – weil auch ungestört – über aktuelle Themen und Entwicklungen. Den Abend ließen wir bei Tee und Geschichten aus der „Heimat“ ausklingen.

Besuch der Kranken gehört zu den religiösen Pflichten von Muslimen

Es gibt Verhaltensregeln, die bei uns Muslimen einen starken Stellenwert haben. Eine dieser Regeln betrifft den Besuch der Kranken. Dies ist nicht nur ein Ausdruck von Solidarität sondern auch die Erfüllung einer religiösen Verpflichtung. Es gibt viele Abhandlungen zu dieser Thematik, die sich in der klassischen Literatur finden lassen. An dieser Stelle seien nur ein paar Hinweise auf Quellen erwähnt.

Als ein bekannter Ausspruch des Propheten Muhammad (saw) gilt folgendes: „Fünf Rechte haben Muslime aneinander: dass sie den Gruß annehmen, die Kranken besuchen, im Leichenzug mitlaufen, dass sie Einladungen Folge leisten und mit einem „yarhamukallah“ gute Genesung wünschen, wenn einer von ihnen niest.“ (überliefert bei Bukhari, Dschanaiz, 2)

Erinnerung an das Jenseits

Während im oben genannten Hadith das Recht eines Muslims an einem anderen Muslim betont wird, gibt es auch generelle Handlungsanweisungen. So finden sich in der Lehrsammlung „et-Tergîb vet-Terhîb“ von Munziri, die auch gerne in klassischen Madrasa für den Unterricht genutzt wird, weitere Ahadith zum Thema. So heißt es in Band 6, 448: „Besucht die Kranken. Geleitet die Verstorbenen bis zum Grab. Dies wird euch an das Jenseits erinnern.“

In der berühmten Hadith-Sammlung von Muslim findet sich auch folgender Ausspruch: „Allah, der Erhabene, wird beim Jüngsten Gericht fragen: Oh Sohn Adams! Wieso hast du Mich nicht aufgesucht, als Ich krank war? Der Mensch wird fragen: Du bist doch der Herr der Welten. Wie hätte ich Dich da aufsuchen können? Und Allah, der Erhabene, wird antworten: Einer meiner Diener war krank. Du hast ihn nicht besucht. Hättest du ihn besucht, hättest du Mich an seiner Seite gefunden.” (Muslim, Birr, 43)

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