Kopftuchverbot für kleine Mädchen? Die Sicht eines muslimischen Vaters

Die aktuelle Diskussion um ein mögliches Kopftuchverbot für kleine Mädchen geht an den Realitäten in Deutschland vorbei. Was mir allerdings bei der aktuellen Debatte dennoch fehlt, ist die Stimme muslimischer Eltern. Ich denke, das bringt vielleicht mehr Einblick in eine höchst komplizierte Welt, die nicht über Verbote definiert werden kann. Ein sehr persönlicher Einblick.

Vor vier Wochen, also deutlich vor der aktuellen Debatte in Deutschland, kam meine Frau auf mich zu. Sie sagte, sie habe unserer Tochter das Kopftuch verboten. Unsere Tochter ist 4 Jahre alt. Wir hatten uns in diversen Diskussionen – auch teilweise schon vor der Geburt – mit meiner Frau darauf geeinigt, dass unsere Tochter eines Tages selbst bestimmen darf, ob sie ein Kopftuch tragen möchte oder nicht. Dieser Tag, vorausgesetzt wir würden solange noch Leben, lag noch in sehr weiter Ferne.

Meine Frau, meine Mutter, meine Schwiegermutter, meine Schwester und andere ältere Frauen in unserer Großfamilie tragen allesamt Kopftuch. Unsere jüngsten weiblichen Familienmitglieder handhaben das hingegen verschieden. Einige tragen es, andere nicht. Sie haben sich allesamt selbst entschieden. Es ist in allen Fällen ihnen selbst überlassen worden. Warum wird in einer solchen Familie einem Mädchen, im Alter von 4 Jahren, das Kopftuchtragen verwehrt?

Als Eltern wollen wir, wie alle anderen Eltern auch, nur das Beste für unsere Kinder. Das bedeutet, dass wir sie auch vor Fehlentwicklungen schützen möchten. Ein Kind im Alter von 4 Jahren kann nicht selbstständig entscheiden, ob es ein Kopftuch tragen darf oder nicht. Das hängt von den Umständen ab und hier gelten der elterliche Erziehungsauftrag und das Recht auf Erziehung. Darin kann sich weder der Staat einmischen, noch irgendwelche Politiker. Das Recht der Eltern geht hier vor. Es tritt ausschließlich dann zurück, wenn das Kindeswohl in Gefahr sein könnte. Ein Grund übrigens dafür, warum Neonazis nicht die Kinder weggenommen werden, solange sie auch fürsorgliche Eltern bleiben.

Kind will Kopftuch tragen – Erziehung und Pädagogik ist gefragt

In unserem Fall wollte meine Frau nicht, dass unsere Tochter mit 4 Jahren ein Kopftuch trägt. Sie hatte Sorge, das Kind könnte ausgegrenzt werden und auch, dass die Erzieherinnen und Erzieher sie eventuell diskriminieren. Ich bin bei meinen Kindern immer darauf bedacht, nicht zu sehr Autorität und damit Obrigkeit zu spielen. Ich halte von solchen Erziehungsmethoden nichts. Kinder brauchen Freiraum, sie müssen sich entwickeln können und sich auch selbstständig bewegen können und auch ausprobieren dürfen. Ich habe daher die Entscheidung meiner Frau revidiert – zumindest teilweise.

Ich habe dafür erst einmal das Gespräch mit meiner Tochter gesucht. Ich wollte wissen, warum sie ein Kopftuch tragen möchte. Ein vierjähriges Kind kann natürlich nicht selbst entscheiden, ob es ein Kopftuch tragen darf oder nicht. Doch meine Tochter hat immer ihre Gründe. Sie sagte mir, dass sie das Kopftuch tragen möchte, weil es an ihrer Mutter und auch an ihren Großmüttern sehr schön aussieht. Ich habe ihr deshalb erklärt, dass sie noch zu jung wäre, um ein Kopftuch zu tragen. Es bedeutet Verantwortung und auch, dass man mündig genug sein muss.

Mit einer solchen Erklärung wollte sich meine Tochter jedoch nicht zufriedengeben. Es sind solche Momente, die Eltern vor Herausforderungen stellen. Ein Verbot macht etwas für ein Kind immer attraktiv. Es will dann, auch aus einer Trotzreaktion heraus, genau diese Sache tun, die es nicht darf. Ich habe dem Ganzen schließlich einen Rahmen gegeben und mit meiner Tochter vereinbart, dass sie, wenn sie möchte, ein Kopftuch in der Moschee tragen darf. Sie darf auch zuhause in ihrem eigenen Zimmer ein Kopftuch tragen, aber draußen und auch in der Schule nicht. Sie hat verstanden, dass sie noch zu klein ist, um ein Kopftuch zu tragen.

Kinder brauchen Vorbilder, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind

Das Erste, was meine Tochter jedoch auf diesen Rahmen hin forderte, war mit mir gemeinsam in die örtliche Moschee zu gehen. Sie hat an diesem Tag ein kleines Kopftuch in der Moschee angelegt und das war es. Wenn sie jetzt noch in die Moschee geht, dann trägt sie es. Sie lernt dort Qurʾān Lesen, wofür sie sich auch interessierte, als sie mich dabei öfter gesehen hat, genauso wie ihren Großvater. Das arabische Alphabet hat sie schon drauf und vor allem spielt sie in der Moschee sehr gerne. Sie ahmt auch ihre Mutter und ihre Großmutter beim Gebet nach. All dies ist auch ein Einblick in die Welt ihrer Eltern – fern von ihrem gewohnten Alltag mit Kindergarten und Zuhause.

Kinder lassen sich von Vorbildern inspirieren. Und ich bin froh, dass wir auch für unsere Tochter ein Vorbild sind. Bei mir hat meine Tochter ihre Liebe für Bücher entdeckt, bei ihrer Mutter (von Beruf eine Schneiderin) ihre Liebe fürs Basteln und kreativ sein. Mit religiöser Indoktrination hat das letztlich nichts zu tun. Kinder brauchen Rahmen, in denen sie einfach Kinder sein dürfen. Mir liegt es als Vater fern, meinen Kindern irgendwelche Vorschriften zu machen, wie sie ihr Leben in der Zukunft leben sollen. Doch gerade jetzt, im hier, muss ich auch einschränken, muss ich auch Vorgaben machen. Das schmeckt mir nicht, aber es ist zum Wohl meines Kindes. Und jede Entscheidung auf diesem Weg fällt mir sehr schwer, schließlich kann ich ein Kind auch überfordern – mit Ansprüchen oder Erwartungen.

Ich muss Entscheidungen treffen, die oft in Kompromissen enden. Aber bin ich, weil ich das Kopftuch verbiete, oder erlaube ein besserer oder schlechterer Vater? Ist meine Frau, weil sie das Kopftuch verbietet, eine bessere Mutter? Ist es nicht so, dass dies nur dadurch entschieden werden kann, wenn die Entwicklung des Kindes und später auch seine Laufbahn – fern von unserer Leistungsgesellschaft – spektakulär gut wird? Wenn meine Tochter von Anfang an Werte lernt, die diese Gesellschaft als gut erachtet? Wenn sie selbst ein Vorbild für andere wird? Etwas aus sich macht und sich dabei auch von Hindernissen und Rückschlägen nicht beirren lässt?

Diskussionen um Kopftuchverbote sind falsch

Ich halte deshalb die Diskussionen um das Kopftuchverbot bei Mädchen für grundsätzlich falsch. Hier werden polemisch Argumente hervorgebracht, die im realen Leben – von Muslimen und Nicht-Muslimen – kaum eine Rolle spielen. Und nein, ein Kopftuch sexualisiert meine 4-jährige Tochter genauso wenig wie ein Minirock. Es macht mich nicht zu einem besseren oder schlechteren Vater, weil sie das eine trägt oder das andere. Die Frage ist am Ende, was ich selbst als Maßstab für meine eigene Wertevermittlung nehme und wie ich will, dass meine Kinder leben können.

Ich wünsche mir natürlich Chancengleichheit in dieser Welt. Die gibt es aber nicht. Schon gar nicht in Deutschland. Ich wünsche mir natürlich, dass man fair und fern von institutionellem Rassismus aufwächst. Aber auch das ist nur ein Traum. Deutschland hat sich in den letzten Jahren ziemlich stark verändert. Das geht auch nicht an Jemandem vorbei, der in Hamburg lebt. Ich denke aber, man sollte aufhören, Debatten mit Scheinargumenten zu führen. Unser Grundgesetz und auch die Muslime in diesem Land sind längst weiter als so manche Wirrköpfe in Boulevardblättern, Feuilletons oder in der Politik. Da hat ein Realitätsverlust eingesetzt.

Islam schreibt kein Kopftuch für kleine Mädchen vor

Übrigens: Es gibt kein Gebot, keine islamische Quelle, die auch nur im Geringsten verlangt, dass Kinder vor der Pubertät ein Kopftuch tragen sollen. Das dies passiert liegt weniger an muslimischen Quellen, als an einem falsch verstandenen Islam. Will man das Problem lösen, braucht es mehr Islam-Unterricht an Schulen, es braucht gut ausgebildete Pädagogen, die gut vermitteln und empathisch auch interkulturell verstehen können und vor allem braucht es eine Stärkung und Aufklärung von Eltern.

Das fehlt in diesem Land. Nicht nur beim Thema Islam, sondern generell. Wer an Schulen spart, an Lehrkörpern, an den Ausstattungen und am System, das überall krankt, hat kein Recht irgendwelche Sündenböcke aufzubauen und zu vermitteln: Wir machen jetzt ein Kopftuchverbot und damit sind alle Probleme gelöst. Ein solches Vorhaben führt entweder zu einer Radikalisierung der Gesamtgesellschaft (was wir gerade sehen) oder es führt zu einem völligen Glaubwürdigkeitsverlust.

Wer Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten mies bezahlt, Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer mies bezahlt, wer keinen Wert auf Antidiskriminierungsmaßnahmen legt und systematisch Menschen aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt, wie es eben in Deutschland geschieht und nicht geändert wird, der sollte sich selbst und seine Intentionen hinterfragen und vor allem die Klappe halten.

Wir wollen alle das Beste für unsere Kinder – eine Diskriminierung hilft da nicht

Meine Tochter wird jedenfalls nicht dadurch integriert werden können, dass ihr eine Obrigkeit ein Kopftuchverbot an Schulen auferlegt. Sie ist Deutsche, mit türkischen Wurzeln und muslimischen Eltern. Vielleicht will sie später kein Kopftuch tragen. Das ist kein Weltuntergang. Eine Diskriminierungserfahrung in einem kleinen Alter hingegen prägt das ganze Leben. Und ein Kopftuchverbot bedeutet genau das: Diskriminierung. Ich weiß, wovon und worüber ich spreche, genauso wie viele andere Eltern mit Migrationshintergrund auch.

Zum Schluss sei mir noch eine Spitze erlaubt. Ich wünsche den Verbotsfordernden, dass ihre Kinder eines Tages zu ihnen hingehen und erklären, sie wollen ein Kopftuch tragen. Ich denke nämlich, angesichts der aktuellen und unbedachten polemischen Äußerungen, dass diese mit dieser sehr komplizierten Situation gnadenlos überfordert sein würden.

Auch vermeintliche Integrationsexperten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben und deren einzige Leistung ein vorhandener Migrationshintergrund ist, haben in dieser Debatte letztlich ihr eigenes Versagen und fehlende Sachkenntnis erneut unter Beweis gestellt. Schlimmer noch: Sie importieren ihre falschen Wertevorstellung auch noch in diese Gesellschaft. Danke, aber darauf kann man verzichten.

Wir können froh sein, dass Eltern-Sein nicht von Schwarz-Weiß Malerei, sondern von einem Engagement für die Zukunft bestimmt ist. Unsere Eltern wollten für uns, dass wir es eines Tages besser haben. Wir wollen genau das Gleiche auch für unsere Kinder. Ein Verbot hilft da nicht und Diskriminierung schon gar nicht.

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