Islamverbände sind eben keine Religionsgemeinschaften

Das heutige Urteil des Oberverwaltungsgerichts in Münster (OVG) ist ein Schlag ins Gesicht von Islamrat und Zentralrat der Muslime. Die beiden Islamverbände haben sich stets in der Öffentlichkeit als Religionsgemeinschaften präsentiert und nutzten gerne das Wort „Religionsgemeinschaft“ in ihren Selbstdarstellungen. Noch vor ein paar Jahren war man auch bereit das zu glauben. Doch die Zweifel an der Eignung haben sich letztlich durchgesetzt. Und so wurde bestätigt, was vor 20 Jahren galt und auch für die Zukunft weiter gelten wird. Die Verbände tragen dafür selbst die Verantwortung. Sie haben in den vergangenen Jahren alles getan um diesen – heute im Urteil bestätigten – Eindruck zu verfestigen.

Das Urteil des OVG Münster ist die Antwort auf eine verantwortungslose Führung, die sich weder Gedanken um die Zukunft noch um eine ordentliche Betreuung ihrer Gemeindemitglieder gemacht hat. In 20 Jahren hätte man viel entwickeln können. Stattdessen haben wir es heute mit Konstrukten zu tun, die sich lieber für Kampagnen und Aktionismus anderer einspannen lassen. Besonders tragisch ist, dass man sich hätte anders aufstellen können, wenn man sich nur die Mühe gemacht hätte die Urteile als Hausaufgaben für die weitere Organisationsentwicklung zu verstehen.

Probleme bei Islam-Verbänden sind hausgemacht

Eine zentrale Kritik ist, die ich auch in den vergangenen Jahren immer wieder geäußert habe, dass die Verbände nicht mal mehr selbst wissen, was ihre „Da’wa“ ist. Wer sich aber aus Scham und Angst nicht selbst definiert und nicht klar benennen kann, wofür man eigentlich steht, der darf sich auch nicht darüber beschweren, dass keine „identitätsstiftenden religiösen Aufgaben“ in den „Arbeiten“ und „Strukturen“ erkannt wurden. Tatsächlich identifiziert sich auch wirklich keine relevante Masse mit den Islamverbänden. Allenfalls gibt es Identifikationen mit den Mitgliedsverbänden – aber auch hier in der Mehrzahl der Gemeindebesucher eben nicht.

Das hat auch damit zu tun, dass die zentralen Führungen nicht nur den meisten unbekannt sind, sondern auch nicht mehr nah an der Basis arbeiten. Und auch dort werden zahlreiche Fehler begangen. Gefühlt gibt es heute mehr Muslime, die den Moscheen den Rücken gekehrt haben, als aktuell Moscheebesucher. Die Reihen, in Freitags- oder Fest-Gebeten lichten sich immer mehr. Das liegt an autoritären Führungen, ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass man einfach die Leute vergrault hat. Und wer dann nach Monaten der Suche seinen Vorstand nicht mit neuen Personen stützen kann, sollte vielleicht mal langsam anfangen zu überlegen, warum ein ehrenamtliches Engagement bei den Verbänden nicht mehr so attraktiv ist, wie vor vielen Jahren. Das Image ist jedenfalls hin.

Nur junge Muslime können die Zukunft gestalten

Man darf daher gespannt sein, wie sich in den nächsten Jahrzehnten vielleicht eine neue Strömung den Weg bahnt. Junge Muslime, die sich als deutsch und muslimisch verstehen. Junge Menschen, die keine Ordnung akzeptieren, welche auf ethnischen oder ideologischen Grundfesten aufbaut und ausgrenzt. Die sich als Bewegung für alle und nicht für eine bestimmte Klientel oder eine bestimmte Politik verstehen. Dies wird die Zukunft sein. Die Verbände werden in dieser Form dabei keine Rolle mehr spielen. Ihre Jugendarbeit haben sie selbst abgeschafft, ihre Visionen selbst kastriert und ihren Ruf selbst zu Grabe getragen. Da können auch Imagekampagnen oder Hashtag-Aktionen nichts mehr dran ändern.

Die einzige Möglichkeit in diesem Prozess eine Neuordnung zu schaffen, kann nur gelingen, wenn man sich personell und strukturell neu aufstellt. Dafür sind sich die Eliten aber zu schade. Wer als Vorstand einer Gemeinschaft, nach einer solchen Schlappe vor Gericht, versucht alles schön zu reden, der wird auch sicherlich nicht in der nächsten Zeit seinen Hut nehmen. Dabei trägt einzig der Vorstand die Schuld an diesem Urteil. Er hat das Urteil forciert, er hat sich jedoch nicht ausreichend – weder organisatorisch noch inhaltlich – vorbereitet. Und was sie alle in ihren Elfenbeintürmen nicht verstehen: Die Menschen sehnen sich nach Alternativen und vor allem Führungen, die sie nicht ausgrenzen und die sich wirklich für ihre Interessen einsetzen.

Es geht längst nicht mehr um eine Bevorzugung von eigenen Eliten oder Gruppen, sondern um den echten Dienst an der Gesellschaft. Und eine junge Elite wird diese Aufbauen – fern von Vorstellungen aus den letzten Jahrzehnten und der Migrations-Psychologie. Sie werden Weltbürger sein, Muslime die sich fern von Grenzen und Vorstellungen heimisch in diesem Land fühlen und es auch so leben. Wir dürfen gespannt und beruhigt sein. Mit jedem Niedergang entsteht etwas Neues. Und auch in diesem heute eingeleiteten Niedergang wird es etwas Gutes geben.

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