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Islam distanziert sich von Terror – immer

Muslime sollen sich von Terror im Namen des Islam distanzieren. So lautet eine oft geäußerte Forderung aus Politik und Gesellschaft in Deutschland. Fakt ist aber auch: Distanzierungen werden nicht wahrgenommen und ignoriert. Es gibt unzählige Texte, unzählige Erklärungen und Aktionen in denen sich Muslime ausdrücklich und glaubhaft von Terror im Namen des Islam distanziert haben. Und die Religion selbst erteilt Ungerechtigkeiten eine klare Absage. Wirkliches Interesse an diesen Fakten hat man nicht.

Bekannt ist beispielsweise der vielbeachtete Brief verschiedener hoher Würdenträger und Gelehrter in Richtung der Terror-Organisation DAESH (ISIS). In diesem offenen Brief haben sich Gelehrte und Experten ausführlich zur Thematik geäußert und der Ideologie und den Taten der DAESH, auch theologisch, eine klare Absage erteilt. Ich selbst kannte von den verschiedenen Unterzeichnern nur eine Handvoll Personen namentlich, kann aber sagen, dass dieser Brief auch für die allermeisten Muslime in Deutschland spricht. Zumal dieser offene Brief innerhalb der muslimischen Community vielfach geteilt und als Meilenstein gefeiert wurde. Eine deutschsprachige Übersetzung des Briefes lag bereits kurz nach der Veröffentlichung vor.

Terror und Islam: Distanzierungen haben auch etwas Problematisches

Gleichzeitig zeigt sich das Verhältnis von Wahrnehmung und Realität auch an anderer Stelle. Beispielsweise hat Heera Hashmi eine Liste für die Schule erstellt, weil sie die Kritik von Lehrern und Schülern nicht mehr hören konnte. Herausgekommen sind 712 Seiten voll mit Links zu Erklärungen von Muslimen, Organisationen und Moscheeverbänden, die Terror eindeutig verurteilt haben. In der medialen Berichterstattung kommen Distanzierungen dieser Art jedoch weiterhin so gut wie gar nicht vor. Dies lässt sich auch anhand von älteren und jüngeren Studien zum Thema „Media Coverage“ belegen. Das eine mehrheitlich negative Berichterstattung zum Thema Islam vorliegt, lässt sich auch mit aktuellen Daten weiter belegen.

Es bleiben dabei auch problematische Ansätze vorhanden. Distanzierungen haben immer etwas Problematisches. Sie rücken diejenigen die sich distanzieren, leider in die Nähe dessen, wovon sie sich distanzieren wollen. Wer beispielsweise eine Distanzierung einfordert, hat gleichzeitig bereits die aufgeforderten in diese Nähe gerückt. Ich möchte daher klarstellen, dass es eigentlich keiner Distanzierung wirklich bedarf. Wer den Islam verstanden hat, wer die Dinge, die er regelmäßig als Bestandteil seiner Religion aufsagt verinnerlicht hat und wer diese in der Praxis umsetzt, kann sich niemals mit DAESH oder anderen Terrororganisationen identifizieren und steht diesen auch in keinster Weise Nahe.

Was sagt der Islam zum Thema?

Dennoch gibt es ein klares Bedürfnis, gerade junger Menschen, nach Distanzierung. Da spielen auch Gefühle um Klarstellung, aber auch Anerkennung und Respekt und Toleranz eine Rolle. Viele Muslime sind angesichts des Terrors und damit einhergehender Beschimpfungen und Ausgrenzungserfahrung auch einer gewissen Hilflosigkeit verfallen. Hier hilft ein Blick auf einen besonderen Punkt der Religion des Islam. Muslime hören jeden Freitag am Ende der Predigt (khutba) den Vers 90 der Sura an-Nahl. Je nach Ausrichtung der Moschee wird dieser Vers auch noch einmal in die Sprache der hauptsächlichen Gemeindebesucher (türkisch, deutsch, bosnisch, etc.) übersetzt. Dies alles, damit man diesen Vers versteht. Denn dieser eine Vers ist essenziell für Muslime, stellt eine eine Richtschnur dar und ist zugleich ein Appell.

„Siehe, Allah gebietet (euch), Gerechtigkeit zu üben, Gutes zu tun und die Nahestehenden zu beschenken. Und Er verbietet das Schändliche und Unrechte und Gewalttätige. Er ermahnt euch, euch dies zu Herzen zu nehmen.“

Wie sollte es da ein Muslim wagen können, die Schandtaten von DAESH oder auch anderer Terroristen zu versuchen in Einklang mit seiner Religion bringen zu wollen. Dieser Vers kann sehr gut ohne eine Exegese oder einer Erläuterung (tafsir) von jedem Menschen mit Verstand verstanden werden. Doch die Terroristen wollen ihn nicht verstehen. Und die Kritiker, die die Muslime in die Nähe dieser Terroristen rücken, kennen diesen Vers anscheinend auch nicht oder wollen ihn erst gar nicht kennen. Aber wir wiederholen: Allah verbietet das Schändliche, das Unrechte und Gewalttätige.

Muslime zu verteufeln schafft neues Unrecht

Man tut den Muslimen in Deutschland und in aller Welt ein großes Unrecht, wenn man sie mit Terroristen in einen Topf wirft und ihnen vorwirft, sie würden sich nicht ausreichend distanzieren. Dabei distanziert sich der Islam in seinen Grundwerten bereits von Terror jeglicher Art. Es ist schade, aber der gegenwärtige Diskurs ist (wieder einmal) geprägt von purer Unwissenheit über die Religion des Islam. Und er ist geprägt von einer absichtlichen Ignoranz. Und er ist geprägt von einer Stimmungsmache, die klar auf Ausgrenzung aus ist.

Wem das nützt? Nun ja. Zuallererst den Terroristen. Ausgrenzung, Ressentiments und Vorurteile unterstützen diejenigen, die Zwietracht auf dieser Erde säen wollen. Unter diesem Lichte betrachtet, sollte man sich noch einmal Gedanken darüber machen, was gerade von den Muslimen gefordert wird, und wer diese Forderungen stellt. Gleichzeitig sollte man sehr wohl zur Kenntnis nehmen, welche Initiativen – gerade von jungen und unabhängigen Muslimen – sich ohne Aufforderung um ein klares Statement und eine klare Haltung bemühen. Wer Zweifel an seiner Haltung duldet ist auch ein Teil des Problems.

Die Zukunft in Deutschland kann jedenfalls nicht von denen gestaltet werden, die sich allem verweigern oder denen, die sich ignorant verhalten. Sie wird gestaltet werden von denjenigen, die sich ausnahmslos für eine bessere Gesellschaft einsetzen – ohne sich von der einen oder anderen Seite bevormunden zu lassen.

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