Immer wenn es regnet…

Da wir schon wieder fast am Ende eines Jahres gelangt sind: Ich plane für nächstes Jahr die eventuelle Veröffentlichung eines neuen (E-) Buches. Diesmal soll es eine Sammlung von autobiographischen und amüsierenden Kurzgeschichten werden. Ich sitze an dem Projekt schon seit dem Sommer. Es wird vermutlich erst Mitte oder Ende 2016 fertiggestellt und öffentlich zum Kauf verfügbar sein. Den folgenden Part aus dieser noch nicht abgeschlossenen Arbeit wollte ich dann doch teilen. Auch, damit ihr nicht denkt, ich liege nur faul rum. Die verschiedenen Projekte nehmen mich derzeit stark in Anspruch.

„Wann immer es begann zu regnen, strahlten die Augen meiner Großeltern. Regen, das war für sie ein Segen Gottes. Durch den Regen wurde das Land fruchtbar. Die Ernte fiel meist besser aus, wenn es genug Wasser gab und es genug geregnet hatte. Der Regen füllte meist nach Zeiten der Dürre die Wasserreserven und Quellen im Dorf und in den Bergen wieder auf. Und immer wenn es regnete hing ein so merkwürdiger Duft von Wüstensand in der Luft. Man konnte das Wetter schmecken.

Regen war aber auch immer die Zeit im Dorf für die Familie. Während es draußen in Strömen goss, und die Blitze vor sich hin schlugen, fiel immer das Licht in den kleinen Wohnhäusern aus. Wir zündeten dann unsere mit Petroleum gefüllten Öllampen an. Mit ihnen wurden die Zimmer zwar nur ein bisschen erhellt, doch unsere Augen gewöhnten sich schnell an das leicht schummrige Licht. Es reichte schließlich aus, um uns gegenseitig Gruselgeschichten über Dschinn und Axtmörder zu erzählen. Manchmal waren es aber auch einfache und traditionelle Kindergeschichten, die uns meine älteste Cousine erzählte. Am Ende ging es nur darum, dass wir endlich einschliefen. Draußen war es bei Regen oft zu gefährlich.

Wachten wir jedoch auf, dann war meist der Regen schon vorüber. Manchmal aber wachten wir auf, weil der Blitz direkt vor unserem Fenster einschlug oder ganz in der Nähe eingeschlagen war. Manchmal war der Regen noch immer da. Manchmal regnete es stärker als vorher.  Und in all diesen Tagen erschien uns die Welt so, als sei alles da draußen stehen geblieben. Durch ein kleines Fenster in unseren Zimmern beobachteten wir das Geschehen im Hof und drum herum. Die Zeit verging manchmal wie in Zeitlupe. Es dauerte ewig, bis wir wieder frei sein und spielen konnten.

Vielleicht verdanke ich es auch diesen Erlebnissen, warum ich in Deutschland bei Regen nur noch draußen sein wollte. Blitze und Donner waren damals – vor den Klimaproblemen – selten. Wenn es regnete schnappte ich mir immer mein Fahrrad und fuhr durch unser Viertel in Wilhelmsburg. Ich wollte jeden einzelnen Tropfen einfangen. Ich war am Ende eines Regentages immer so plitschnass, dass meine Mutter mit mir nur noch schimpfen konnte. „Kind, du wirst dich erkälten. Was sage ich dann zu deinem Vater?“ – Doch jedes Mal, wenn meine Mutter sich bei meinem Vater darüber beschwerte, dass ich im Regen erneut so nass geworden war, beschwichtigte er sie. Mein Vater hat mich in dieser Sache sehr gut verstanden. Selbst heute schaue ich in den Himmel, wenn es anfängt zu regnen. Und ein tief empfundenes Lächeln macht sich auf meinem Gesicht breit.

Doch Regen bedeutet für mich nicht nur Nostalgie. Ich verbinde es auch mit einer gewissen Angst und einer Erkenntnis über Statistiken. Es gibt statistische Annahmen darüber, wonach ein Blitz niemals am gleichen Ort einschlagen tut. Jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Umstand verschwindend gering. Und doch konnte ich im Hinterhof des kleinen Hauses im Dorf – in einem Zeitraum von 20 Jahren – drei Mal selbst sehen, wie der Blitz am gleichen Ort in den gleichen Baum einschlug. Es war fast schon so, als hätte Gott nicht gewollt, dass dieser eine Baum über eine bestimmte Größe hoch ragte. Und ich habe nie verstanden, warum diese Blitze in diesen Baum einschlugen, ihn aber nie gänzlich vernichteten.“

 

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