Islam

Hamburg: Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Serdar Kurnaz

Ein paar Notizen von der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Serdar Kurnaz an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg.

Serdar Kurnaz lehrt bereits seit September 2016 an der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg als Junior-Professor für Islamische Theologie. Nun hielt der junge Wissenschaftler unter dem Beisein von Freunden und Familie am heutigen Dienstag (25.04.2017) seine Antrittsvorlesung.

Ein gutes Publikum und verschiedene hochrangige Persönlichkeiten des muslimischen Lebens in Hamburg haben heute die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Serdar Kurnaz im Anna Siemsen Hörsaal der Universität Hamburg verfolgt. Im Publikum saßen neben Vertretern der Republik Türkei, den Vorsitzenden von Schura Hamburg und DITIB Nord auch der Vorsitzende des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland. Auch mehrere Vertreter des iranischen Islamischen Zentrums Hamburg hatten sich zur Antrittsvorlesung des jungen Professors zusammengefunden.

Vor dem eigentlichen Vortrag betonte der Direktor der Akademie der Weltreligionen, Prof. Dr. Wolfram Weiße, den besonderen Stolz, den man empfinde, weil man es geschafft habe Serdar Kurnaz nach Hamburg zu holen. Weiße machte keinen Hehl daraus, dass die Zukunft der Akademie noch nicht ganz geklärt sei. Es gehe vor allem um die Frage, unter welchem Dach die Akademie künftig fungieren werde. Bisher ist sie in den Erziehungswissenschaften angesiedelt. Es könnte aber auch sein, dass die Akademie eine komplett eigenständige Fakultät wird. Zumindest auf lange Dauer, nach Informationen unseres Blogs, scheint diese Lösung von Weiße und seinem Team priorisiert zu werden.

Prof. Dr. Wolfram Weiße
Prof. Dr. Wolfram Weiße © Akif Sahin

Wolfram Weiße: Religion als Ressource

Wolfram Weiße machte in seinem Grußwort ferner deutlich, dass Serdar Kurnaz die Akademie der Weltreligionen mit seiner Anwesenheit stark bereichere. Kurnaz trage dazu bei, dass religiöses Denken, die Vielstimmigkeit religiösen Lebens und die Vielstimmigkeit in den Religionen selbst gestärkt würden. Gerade für die vielen verschiedenen Facetten und Formen des Islam hätte man mit Kurnaz auch einen Experten an die Akademie geholt, der differenzieren und besser Zuordnen könne. So könne man auch das vorherrschende Islam-Bild in den Köpfen der Menschen verändern, zeigte sich Weiße hoffnungsfroh.

Der Direktor der Akademie der Weltreligionen machte auch darauf aufmerksam, das man als Akademie für die Gemeinsamkeiten in den Religionen stehe. Grundwerte wie Respekt und Transzendenz seien für alle Religionen wichtig. Und gerade der gegenseitige Austausch und Dialog helfe dabei – auch wenn man sich nicht immer einig sein könne und dürfe – mehr Verständnis füreinander aufzubringen. Religion sei schließlich auch eine Ressource, die genutzt werden könne um gesellschaftliche Herausforderungen besser zu meistern.

Prof. Dr. Katajun Amirpur
Prof. Dr. Katajun Amirpur © Akif Sahin

Katajun Amirpur: Expertin mit Witz und Charme

Einer anderen Expertin überließ dann der Direktor die Vorstellung von Serdar Kurnaz. Es war Katajun Amirpur, die maßgeblich als Professorin für Islamische Studien und Islamische Theologie die Grundlagen für eine hervorragende Aufstellung der Akademie der Weltreligionen im Bereich Islamischer Theologie gelegt hat. Amirpur, leider viel zu wenig im Fokus als Expertin für den Iran und den schiitischen Islam, glänzte bei ihrem Auftritt, wie so oft, mit Witz und Charme. Souverän stellte sie den „Neuen“ an der Akademie der Weltreligionen, Serdar Kurnaz, vor. Sie bedankte sich dabei auch ausdrücklich bei der Stiftung Mercator, die durch ihre Förderung überhaupt einen Graduiertenkolleg Islamische Theologie möglich gemacht habe. Kurnaz ist der erste Absolvent des Graduiertenkollegs gewesen.

Serdar Kurnaz, so erzählte Amirpur, sei in Remscheid aufgewachsen, habe dort das Abitur gemacht und habe bereits mit 15 Jahren den Koran auswendig gekonnt und als Religionsbeauftragter in der Moscheegemeinde ausgeholfen. Kurnaz studierte in Frankfurt Religionspädagogik und legte seine Magister-Abschlussarbeit über die Maqasid-As-Scharia ab. Durch das Graduiertenkolleg promovierte Kurnaz im Bereich der Koranexegese und Hadithwissenschaften. Seine Dissertation trägt den Titel: „Methoden zur Normderivation im islamischen Recht –  Eine Rekonstruktion der Methoden zur Interpretation autoritativer, textueller Quellen bei ausgewählten islamischen Rechtsschulen“ Er schloss seine Dissertation mit der Bestnote ab. Daneben studierte Kurnaz nebenbei auch noch Rechtswissenschaften und war als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität tätig.

Nach seinem Abschluss verschlug es Kurnaz kurz nach Friburg in der Schweiz, wo er die Leitung des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft übernahm. Er forscht außerdem seit 2014 über die „Geschichte des Korans“ an der 19 Mayis Universität Istanbul. Seit September 2016 ist Serdar Kurnaz Junior Professor an der Akademie der Weltreligionen. Eine Habilitation ist übrigens, wie erwähnt wurde, anscheinend in Arbeit und dürfte vermutlich bald veröffentlicht werden. Amirpur erzählte außerdem etwas über die Arbeitsweise von Kurnaz. Als Anekdote sei erwähnt, dass der Professor anscheinend gut arbeitet, wenn eine türkische Comedy-Serie (Avrupa Yakasi) im Hintergrund als Rauschen fungiert.

Prof. Dr. Serdar Kurnaz
Prof. Dr. Serdar Kurnaz © Akif Sahin

Serdar Kurnaz: Islamisches Recht, komprimiert und auf den Punkt gebracht

In seinem thematisch sehr anspruchsvollen Vortrag ging Serdar Kurnaz schließlich in gut 45 Minuten auf die historische Herausbildung des islamischen Rechts (fiqh) ein und stellte verschiedene Ansätze zur Zuordnung des fiqh vor. Es war ein Grundlagen-Kurs, wie man ihn beispielsweise aus Universitäten in England kennt. Ziemlich stark komprimiert, sehr kompliziert und dennoch nicht langweilig. Der Vortrag und Stil von Kurnaz erinnerte mich sogar teilweise an die englische Einführung zum Thema „Islamic Theology“ an der University of Cambridge.

Inhaltlich ging es ihm um verschiedene Phasen der Geschichte des islamischen Rechts und um Fragen, ob das was Rechtsgelehrte angenommen haben und heute annehmen auch dem entspricht, was das islamische Recht eigentlich will. Der Vortrag drehte sich also um die Fragen: „Wer formuliert wirklich die Normen im Islamischen Recht? Und nach welchen Methoden? Welche Auswirkungen haben die Antworten auf unser Islam- und Rechtsverständnis heute?“

Serdar Kurnaz wies in seinem Vortrag auf verschiedenste Entwicklungen in den frühen Jahrhunderten hin. In seinem Vortrag ging es um theologische und erkenntnistheoretische Grundlagen des islamischen Rechts. Gleichzeitig wollte Kurnaz der Frage nachgehen, ob es neben dem vorherrschenden Rechtsverständnis auch andere alternative Rechtsverständnisse geben könne und ob diese sogar eventuell notwendig seien. Teilweise ging Kurnaz stark auf das Selbstverständnis von Gelehrten ein und brachte ebenfalls einen kurzen Einblick in die Kommunikationsmethodiken dieser ein.

Hamburg kann sich glücklich schätzen einen solchen Experten zu haben

Es war insgesamt sehr anregend und auf sehr hohem Niveau. Man kann sich in Hamburg glücklich schätzen, einen solch begnadeten und akribisch arbeitenden Wissenschaftler haben zu dürfen. Wir dürfen insgesamt sehr gespannt sein, was Serdar Kurnaz zum Aufbau der Islamischen Theologie in Deutschland weiter leisten wird und wie er vielleicht die Islamische Theologie in Deutschland aus Hamburg aus mitgestalten und verändern kann. An seiner Expertise gibt es jedenfalls keinen Zweifel. Verschiedene Institute und Standorte haben um die Gunst des jungen Professors geworben. Vielleicht ist ihm Hamburg später einmal viel zu klein. Er jedenfalls gehört jetzt schon zu den Großen.

Nach dem Vortrag wurden noch Fragen und Antworten zugelassen. Im Anschluss gab es dann einen kleinen Empfang mit Grußworten von Herrn Mustafa Yoldas (Vorsitzender der Schura Hamburg) und Herrn Oliver Petersen (langjähriger Vorsitzender des Interreligiösen Forums Hamburg).

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