Islam

Gottlose Muslime – Ein paar Gedanken

Gedanken zu den jüngsten Thesen von Michael Blume und der Tatsache, dass sich Muslime aktuell in einer Phase der Säkularisierung befinden und welchen Anteil die Moscheegemeinden und Verbände an dieser Entwicklung haben.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume (Twitter: @blumeevolution) hat mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) gesprochen und macht auf einen Trend aufmerksam, der unter Muslimen erkennbar sein soll. Laut Blume geben immer mehr Muslime ihre religiöse Praxis auf. Tatsächlich sind die Thesen von Blume nicht neu. Und auch in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung ist das Phänomen immer wieder Thema gewesen. Es geht um die Säkularisierung von Muslimen und der Abwendung vom Glauben.

Es ist die Krux unserer Zeit, dass bis heute keine stichhaltigen und verlässlichen Zahlen zu „Muslimen“ in Deutschland vorliegen und die Kritik von Blume, der – angesichts seiner Jahrzehntelangen Arbeiten – nicht im Verdacht steht zu polarisieren oder gar zu vereinfachen, nicht näher behandelt wird. Tatsächlich lässt sich das von ihm beschriebene Problem im Gespräch mit der epd nachvollziehen. Es gibt aber auch andere Forschungen und Populärliteratur, bis hin zu islamistischen Thesen, die diesen Umstand schon seit Jahrzehnten beschreiben.

Gottlose Muslime – fern von Orthopraxie

Ein Beispiel dafür ist sicherlich auch das nur auf türkisch verfügbare Werk von Ömer Lütfi Mete: Allahsız müslümanlık (Gottlose Muslime). Darin beschreibt der, kurze Zeit nach der Veröffentlichung verstorbene, Autor sehr gut die Diskrepanz zwischen religiös sein und religiös Leben. Gerade in Bezug auf die kulturelle und religiöse Entwicklung von Muslimen hat das Buch, dass durch die Serie „Tal der Wölfe“ auch Berühmtheit erlangte, sehr kritische Töne an einem Muslim-Sein geübt, dass sich fern von religiöser Orthopraxie und Bewusstsein in der Türkei entwickelt hat.

Ebenso gibt es und gab es immer wieder Experten in Deutschland, die auf das Phänomen der Säkularisierung und damit einhergehend der Loslösung von Muslimen aus ihrem Glauben hingewiesen haben. Dennoch muss man festhalten, dass es weiterhin dabei bleibt, dass man Religiosität nicht allein durch eine Mitgliedschaft in einer Moschee festhalten kann. Es ist aber auch genauso falsch anzunehmen es handle sich um einen Muslim, nur weil Jemand aus einem bestimmten Land oder einer bestimmten Region kommt.

Wann haben die Verbände mal wieder von Allah und dem Din gesprochen?

Die Krux ist vorhanden und sie drückt sich auch im Gebahren der Moscheegemeinschaften aus. Der von mir privat sehr geschätzte Sulaiman Wilms, Chefredakteur der Islamischen Zeitung, macht auf dieses Problem immer wieder aufmerksam, wenn er beispielsweise bemängelt, dass man bei Pressemitteilungen der Verbände kaum etwas über Allah oder die Religion liest. Auch andere kritische Stimmen, wie Volker Beck von den Grünen, werfen den Verbänden vor eher politische Konstrukte als religiöse Gemeinschaften zu sein.

Tatsächlich tragen die Moscheegemeinschaften für das religiöse Leben in Deutschland eine wichtige Verantwortung, der sie in vielen Fällen nicht mehr gerecht werden. Sieht man von wenigen Ausnahmen ab, die sich nicht nur um statische Erfüllung von bestimmten Handlungen bemühen, sondern auch um spirituelle Bildung und Schulung, sind Moscheen mittlerweile selbst Opfer einer Neuorganisation geworden, in der es kein Entrinnen vor einer Institutionalisierung nach dem Vorbild der Kirchen in Deutschland gibt. Dies geht aber eben einher mit einer Säkularisierung, die gleichfalls mit einer Loslösung aus dem Glauben einhergeht.

Ist religiöses Leben eine Dienstleistung gegen Geld?

Dieser letzte Punkt hat auch viel mit dem Selbstverständnis der Verbände und der Moscheegemeinden zu tun. Ist religiöses Leben nur noch eine Dienstleistung, die man gegen Geld kaufen kann? Oder geht es vielmehr um Handlungen und Akte, die Muslime wie Nicht-Muslime einschließt und dem Gemeinwohl dienen. Leider ist Ersteres der Fall und die Verbände erkennen – in der Mehrheit – schon länger nicht mehr die problematische Ausrichtung ihrer Arbeit.

Hinzu kommt auch der Aspekt, dass die Verbände mit ihrer Arbeit nicht nur für viele Muslime nicht mehr ansprechend sind sondern auch ein Grund dafür sich von der Religion zu entfernen. Entsprechend nehmen die Mitgliederzahlen eher ab als zu. Sieht man einmal von den Problemen einer ganzen Generation von türkischen Muslimen mit den Themen der Holdings ab, durch die sie sich von religiösen Anführern betrogen gefühlt und von den Gemeinschaften abgekehrt sind, sind es heute vor allem Jugendliche, die durch schlechte Erfahrungen den religiösen Institutionen fern bleiben.

Wer ist ein wahrer Muslim?

Es ist ein Fakt und es wird weiterhin ein Fakt bleiben, dass die meisten Muslime in Deutschland sich religiös fühlen und sich selbst auch als religiös bezeichnen werden. Ihr Lebensstil, ihre Art und ihre Handlungen sagen aber meistens etwas Anderes. Andererseits stört das die Verbände kaum. Sie nähren – auch aus islamistischen Motiven – eher die Vorstellung, dass es eh immer nur wenige Muslime gab, die wahre Muslime waren. Dieser Kern sei man selbst und dieses Selbstbild wird als Alternative vermittelt.

Es ist daher sehr verständlich, warum sich viele von dieser Form der Vereinnahmung entfernen, in der es keine Lösungen für bestehende Probleme gibt und in der die Selbstverherrlichung hochgehalten wird. Wer übrig bleibt, kann sich entweder sozial nicht lösen oder ist dermaßen indoktriniert, dass er droht selbst in einem radikalen Ende in den Verbänden – sei es liberal oder extremistisch – unterzugehen. Die Selbstaufgabe in den Moscheen findet entsprechend statt. Dafür halten dann auch Erklärungsmuster her, die besagen, dass alles nur eine Phase sei.

Gemeinden suchen sich alternative Finanzierungsmodelle

Fakt ist, dass die Gemeinden ihre Arbeit überdenken müssen. Denn so groß, wie die Kirchen, werden sie nicht. Entsprechend gibt es Versuche auf anderen Ebenen Fuß zu fassen und somit zumindest das finanzielle Überleben zu sichern: Sei es durch Präventionsprojekte oder Wohlfahrtsorganisationen.

Das eine Gemeinde aber durchaus durch eine spirituelle Führerschaft und ein ausgewogenes Programm nicht nur islamische Werte und Lebensweisen beflügeln kann, lässt sich immer noch beobachten. Es macht Hoffnung, wenn sich – fern von etablierten Verbänden – neue Alternativen (von liberal bis konservativ) aufbauen, die sich mit vielen Visionen und Ideen für eine Integration der muslimischen Ideen einsetzen. Vermutlich wird auch nur dieses Modell – das eine Brücke und eine Alternative ist – überleben können.

Vielleicht ist das auch gut so.

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