Glücklich sein und glücklich fühlen

Was ist eigentlich Glück? Wie wird man eigentlich glücklich? Und wie schafft man es glücklich zu bleiben? Ein paar Gedanken eines leidgeprüften Zeitgenossen.

„Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht, geliebt zu werden; das ist mit Ekel gemischte Genugtuung für die Eitelkeit. Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine, trügerische Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen.“

Thomas Mann, Tonio Kröger

Tonio Kröger. Dieses Meisterwerk von Thomas Mann habe ich während meiner Jugend im Unterricht an der Schule gelesen. Es half mir durch die vermutlich schwerste Zeit meines Lebens. Heute, mit einem nüchternen Blick auf diese Vergangenheit, weiß ich, dass dieser eine Spruch aus dem Buch so viel Wahrheit in sich trägt, wie kaum eine andere Weisheit in dieser Welt. Liebe, das ist eine wichtige Zutat, um glücklich zu sein. Erfüllte Liebe hingegen nicht. Es muss unerfüllte Liebe sein. Erfüllte Liebe macht einen unglücklich.

Der Mensch neigt dazu sich seines positiven Zustands und Umstands oft nicht klar zu sein. Er kann erst mit sehr viel Abstand seinen Zustand von früher besser einschätzen und reflektieren. Das ist einer der Gründe, warum man immer wieder das Problem hat, dass man trotz aller guten Dinge, die man eigentlich hat, immer noch nicht zufrieden ist und sich unglücklich fühlt.

Ein Google Ingenieur hat zum Thema vor einiger Zeit ein Buch herausgebracht. Der Mann hat alles, was es eigentlich braucht um glücklich zu sein. Geld, Frau, Familie, Beruf und Freunde. Und dennoch. Nach dem Tod seines Sohnes schaffte er es nicht mehr sich seines Glückes bewusst zu sein. Stattdessen hat er sich selbst sabotiert. Er wurde unglücklich. Als Lösung schlägt er ein paar einfache Tipps vor. Gleichzeitig gibt er aber auch zu bedenken, dass seine Tipps für Menschen mit Depressionen ungeeignet sein könnten.

Depressionen machen es einem schwer, sich glücklich zu fühlen

Ich muss an dieser Stelle einhaken. Ich bin seit einigen Jahren depressiv und diesbezüglich auch in Behandlung. Ich spreche nicht gern über das Thema, auch weil viele Menschen nicht richtig verstehen, was eine Depression ist und wie sie sich ausdrückt. Bei mir hat es vor allem mit Schlaflosigkeit und Existenzangst zu tun. Immer wenn es wieder schlimmer wird, muss ich auch angstlösende Medikamente nehmen. Psychologische Unterstützung brauche ich — anders als andere Leidgenossinnen und Genossen — glücklicherweise nicht (mehr). Dennoch bleibt die Depression erhalten.

In den letzten Jahren, insbesondere, nachdem meine Tochter geboren wurde, habe ich eine andere Auffassung über meine Krankheit erlangt. Ich sehe sie als Gabe und Gnadengeschenk für mich an. Immer wenn ich das Gefühl habe, irgendwas stimmt nicht, versuche ich wieder etwas zu unternehmen, meinen Alltag umzugestalten und einfach mal rauszukommen aus dem Leben, das ich so führe. Ich zähle mir dabei aber auch die vielen Dinge auf, die ich habe, die mir gut tun und die ich nicht vermissen möchte. Es ist ein positiver Blick auf das Leben, auch wenn es gerade mal nicht positiv zu sein scheint.

Dinge, die es braucht um sich glücklich zu fühlen

Die Tipps des Google Ingenieurs sind daher aus meiner Sicht etwas unzureichend. Es ist richtig die Perspektive und Sicht auf die Dinge zu ändern. Das kann helfen, Dinge besser einzuordnen und Verborgenes zu sehen. Doch die Einstellung muss auch stimmen. Wir Muslime sprechen immer von Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer. Wir sagen “alhamdulillah”, was nichts anderes als “Lob sei Allah” oder “Dank sei Allah” bedeutet. Wir bedanken uns direkt beim Schöpfer, für seine Gaben, für seine Gunst und dafür, dass es uns und unseren Lieben gut geht. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um dankbar für die Dinge zu sein, die man hat.

مَا يَفْعَلُ اللَّهُ بِعَذَابِكُمْ إِنْ شَكَرْتُمْ وَآمَنْتُمْ ۚ وَكَانَ اللَّهُ شَاكِرًا عَلِيمًا
“Warum sollte Allah euch strafen, wenn ihr dankbar seid und glaubt? Allah ist erkenntlich und wissend.”

(Qur’an Sura 4, Vers 147)

Dankbarkeit ist aber nicht allein tragend, um Menschen glücklich zu machen. Wir brauchen auch ein funktionierendes Umfeld. Soziale Kontakte sind wichtig. Der Mensch kann nicht allein funktionieren. Freunde, Familie und Arbeit prägen und schützen einen. Sie sind ein Faktor beim Glücklichsein. Und wenn dieses Umfeld nicht stimmt, dann sollte man neu justieren. Begegnungen können neu stattfinden, Freundschaften neu geknüpft und selbst Familien können neu zusammenwachsen. Wichtig ist aber, dass das Umfeld einen positiv ausstattet und nicht ausbremst. Es darf einen nicht im negativen Sinne belasten.

Da wären wir aber auch schon beim wichtigsten Thema: Positives Denken. Es hört sich banal an, aber wer nicht positiv eingestellt durch das Leben geht, verpasst viel. Studien zeigen sogar, dass positive Gefühle sich auch positiv auf unsere Gesundheit auswirken können. Es ist daher wichtig, sich einerseits positive Gedanken zu machen, das Glas beispielsweise halb voll zu sehen, andererseits aber auch für positive Erlebnisse zu sorgen. Das kann schon mit der Einstellung einhergehen, dass man etwas Positives erreichen will.

Ich erwähne hier auch als ein Beispiel gerne Goethes Mutter. Catharina Elisabeth Goethe war eine geistreiche und warmherzige Person, die sich ihr unbeschwertes Gemüt mit aller Kraft zu erhalten versuchte. So wird berichtet, dass sie sich von ihrem Umfeld auch keine schlechten Nachrichten überbringen ließ, um zu verhindern, dass sie schlechte Laune bekommt. Dieser Umstand wurde sogar teilweise später als eine Krankheit eingestuft. Dabei war Frau Mutter Goethe Jemand, die dem Leben stets etwas Positives abgewinnen konnte. Das zeigt sich auch in den zahlreichen Briefen an ihren Sohn, Johann Wolfgang von Goethe.

Man muss sein Leben bewusst leben

Die Selbsterfüllung als Möglichkeit zum glücklich werden, ist ebenfalls belegt. Da gibt es sogar Fälle, die ich persönlich kenne, die erst durch ihr ehrenamtliches Engagement sich selbst erfüllend betätigen und so positiv durchs Leben gehen konnten. Vor allem aber kann das nur funktionieren, wenn man sich selbst akzeptiert. Selbstakzeptanz lautet das andere Stichwort. Um es klar zu sagen: Du, mein lieber Leser oder liebe Leserin, bist wunderschön. Auf deine Art. Und du solltest dich selbst lieben — so wie du bist. Wer anderen helfen will, muss sich zuerst selbst akzeptieren.

Und dann bleibt immer noch der letzte Punkt. Wie bewusst schauen wir eigentlich auf unser Leben? Seit ich angefangen habe, jeden Abend noch einmal mich selbst zu fragen, was ich heute erreicht habe, geht es mir besser. Denn allein das Erinnern an den Tag und die vielen vielen schönen Dinge, die man getan hat, machen einen glücklich. Und wenn man dann eine Tochter hat, die sich weigert ins Bett zu gehen, und mit einem lange streitet und verhandelt, dann weiß man auch den Stress im Büro besser zu schätzen.

Glücklich sein ist also nicht schwer. Sich glücklich zu fühlen hingegen ist eine Herausforderung. Sie ist aber – mit viel Einsatz und Zeit – meisterbar. Und wer sie meistert, der hat deutlich mehr vom Leben.

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2 Gedanken zu „Glücklich sein und glücklich fühlen“

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